Angriff im Weltraum

Ein russischer Satellit bedroht einen Aufklärungssatelliten der Firma Iceye, der der Ukraine Schlachtfelddaten liefert. Iceye nutzt keine US-Technologie und arbeitet eng mit Rheinmetall zusammen.

BERLIN/ESPOO/KIEW (Eigener Bericht) – Erstmals droht ein kommerzieller Satellit mit direktem Bezug zu Deutschland, der den ukrainischen Streitkräften Schlachtfelddaten liefert, in einen bewaffneten Konflikt im Weltraum zu geraten. Dabei handelt es sich um einen SAR-Satelliten des finnischen Startups Iceye, das gemeinsam mit dem deutschen Konzern Rheinmetall der Ukraine per Satellit gewonnene Aufklärungsdaten liefert – schon seit Jahren. Laut Berichten konnten die ukrainischen Streitkräfte mit Hilfe der Daten bereits Tausende russische Militärfahrzeuge zerstören. Vergangene Woche ist ein russischer Satellit dem Iceye-Satelliten bis auf wenige Kilometer nahegekommen; er könnte ihn nun jederzeit beschädigen, womöglich gar zerstören. Moskau hat mehrmals gewarnt, es werde eine Kriegsbeteiligung westlicher Satelliten – auch privat-kommerzieller – auf Dauer nicht hinnehmen. Das Startup Iceye gilt in Europa als Hoffnungsträger, da es nicht von US-Technologie abhängig, zugleich aber international führend ist. In einem Joint Venture mit Rheinmetall hat es diesen Monat begonnen, Aufklärungssatelliten für die Bundeswehr zu fertigen. Schon jetzt liefert es Aufklärungsdaten für die Litauen-Brigade.

Von US-Technologie unabhängig

Gegründet worden ist das finnische Startup Iceye im Jahr 2014, um Satelliten herzustellen, mit denen sich Veränderungen im arktischen Eis beobachten lassen; daher rührt der Name des Unternehmens. Iceye-Satelliten sind relativ klein; sie haben ein Gewicht von nur rund 100 Kilogramm, und sie nutzen sogenannte SAR-Technologie (Synthetic Aperture Radar), die mit Mikrowellen arbeitet und daher auch bei Nacht, bei schlechtem Wetter oder sogar bei Rauch und anderen Sichthindernissen genug Daten für hochauflösende Bilder liefern kann. Iceye gilt in der Branche als international führend. Die Firma ist vor einigen Jahren ins Militärgeschäft eingestiegen und boomt seitdem; dabei verkauft sie nicht bloß Satelliten, sondern auch Daten, die sie mit einer eigenen Satellitenkonstellation gewinnt, von der sie behauptet, sie sei „die größte und fortgeschrittenste“ ihrer Art weltweit.[1] Iceye hat die Zahl seiner Beschäftigten in diesem Jahr um rund 400 auf mehr als 1.000 gesteigert und will weiter wachsen. Der Umsatz, der sich 2025 noch auf rund 250 Millionen Euro belief – bei einem Gewinn von mehr als 100 Millionen Euro –, soll in diesem Jahr 500 Millionen Euro und im kommenden Jahr sogar 1,2 Milliarden Euro erreichen. Mit alledem gilt Iceye als eines der Vorzeige-Militärstartups in Europa: Es ist von US-Technologie unabhängig.

Geheimdienstlich-militärische Aufklärung

Mit der Sammlung eigener Daten und mit ihrem Verkauf an staatliche Stellen aller Art dringt Iceye in höchst sensible Bereiche vor, die einst Schwerpunkt polizeilicher, geheimdienstlicher oder militärischer Aufklärung waren. So wird zum Beispiel berichtet, Daten der Firma hätten dazu beigetragen, „Schiffe zu identifizieren, die für Kabelschäden in der Ostsee verantwortlich gewesen“ seien.[2] Finnland nutze von Iceye angefertigte Bilder, um russische Truppen und ihre Bewegungen zu beobachten. Aktuell heißt es, Iceye habe einen Bericht „zur sicherheitspolitischen Entwicklung im Ostseeraum“ erstellt, der Aktivitäten der russischen Streitkräfte in und bei Kaliningrad dokumentiere – den Bau von Anlagen etwa, die Russland eine hohe Zahl an Optionen zur Überwachung „der gesamten Region“ böten: „vom Abfangen von Satellitenkommunikation bis hin zur Erkennung von Flugbewegungen und ballistischen Raketen“.[3] Iceye hat nicht nur dokumentiert, wie an einem Flugabwehrsystem S-400 im Gebiet Kaliningrad „die Abschussvorrichtungen angehoben wurden“ – ein Hinweis, dass die Anlage „einsatzbereit gemacht“ wurde –, sondern auch, wie russische Handelsschiffe, von Kriegsschiffen eskortiert, Militärgerät ins syrische Tartus sowie ins libysche Tobruk lieferten. Zur Analyse greift Iceye auch auf Daten Dritter, etwa von Schiffsbeobachtern, zurück.

