Scheitern ohne Ende

Berlin und Paris zögern das schon sicher geglaubte Scheitern ihres Kampfjetprojekts FCAS weiter hinaus. Der mögliche Fehlschlag des Programms ist auf Differenzen hinsichtlich der Produktionsanteile und der Militärstrategien zurückzuführen.

PARIS/BERLIN (Eigener Bericht) – Deutschland und Frankreich zögern das schon sicher geglaubte Scheitern des Kampfjetprogramms FCAS (Future Combat Air System) noch weiter hinaus. Wie am Freitag nach dem EU-Gipfel in Zypern bekannt wurde, sollen die Verteidigungsministerien beider Länder erneut versuchen, Schritte zur Rettung des Vorhabens zu unternehmen. Details zu etwaigen Optionen wurden, falls sie überhaupt existieren, nicht bekannt. Seit dem Start des Projekts im Jahr 2017 war das FCAS von Verzögerungen geprägt, die unter anderem auf Differenzen hinsichtlich der Aufteilung der Arbeiten, der Technologien und des Profits zurückzuführen waren. Abgesehen davon spiegeln sich im Streit um das Projekt auch zwei recht unterschiedliche strategische Ausrichtungen der beiden Länder wider: Während Deutschland sich von Fragen der Interoperabilität in NATO-Strukturen sowie der Kompatibilität mit US-Systemen leiten lässt, verfolgt Frankreich eine Militärstrategie, die auf von den USA völlig unabhängige Operationen zielt. Ein Eingeständnis des Scheiterns wäre ein schwerer Schlag für die Bestrebungen der europäischen Mächte, militärisch ohne die Vereinigten Staaten handlungsfähig zu werden. Es wird daher verschoben.

Erneut verzögert

Die Verteidigungsministerien Deutschlands und Frankreichs sollen erneut nach Optionen suchen, das FCAS-Programm zu retten.[1] Die Entscheidung dazu wurde von Bundeskanzler Friedrich Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei einem Treffen am Rande des EU-Gipfels in der vergangenen Woche auf Zypern getroffen. Laut einem Sprecher der Bundesregierung wurden die Verteidigungsministerien beider Länder beauftragt, „an verschiedenen Strängen der Kooperation weiterzuarbeiten und nächste Schritte zu vereinbaren“. Der Sprecher fügte hinzu: „Diese Arbeit wird in den nächsten Wochen abgeschlossen werden.“ Kaum eine Woche zuvor war von zahlreichen Medien gemeldet worden, ein „letzter“ Vermittlungsversuch sei endgültig gescheitert.[2]

„In die eigene Hand nehmen“

Initiiert wurde das FCAS 2017 – in einem Jahr, das als Wendepunkt in der Militärpolitik der EU gilt. Angesichts der Zweifel nach dem ersten Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump, ob die USA ihren NATO-Verpflichtungen weiterhin nachkommen würden, sprachen sich Frankreich und Deutschland für eine stärkere Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten in militärischen Fragen aus. „Die Zeit, in der wir uns voll und ganz auf andere verlassen konnten, ist in gewisser Weise vorbei“, erklärte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Mai 2017 und fügte hinzu: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich selbst in die Hand nehmen.“[3] Wenig später, im Juni 2017, bekundete Merkel ihre Unterstützung für die Forderung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, eine gemeinsame, einsatzbereite EU-Streitmacht aufzustellen.[4] Darüber hinaus einigten sich Merkel und Macron auf der 19. Sitzung des Deutsch-Französischen Ministerrats im Juli 2017 im Élysée-Palast nicht zuletzt darauf, eine „neue Generation“ europäischer Kampfjets zu entwickeln – das FCAS.[5]

