Das schwächste Glied der Kette
Der BRICS-Gipfel am kommenden Wochenende in New Delhi wird von Widersprüchen in dem Bündnis überschattet. Die Bundesregierung sucht sich die Widersprüche zunutze zu machen und sie zu verstärken.
NEW DELHI/BERLIN (Eigener Bericht) – Vor dem 18. BRICS-Gipfel am kommenden Wochenende setzt die Bundesregierung ihre Orientierung auf die Wirtschaftskooperation mit einzelnen BRICS-Staaten fort und begünstigt damit Spaltungslinien in dem Bündnis. Außenminister Johann Wadephul hat sich bereits Anfang des Jahres für einen „pragmatischen“ Umgang mit den BRICS-Mitgliedern Indien und Brasilien ausgesprochen, obwohl diese im Rahmen des Bündnisses eng mit China und Russland zusammenarbeiten. Der aktuelle BRICS-Gipfel findet vor dem Hintergrund des Krieges gegen Iran statt, der die Widersprüche innerhalb des Bündnisses verschärft hat. Indien, das in diesem Jahr den BRICS-Vorsitz übernommen hat, hat sich im vergangenen Jahr darauf konzentriert, eine gemeinsame Basis des Bündnisses zu wirtschaftlichen Themen zu finden. Geplant ist nun unter anderem die endgültige Verabschiedung einer Economic Partnership Strategy 2030, die Bereiche wie Handel, Investitionen, Innovation, digitale Wirtschaft und finanzielle Zusammenarbeit abdeckt. Allgemein gilt Indien allerdings aufgrund seiner Nähe zu den Vereinigten Staaten und Israel sowie wegen seiner Ablehnung einer BRICS-Währung als schwächstes Glied der Kette.
Der 18. BRICS-Gipfel
Die zehn BRICS-Mitglieder und die BRICS-Partnerstaaten treffen an diesem Wochenende zum 18. Gipfeltreffen des Bündnisses in New Delhi zusammen. Teilnehmen werden unter anderem Chinas Präsident Xi Jinping sowie Russlands Präsident Wladimir Putin.[1] Auf der Teilnehmerliste des von Indiens Premierminister Narendra Modi ausgerichteten Gipfels stehen weitere Staats- und Regierungschefs, darunter Massud Peseschkian, Präsident des BRICS-Mitglieds Iran, und Alexander Lukaschenko, Präsident des BRICS-Partnerlandes Belarus. Voraussichtlich wird auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, zu Gast sein. Die BRICS waren im Jahr 2006, also vor genau 20 Jahren, als zunächst informeller Zusammenschluss von Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) initiiert und 2009 als formeller Zusammenschluss gegründet worden. Südafrika trat im Jahr 2010 bei. In den Jahren 2024 und 2025 erlebte das Bündnis seine größte Erweiterung durch die Aufnahme von Ägypten, Äthiopien, Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indonesien. Auch Saudi-Arabien ist der Beitritt angeboten worden; das Land nahm als Gast am BRICS-Gipfel 2025 teil, besiegelte seine Mitgliedschaft jedoch bislang nicht.
Widersprüche im Bündnis
Der 18. Gipfel findet vor dem Hintergrund des Krieges gegen Iran statt, der die Widersprüche innerhalb der BRICS verschärft hat. Zwei BRICS-Mitgliedsstaaten befinden sich in einem militärischen Konflikt: Iran hat Vergeltungsschläge gegen US-Stützpunkte in den Vereinigten Arabischen Emiraten geführt; die Emirate haben zeitweise Gegenangriffe auf Ziele in Iran durchgeführt.[2] Auch die Beziehungen zwischen Iran und Indien haben sich verschlechtert, da Indien seine Beziehungen zu Israel weiter ausgebaut hat. Modis Besuch in Israel nur wenige Tage vor dem Angriff der USA und Israels auf Iran am 28. Februar hat zudem Fragen hinsichtlich Indiens diesjähriger BRICS-Präsidentschaft aufgeworfen. Beim Treffen der BRICS-Außenminister im Mai dieses Jahres gelang es nicht, eine einheitliche Erklärung des Bündnisses im Sinne von Irans Forderung abzugeben, die USA und Israel wegen deren rechtswidriger Aggression zu verurteilen.[3] Noch auf dem 17. BRICS-Gipfel, der im vergangenen Jahr kurz nach Israels Zwölf-Tage-Krieg gegen Iran stattfand, war eine gemeinsame Erklärung verabschiedet worden, in der „die seit dem 13. Juni 2025 gegen die Islamische Republik Iran gerichteten Militärschläge“ verurteilt wurden: Sie stellten, hieß es, „einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar“.[4] Beobachter gehen aktuell davon aus, dass auch die Abschlusserklärung des BRICS-Gipfels Iran nicht erwähnt und sich stattdessen vor allem auf wirtschaftliche Themen konzentriert.
