Westwährungen unter Druck

Westliche Sanktionen gegen Russland setzen die globale Dominanz des US-Dollar unter Druck und schwächen den Euro. Dessen Anteil an den weltweiten Währungsreserven geht bereits zurück.

WASHINGTON/MOSKAU/BERLIN (Eigener Bericht) – Befeuert von Sanktionen der westlichen Staaten gegen Russland geraten die globale Dominanz des US-Dollar sowie die Position des Euro in den weltweiten Währungsreserven unter Druck. Wie Beobachter konstatieren, führen die jüngsten US-Sanktionen gegen die Moskauer Börse und gegen weitere russische Finanzinstitutionen dazu, dass der chinesische Yuan im Devisenhandel in Russland zur Hauptwährung wird – wohl „ein für allemal“, wie es in einer Analyse der US-Stiftung Carnegie Endowment heißt. Der bedeutende russisch-chinesische Handel wird gleichfalls zunehmend in chinesischer Währung abgewickelt. China verzichtet im Handel auch mit weiteren Ländern in wachsendem Maß auf den US-Dollar und stärkt zudem das chinesische Zahlungssystem CIPS, das noch in gewissem Umfang von SWIFT abhängt, perspektivisch aber voll eigenständig werden kann. Während manche Spezialisten urteilen, die Dominanz des US-Dollar sei auf jeden Fall „kurz- und mittelfristig“ gesichert, ist der Euro schon jetzt dabei, an Bedeutung als globale Reservewährung zu verlieren. Beobachter warnen, das Einfrieren russischer Vermögenswerte in der EU werde Anleger abschrecken sowie den Abstieg des Euro beschleunigen.

Zwiespältige Sanktionen

Die Debatte um die US-Dollar-Dominanz flammt immer wieder auf, wenn die Vereinigten Staaten neue Sanktionen gegen Russland beschließen. Zuletzt war dies der Fall, als die US-Administration am 12. Juni Strafmaßnahmen gegen die Moskauer Börse, den russischen Zahlungsabwickler NSD (National Settlement Depository) und die russische Clearingstelle NCC (National Clearing Centre) verhängte. Die Börse war umgehend gezwungen, ihren Handel mit US-Dollar sowie mit Euro auszusetzen. Zwar sind Währungsgeschäfte in Russland weiterhin möglich; sie müssen nun aber über Banken abgewickelt werden, die keinen Sanktionen unterliegen. Das sind neben einigen russischen Finanzinstituten Banken aus westlichen Ländern, die – wie etwa Raiffeisen oder Unicredit – sich bisher nicht aus Russland zurückgezogen haben.[1] Beobachter stuften die Maßnahmen zwiespältig ein. So hieß es, sie würden die Kosten für russische Exporteure wie auch die Preise für russische Importe spürbar erhöhen und damit russische Bürger, die ausländische Waren kaufen, noch stärker belasten als zuvor. Andererseits würden sie den Abfluss russischen Kapitals noch weiter erschweren und damit indirekt – und wohl ungewollt – die russische Wirtschaft befeuern.[2]

Der Yuan als Profiteur

Vor allem aber kommen die Sanktionen – auch das ungewollt – der chinesischen Währung, dem Yuan, zugute. Bereits im Mai war der Yuan in Russland zur meistgehandelten Währung aufgestiegen und hatte einen Anteil von 53,6 Prozent am gesamten Börsenhandel erreicht. Nach der Verhängung der Strafmaßnahmen gegen die Moskauer Börse, den NSD sowie die NCC werde der Yuan „ein für allemal die Hauptwährung“ im russischen Börsenhandel werden, hieß es kürzlich in einer Analyse der US-Stiftung Carnegie Endowment.[3] Zwar müsse damit gerechnet werden, dass chinesische Großbanken, die in das internationale Finanzsystem eingebunden seien, all ihre Beziehungen zu den neu sanktionierten russischen Stellen kappen müssten. Ähnliche Schwierigkeiten habe es jedoch schon zuvor gegeben – und es habe sich gezeigt, dass Moskau und Beijing stets Wege gefunden hätten, die US-Strafmaßnahmen zu umgehen. Dies sei etwa durch die Nutzung nur regional tätiger Banken in China geschehen, durch die Einschaltung von Mittlern etwa in Kasachstan oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten, durch die Nutzung von Kryptowährungen oder auch vermittels eines Übergangs zu Bartergeschäften. Auch im aktuellen Fall sei mit Vergleichbarem zu rechnen.

