Aus dem Lot geraten
Merz wohnt heute trotz steigender Spannungen zwischen Berlin und Paris der Militärparade zum französischen Nationalfeiertag bei. Deutschland hat einen Durchmarsch in der Rüstung gestartet, der Frankreich zu deklassieren droht – mit Folgen.
PARIS/BERLIN (Eigener Bericht) – Rasch wachsende Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich begleiten die Anwesenheit von Bundeskanzler Friedrich Merz in Paris bei der Militärparade zum französischen Nationalfeiertag am heutigen Dienstag. Die Parade wird von rund 500 Soldaten aus Ländern der „Koalition der Willigen“ zur Unterstützung der Ukraine angeführt. Sie solle nicht nur die „strategische Aufrüstung Frankreichs“, sondern vor allem auch „das strategische Erwachen Europas“ symbolisieren, heißt es im Élysée-Palast. Gleichzeitig sorgt es in Paris für schweren Unmut, dass Berlin nach seinem Ausstieg aus dem gemeinsamen Bau eines Kampfjets der sechsten Generation nicht nur ein nationales Kampfjetprojekt angestoßen hat, sondern auch die mit dem Flugzeug verbundene Combat Cloud im Alleingang entwickeln will – und nicht, wie jüngst noch abgemacht, in Kooperation mit Frankreich. Schon zuvor war Paris beim Aufbau eines Satellitennetzwerks abgedrängt worden: Berlin arbeitet an einem „deutschen Starlink“, was ein schon viel länger geplantes „europäisches Starlink“ mit französischer Beteiligung scheitern lassen dürfte. Experten warnen, der deutsche Durchmarsch bringe die EU strategisch aus dem Lot.
„Europas Erwachen“
Bundeskanzler Friedrich Merz ist schon am gestrigen Montag in Paris eingetroffen, wo er an einer Zusammenkunft der „Koalition der Willigen“ zur Unterstützung der Ukraine teilnahm. Am heutigen Dienstag wohnt er auf Einladung von Präsident Emmanuel Macron der traditionellen Militärparade zum französischen Nationalfeiertag bei. Zuletzt hatte das im Jahr 2019 Bundeskanzlerin Angela Merkel getan. An der Spitze der Militärparade sollen diesmal, wie der Élysée-Palast vorab mitteilte, rund 500 Soldaten aus Mitgliedsländern der „Koalition der Willigen“ marschieren; ihnen sollen 25 ukrainische Soldaten folgen. Auch in die Flugparade werden Militärs aus anderen Ländern integriert, darunter zwei Kopiloten aus der Ukraine. Die Militärparade solle ein „starkes Symbol“ für ein „Europa“ sein, „das sich der Gefährlichkeit der Welt und der Tatsache bewusst ist, dass es sein Schicksal in die eigene Hand nehmen muss“, wird der Élysée-Palast weiter zitiert.[1] Dabei werde man zeigen, dass man über „starke Streitkräfte“ verfüge, die jederzeit „in der Lage“ seien, „als Erste in einen Konflikt einzugreifen“. Die Parade führe nicht nur die „strategische Aufrüstung Frankreichs“ vor, sondern vor allem auch „das strategische Erwachen Europas“.
National statt europäisch
Während Merz an der Parade teilnimmt, schwelen hinter den Kulissen gravierende deutsch-französische Auseinandersetzungen. Gegenwärtig spitzen sie sich einmal mehr auf dem Feld der Rüstungsindustrie zu. Auslöser war, dass die Bundesregierung die bereits 2017 gestartete gemeinsame Entwicklung eines Kampfjets der sechsten Generation abbrach und jetzt einen Kampfjet auf nationaler Basis – eventuell mit Zuarbeit aus Spanien und Schweden – fertigen will.[2] Dazu hat Airbus Defence & Space ein Konsortium namens „Team Gen 6“ gegründet, dem MTU, Hensoldt, MBDA Deutschland, Diehl Defence, Rohde & Schwarz, Liebherr und Autoflug angehören.[3] Die Bundesrepublik ist in der Lage, den ungemein teuren Jet mit einem beispiellosen Schuldenprogramm zu finanzieren; Frankreich hingegen kann sich einen Alleingang, wie ihn Deutschland anstrebt, wegen seiner schon jetzt immensen Schulden nicht leisten.[4] Hat der sich abzeichnende deutsche Alleingang in Paris heftigen Unmut ausgelöst, so wird dieser noch dadurch verstärkt, dass fast alle anderen binationalen Rüstungsprojekte nicht von der Stelle kommen oder endgültig gescheitert sind.[5] An diesem Freitag sollen beim Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrat auf dem Fliegerhorst Nörvenich neue Projekte vorgestellt werden, um den Unmut zu dämpfen.
