Kanadas Schwenk nach Europa

Kanada nähert sich der EU an, um sich den US-Annexionsdrohungen zu entziehen. Von der Leyen will es zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Union machen.

BRÜSSEL/OTTAWA (Eigener Bericht) – Kanada soll „das erste assoziierte Mitglied der EU“ werden. Dies fordert EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Wie von der Leyen am gestrigen Mittwoch in ihrer diesjährigen Rede zur Lage der Union mitteilte, müsse die EU „globale Koalitionen bilden“, um ihre „Widerstandsfähigkeit“ in der globalen Mächterivalität zu stärken. Dazu werde sie nun ihre „Beziehung zu Kanada auf das höchstmögliche Niveau bringen“. Kanada ist seinerseits unter Premierminister Mark Carney, der von der Leyens Rede beiwohnte, bemüht, die Bindungen an die EU auszubauen, um sich zumindest ein Stück weit aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu lösen. Das gilt als notwendig, um den US-Annexionsdrohungen zu entkommen. Carney hat längst erste Schritte eingeleitet, will weniger US-Kampfjets vom Typ F-35 beschaffen als geplant – und setzt konsequent auf Rüstungskäufe in Europa, darunter in Deutschland, wo Kanada U-Boote für gut 20 Milliarden Euro erwirbt. Weitere Schritte werden diskutiert, so etwa die Verlegung von Unterseekabeln aus Kanada nach Europa. Insbesondere beim Handel hat Carney bereits eine Verringerung der Abhängigkeit seines Landes von den USA erreicht.

„Größere strategische Autonomie“

Kanadas Premierminister Mark Carney hatte bereits im Januar auf dem World Economic Forum in Davos deutlich gemacht, er werde sich den Bestrebungen der Vereinigten Staaten, sich sein Land als 51. Bundesstaat einzuverleiben, aktiv entgegenstellen und eine engere Zusammenarbeit mit anderen Ländern suchen, um der starken ökonomischen Abhängigkeit von den USA zu entkommen. Man erlebe gegenwärtig „den Beginn einer brutalen Wirklichkeit“, in der „die Geopolitik zwischen den Großmächten“ in der Praxis „keinen Beschränkungen mehr“ unterliege, erklärte Carney. „Mittelmächte“ wie etwa Kanada hätten keine andere Chance, als sich „der neuen Realität“ anzupassen; dazu sei in der Außenpolitik eine „variable Geometrie“ hilfreich: Man müsse Koalitionen mit ganz unterschiedlichen Ländern suchen, um diverse Bündnisoptionen zu haben und auf diese Weise eine „größere strategische Autonomie“ zu erlangen.[1] Bereits kurz zuvor hatte Kanada eine „Strategische Partnerschaft“ mit China geschlossen – gegen den klar erkennbaren Willen der Vereinigten Staaten. Eingeleitet wurde damit eine engere Zusammenarbeit etwa auf dem Energiesektor. Zudem kündigte Carney an, sein Land werde seine Ausfuhren in die Volksrepublik bis 2030 um 50 Prozent steigern und sich im Gegenzug zum Beispiel für den Import chinesischer Elektroautos öffnen.[2]

Waffen aus Europa

Darüber hinaus begann Carney die Zusammenarbeit mit Europa zu intensivieren – unter anderem auf dem Gebiet der Rüstung. Hatte sein Amtsvorgänger Justin Trudeau ursprünglich zugesagt, bis zu 88 US-Kampfjets vom Typ F-35 zu kaufen, so zieht Ottawa nun in Betracht, einen Großteil davon durch schwedische Gripen zu ersetzen. Auch Aufklärungsflugzeuge will es beim Gripen-Hersteller Saab beschaffen; es hat sich für dessen Modell GlobalEye und gegen das US-Modell Boeing E-7 Wedgetail entschieden.[3] Bei der Aufrüstung der Marine setzt Kanada ebenfalls auf Europa. Bereits vor der Eskalation des Konflikts mit der Trump-Administration hatte es beschlossen, seine neuen Zerstörer der River-Klasse auf der Basis der britischen Type 26-Fregatten von BAE Systems zu bauen, die unter anderem auch die Marine Norwegens erwirbt. Anfang Juli wurde bestätigt, die kanadischen Seestreitkräfte würden zudem zwölf U-Boote des Typs 212 CD bei TKMS in Deutschland beschaffen. Die U-Boote 212 CD werden von TKMS in Kooperation mit norwegischen Rüstungsfirmen hergestellt und auch an die norwegische Marine geliefert.[4] Nicht zuletzt sollen in Ostkanada Startanlagen für deutsche Trägerraketen gebaut werden; dies soll Kanadas Weltraumaktivitäten künftig von den USA unabhängig machen.