Dominanz „mittelfristig“ gesichert

Ende Juni hat das GeoEconomics Center des Washingtoner Atlantic Council eine Studie vorgelegt, die sich mit der derzeitigen Entwicklung in Sachen US-Dollar-Dominanz befasst. Die Autoren räumen ein, die westlichen Russland-Sanktionen hätten nicht nur Moskau zur Abkehr von westlichen Währungen gezwungen, sondern auch die BRICS-Staaten motiviert, sich sukzessive vom US-Dollar abzuwenden. China sei es gelungen, Fortschritte mit seinem Zahlungssystem CIPS (Cross-Border Interbank Payment System) zu erzielen; CIPS ist zur Zeit zwar noch abhängig vom in Belgien ansässigen Zahlungssystem SWIFT, hat jedoch langfristig das Potenzial, SWIFT zu ersetzen. Es habe die Zahl seiner direkten Teilnehmer von Mai 2023 bis Mai 2024 um 78 Prozent auf 142 gesteigert und verfüge zudem über rund 1.400 indirekte Teilnehmer. Die Verhandlungen über ein BRICS-Zahlungssystem kämen hingegen nur langsam voran.[4] Der Anteil des Yuan an den globalen Währungsreserven wiederum sei von seinem bisherigen Höchstwert – 2,8 Prozent im Jahr 2022 – zurückgegangen und liege nur noch bei 2,3 Prozent, was vermutlich auf das Schwächeln der chinesischen Wirtschaft und vor allem auf den Konflikt um Taiwan zurückzuführen sei. Ein Ende der Dominanz des US-Dollar sei zumindest „kurz- und mittelfristig“ nicht in Sicht.

Gegenläufige Tendenzen

Andere Analysen relativieren diesen Befund. Zwar heißt es weithin übereinstimmend, die strikten Kapitalkontrollen, die die Volksrepublik verhängt habe, schränkten die internationale Nutzung des Yuan ein. Allerdings hat Beijing längst begonnen, die Kontrollen zu lockern.[5] Hinzu kommt, dass neben dem Yuan auch andere Währungen an Bedeutung gewinnen, so etwa der australische oder der kanadische Dollar. Laut einer unlängst vom Internationalen Währungsfonds (IWF) veröffentlichten Analyse ist der Anteil sogenannter nichttraditioneller Währungen an den Währungsreserven weltweit von einem Anteil von etwa zwei Prozent im Jahr 2000 auf mehr als elf Prozent im Jahr 2022 gestiegen, während der Anteil des US-Dollar von mehr als 70 auf weniger als 60 Prozent sank – mit weiter fallender Tendenz.[6] Hinzu kommt, dass China im Außenhandel sukzessive auf Yuan umsteigt; wickelte es seinen grenzüberschreitenden Handel im Jahr 2010 noch zu 84,3 Prozent in US-Dollar sowie nur zu 0,3 Prozent in Yuan ab, so lag der Dollaranteil im März 2024 nur noch bei 42,8 Prozent, der Yuan-Anteil jedoch bereits bei 52,9 Prozent – mit weiter steigender Tendenz.[7] Auch die BRICS streben die Abwicklung ihres Handels in nationalen Währungen an.

Ein Pyrrhussieg

Ist der Kampf um die US-Dollar-Dominanz weiterhin in vollem Gange und wird durch die US-Sanktionen gegen Russland sowie gegen weitere Staaten noch verschärft, so verzeichnet der Euro schon jetzt klare Verluste. Nicht nur sein Anteil an den globalen Devisengeschäften geht sukzessive zurück.[8] Auch der Anteil des Euro an den Devisenreserven weltweit schrumpft. Allein im vergangenen Jahr brach er, wie die Europäische Zentralbank (EZB) vor kurzem mitteilte, um fünf Prozent ein. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil die EZB seit geraumer Zeit warnt, die Tatsache, dass die EU Vermögenswerte der russischen Zentralbank im Wert von gut 210 Milliarden Euro eingefroren habe und jetzt die Zinserträge daraus enteignen und der Ukraine zugute kommen lassen wolle, werde eine abschreckende Wirkung auf Anleger haben und zu einem Rückzug aus dem Euro führen. Lag der Anteil des Euro an den Währungsreserven weltweit vor zwei Jahrzehnten noch bei rund 25 Prozent, so ist er inzwischen ohnehin schon auf 20 Prozent gefallen und könnte weiter abstürzen – inbesondere dann, wenn die EU sich entschließen sollte, die 210 Milliarden Euro russischer Vermögenswerte, wie es manche fordern, gänzlich zu konfiszieren.[9] Es wäre womöglich ein Pyrrhussieg.

 

[1], [2] Katharina Wagner: Kein Handel mehr mit Dollar und Euro an Moskauer Börse. faz.net 13.06.2024.

[3] Alexandra Prokopenko: How the Latest Sanctions Will Impact Russia – and the World. carnegieendowment.org 20.06.2024.

[4] Andrea Shalal: US dollar’s dominance secure, BRICS see no progress on de-dollarization – report. reuters.com 25.06.2024.

[5] Hanns Günther Hilpert: Chinas währungspolitische Offensive. swp-berlin.org 07.03.2024. S. auch Der Kampf gegen die Dollardominanz.

[6] Serkan Arslanalp, Barry Eichengreen, Chima Simpson-Bell: Dollar Dominance in the International Reserve System: An Update. imf.org 11.06.2024.

[7], [8] The Start of De-Dollarization: China’s Move Away From The USD. oilprice.com 26.05.2024.

[9] Martin Arnold: ECB flags euro risks from Russia as global forex reserves dip. ft.com 12.06.2024.


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