Der nächste Alleingang
Dabei zeichnet sich bereits der nächste deutsche Alleingang ab, der ein weiteres deutsch-französisches Rüstungsprojekt stürzen könnte. Der Sache nach geht es um die Combat Cloud, die digitale Vernetzung, die im Rahmen des Großprojekts Future Combat Air System (FCAS) den Kampfjet der sechsten Generation mit Satelliten, Drohnen, Drohnenschwärmen und womöglich auch Kampfelementen am Boden verbinden sollte. Nach dem Ende der gemeinsamen Kampfjetentwicklung hieß es zunächst einmütig aus Berlin und aus Paris, man könne zumindest an der gemeinsamen Entwicklung der Drohnen und vor allem der Combat Cloud festhalten.[6] Ende Juni wurde durch Recherchen von Politico bekannt, dass Berlin auch dieses Vorhaben stillschweigend gecancelt und durch ein nationales Projekt ersetzt hat. Demnach bereitet das Verteidigungsministerium einen Vertrag mit dem Rüstungsstartup Helsing über die Entwicklung einer „zentralen Software- und Testarchitektur“ – Projektname: Combat Fighter System Nucleus (CFSN) – vor.[7] Helsing soll – neben komplexer Software – unter anderem Bodenstationen und, dies angeblich nur zu Testzwecken, zwei unbemannte Kampfjets liefern. Das Finanzvolumen des Vertrags wird mit 580 Millionen Euro angegeben. Mit Frankreich abgestimmt ist von dem nationalen Projekt offenkundig nichts.
Auftrag ohne Kontrolle
Wie Politico berichtet, begleiten eine ganze Reihe merkwürdiger Umstände die geplante Vertragsvergabe an Helsing, was umso bemerkenswerter ist, als der CFSN als „Rückgrat“ der künftigen Luftkriegsführung eingestuft wird. Zunächst fällt auf, dass der Vertrag mit einem einzigen Unternehmen geschlossen wird. Ursprünglich hatte das Verteidigungsministerium im Bestreben, Risiken auszuschließen, mehrere Unternehmen beauftragen wollen.[8] Helsing wird zwar Unteraufträge an MBDA Deutschland, Hensoldt und Rohde & Schwarz vergeben, aber die alleinige Verantwortung tragen. Zudem erfolgt keine reguläre Ausschreibung; der teure Auftrag wird – unter Berufung auf Sicherheitsinteressen – freihändig vergeben. Darüber hinaus will das Verteidigungsministerium, das berichtet Die Welt unter Berufung auf Politico, „die zweite Stufe des Vertrags im Jahr 2027 nicht noch einmal gesondert vom Parlament“ billigen lassen.[9] Wieso der Bundestag umgangen werden soll, ist bislang noch völlig unklar. Schließlich sieht der Kaufvertrag laut Die Welt und Politico nicht den Erwerb eines fertigen Produkts vor; Helsing wird vielmehr „die Kosten für experimentelle Entwicklungsarbeit erstattet bekommen“.[10] Derlei Unbestimmtheiten sind auch deshalb pikant, weil die Rüstungsindustrie für im Projektverlauf explodierende Kosten berüchtigt ist.
Der Status quo wankt
Der erneute Alleingang bei der Combat Cloud – nach demjenigen beim Kampfjet der sechsten Generation – wiegt umso schwerer, als ihm weitere vorausgegangen sind. Besonders ins Gewicht fällt, dass die Bundesregierung inzwischen entschieden hat, ein Netzwerk aus deutschen LEO-Satelliten ins All bringen zu wollen, um ein „deutsches Starlink“ aufzubauen. Zuvor hatte die EU mit ihrem Projekt IRIS2 ein „europäisches Starlink“ anvisiert, bei dem die französische Raumfahrtbranche sich Hoffnungen auf lukrative Anteile machen konnte.[11] Das „deutsche Starlink“ stellt IRIS2 nun in Frage. Auch in der Drohnenproduktion geht die Bundesrepublik, soweit ihr das möglich ist, den nationalen Weg. Dies gefährdet – in kausaler Verbindung mit der beispiellosen Steigerung der deutschen Rüstungsausgaben, die Frankreich aufgrund seiner Staatsverschuldung auch nicht ansatzweise nachahmen kann [12] – immer mehr die strategischen Kräfteverhältnisse in Europa. „Seit dem Ende des Kalten Kriegs“ habe auf dem europäischen KOntinent „ein historischer Status quo“ geherrscht, erläuterte kürzlich Paul Maurice vom Institut français des relations internationales (IFRI): „Deutschland die wirtschaftliche, Frankreich die militärische und strategische Macht.“[13] Seit dem Beginn des Ukrainekriegs sei der Status quo „ins Wanken geraten“ – und nun lasse Berlin Paris immer weiter hinter sich zurück. Die Debatte darum hat in Frankreich begonnen. Wo sie hinführt, ist ungewiss.
[1] Le défilé du 14-Juillet sera ouvert par 500 soldats étrangers de la coalition des volontaires. lemonde.fr 09.07.2026.
[2] S. dazu „Führend in der militärischen Luftfahrt“.
[3] Aaron Kirchfeld, Sylvia Pfeifer, Laura Pitel: Airbus plans German-led alliance to replace doomed fighter jet. ft.com 09.06.2026.
[4] S. dazu Deutschlands Rüstungsdurchmarsch.
[5] S. dazu Scheitern ohne Ende.
[6] Marco Seliger: Nach dem FCAS-Debakel steht Deutschland vor der Frage, wie es weitergeht. Neue Zürcher Zeitung 14.06.2026.
[7], [8] Chris Lunday: Germany bets on €580M software after fighter jet split with France. politico.eu 25.06.2026.
[9], [10] Chris Lunday: Nach dem FCAS-Aus setzt Deutschland auf Helsing – So sieht der neue Plan aus. welt.de 29.06.2026.
[11] S. dazu Transatlantische Weltraumrivalen und Das deutsche Starlink.
[12] S. dazu Deutschlands Rüstungsdurchmarsch.
[13] Elsa Conesa, Philippe Jacqué : En Europe, la crainte du retour de l’Allemagne comme puissance militaire. lemonde.fr 08.06.2026.

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