„Abhängigkeiten reduzieren“
Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) richtet ein Indien-Zentrum ein: Berlin will seine Beziehungen zu New Delhi vertiefen, um die Abhängigkeit von China und den USA zu reduzieren.
BERLIN/NEW DELHI (Eigener Bericht) – Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) richtet in Berlin ein neues Indien-Zentrum ein und trägt damit den Bemühungen der Bundesregierung Rechnung, von China wie auch von den USA unabhängiger zu werden. Das neue Zentrum, das voraussichtlich noch im dritten Quartal dieses Jahres eröffnet wird, soll sechs „Schwerpunkte“ haben, darunter die Betrachtung der geopolitischen und geoökonomischen Position Indiens, die Stärkung der Lieferkettenresilienz für die EU sowie Forschung in den Bereichen Innovation und Technologie. Der Aufbau des neuen Zentrums fällt in eine Zeit, in der sich die Beziehungen Indiens zu seinem traditionellen großen Verbündeten, den USA, verschlechtert haben. Indien und die EU wiederum unterzeichneten Anfang dieses Jahres ein Freihandelsabkommen und wollen darauf aufbauend deutlich enger zusammenarbeiten. Darüber hinaus steben deutsche Rüstungsunternehmen eine intensivere Kooperation mit Indien an – nicht zuletzt, da das Land seine Waffenexporte bis 2029 auf einen Wert von fünf Milliarden US-Dollar aufstocken will. Die jährlichen Kosten für das neue Indien-Zentrum der DGAP werden auf rund 500.000 Euro geschätzt.
Das neue Indien-Zentrum
Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), eine der beiden bedeutendsten deutschen Denkfabriken auf dem Gebiet der Außenpolitik, richtet in Berlin ein neues Indien-Zentrum ein. „Ziel des Indienzentrums ist es, dazu beizutragen, in Deutschland ein umfassendes, objektives und aktuelles Indienbild zu entwickeln“, erklärt Stefan Halusa, der derzeit als Senior Associate Fellow bei der DGAP am Aufbau des Zentrums beteiligt ist.[1] Halusa, der zuvor an mehreren deutschen Außenhandelskammern in Asien tätig war, darunter in Mumbai, urteilt, das Bild, das viele Deutsche von Indien hätten, sei „häufig veraltet, klischeebehaftet und bruchstückhaft“ und werde „der Bedeutung Indiens als geopolitischer und geoökonomischer Faktor nicht gerecht“. Laut einem Konzeptpapier für das Zentrum, aus dem die Plattform table.media zitiert, soll Indien als „geopolitisches und ökonomisches Schwergewicht“ anerkannt werden, das für Deutschland ein enormes Potenzial berge, insbesondere im Hinblick auf die Verringerung „strategische[r] Abhängigkeiten insbesondere von China und den USA“. table.media zufolge wird der jährliche Finanzbedarf für Personal- und Sachkosten auf etwa 500.000 Euro geschätzt. Aktuell läuft das Auswahlverfahren für die Besetzung der Direktorenstelle. Der Aufbau des neuen Zentrums wird von Leo Wigger geleitet, einem Journalisten, der unter anderem im Kabinett des Europaparlamentspräsidenten tätig gewesen ist.[2] Die Eröffnung des Zentrums wird voraussichtlich noch im dritten Quartal dieses Jahres stattfinden.
Sechs Schwerpunkte
Laut table.media wird das Zentrum sechs „Schwerpunkte“ setzen. Der erste ist die Geopolitik; dabei werden Indiens Lage in Asien und seine Beziehungen zu China im Mittelpunkt stehen. Dann folgt die Geoökonomie; dabei geht es um Indiens Stellung in den globalen Lieferketten. Dritter Schwerpunkt sind die Bereiche grüne Energie und Klimaschutz einschließlich möglicher Kooperationen Indiens mit Deutschland und der EU bei der Entwicklung grüner Technologien. Viertens geht es um wirtschaftliche Sicherheit mit Fokus auf der Förderung von Forschung zur Lieferkettenresilienz und zum Schutz kritischer Infrastruktur. Fünftens soll die Handelskooperation unter besonderer Berücksichtung des bestehenden Freihandelsabkommens sowie bilateraler und multilateraler Handelsplattformen betrachtet werden. Der sechste Schwerpunkt („Innovation und Technologiewirtschaft“) soll sich mit der Zusammenarbeit zwischen Indien, Deutschland und der EU in Bereichen wie Cybersicherheit, KI-Entwicklung und digitaler Transformation befassen. Das Zentrum soll Fachpublikationen erstellen, Veranstaltungen durchführen und in Zusammenarbeit mit der indischen Botschaft in Deutschland auch Aktivitäten wie eine „India Tour de Germany“ organisieren. Darüber hinaus strebt es den Aufbau einer Netzwerkplattform und das Knüpfen von Verbindungen zu anderen internationalen Thinktanks an.
