Jenseits der NATO
Politiker und Militärs in mehreren europäischen NATO-Staaten arbeiten an Optionen militärischer Handlungsfähigkeit jenseits der Allianz – vor allem in den nordischen Staaten und in Großbritannien.
BRÜSSEL/BERLIN (Eigener Bericht) – Ungeachtet aller Appelle zum Aufbau einer „europäischen NATO“ arbeiten Politiker wie auch Militärs in mehreren europäischen NATO-Mitgliedstaaten an Optionen militärischer Handlungsfähigkeit jenseits der Allianz. Ursache sind Befürchtungen, auch eine „europäische NATO“, in der zentrale Kommandoposten und Waffensysteme von europäischen Staaten gestellt würden, könne letztlich von den USA „blockiert“ werden, wenn ihre Aktivitäten Washington nicht passten. Schon seit längerer Zeit werden deshalb Forderungen nach einem „Plan B“ laut. In den nordischen Staaten heißt es, ein „starker nordeuropäischer Verteidigungscluster“ könne zum „Kern“ eines solchen Plans werden. Großbritannien wiederum hat seit 2014 mit der Joint Expeditionary Force (JEF) eine Streitmacht aufgebaut, die zwar NATO-kompatibel, aber auch ohne die NATO einsatzfähig ist; ihr Hauptquartier in Northwood verfügt über eigenständige Strukturen aller Art. Unlängst haben die zehn Mitgliedstaaten der JEF beschlossen, gemeinsame Seestreitkräfte aufzubauen – gegen Russland. Zudem heißt es, die NATO orientiere sich an überkommenen Doktrinen; es gelte, am Drohnenkrieg orientiert, „europäische“ Wege der Kriegsführung zu finden.
„Wir brauchen einen Plan B“
Jenseits der Bestrebungen, die NATO stärker auf Personal und Waffen aus Europa zu stützen und damit zugleich die Eigenständigkeit der europäischen Mitgliedstaaten gegenüber den USA auszubauen [1], werden mittlerweile auch Optionen diskutiert, jenseits der NATO militärische Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Anlass dafür ist, wie berichtet wird, nicht zuletzt die Befürchtung, Washington könne, sollten die Länder Europas in einen bewaffneten Konflikt verwickelt werden, nicht bloß seine militärische Unterstützung verweigern, sondern womöglich sogar die NATO-Strukturen für Europa blockieren. Mit Blick darauf, dass die Vereinigten Staaten die NATO bislang dominieren – zentrale Strukturen etwa wurden um US-Führungspersonal herum und mit US-Technologie errichtet –, ließ sich kürzlich ein Insider mit der Frage zitieren: „Welche Befehlskette kann man nutzen, wenn Amerika die NATO blockiert?“[2] Noch sei es so, dass ohne die Vereinigten Staaten mit einer „Zersplitterung des Ökosystems der Abschreckung“ zu rechnen sei, wird etwa Luis Simón von der Freien Universität Brüssel zitiert. Allerdings gebe es inzwischen Streitkräfte, die insgeheim Pläne schmiedeten, wie sie ohne Rückgriff auf die Kommandoinfrastruktur der NATO Krieg führen könnten, heißt es. Ein Regierungsmitarbeiter aus Schweden wird mit der Aussage zitiert: „Wir brauchen einen Plan B.“[3]
„Ein nordischer Verteidigungscluster“
Über einen solchen „Plan B“ wird gegenwärtig nicht zuletzt in den nordeuropäischen Staaten diskutiert. Bereits im November hatte Matti Pesu, ein Experte des Finnish Institute of International Affairs (FIIA), erklärt, „ein starker nordischer Verteidigungscluster“ könne zum „Kern“ eines „Plan B“ werden.[4] Zwar könnten „die europäischen Verbündeten“ bislang auf keinen Fall die US-Militärmacht in vollem Umfang ersetzen. Doch könne eine „engere nordische Integration“ dazu beitragen, eine „glaubwürdige Abschreckung und Verteidigung“ zu leisten. Pesu, der seit 2023 das „Nordische Netzwerk“ des FIIA leitet, schrieb, vor allem Großbritannien „mit seiner operativen Erfahrung und seiner maritimen Reichweite“ und Frankreich „mit seinen nuklearen Fähigkeiten und seinen Expeditionsstreitkräften“ könnten als „natürliche Partner“ für eine Militärkooperation mit den nordischen Ländern gelten. Frankreich ist bereits seit einiger Zeit mit einigen Staaten Nordeuropas über eine Ausweitung seines „Nuklearschirms“ im Gespräch.[5] Auch gebe es eine „Nachfrage nach einer tieferen nordisch-baltisch-polnischen Koordination in der Außen- und Verteidigungspolitik“, hielt Pesu mit Blick auf die nordosteuropäische Formierung gegen Russland fest. Die fünf Staaten Nordeuropas [6] arbeiten seit dem Jahr 2009 militärisch im Rahmen der Nordic Defence Cooperation (NORDEFCO) zusammen.
