Rekorde im Kriegsschiffbau

Der deutsche Kriegsschiffbauer TKMS erhält einen Rekordauftrag zum Bau von U-Booten für Kanada – für den gemeinsamen Kampf gegen Russland. Gegengeschäfte verringern die Abhängigkeit beider Länder von den USA.

KIEL/OTTAWA (Eigener Bericht) – Der deutsche Kriegsschiffbauer TKMS verzeichnet den größten Auftrag seiner Konzerngeschichte und wird insgesamt zwölf U-Boote für einen Preis von womöglich rund 20 Milliarden Euro an die kanadische Marine liefern. Wie Kanadas Premierminister Mark Carney bereits am Montag mitteilte, erhält das TKMS-U-Boot 212 CD den Vorzug vor dem Modell KSS-III des südkoreanischen Konzerns Hanwha Ocean, dessen Erwerb Ottawa ebenfalls in Betracht gezogen hatte. Damit werden künftig die Seestreitkräfte Deutschlands, Norwegens und Kanadas denselben U-Boot-Typ nutzen; sie können bei ihren Bestrebungen, sich im Nordatlantik wie auch in der Arktis gegen die russische Marine zu positionieren, auf eine beispiellose Flotte von 24 U-Booten 212 CD stützen. Zudem bereitet TKMS Gegengeschäfte für wohl Dutzende Milliarden Euro vor, die unter anderem den Kauf kanadischen Flüssiggases sowie den Bau von Startanlagen für deutsche Trägerraketen im Osten Kanadas vorsehen; letztere sollen Ottawa von US-Trägerraketen unabhängig machen. TKMS boomt auch dank neuer Aufträge der Deutschen Marine. Der Konzern arbeitet zudem an der Fregatte F127 – dem teuersten Projekt in der Geschichte der Deutschen Marine.

Milliardenauftrag aus Kanada

Kanada will den seit längerer Zeit geplanten Auftrag für den Bau von bis zu zwölf U-Booten für seine Marine an den Kieler Kriegsschiffbauer TKMS vergeben. Das teilte Premierminister Mark Carney am Montag vor seiner Abreise zum NATO-Gipfel in Ankara mit. Demnach wird Ottawa U-Boote vom Typ 212 CD (Common Design) erwerben, die TKMS gemeinsam mit dem norwegischen Unternehmen Kongsberg Defence & Aerospace (KDA) herstellt. Der Typ 212 CD verfügt gegenüber dem Vorläufermodell 212 A über eine bessere Sensorik; zudem ist er auf Einsätze in den kalten Gewässern des Nordatlantiks und sogar der Arktis optimiert – Einsätze unter Eis inklusive. Mit ihm hat sich TKMS gegen seinen südkoreanischen Rivalen Hanwha Ocean durchgesetzt, der mit seinem spürbar kostengünstigeren Modell KSS-III nicht zum Zuge kam. Der Preis, den Kanada zahlen muss, wird auf umgerechnet ungefähr 20 Milliarden Euro geschätzt.[1] Die ersten U-Boote des Typs 212 CD werden 2033 ausgeliefert. Ob die kanadische Marine direkt Zugriff erhält oder aber noch länger warten muss, ist bislang noch nicht bekannt. Vertragsdetails müssen noch ausgearbeitet werden. Bei TKMS heißt es allerdings, die U-Boote würden komplett an den deutschen Konzernstandorten Kiel und Wismar gebaut. Lediglich der für den Bau benötigte nichtmagnetische Stahl solle aus Kanada bezogen werden.

