Krieg kostet
Der Irankrieg verhindert Öl- und Gaslieferungen vom Persischen Golf; der Ukrainekrieg stoppt russische Dieselexporte und reduziert Erdgaslieferungen: Auch in Deutschland drohen astronomische Öl- und Spritpreise und Erdgasmangel.
BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – US-Energieexperten warnen vor einer umfassenden globalen Energiekrise mit drastisch in die Höhe schnellenden Preisen für Erdöl und Erdgas. In den ersten sechs Monaten des Irankrieges sei es gelungen, die durch die Sperrung der Straße von Hormuz bedingten Ausfälle einigermaßen auszugleichen, heißt es in der US-Ölbranche. Zum einen hätten diverse westliche Staaten ihre strategischen Reserven angezapft; zum anderen habe China seine Importe erheblich zurückgefahren und damit den Nachfragedruck gelindert. Beides werde kaum aufrechtzuerhalten sein, weshalb man mit einem weiteren Preisanstieg bei Öl und Gas rechnen müsse. Schwer wiegt zudem, dass die Ukraine diverse russische Raffinerien mit Drohnenangriffen empfindlich beschädigt hat. Das führt zu Dieselknappheit: Russland, zuvor weltweit zweitgrößter Exporteur, hat die Ausfuhr von Diesel komplett gestoppt. Während in Deutschland und der EU die Erdgasspeicher so schwach gefüllt sind wie noch nie um diese Jahreszeit, beharren Berlin und Brüssel weiterhin auf einem Totalausstieg aus dem Erwerb russischen Flüssiggases Anfang 2027. Russische Lieferungen machten zuletzt 19 Prozent der EU-Flüssiggasimporte aus.
Kein Öl vom Golf
Die Hauptursache für den Anstieg des Ölpreises ist weiterhin die durch den US-Krieg gegen Iran verursachte Sperrung der Straße von Hormuz, durch die vor dem Krieg gut 15 Millionen Barrel Rohöl pro Tag transportiert wurden.[1] Zwar behauptet die Trump-Administration, es gelinge ihr mittlerweile, per Eskorte den Transport von täglich rund zehn Millionen Barrel Öl durch die Meerenge zu ermöglichen. Branchenexperten bestätigen dies allerdings explizit nicht.[2] Es kommt hinzu, dass auch die Ersatzroute vor allem für saudisches Öl auszufallen droht. Riad hatte seit Beginn des Kriegs Rohöl zunehmend per Pipeline nach Yanbu an die saudische Westküste gepumpt und es von dort durch das Rote Meer und die Meerenge bei Djibouti (Bab al Mandab, Tor der Tränen) auf die Weltmeere gebracht. Nun haben in den vergangenen Tagen die mit Saudi-Arabien verfeindeten jemenitischen Huthi die Meerenge vollständig ihrer Kontrolle unterworfen. Damit bleibt Riad nur noch die Option, Rohöl durch den Suezkanal oder durch eine über ägyptisches Territorium verlaufende Pipeline zu exportieren. Erreichbar ist ein Gesamtvolumen von maximal 3,5 Millionen Barrel pro Tag.[3] Auch dies dürfte nun aber eine Zeitlang entfallen: Eine irakische Miliz hat die Pipeline nach Yanbu schwer beschädigt; sie bleibt wohl mehrere Wochen außer Betrieb.[4]
Vor der großen Krise
Dass der Erdölpreis seit Kriegsbeginn nur zeitweise die Schwelle von 100 US-Dollar pro Barrel der Marke Brent überstieg und stets unterhalb von 120 US-Dollar pro Barrel blieb, ist vor allem zwei Faktoren zu verdanken. Zum einen haben eine Reihe von Ländern Teile ihrer strategischen Erdölreserven freigegeben. Damit konnten zwar Versorgungslücken gefüllt werden. Doch sind die Reserven mittlerweile empfindlich geschrumpft; in den USA etwa ist der Bestand von gut 405 Millionen Barrel vor einem Jahr um 30 Prozent auf nur noch 285 Millionen Barrel gefallen – das geringste Volumen seit 1982.[5] Zum anderen hat China die Einfuhr von Öl spürbar gesenkt; im zweiten Quartal lag sie mit 8,1 Millionen Barrel am Tag um 32 Prozent unter dem Vorjahreswert.[6] Dies reduzierte die Nachfrage und verhinderte einen weiteren Anstieg des Ölpreises. Laut Berichten hat China allerdings begonnen, wieder mehr Öl zu importieren. Beides – das Anzapfen der strategischen Reserven im Westen und die Importzurückhaltung der Volksrepublik – habe dabei geholfen, „das Preis- und Versorgungsrisiko zu lindern“, bestätigte Chevron-Chef Mike Wirth Ende vergangener Woche.[7] Jetzt aber sei beides ausgereizt; es gebe kaum noch Puffer. Warnungen vor einer umfassenden Erdölkrise machen inzwischen die Runde.