Deutsch-französische Probleme

Das FCAS war damals eines von sechs Rüstungsprojekten, bei denen beide Seiten eine enge Zusammenarbeit verabredeten. Im April 2018 unterzeichneten sie eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Entwicklung eines deutsch-französischen Seefernaufklärers, des Maritime Airborne Warfare System (MAWS).[6] Mit der Entscheidung Deutschlands vom Juni 2021, stattdessen den Seefernaufklärer P-8A Poseidon zu beschaffen, der vom US-Konzern Boeing hergestellt wird, wurde das Vorhaben jedoch faktisch aufgegeben. Ein weiteres Projekt, die Eurodrohne, mit der Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien das ehrgeizige Ziel verfolgten, das weltweit fortschrittlichste unbemannte Flugsystem (UAS) zu liefern, hat mit stetigen Verzögerungen zu kämpfen; jüngst wurde berichtet, Frankreich verhandle über die Bedingungen für einen Ausstieg.[7] Bereits 2023 hatte sich Deutschland aus einem vierten Gemeinschaftsprojekt mit Frankreich und Spanien zurückgezogen – aus der gemeinsamen Modernisierung des Kampfhubschraubers Tiger.[8] Ein fünftes deutsch-französisches Vorhaben, das Common Indirect Fire System (CIFS), das auf die gemeinsame Entwicklung von Artilleriesystemen abzielte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben; eine Realisierung wird nicht vor 2045 erwartet – wenn überhaupt.

System der Systeme

Schließlich hatten sich beide Seiten bereits 2017 auf die gemeinsame Entwicklung eines Kampfpanzers geeinigt, der den deutschen Leopard 2 und den französischen Leclerc ablösen sollte. Das Projekt mit dem Namen Main Ground Combat System (MGCS) zielte darauf ab, ein KI-gestütztes „System der Systeme“ der nächsten Generation zu entwickeln, das verschiedene Kampfsysteme – darunter bemannte und unbemannte Fahrzeuge, Drohnen und andere fortschrittliche Technologien – in einem einzigen Netzwerk vereinen sollte.[9] Ähnlich wie alle anderen Projekte steht jedoch auch das MGCS vor einer ungewissen Zukunft. Anfang des Jahres machte Macron den Fortgang des Vorhabens vom Erfolg des FCAS-Programms abhängig.[10] Die Unsicherheiten rund um das MGCS rühren zu einem guten Teil von Deutschlands Fähigkeit her, eigenständig einen neuen Kampfpanzer zu entwickeln. Bereits im Dezember vergangenen Jahres genehmigte das Bundeskartellamt den Plan der Rüstungsfirmen KNDS Deutschland und Rheinmetall, gemeinsam einen neuen Kampfpanzer zu entwickeln, der den Projektnamen Leopard 3 trägt.[11] Er gilt offiziell als Übergangslösung bis 2045; das Jahr wird als möglicher Termin für die Auslieferung des MGCS genannt. Allerdings könnte die nationale Weiterentwicklung des Leopard 2 das MGCS letztlich auch komplett überflüssig machen.

Zwei Doktrinen

Der Konflikt um das FCAS, der das Projekt praktisch von Anfang an begleitet, rührt – abgesehen von Differenzen hinsichtlich der technischen Führungsrolle bei dem Programm sowie hinsichtlich der Aufteilung der Projektverantwortlichkeiten – auch von zwei unterschiedlichen strategischen Ausrichtungen der beiden Länder her. Deutschland verfolgt einen strategischen Ansatz, der stark von Fragen der Interoperabilität bzw. der Integration in die NATO-Strukturen sowie der Kompatibilität mit US-Systemen geleitet wird.[12] Frankreich hingegen verfolgt eine unabhängigere strategische Ausrichtung, die auf die Fähigkeit zielt, militärisch komplett unabhängig von den USA zu operieren. Für Paris ist das FCAS zudem die künftige Luftplattform für seine Atomwaffen; darüber hinaus will es den Jet von seinen Flugzeugträgern aus starten und auf ihnen landen können. Nicht zuletzt betrifft der Streit auch die Frage des Exports des FCAS in Drittländer; dieser gilt als wichtiges Mittel zur Deckung der immensen Kosten des Programms.[13] Deutschland weigerte sich ab 2018, den Export von Waffen – und damit absehbar auch des FCAS – etwa nach Saudi-Arabien zu genehmigen.[14] Erst im Jahr 2024 hob Berlin das gegen Riad verhängte Waffenexportverbot auf, als es die Ausfuhr von 150 IRIS-T-Lenkflugkörpern in das Land genehmigte.