Unterseekabel und Datencenter

In den vergangenen Monaten hat Carney darüber hinaus zahlreiche Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs der meisten EU-Mitgliedstaaten über eine möglichst enge Annäherung seines Landes an die EU geführt. Kernziel ist es, den EU-Binnenmarkt noch stärker für Exporte kanadischer Konzerne zu öffnen, um deren Abhängigkeit vom US-Markt zu lindern. Die EU wiederum könnte Teile ihrer Lieferketten in Zukunft nach Kanada verlegen und so ebenfalls stärkere Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten erlangen. Zudem ist ein verbesserter Zugriff der EU auf die reichen kanadischen Rohstofflagerstätten im Gespräch.[5] Dazu will Carney unter anderem neue Pipelines an die kanadische Ostküste verlegen lassen, um etwa Erdöl nicht mehr wie bisher beinahe ausschließlich in die USA liefern zu müssen. In Europa könne das Öl frühere russische Lieferungen ersetzen, heißt es. Auch über weitere Schritte wird längst diskutiert. So heißt es, man könne Unterseekabel aus Kanada direkt nach Europa verlegen. Machbar sei zudem der gemeinsame Bau von Datencentern, Cloudsystemen und Satellitenkonstellationen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollen vernetzt werden, um Alternativen zu US-Universitäten zu schaffen. Nicht zuletzt hat Carney Kanadas Einbindung in das EU-Studentenaustauschprogramm Erasmus+ im Blick.[6]

Erste Erfolge

Schon jetzt hat Kanada spürbare Erfolge erzielt. Bereits im vergangenen Jahr ging sein Warenhandel mit den USA – bedingt nicht zuletzt durch die Trump’schen Zölle – von zuvor 762 Milliarden US-Dollar um rund sechs Prozent auf 716 Milliarden US-Dollar zurück. Zugleich nahm sein Handel mit anderen Ländern im Jahr 2025 um mehr als elf Prozent zu. Die Vereinigten Staaten nahmen zwar immer noch 72,5 Prozent sämtlicher kanadischer Ausfuhren ab, stellten aber nur noch 45,9 Prozent der kanadischen Importe.[7] Aktuell sind zudem neue deutsche bzw. europäische Investitionen in Kanada geplant, während Trumps Zölle Investitionen aus den Vereinigten Staaten im nördlichen Nachbarland schädigen. Der gestartete Ausbau der europäisch-kanadischen Wirtschaftsbeziehungen ist nicht beispiellos. Noch kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden mehr Waren zwischen Kanada und Europa gehandelt als zwischen Kanada und den USA. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die USA in der kanadischen Wirtschaft erdrückend dominant. Erste Bestrebungen Ottawas, dieser Dominanz zu entkommen und deshalb den Handel mit Europa erneut zu stärken, gab es, als die Nixon-Administration 1971 Zölle in Höhe von zehn Prozent auf US-Importe aus Kanada verhängte. Allerdings blieben die Bemühungen nahezu erfolglos.[8]

„Assoziiertes Mitglied der EU“

Carneys aktueller Vorstoß trifft inzwischen offen auf zustimmende Reaktionen in der EU. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte am Mittwoch in ihrer diesjährigen Rede zur Lage der Union an, die EU und Kanada würden jetzt gemeinsam „zu einer Allianz für die Zukunft übergehen“.[9] So werde man etwa „eine Technologie-Allianz gründen“, „bei Energie, kritischen Mineralien und Batterien kooperieren“ und nicht zuletzt auch „unsere verteidigungsindustriellen Basen integrieren“. „Kurz gesagt“ – man werde „die Beziehung zu Kanada auf das höchstmögliche Niveau bringen“. In der großen Rivalität mit China, aber auch mit den Vereinigten Staaten gelte es nun „globale Koalitionen [zu] bilden“, die „unsere Widerstandsfähigkeit“ schützten – unter anderem die erwähnte Koalition mit Ottawa. In Anwesenheit von Carney, der am heutigen Donnerstag zudem eine Rede im Europaparlament halten will, konkretisierte von der Leyen, sie werde künftig gezielt „darauf hinarbeiten, dass Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU wird“. Der Status ist nicht konkret definiert. Der erste Schritt zur formellen Anbindung Kanadas an die EU ist damit aber getan.

 

[1] “Principled and pragmatic: Canada’s path”. Prime Minister Carney addresses the World Economic Forum Annual Meeting. pm.gc.ca 20.01.2026.

[2] S. dazu Bruch in der Weltordnung.

[3] Murray Brewster, Daniel Leblanc: GlobalEye gamble: Ottawa chose surveillance plane without knowing it met military needs. cbc.ca 09.09.2026.

[4] S. dazu Rekorde im Kriegsschiffbau.

[5], [6] Drew Hinshaw, Joe Parkinson, Laurence Norman: Mark Carney’s Audacious Bid to Make Canada an ‘Associate Member’ of the EU. wsj.com 12.09.2026.

[7] Wirtschaftsdaten kompakt – Kanada. gtai.de.

[8] Drew Hinshaw, Joe Parkinson, Laurence Norman: Mark Carney’s Audacious Bid to Make Canada an ‘Associate Member’ of the EU. wsj.com 12.09.2026.

[9] Rede von Präsidentin von der Leyen zur Lage der Union 2026. ec.europa.eu 16.09.2026.


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