Im Nordatlantik gegen Russland

Einer der Gründe, die die kanadische Regierung zur Entscheidung für das TKMS-U-Boot veranlasst haben, liegt in den zentralen Einsatzszenarien der kanadischen Marine. Zum einen hat Ottawa mit Blick auf seine weiten arktischen Gewässer und auf das Abschmelzen des Polareises in zunehmendem Maße etwaige Operationen in der Arktis im Visier. Zum anderen fokussiert es sich auf Einsätze im Nordatlantik – mit dem Ziel, russische Kriegsschiffe und insbesondere U-Boote am Vordringen aus dem Nordmeer an Island vorbei bis in den Atlantik zu hindern. Vor allem zur Abschottung der „GIUK-Lücke“ zwischen Grönland (G), Island (I) und dem Vereinigten Königreich (UK) beschlossen Deutschland, Norwegen und Kanada auf dem NATO-Gipfel im Juli 2024 in Washington, gemeinsam eine „Sicherheitspartnerschaft für den Nordatlantik“ aufzubauen.[2] Im Jahr 2025 kam schließlich noch Dänemark hinzu. Die Kooperation ist sehr umfassend angelegt. So beschaffen Deutschland, Norwegen und Kanada jeweils Seefernaufklärer des Typs Boeing P-8A Poseidon, die sie im Nordatlantik nutzen.[3] Deutschland und Norwegen beschaffen bereits gemeinsam zwölf U-Boote des Typs 2012 CD. Erwirbt Kanada wie geplant weitere zwölf Stück, dann werden die drei Staaten künftig mit einer stolzen Flotte von 24 baugleichen U-Booten operieren können.

Größere Unabhängigkeit von den USA

Ein weiterer Grund für den Erwerb des TKMS-U-Boots 212 CD liegt in den zwischen den beiden Seiten vereinbarten Gegengeschäften, die zum einen äußerst umfassend sind und zum anderen gezielt die deutsch-kanadische Wirtschaftszusammenarbeit stärken. Damit lösen sich beide Länder ein Stück aus ihrer – im kanadischen Falle überwältigenden – ökonomischen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. So will TKMS zum Beispiel gemeinsam mit dem kanadischen Technologiekonzern CAE ein Leistungszentrum für Simulation, Training und Wartung der U-Boote errichten.[4] Das deutsche Startup Isar Aerospace hat am Dienstag eine Vereinbarung mit der kanadischen Maritime Launch Services unterzeichnet, die einen Spaceport nahe Canso in der ostkanadischen Provinz Nova Scotia baut. Isar Aerospace plant, dort ab 2028 seine Trägerrakete Spectrum zu starten, die kleine und mittelgroße Satelliten ins All transportieren soll.[5] Kanada ist dazu bislang auf die Vereinigten Staaten angewiesen. Geplant ist im Rahmen der Gegengeschäfte auch, dass der deutsche Gasimporteur Sefe künftig eine Million Tonnen Flüssiggas pro Jahr in Kanada erwirbt; dies würde die deutsche Abhängigkeit von der US-Frackingindustrie zumindest ein wenig verringern. Diskutiert wurde in Deutschland zudem über Investitionen in Kanadas Seltene Erden.

Auslandsaufträge

Für TKMS bringt der Auftrag aus Kanada einen neuen Wachstumsschub. Bereits zum 31. März hatte der Konzern einen Auftragsbestand in Höhe von 20,6 Milliarden Euro gemeldet, mehr denn je zuvor.[6] Der Umsatz war im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/26 um zehn Prozent auf 1,17 Milliarden Euro gestiegen. Das war zwar deutlich weniger als etwa der Umsatz des deutschen Branchenriesen Rheinmetall, der allein im ersten Quartal 2026 seinen Umsatz um rund acht Prozent auf 1,94 Milliarden Euro hatte steigern können.[7] Dennoch hat der Boom der Rüstungsbranche nun auch den deutschen Kriegsschiffbauer erfasst, der auf der SIPRI-Rangliste der größten Waffenschmieden weltweit zuletzt auf Rang 61 gestiegen war. Weitere Aufträge werden auch aus dem Ausland erwartet. Ende Juni feierte TKMS im brasilianischen Itajaí die Taufe seiner dritten Fregatte aus dem Tamandaré-Programm für die brasilianische Marine. Eine Fregatte ist bereits ausgeliefert worden, eine zweite soll in diesem Jahr zu Erprobungsfahrten starten; eine vierte ist bestellt.[8] Brasilien plant inzwischen, noch vier weitere TKMS-Fregatten zu bestellen. Um die gewaltig boomende Produktion zu bewältigen, ist bei TKMS seit geraumer Zeit die Übernahme der benachbarten Kieler Werft German Naval Yards im Gespräch. Allerdings interessiert sich jetzt auch Rheinmetall mit seiner neuen Marinesparte für sie.