Nationale Interessen

Das FCAS-Programm wurde von Anfang an als „Lackmustest dafür angesehen, inwieweit Europa in der Lage ist, in der Sicherheitspolitik zusammenzuarbeiten, eigene Fähigkeiten zu entwickeln und zu diesem Zweck nationale Interessen zurückzustellen“, wie bereits 2020 die Berliner Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) festhielt.[15] Sein Scheitern würde die „Zerbrechlichkeit der europäischen Verteidigungskooperation“ offenlegen, warnte kürzlich der US-Think Tank Carnegie Endowment.[16] Weiter hieß es dort, ohnehin stecke auch die gesamte „Verteidigungsplanung auf EU-Ebene noch in den Kinderschuhen“. Zugleich könnte ein Scheitern des FCAS-Programms einen kostenintensiven Rüstungswettlauf in Europa auslösen, der zu konkurrierenden Kampfflugzeugprogrammen ohne einen angemessenen Markt führen würde, heißt es.[17] Die Äußerung zielt auf das britisch-italienisch-japanische Konkurrenzprojekt GCAP und auf Überlegungen in Berlin, einen Kampfjet der sechsten Generation statt mit Frankreich gemeinsam mit Schweden zu bauen. Dies würde nicht nur die Entwicklungs-, sondern auch die Wartungs- und Betriebskosten in die Höhe treiben – und die Durchführung gemeinsamer Einsätze behindern. Damit stünde aufgrund der andauernden Streitigkeiten zwischen den europäischen Mächten das Erreichen des gemeinsamen Ziels in Frage.

 

[1] Hängepartie bei Kampfjet-Projekt FCAS geht weiter. handelsblatt.com 24.04.2026.

[2] Sabine Siebold, Andreas Rinke: Mediation fails in dispute over Franco-German fighter jet, Handelsblatt says. reuter.com 18.04.2026.

[3] Paul Taylor: Merkel’s thunderbolt is starting gun for European defense drive. politico.eu 30.05.2017.

[4] Jakob Hanke Vela: Merkel endorses Macron’s EU military plan. politico.eu 03.06.2018.

[5] Claire Rush: Macron and Merkel put defence at heart of Paris-Berlin alliance. rfi.fr 14.07.2017.

[6] Dorothee Frank: Das Ende des deutsch-französischen Seefernaufklärers MAWS. defence-network.com 13.02.2025.

[7] France is negotiating its withdrawal from the Eurodrone program. aviation.direct 16.02.2026.

[8] S. dazu Einsatzgebiet Nordatlantik.

[9] Lars Hoffmann: Deutschland auf Abbruch von MGCS vorbereitet. hartpunkt.de 26.02.2026.

[10] Jürgen Fischer: Paris erhöht den Druck: Future Combat Air System vor dem Aus. esut.de 24.02.2026.

[11] Rheinmetall and KNDS are Allowed to Develop a new Battle Tank. aerospace-and-defence.com 17.12.2025.

[12] Marco Seliger: Die Zukunft des Luftkriegs. nzz.ch 21.04.2026.

[13] S. dazu Noch immer kein Take-off.

[14] Peter Hille: Germany makes U-turn on weapons deliveries to Saudi Arabia. dw.com 01.10.2024.

[15] Dominic Vogel: Future Combat Air System: Too Big to Fail. SWP-Aktuell Nr. 98. Berlin, Dezember 2020.

[16] Rym Momtaz: Taking the Pulse: Can European Defense Survive the Death of FCAS?. carnegieendowment.org 26.02.2026.

[17] Frank Specht: Europapolitisch ein fatales Signal. handelsblatt.com 21.04.2026.


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