Im Zeitalter der Atomwaffen (III)

Die Bundesregierung denkt über eine Beteiligung an den britischen Nuklearstreitkräften nach – etwa mit der Lieferung von Raketen. Damit wäre unter Umständen Mitsprache über die britischen Atomwaffen verbunden.

LONDON/BERLIN (Eigener Bericht) – In Berlin werden Überlegungen angestellt, mit den Nuklearstreitkräften Großbritanniens zu kooperieren. Dies berichtet die Tageszeitung The Telegraph. Dies könnte Deutschland Einfluss auf, vielleicht gar Mitsprache über den Einsatz von Atomwaffen verschaffen. Im ersten Schritt ist im Gespräch, die Nuklearstreitkräfte des Vereinigten Königreichs nichtnuklear zu unterstützen – etwa durch die Entsendung von Patriot-Luftabwehrbatterien an die schottische U-Boot-Basis Faslane, wo nuklar bewaffnete Atom-U-Boote stationiert sind. Darüber hinaus könne man auf lange Sicht die US-Elemente der britischen Nuklearstreitkräfte – beispielsweise die Trident-Raketen – durch deutsch-britische Waffensysteme ersetzen. Grundlage der Überlegungen ist der Ausbau der deutsch-britischen Rüstungskooperation, der sich vor allem seit dem vergangenen Jahr beschleunigt und umfassende Investitionen deutscher Waffenschmieden im Vereinigten Königreich umfasst, von Rheinmetall bis zu Helsing. In Rüstungskreisen ist schon von einem „goldenen Zeitalter“ der deutsch-britischen Zusammenarbeit in der Herstellung von Waffensystemen aller Art die Rede – von Panzern bis zu KI-gesteuerten Drohnen.

Boomende Rüstungskooperation

Die Grundlagen für den gegenwärtigen Boom der deutsch-britischen Rüstungskooperation wurden bereits bald nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU am 31. Januar 2020 gelegt. Nach entsprechenden Vorarbeiten unterzeichneten zunächst die Außenminister beider Länder am 30. Juni 2021 eine Gemeinsame Absichtserklärung über die deutsch-britische außenpolitische Zusammenarbeit. Auf eine Übereinkunft von Bundeskanzler Olaf Scholz und Premierminister Rishi Sunak vom 24. April 2024, die unter anderem eine Intensivierung der Rüstungs- und Militärkooperation vorsah, sowie eine Erklärung der Verteidigungsminister beider Länder vom 24. Juli 2024, die ebenfalls eine deutlich stärkere Rüstungszusammenarbeit in den Blick nahm, folgte am 23. Oktober 2024 der Abschluss des Trinity House Agreement, das erste „konkrete Schlüsselprojekte für den gemeinsamen Fähigkeitsaufbau in allen Dimensionen“ auflistete. Den Abschluss der Serie bilateraler Übereinkünfte bildete der Kensington-Vertrag über Freundschaft und bilaterale Zusammenarbeit vom 17. Juli 2025, der eine breite Palette an Zielen zur Kooperation etwa in Wirtschaft, Forschung und Bildung umfasste; dabei bezog auch er sich nicht zuletzt auf die Außen- und Militärpolitik.[1]