Inlandsaufträge

Besonders profitieren kann TKMS von Aufträgen der Deutschen Marine. Zum einen soll der Konzern nach dem Scheitern des Fregattenprojekts F126 als Ersatz kurzfristig neue Fregatten des bewährten Typs MEKO A-200 bauen. Zunächst sollen vier Stück für einen Preis von 6,63 Milliarden Euro gefertigt werden; als Anschlussoption wird die Herstellung vier weiterer für einen Preis von 5,3 Milliarden Euro genannt.[9] Der Wert der Aufträge ist, ebenso wie der Auftrag zum Bau der U-Boote 212 CD für Kanadas Marine, im Rekordauftragsbestand vom 31. März noch nicht enthalten. Hinzu kommen vor allem noch die Arbeiten an der Fregatte F127, die TKMS gemeinsam mit der von Rheinmetall übernommenen Werft Naval Vessels Lürssen baut. Zur Zeit sind acht Fregatten F127 geplant, die über mehrere Jahrzehnte zentrale Aufgaben in der Deutschen Marine übernehmen sollen. Der Preis wird aktuell auf mehr als 26 Milliarden Euro geschätzt; damit ist das Projekt, wie Experten konstatieren, das wohl teuerste in der Geschichte der Deutschen Marine.[10]

Noch nicht eigenständig

Kritiker monieren, dass die Flugabwehr der Fregatte F127 Raketen vom Typ Standard Missile sowie das Radar SPY-6 nutzen soll.[11] Beide werden vom US-Konzern RTX (Ex-Raytheon) produziert. Damit wird eine partielle Abhängigkeit von den USA fortgeschrieben. Experten wenden allerdings ein, zu beidem gebe es gegenwärtig noch kein gleichwertiges europäisches Äquivalent – und für das nächste Jahrzehnt sei ohnehin noch eine Abhängigkeit von US-Satelliten und von GPS gegeben. Gelinge es, diese Abhängigkeit zu überwinden, dann gebe es Hoffnung auf eine echte Eigenständigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten zum Beispiel dank der Iris-T-Abwehrraketenfamilie des deutschen Konzerns Diehl. Diese werde aber erst im kommenden Jahrzehnt weit genug entwickelt sein.

 

[1] So läuft der U-Boot-Deal mit Kanada. handelsblatt.com 07.07.2026.

[2], [3] S. dazu Von der Ost- an die Nordflanke.

[4] Susanne Preuß: TKMS pokert um den 56-Milliarden-Auftrag. faz.net 16.06.2026.

[5] German aerospace company signs 10-year deal to use N.S. space launch pad. cbc.ca 07.07.2026.

[6] TKMS im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/26 weiter auf Wachstumskurs: neuer Rekord-Auftragsbestand; deutliche Steigerung bei Umsatz und bereinigtem EBIT. tkmsgroup.com 11.05.2026.

[7] Rheinmetall verfehlt Umsatzerwartung. handelsblatt.com 04.05.2026.

[8] TKMS feiert die Taufe der Fregatte „Cunha Moreira“ (F202), des dritten Schiffs des Tamandaré-Programms. tkmsgroup.com 26.06.2026.

[9] Bundesregierung will vier neue Kriegsschiffe für rund 6 Milliarden Euro beschaffen. n-tv.de 02.07.2026.

[10], [11] Clemens Speer: Fregatte Klasse 127 – Das teuerste Marineprojekt der Geschichte im Detail. suv.report 17.06.2026.


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