Aus dem Lot geraten (II)

Berlin denkt über deutsch-französische Marschflugkörper und Raketen nach, um den Pariser Unmut über seinen Durchmarsch in der Rüstung zu dämpfen. Frankreich sucht mit operativer Erfahrung und seiner Nukleartruppe stärker zu punkten.

PARIS/BERLIN (Eigener Bericht) – Vor hochrangigen deutsch-französischen Treffen am heutigen Donnerstag und am morgigen Freitag bemüht sich die Bundesregierung, den Unmut in Paris über die jüngsten Berliner Alleingänge in Sachen Militär und Rüstung zu dämpfen. In Frankreich löst die offen erklärte deutsche Absicht, die Bundeswehr zu den stärksten konventionellen Streitkräften Europas zu machen, ebenso zunehmend Sorgen aus wie die Absage deutsch-französischer High-Tech-Rüstungsprojekte zugunsten nationaler Vorhaben. All dies könne Frankreich „deklassieren“, warnt der Generalstabschef des Landes, Fabien Mandon. In Berlin wird nun, um ein Festhalten am gemeinsamen Vorgehen wenigstens zu suggerieren, eine deutsch-französische Herstellung von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen erwogen. Bei beidem verfügt die deutsche Rüstungsindustrie bislang nicht über nennenswerte Fähigkeiten, die französische hingegen schon. Paris ist bereit zur Kooperation, setzt aber zugleich darauf, seine beiden letzten Alleinstellungsmerkmale mehr zur Geltung kommen zu lassen – seine operative militärische Erfahrung und seine Nuklearstreitkräfte. Es plant aggressive Manöver der von ihm geführten „Koalition der Willigen“; es dehnt seinen „Nuklearschirm“ über Europa aus.

Reichweite bis Moskau

Zu den neuen deutsch-französischen Rüstungsprojekten, die Berichten zufolge seit geraumer Zeit in Planung sind und am morgigen Freitag beim Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrat bekanntgegeben werden könnten, zählen außer einem Frühwarnsystem für weitreichende Raketen insbesondere Raketen und Marschflugkörper mit großer Reichweite, sogenannte Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten. Zwar hat Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich mitgeteilt, sich mit den USA auf die Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern geeinigt zu haben. Unbestätigte Medienberichte gehen von 400 Marschflugkörpern bei einem Gesamtpreis von rund 1,4 Milliarden Euro aus; dabei sind drei Typhon-Startsysteme bereits eingerechnet.[1] Mit einer Reichweite von mehr als 2.500 Kilometern sind die Tomahawks in der Lage, Ziele in Moskau oder an anderen Orten weit im russischen Hinterland zu zerstören. Allerdings bleiben zahlreiche Unklarheiten. So haben die USA bis zum Inkrafttreten des Waffenstillstands im Irankrieg wohl ein Drittel ihrer Tomahawk-Bestände verfeuert. Wann sie wieder exportieren, anstatt ihre eigenen Lager zu füllen, ist unklar. Zudem ist ein Einsatz der Tomahawk auf US-Software und -Daten angewiesen; damit bleibt Berlin von Washington abhängig. Merz hat denn auch angekündigt, weiterhin eigene europäische Systeme entwickeln zu wollen.

Marschflugkörper

Als Ausgangspunkt für ein solches bietet sich insbesondere der Missile de Croisière Naval (MdCN) an, ein Produkt von MBDA France. Die deutsche Rüstungsbranche hat bislang keine Marschflugkörper mit entsprechender Reichweite zur Verfügung; der Marschflugkörper Taurus, der von MBDA Deutschland und Saab Bofors Dynamics produziert wird, bringt es nur auf rund 500 Kilometer. Damit lässt sich Moskau von Deutschland aus nicht erreichen. Der MdCN ist als Marinemarschflugkörper entwickelt worden; seine Reichweite wird von U-Booten aus auf rund 1.000 Kilometer, von Kriegsschiffen aus auf sogar rund 1.400 Kilometer beziffert. MBDA France ist dabei, ihn weiterzuentwickeln; der MBDA-Produktlinienleiter Paul Houot wird mit der Äußerung zitiert, europäische Staaten, die „an einer Alternative zum amerikanischen System interessiert“ seien, seien dazu eingeladen, „sich Frankreich bei der Weiterentwicklung des MdCN anzuschließen“.[2] Dabei geht es mittlerweile um mehr als nur einen Marinemarschflugkörper. In Entwicklung ist inzwischen eine bodengestützte Variante, die Land Cruise Missile; sie wird, wie es heißt, Ziele in einer Entfernung von „weit mehr“ als 1.000 Kilometern treffen können. Sie könne auch in „Abnehmerländern“ gefertigt werden, zum Beispiel in Deutschland, wird Houot zitiert.