Deutsche Investitionen

Der Ausbau der Rüstungskooperation besteht zur Zeit vor allem in Investitionen deutscher Waffenschmieden im Vereinigten Königreich, die seit dem vergangenen Jahr gewaltig Fahrt aufnehmen. Rheinmetall etwa stellt in Großbritannien Schützenpanzer vom Typ Boxer her und hat in Telford eine „UK Gun Hall“ eröffnet, in der Artilleriesysteme sowie Panzerrohre gefertigt werden.[2] Auch deutsche Drohnen-Startups errichten im Vereinigten Königreich Fabriken. So produziert Stark Defence in einem neuen Werk in Swindon Drohnen aller Art, darunter etwa solche, die sich in bis zu 100 Kilometern Entfernung auf feindliche Panzer stürzen, um sie zu zerstören. Das sei billiger als herkömmliche Raketen, heißt es dazu.[3] In Großbritannien hat mittlerweile auch Helsing zu investieren begonnen, Europas mit einer Bewertung von 18 Milliarden Euro zur Zeit wertvollstes Rüstungs-Startup. Helsing stellt in Plymouth Unterwasserdrohnen her, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) gesteuert werden und in der Lage sind, feindliche U-Boote aufzuspüren. Berichten zufolge ist nicht zuletzt geplant, sie in großer Zahl einzusetzen, um so eine Art Unterwasser-Abwehrkette zu errichten. Auf diese Weise soll es möglich sein, Gewässer gegen das Eindringen feindlicher U-Boote und Schiffe zu schützen.[4]

Deep Precision Strike (DPS)

Zu den bislang bedeutendsten deutsch-britischen Rüstungsprojekten zählen Vorhaben zur Entwicklung und Produktion weitreichender Präzisionswaffen (Deep Precision Strike, DPS), mit denen es möglich sein soll, Ziele weit im Hinterland eines Feindes zu treffen. Aktuell geht es insbesondere um die Vorbereitung auf den Beschuss von Zielen tief in Russland. Deutschland und Großbritannien haben in Umsetzung von Bestimmungen des Trinity House Agreement begonnen, verschiedene Raketen zu entwickeln – darunter Hyperschallraketen –, die eine Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern haben. Sie sollen um das Jahr 2034 herum einsatzbereit sein.[5] Hinzu kommen inzwischen weitere Programme. London hat am Rande des NATO-Gipfels in Ankara eine neue Initiative gestartet, an der insgesamt zwölf NATO-Staaten teilnehmen, darunter die Bundesrepublik. Ziel ist es ebenfalls, weitreichende Präzisionswaffen zu bauen; die Rede ist von einem Marschflugkörper und einer weiteren Hyperschallrakete. Experten gehen davon aus, dass Deutschland auch im Rahmen dieses Programms eine herausragende Bedeutung einnehmen soll.[6] Auch in diesem Fall wird mit einer Einsatzbereitschaft in den frühen 2030er Jahren gerechnet. Dann werde man von weitreichenden US-Waffen unabhängig sein, heißt es.

Nichtnukleare Beteiligung

Wie in der vergangenen Woche die britische Tageszeitung The Telegraph berichtete, die sich mittlerweile im Besitz des mächtigen deutschen Springer-Konzerns (Bild, Die Welt, Politico) befindet, werden gegenwärtig in Berlin Überlegungen angestellt, die immer engere bilaterale Rüstungskooperation um eine Zusammenarbeit bei Atomwaffen zu erweitern. Konkret ist demnach im Gespräch, in der einen oder anderen Form einen Beitrag zu den britischen Nuklearstreitkräften zu leisten. Dieser könne etwa darin bestehen, Einheiten der Bundeswehr mit Flugabwehrbatterien vom Typ Patriot an die U-Boot-Basis im schottischen Faslane zu entsenden. Dort sind die mit nuklear bestückbaren Trident-Raketen ausgestatteten britischen U-Boote stationiert.[7] Der Plan, Großbritanniens Nuklearstreitkräfte konventionell zu unterstützen, entspricht im Großen und Ganzen dem inzwischen in Gang gesetzten Vorhaben, den Nuklearstreitkräften Frankreichs mit Truppen der Bundeswehr nichtnuklear zur Seite zu stehen (german-foreign-policy.com berichtete [8]). Offiziell heißt es zur Begründung, man wolle die europäischen Nuklearstreitkräfte stärken, um im Fall einer weiteren Eskalation des Konflikts mit den Vereinigten Staaten auch eigenständig handlungsfähig zu sein.