So teuer wie nie
Zum Rohölmangel kommt mittlerweile auch noch ein Mangel vor allem an Diesel hinzu. Dieser ergibt sich nicht nur durch die Sperrung der Straße von Hormuz, sondern auch durch ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien in Russland. Russland war zweitgrößter Exporteur von Diesel weltweit, bis die Ukraine dazu überging, im großen Stile russische Raffinerien anzugreifen. Die Schäden reduzierten den Ausstoß beträchtlich und nötigten die russische Regierung dazu, zwecks Sicherung des Inlandsbedarfs die Dieselausfuhr am 8. Juli vorläufig zu untersagen. Der Exportstopp ist inzwischen bis Ende September verlängert worden.[8] Wichtige Abnehmer russischen Diesels wie etwa Brasilien oder die Türkei sind nun genötigt, ihre Importe anderweitig zu sichern, was den Preis in die Höhe treibt. Zur Zeit liegt der Preis in Deutschland bei durchschnittlich 2,40 Euro pro Liter; in den USA ist er auf mehr als 6,20 US-Dollar pro Gallone in die Höhe geschnellt – 2,50 US-Dollar mehr als vor einem Jahr. So hoch lag der Dieselpreis in den Vereinigten Staaten noch nie. US-Raffinerien arbeiten längst am Limit; Beobachter warnen bereits, müssten sie wegen Pannen oder auch nur wegen notwendiger Wartungsarbeiten den Betrieb ein wenig reduzieren, schössen die Preise wohl noch weiter in die Höhe.[9]
Speicher zu wenig gefüllt
Vor allem Deutschland und Europa haben darüber hinaus mit dramatisch gestiegenen Erdgaspreisen zu kämpfen. Fast das gesamte Flüssiggas, das vor allem Qatar, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate exportieren, muss durch die Straße von Hormuz auf den Weltmarkt transportiert werden. Damit sind zur Zeit knapp 20 Prozent des global gehandelten Flüssiggases blockiert.[10] Der für Europa maßgebliche Terminkontrakt TTF, der noch vor dem Beginn des Irankrieges bei rund 30 Euro pro Megawattstunde gelegen hatte, pendelte am Dienstag um etwa 80 Euro pro Megawattstunde und sprang zeitweise auf mehr als 83 Euro – mehr denn je, sieht man von den extremen Höchstwerten im ersten Jahr des Ukrainekriegs ab. Eine Linderung ist nicht in Sicht, zumal der Flüssiggaspreis in Asien, mit dem Europas Abnehmer konkurrieren, gleichfalls außergewöhnlich hoch ist. Dies verstärkt die Probleme beim Befüllen der Erdgasspeicher in Europa, deren Füllstand zur Zeit bei lediglich 67 Prozent liegt. Vor allem Deutschland drückt den Wert: Aktuell sind die deutschen Erdgasspeicher nur zu 56 Prozent gefüllt. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 75 Prozent; das genügte ungeachtet eines vergleichsweise milden Winters aber kaum, die Erdgasversorgung der Bundesrepublik sicherzustellen.[11]
Russisches Flüssiggas
Während manche deutsche Unternehmen bereits Notfallpläne schmieden [12], wiegelt die Bundesregierung ab. So behauptete das Bundeswirtschaftsministerium vor kurzem in einem Bericht an den Wirtschaftsausschuss des Bundestags: „Nach aktuellem Erkenntnisstand ist eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht zu erwarten“.[13] Zudem heißt es in Berlin, sollte Erdgas wider Erwarten knapp werden, dann könne man – dies nicht zuletzt dank der neuen Flüssiggasterminals an Nord- und Ostsee – jederzeit zusätzliches Erdgas hinzukaufen. Allerdings orientieren Berlin und Brüssel unverändert auf einen kompletten Ausstieg aus dem Bezug von Flüssiggas aus Russland zum 1. Januar 2027. Das ist umso bemerkenswerter, als der Anteil russischen Flüssiggases an der kompletten LNG-Einfuhr der EU von 16 Prozent im ersten Halbjahr 2025 auf 19 Prozent im ersten Halbjahr 2026 gestiegen ist. Wollte man das knappe Fünftel des Flüssiggasimports, das Russland zuletzt lieferte, durch US-LNG ersetzen, dann würde sich der ohnehin schon dominante Anteil des US-Flüssiggases weiter erhöhen; zuletzt stieg er von rund 57 Prozent im ersten Halbjahr 2025 auf 62 Prozent im ersten Halbjahr 2026.[14] Flüssiggas etwa aus Qatar steht wegen der unverändert fortdauernden US-Aggression gegen Iran auch weiterhin nicht zur Verfügung.
[1] Strait of Hormuz Factsheet. iea.org February 2026.
[2] Usaid Siddiqui: US says it’s clearing Hormuz traffic: Why are oil futures beyond $100? aljazeera.com 14.09.2026.
[3] Sabine Balk: Angriff auf eine „Lebensader des Welthandels“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.09.2026.
[4] Rebecca Feng, Georgi Kantchev, Summer Said: What Is Saudi-Arabia’s East-West Pipeline and Why Is It Rocking Oil Markets? wsj.com 14.09.2026.
[5] Cris Tolomia: U.S. Strategic Petroleum Reserve hits lowest level since 1982. finance.yahoo.com 15.09.2026.
[6] China’s crude oil imports fell in the second quarter. eia.gov 31.07.2026.
[7] Benoît Morenne, Collin Eaton: Oil Executives Say the Great Fuel Crisis Is Here. wsj.com 14.09.2026.
[8] Sabine Balk: Angriff auf eine „Lebensader des Welthandels“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.09.2026.
[9] Benoît Morenne, Collin Eaton: ‘Refine, Baby, Refine’ Is the Energy Industry’s New Mantra. wsj.com 06.08.2026.
[10] Strait of Hormuz Factsheet. iea.org February 2026.
[11] Markus Becker, Gerald Traufetter: Staatsunternehmen sollen kurzfristig für volle Gasspeicher sorgen. spiegel.de 15.09.2026.
[12] Erste Unternehmen bereiten sich auf einen Gasmangel vor. n-tv.de 10.09.2026.
[13] Markus Becker, Gerald Traufetter: Staatsunternehmen sollen kurzfristig für volle Gasspeicher sorgen. spiegel.de 15.09.2026.
[14] Klaus Stratmann: Abhängigkeit der EU von LNG aus Russland und den USA steigt. handelsblatt.com 08.09.2026.

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