Die Folgen des Freihandelsabkommens
Die EU gehört zu den größten Handelspartnern Indiens; der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen belief sich im Jahr 2024 auf rund 208 Milliarden US-Dollar.[3] Im Januar dieses Jahres unterzeichneten beide Seiten das angeblich größte Freihandelsabkommen in der Geschichte Indiens. Das Abkommen, das die EU-Exporte laut Prognosen um 19,2 Milliarden US-Dollar steigern soll, benötigte fast zwei Jahrzehnte bis zur Unterzeichnung.[4] Indien wird Zölle auf über 96 Prozent der aus den EU-Ländern importierten Waren abschaffen oder senken, darunter Automobile, Maschinen, Alkohol und verarbeitete Lebensmittel. Die EU hingegen wird die Zölle auf 99,5 Prozent ihrer Importe aus Indien senken, darunter Schuhe, Bekleidung, Edelsteine und Schmuck sowie Meeresfrüchte. Das Abkommen stößt jedoch auf scharfe Kritik. Die Communist Party of India (Marxist) etwa, die in Indien zu den bedeutenderen Oppositionsparteien zählt und im südindischen Kerala bis vor Kurzem die Regierung stellte, bezeichnete es als „eine pauschale Kapitulation der wirtschaftlichen Interessen Indiens gegenüber der Europäischen Union“.[5] Sie warnt, die Senkung der Zölle auf EU-Waren werde zu massiven Einbußen bei den Lebensgrundlagen in Indien führen, da sie vor allem arbeitsintensive Sektoren treffe. Obwohl landwirtschaftliche Erzeugnisse und Milchprodukte aufgrund des Drucks der indischen Landwirte allgemein aus dem Abkommen ausgeklammert wurden, hat sich New Delhi bereit erklärt, eine Reihe von Agrarprodukten davon auszunehmen und die Zölle auf sie schrittweise abzubauen.
Rüstungskooperation
Zusätzlich zu dem Freihandelsabkommen hat die Bundesregierung in jüngster Zeit die Zusammenarbeit mit Indien im Rüstungsbereich vorangetrieben.[6] Im Juni vergangenen Jahres etwa unterzeichnete Diehl Defence eine strategische Kooperationsvereinbarung mit dem indischen Rüstungsunternehmen Reliance Defence Ltd. über die Produktion der präzisionsgelenkten 155-mm-Munition Vulcano in Indien. Kurz zuvor hatten die Rheinmetall AG und Reliance eine weitere strategische Partnerschaft angekündigt, in deren Rahmen Reliance für Rheinmetall Sprengstoffe und Treibmittel für mittel- und großkalibrige Munition herstellen wird. In diesem Kontext erhielte Rheinmetall Zugang zu wichtigen Rohstoffen und könnte seine Lieferketten stabilisieren. Derlei Verträge sind zudem Teil der seit 2022 andauernden Bemühungen Deutschlands, Indiens starke Abhängigkeit von Waffenimporten aus Russland zu verringern. Bereits im Juni 2023 erklärte der damalige Verteidigungsminister Boris Pistorius während eines Indienbesuchs: „Es ist nicht im Interesse Deutschlands, dass Indien langfristig von Waffenlieferungen aus Russland abhängig bleibt.“[7] Darüber hinaus wollen die deutschen Rüstungsunternehmen durch Kooperationen mit indischen Waffenschmieden von dem Plan der indischen Regierung profitieren, bis 2029 Waffenexporte im Wert von fünf Milliarden US-Dollar zu erzielen.
Indisch-amerikanische Spannungen
Das neue Indien-Zentrum der DGAP wird darüber hinaus zu einer Zeit gegründet, in der die Beziehungen zwischen Indien und den USA unter Druck geraten sind. Der mit dem Aufbau des Zentrums befasste Leo Wigger schrieb kürzlich in der DGAP-Zeitschrift Internationale Politik: „Eine vertiefte Kooperation mit den USA – lange eine Priorität Neu-Delhis – wurde unter anderem wegen der neuen Unberechenbarkeit der amerikanischen Pakistan-Politik politisch schwerer kalkulierbar. Europa nutzte die Chance.“[8] Wigger urteilt, Indien habe als „Absatzmarkt“ das Potenzial, „die deutsche Industrie oder gleich die europäische Außenpolitik aus der Krise“ zu holen. Allerdings gebe es aus europäischer und deutscher Perspektive „Herausforderungen“. Dazu gehörten unterschiedliche außenpolitische Positionen gegenüber Russland, Indiens Fokus auf die Stärkung der eigenen nationalen Industriekapazitäten sowie protektionistische Maßnahmen New Delhis. Wigger hebt zudem hervor, dass die deutsche Industrie in den vergangenen Jahren in Indien an relativem Marktanteil verloren hat; die europäischen Automobilhersteller etwa bedienen heute weniger als drei Prozent des gesamten indischen Kfz-Markts. Wigger erklärt, dennoch benötige die EU Indien als „Gegengewicht“ zur wirtschaftlichen Abhängigkeit von China.
[1] Angela Köckritz: Geopolitik: Wie Berlin die Indienkompetenz ausbauen will. table.media 11.05.2026.
[2] Leo Wigger. dgap.org.
[3] Abdul Rahman: Indian left opposes free trade agreement with EU, calls it “wholesale surrender” of country’s economic interests. peoplesdispatch.org 30.01.2026.
[4] Jasmin Gröschl: EU-India trade deal: EUR30bn of combined yearly export gains in a fragmented world. Allianz Research 26.01.2026.
[5] The Polit Bureau of the Communist Party of India (Marxist): Oppose the India-EU Free Trade Agreement. cpim.org 27.01.2026.
[6] S. dazu Rüstungs-Aufholjagd in Indien.
[7] Deutschland offen für Waffenlieferungen an Indien. dw.com 05.06.2023..
[8] Leo Wigger: Für einen zugewandten Realismus in der deutschen Indien-Politik. internationalepolitik.de 31.8.2026.

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