Der Jaipur-Konsens
Diese Erwartung wird dadurch gestützt, dass die BRICS-Handelsminister erst im August auf ihrem Treffen in Jaipur eine gemeinsame Economic Partnership Strategy 2030 verabschiedet haben – den sogenannten Jaipur-Konsens.[5] Die Strategie umfasst Bereiche wie Handel, Investitionen, Innovation, digitale Wirtschaft und finanzielle Zusammenarbeit. Darüber hinaus bekräftigen die BRICS darin ihr Bekenntnis zu einem entwicklungsorientierten, regelbasierten globalen Handelssystem auf der Grundlage des Normensystems der Welthandelsorganisation (WTO); dieses wird in wachsendem Maß vor allem von den Vereinigten Staaten gebrochen. Die neue Strategie wird den BRICS-Staats- und Regierungschefs an diesem Wochenende zur endgültigen Verabschiedung vorgelegt. Indien strebt darüber hinaus an, die Vernetzung digitaler Zentralbankwährungen (CBDCs) unter den BRICS-Mitgliedern voranzutreiben, um grenzüberschreitende Zahlungen ohne Rückgriff auf den US-Dollar zu ermöglichen.[6] Damit folgt die Regierung in New Delhi einem Vorschlag der indischen Zentralbank.
Streit um eine BRICS-Währung
Allerdings sehen Beobachter Indien inzwischen als schwächstes Glied innerhalb des BRICS-Bündnisses an.[7] Dies ist vor allem auf die enge strategische Ausrichtung des Landes sowohl auf die USA als auch auf Israel zurückzuführen; sie schwächt die Geschlossenheit des Bündnisses. Indien hat zudem in der Vergangenheit eine Schlüsselrolle dabei gespielt, die Entwicklung einer Alternativwährung zum US-Dollar zu verhindern. Dies ist vor allem auf Indiens Widerstand gegen den chinesischen Yuan zurückzuführen, der die einzige BRICS-Währung mit ausreichendem Handelsvolumen und genügender finanzieller Tiefe ist, um eine etwaige ernstzunehmende BRICS-Währung zu stützen.[8] Noch im August dieses Jahres stellte Handelsminister Piyush Goyal zum Abschluss des BRICS-Handelsministertreffens in Jaipur Indiens Position zur Entdollarisierung klar: „Indien ist nicht für eine BRICS-Währung. Wir unterstützen die Einführung eines solchen BRICS-Währungssystems nicht; Indien lehnt es ab“.[9] Dabei sahen sich Indien und die anderen BRICS-Staaten freilich auch Drohungen seitens der USA ausgesetzt. Ende 2024 hatte Trump den BRICS-Staaten mit Zöllen in Höhe von 100 Prozent gedroht, sollten sie versuchen, den US-Dollar zu ersetzen.[10]
Indien und China
Xis Teilnahme an dem bevorstehenden Gipfel wurde erst am Donnerstag offiziell bestätigt.[11] Sein Besuch in Indien findet vor dem Hintergrund einmal mehr verschärfter Grenzkonflikte zwischen beiden Ländern statt. Im Mai hatte China erneut seine territorialen Ansprüche auf umstrittene Grenzgebiete im Osten Indiens bekräftigt. Mit der Begründung, die betreffende Region sei Teil der Autonomen Region Tibet, hat Beijing dort bereits im Mai 2025 27 Orte umbenannt, darunter 15 Berge, 5 Gemeinden und zwei Flüsse.[12] Indien reagierte jüngst darauf, indem es den Schritt als „eitle und absurde“ Maßnahme bezeichnete und die genannten 27 Orte auf der offiziellen indischen Landkarte mit ihren indischen Namen verzeichnete.[13] Zugleich wurden zuletzt jedoch auch Elemente der Entspannung in den bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern festgestellt, darunter die Wiederaufnahme von Direktflügen sowie Erleichterungen bei der Visaerteilung.[14]
Deutschland und die BRICS