Ballistische Raketen

Darüber hinaus ist mittlerweile auch die Produktion ballistischer Raketen im Gespräch. Als Hersteller bietet sich ArianeGroup an, ein Joint Venture von Airbus sowie dem französischen Rüstungskonzern Safran. Das Unternehmen fertigt unter anderem die Trägerraketen Ariane, die gewöhnlich auf dem Weltraumbahnhof Kourou in Frankreichs Kolonie Guyane française gestartet werden. Es stellt zudem den Missile M51 her, den Frankreichs Nuklearstreitkräfte nutzen. Seine Reichweite wird geheimgehalten; Experten schätzen sie auf bis zu 10.000 Kilometer. Wie der Leiter der Rüstungssparte bei der ArianeGroup, Vincent Pery, vor kurzem bestätigte, führt sein Unternehmen bereits „mit Frankreich und Deutschland Gespräche über die mögliche Entwicklung konventioneller ballistischer Raketen“.[3] Laut Pery sind „wenige Jahre Entwicklungszeit … realistisch“; die Reichweite der Raketen könne zwischen 1.000 und 2.500 Kilometern liegen. Dabei biete man – wie MBDA mit seinen Marschflugkörpern – „eine souveräne europäische Lösung“ an, die nicht auf US-Bauteile angewiesen sei. Sofern es „eine politische Entscheidung“ gebe, könne man „konventionelle ballistische Raketen auch in Deutschland herstellen“, wo bereits vier Produktionsstätten der ArianeGroup existierten.

Operative Erfahrung

Während Paris sich für eine gemeinsame deutsch-französische Produktion von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern offen gibt, reagiert es auch anderweitig auf das deutsche Streben, die Bundeswehr zu den stärksten konventionellen Streitkräften Europas zu machen [4] sowie in der militärischen Luft- und Raumfahrtindustrie die Nummer eins auf dem Kontinent zu werden [5]. Mit beidem droht Deutschland Frankreich schon in einigen Jahren „abzuhängen“, wie vor kurzem der französische Generalstabschef Fabien Mandon warnte: „Das Argument, dass wir über operative Erfahrung und eine gewisse Einsatzkultur verfügen, wird dann nicht mehr stichhaltig sein.“[6] Paris führt, um seine „operative Erfahrung“ zur Geltung zu bringen sowie seiner drohenden Deklassierung durch die Bundesrepublik etwas entgegenzusetzen, seit März vergangenen Jahres gemeinsam mit Großbritannien die „Koalition der Willigen“ zur Unterstützung der Ukraine sowie die Bestrebungen an, einen europäischen Marineeinsatz in der Straße von Hormuz zu starten, an. Beim jüngsten Treffen der „Koalition der Willigen“ am Montag in Paris habe man sich geeinigt, in den nächsten Monaten gemeinsame Kriegsübungen in Polen oder in anderen Nachbarstaaten der Ukraine abzuhalten, teilte Präsident Emmanuel Macron nach dem Treffen mit: Man wolle „zeigen, dass wir bereit, entschlossen und glaubwürdig sind“, und dies „zu Land, in der Luft und zur See“.[7]

Nuklearstreitkräfte

Darüber hinaus ist Paris bestrebt, das einzige Feld zu nutzen, auf dem Berlin – noch – nicht mit ihm rivalisieren kann: seine Nuklearstreitkräfte. Frankreich arbeitet seit Monaten daran, einen sogenannten Nuklearschirm über Europa aufzuspannen. Es begründet das damit, dass der nukleare Schutz durch die USA nicht mehr verlässlich sei. Das Konzept der „forward deterrence“ sieht vor, dass Paris zwar weiterhin allein über den etwaigen Einsatz seiner Atomwaffen entscheidet und auch alle einschlägigen Planungen eigenständig vornimmt. Es erklärt jedoch, wegen der engen Verflechtung der europäischen Länder seien Frankreichs Interessen von denjenigen anderer Staaten Europas kaum zu trennen. Ein Angriff auf sie sei deshalb auch für die französische Nuklearstrategie relevant. Konkret bietet Frankreich an, verbündete Staaten zu „strategischen Konsultationen“ einzuladen, seine Nuklearbomber zeitweise auf deren Territorium zu stationieren oder Verbündete in die Nuklearmanöver der französischen Streitkräfte einzubinden.[8] Eine formale Nukleargarantie leiste Paris zwar nicht; es verstärke aber mit seinen Maßnahmen die nukleare Abschreckung ein Stück. Frankreich führt inzwischen Gespräche darüber mit neun Staaten, darunter Deutschland.[9] Damit gleicht es drohende Einflussverluste auf den Feldern von Militär und Rüstung teilweise aus.

 

Mehr zum Thema: Aus dem Lot geraten.

 

[1] Luise Evers, Nicolas Butylin: Merz kauft Uralt-Technik für 1,4 Milliarden: Sind Tomahawks ihr Geld überhaupt noch wert? berliner-zeitung.de 09.07.2026.

[2], [3] Niklas Záboji: Berlin und Paris sprechen über Entwicklung weitreichender Raketen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.07.2026.

[4] S. dazu Militärrepublik Deutschland und Die „europäische Führungsrolle“ der Bundeswehr.

[5] S. dazu „Führend in der militärischen Luftfahrt“.

[6] Elsa Conesa, Philippe Jacqué : En Europe, la crainte du retour de l’Allemagne comme puissance militaire. lemonde.fr 08.06.2026.

[7] Michaela Wiegel: Eine Parade der europäischen Entschlossenheit. Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.07.2026.

[8] Sebastian Clapp: Nuclear deterrence in Europe and the French ‘forward deterrence’ initiative. European Parliamentary Research Service, July 2026.

[9] Frankreich führt inzwischen Gespräche mit Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Schweden und dem Vereinigten Königreich.


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