Aufklärungsmaterial für die Litauen-Brigade

Iceye hat Anfang dieses Monats begonnen, in einem Joint Venture mit Rheinmetall – der deutsche Konzern hält 60 Prozent, das finnische Startup 40 Prozent – an dessen Standort in Neuss SAR-Satelliten für die Bundeswehr zu produzieren. Jedes Jahr sollen dort mehrere Dutzend hergestellt werden. Ziel ist der Aufbau eines umfassenden Aufklärungssystems mit dem Namen Spock 1, das bereits nächstes Jahr voll operationsfähig sein soll.[4] Die Kosten werden auf 1,7 Milliarden Euro beziffert.[5] Ebenfalls in diesem Monat hat das Joint Venture aus Rheinmetall und Iceye begonnen, die Bundeswehr mit SAR-Satellitendaten zu beliefern, die laut Rheinmetall von „anderen Satelliten“ stammen – mutmaßlich ist damit die Iceye-Konstellation gemeint.[6] Die Daten sollen zunächst vor allem genutzt werden, um die Panzerbrigade 45 „Litauen“ mit Aufklärungsmaterial zu versorgen. Dabei reichen die Pläne, die Rheinmetall und Iceye schmieden, längst weiter. Das Konsortium bewirbt sich auch um den Auftrag für den Bau von Spock 2, einer Konstellation mit bis zu 1.200 Satelliten, die unterschiedliche Sensoren – Radar-, Electro-Optical und vielleicht noch andere – kombiniert, um die Lagebilder, die der Bundeswehr in Einsätzen zur Verfügung stehen, optimieren zu können.[7]

Schlachtfelddaten für die Ukraine

Bereits seit mehr als vier Jahren versorgt Iceye auch die ukrainischen Streitkräfte mit Daten. Am 18. August 2022 teilte das Startup mit, es habe diesbezüglich eine Vereinbarung mit einer ukrainischen Organisation („Serhiy Prytula Charity Foundation“) unterzeichnet [8], die schon seit 2020 private Unterstützung für die Truppen des Landes organisiert. Die Vereinbarung gewähre Kiew Zugriff „in hoher Wiederholungsfrequenz“ auf Satellitenbilder von „kritischen Orten“; man betreibe die Satelliten aber weiterhin selbst. Damit ist Iceye de facto in das Kriegsgeschehen involviert. Seit 2024 gilt dies auch für Rheinmetall. Der deutsche Konzern teilte im Juni 2024 mit, er habe gerade in Iceye investiert; das diene dem Ziel, Satellitendaten noch besser „auf dem taktischen Gefechtsfeld nutzbar“ zu machen.[9] Im Oktober 2024 hieß es dann, Kiew erhalte von nun an Zugang zu den Iceye-Satellitendaten im Rahmen der neu eingeleiteten Kooperation zwischen Iceye und Rheinmetall. Die Kooperation werde auch von der Bundesregierung unterstützt.[10] Die SAR-Satellitendaten bildeten „die Grundlage für die Entscheidungsfindung und die Operationsplanung der ukrainischen Streitkräfte“. Sie haben dem ukrainischen Militärgeheimdienst zufolge mittlerweile zur Zerstörung Tausender russischer Ziele beigetragen.[11]