Die Bundesregierung setzt darauf, die BRICS, die zusammengenommen etwa 49,5 Prozent der Weltbevölkerung stellen und fast 40 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung beitragen [15], nicht als geschlossenen Block zu behandeln, sondern gezielt mit einzelnen ihrer Mitglieder zu kooperieren – auch, um Spaltungen zwischen ihnen zu fördern. Außenminister Johann Wadephul erklärte auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz: „Vor einigen Jahren haben wir diese Länder zunächst als Mitglieder der BRICS betrachtet, und das hat uns gewissermaßen von ihnen entfremdet, und das war falsch.“[16] Er fügte hinzu: „Europa kann es sich nicht leisten, Länder allein deshalb zu meiden, weil sie im Rahmen der BRICS mit China oder Russland zusammenarbeiten.“ In diesem Sinne einigte sich die EU Anfang dieses Jahres etwa auf ein Freihandelsabkommen mit Indien (german-foreign-policy.com berichtete [17]). Dabei machte sich Brüssel nicht nur die Spannungen zwischen Indien und China, sondern auch die wachsenden Differenzen zwischen Indien und den USA zunutze. In der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Internationale Politik (DGAP) hieß es dazu, für Indien sei „eine vertiefte Kooperation mit den USA“ immer schwieriger geworden: „Europa nutzte die Chance.“[18]
[1] Apexa Rai: Brics Summit 2026: Who are attending, what's on agenda, and India's role. business-standard.com 08.09.2026.
[2] BRICS ‘condemn the military strikes’ against Iran, calls for unconditional Gaza ceasefire. english.alarabiya.net 06.07.2025.
[3] Sheikh Saaliq: BRICS ministers fail to issue a joint statement over differences on conflict in the Middle East. apnews.com 15.05.2026.
[4] BRICS ‘condemn the military strikes’ against Iran, calls for unconditional Gaza ceasefire. english.alarabiya.net 06.07.2025.
[5] BRICS Trade Ministers meet in Jaipur: Joint Declaration, 2030 strategy finalised. nationpress.com 07.08.2026.
[6] BRICS nations discuss linking payment systems and CBDCs, RBI chief says. reuters.com 11.08.2026.
[7] Ajay Srivastava: India’s difficult balancing act. financialexpress.com 09.09.2026.
[8] Rafael Silva Santos: India Brakes BRICS De-Dollarization as Brazil Pushes National Currency Trade. riotimesonline.com 04.09.2026.
[9] Sobhana K. Nair: Panel asks government if India will push de-dollarisation agenda at BRICS summit. thehindu.com 12.08.2026.
[10] TOI Business Desk: 'De-dollarisation not on agenda': India rebuffs Brics currency conspiracy claims; exploring cross-border rupee use. timesofindia.indiatimes.com 17.07.2025.
[11] Xinhua: Xi to attend BRICS summit in India. globaltimes.cn 10.10.2026.
[12] Xinlu Liang: China reasserts India border claims with fresh list of ‘standard’ place names. scmp.com 14.05.2025.
[13] Rishabh Madhavendra Pratap: "Can't Change Reality": India On China's Objection To Arunachal Move. ndtv.com 11.08.2026..
[14] GT Voice: Will China-India economic, trade relations move forward at BRICS Summit? globaltimes.cn 08.09.2026.
[15] Qian Feng: BRICS’ enduring dynamism shatters West's cognitive misperceptions. globaltimes.cn 26.08.2026.
[16] Germany's New BRICS Pragmatism: Europe Seeks Common Ground with India, Brazil. newkerala.com 14.02.2026.
[17] S. dazu „Abhängigkeiten reduzieren“.
[18] Leo Wigger: Für einen zugewandten Realismus in der deutschen Indien-Politik. internationalepolitik.de 31.8.2026.

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