Nukleare Mitsprache

Dabei gehen die deutschen Pläne bezüglich der britischen Nuklearstreitkräfte darüber hinaus. Diese sind bislang abhängig von den USA: Dort werden die Trident-Raketen hergestellt und gewartet; zudem wird der neue britische Sprengkopf namens Astraea gemeinsam mit dem US-amerikanischen W93-Sprengkopfprogramm entwickelt.[9] Das löse Sorgen in Berlin aus, berichtet The Telegraph. Schließlich könne man sich so nicht aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten lösen. In der deutschen Hauptstadt werde deshalb darüber nachgedacht, finanziell zum britischen Nuklearprogramm beizutragen – und damit neue Waffensysteme zu finanzieren. So wird darauf hingewiesen, dass die deutsche Werft TKMS U-Boote für Israel gebaut hat, die mit Nuklearwaffen ausgestattet werden können.[10] Darüber hinaus heißt es, Deutschland und Großbritannien seien ohnehin schon dabei, gemeinsam Raketen mit großer Reichweite zu entwickeln, darunter Hyperschallraketen. Dies legt nahe, perspektivisch auch atomar bestückbare Raketen zu produzieren, um nicht mehr auf die US-amerikanischen Trident-Raketen angewiesen zu sein. Aus Sicht der Bundesregierung hätte der Vorstoß nicht zuletzt den Vorteil, dass er der Bundesrepublik direkten Einfluss und damit auch Mitsprache über Nuklearstreitkräfte und ihren Einsatz böte. Das ist bei der Nuklearkooperation mit Frankreich nicht der Fall.

 

Mehr zum Thema: Im Zeitalter der Atomwaffen und Im Zeitalter der Atomwaffen (II).

 

[1] S. dazu Europas Mächtedreieck.

[2] Matt Oliver: The foreign suppliers propping up a ‘Made in Britain’ defence boom. telegraph.co.uk 20.08.2026.

[3] George Allison: STARK debuts Cascade and Gambit drones with UK partner. ukdefencejournal.org.uk 08.06.2026.

[4] Ingrid Lunden: Helsing opens its first UK ‘Resilience Factory’ to build maritime tech. reliencemedia.co 19.11.2025.

[5] Carolina Drüten, James Rothwell, Hans van Leeuwen: „Goldenes Zeitalter“ – Bei der Verteidigung setzen die Briten nun auf Deutschland. welt.de 21.07.2026.

[6] $50bn boost for European deep precision strike capabilities as UK leads new initiative. gov.uk 08.07.2026.

[7] Joe Barnes, James Rothwell, James Crisp: Germany in talks to help fund Trident. telegraph.co.uk 26.08.2026.

[8] S. dazu Im Zeitalter der Atomwaffen.

[9] Joe Barnes, James Rothwell, James Crisp: Germany in talks to help fund Trident. telegraph.co.uk 26.08.2026.

[10] S. dazu Im nationalen Interesse Deutschlands (II).


Anmelden

ex.klusiv

Den Volltext zu diesem Informationsangebot finden Sie auf unseren ex.klusiv-Seiten - für unsere Förderer kostenlos.

Auf den ex.klusiv-Seiten von german-foreign-policy.com befinden sich unser Archiv und sämtliche Texte, die älter als 14 Tage sind. Das Archiv enthält rund 5.000 Artikel sowie Hintergrundberichte, Dokumente, Rezensionen und Interviews. Wir würden uns freuen, Ihnen diese Informationen zur Verfügung stellen zu können - für 7 Euro pro Monat. Das Abonnement ist jederzeit kündbar.

Möchten Sie dieses Angebot nutzen? Dann klicken Sie hier:
Persönliches Förder-Abonnement (ex.klusiv)

Umgehend teilen wir Ihnen ein persönliches Passwort mit, das Ihnen die Nutzung unserer ex.klusiven Seiten garantiert. Vergessen Sie bitte nicht, uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.

Die Redaktion

P.S. Sollten Sie ihre Recherchen auf www.german-foreign-policy.com für eine Organisation oder eine Institution nutzen wollen, finden Sie die entsprechenden Abonnement-Angebote hier:
Förder-Abonnement Institutionen/Organisationen (ex.klusiv)