Satellitenjagd

Einer der Iceye-Satelliten, der die Ukraine mit Schlachtfelddaten versorgt, könnte aktuell Ziel eines russischen Angriffs werden. Russland hat mehrmals bekräftigt, es nehme die faktische Kriegseinmischung der Iceye-Satelliten sehr ernst und behalte sich entsprechende Reaktionen vor. Berichten zufolge steuerten russische Stellen bereits im Mai vier ihrer Satelliten, Cosmos 2610 bis 2613, sehr nahe an den Iceye-Satelliten heran. Als dieser auswich, folgten sie ihm. Der Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, Generalmajor Michael Traut, wurde dazu mit der Einschätzung zitiert, es handle sich dabei um eine regelrechte „Jagd“.[12] Seit Ende September und vor allem in der vergangenen Woche wiederholte sich Berichten zufolge der Vorgang; in den vergangenen Tagen soll der russische Satellit Cosmos 2612 sich dem Iceye-Satelliten bis auf fünf Kilometer oder sogar noch weniger genähert haben. Nun hat Moskau mehrere Möglichkeiten, je nach konkreter Ausrüstung von Cosmos 2612. Es könnte die Annäherung als Drohung stehenlassen. Cosmos 2612 könnte alternativ dazu die Iceye-Signale per Störsender unbrauchbar machen. Denkbar wäre auch der Einsatz eines Lasers, um den Iceye-Satellit oder seine Sensoren zu beschädigen. Nicht auszuschließen ist, falls Cosmos 2612 über die erforderliche Ausrüstung verfügt, sogar das Abfeuern eines Schusses. Es wäre die erste offene Kriegshandlung im Weltall, ausgelöst durch den Einsatz ziviler westlicher Satelliten im Ukrainekrieg.[13]

 

[1] The world leader in sovereign intelligence from space. iceye.com.

[2] Julian Staib: Spionage aus privater Hand. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 24.05.2026.

[3] Julian Staib: Wie Russland im Ostseeraum aufrüstet. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.10.2026.

[4] Rheinmetall ICEYE Space Solutions stellt Bundeswehr mit SPOCK 1 Zugriff auf SAR-Satelliten bereit. hartpunkt.de 06.10.2026.

[5] S. dazu Das deutsche Starlink.

[6] Major milestone achieved: Rheinmetall ICEYE Space Solutions provides the German Armed Forces with exclusive access to SAR satellites. rheinmetall.com 06.10.2026.

[7] Martin Rosenkranz: Deutsche Bundeswehr auf dem Weg zur Weltraummacht. militaeraktuell.at 21.08.2026.

[8] The contract signed with the Serhiy Prytula Charity Foundation will initially provide the Government of Ukraine with the full capabilities for one of ICEYE’s satellites already in orbit. iceye.com 18.08.2022.

[9] Rheinmetall vertieft Zusammenarbeit mit Satellitenhersteller ICEYE. hartpunkt.de 12.09.2024.

[10] Rheinmetall und ICEYE unterstützen Ukraine mit Satellitenbildern. hartpunkt.de 11.11.2024.

[11] Andreas Donath: Russischer Militärsatellit bedrängt Iceye-X36. golem.de 18.10.2026.

[12] Cassell Bryan-Low, John Irish: Russian satellite activity raises concerns for Starlink, German space commander says. reuters.com 09.10.2026.

[13] Andreas Donath: Russischer Militärsatellit bedrängt Iceye-X36. golem.de 18.10.2026.


Anmelden

ex.klusiv

Den Volltext zu diesem Informationsangebot finden Sie auf unseren ex.klusiv-Seiten - für unsere Förderer kostenlos.

Auf den ex.klusiv-Seiten von german-foreign-policy.com befinden sich unser Archiv und sämtliche Texte, die älter als 14 Tage sind. Das Archiv enthält rund 5.000 Artikel sowie Hintergrundberichte, Dokumente, Rezensionen und Interviews. Wir würden uns freuen, Ihnen diese Informationen zur Verfügung stellen zu können - für 7 Euro pro Monat. Das Abonnement ist jederzeit kündbar.

Möchten Sie dieses Angebot nutzen? Dann klicken Sie hier:
Persönliches Förder-Abonnement (ex.klusiv)

Umgehend teilen wir Ihnen ein persönliches Passwort mit, das Ihnen die Nutzung unserer ex.klusiven Seiten garantiert. Vergessen Sie bitte nicht, uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.

Die Redaktion

P.S. Sollten Sie ihre Recherchen auf www.german-foreign-policy.com für eine Organisation oder eine Institution nutzen wollen, finden Sie die entsprechenden Abonnement-Angebote hier:
Förder-Abonnement Institutionen/Organisationen (ex.klusiv)