„Die etablierteste aller Alternativen“
Als eine größere und vor allem bereits handlungsfähige alternative Militärstruktur wird oft die von Großbritannien geführte Joint Expeditionary Force (JEF) genannt. Die Streitmacht, die 2014 gegründet wurde, ist seit 2018 einsatzbereit. Ihr gehören zehn NATO-Mitglieder an – außer dem Vereinigten Königreich die fünf nordischen und die drei baltischen Staaten und die Niederlande; über Kanadas Beitritt wird diskutiert. Die JEF kann im NATO-Rahmen intervenieren, ist aber in der Lage, auch dann militärisch einzugreifen, wenn im Bündnis der erforderliche Konsens sich nicht herstellen lässt. Auch im Hinblick darauf verfügt ihr Hauptquartier in Northwood im Nordwesten Londons über umfassende Fähigkeiten, so etwa in nachrichtendienstlichen, planerischen und logistischen Belangen.[7] Es hat zudem sichere Kommunikationsnetze, die nicht auf NATO-Infrastruktur angewiesen sind. Damit sei „die JEF die etablierteste aller Alternativen“, wird Edward Arnold, ein Experte vom Royal United Services Institute (RUSI) in London, zitiert. Die JEF ist bereits mehrmals aktiviert worden, vor allem zu Manövern, aber auch zu regulären Patrouillen in der Ostsee, die gegen Russland gerichtet waren. Sie verfügt über schnelle Eingreifkräfte, die innerhalb kürzester Zeit intervenieren können. Allerdings ist sie auf das nördliche Europa fokussiert.
„Echte Kriegspläne“
Im April haben sich die JEF-Staaten geeinigt, in einem nächsten Schritt gemeinsame Seestreitkräfte aufzubauen. Sie sind als Ergänzung zur NATO geplant, sollen aber offenbar auch eigenständig operationsfähig sein. Als erste Ziele werden gemeinsame Übungen und aufeinander abgestimmte Vorbereitungen auf den Ernstfall genannt. Das Hauptquartier der Seestreitkräfte soll – wie das Hauptquartier der JEF schon heute – in Northwood angesiedelt sein, von wo aus die Truppen „bei Bedarf“ kommandiert würden, wie es heißt.[8] Sie seien „darauf ausgelegt, bei Bedarf sofort zu kämpfen – mit echten Fähigkeiten, echten Kriegsplänen und echter Integration“, betont General Gwyn Jenkins, der aktuell als First Sea Lord – als ranghöchster Soldat der britischen Marine – und zugleich als Chef des Marinestabes amtiert. Als Gegner der künftigen JEF-Seestreitkräfte wird Russland genannt, die laut Jenkins „größte Gefahr für unsere Sicherheit“.[9] Mit Blick nicht bloß auf die Seestreitkräfte, sondern auch auf die gesamte JEF weisen Beobachter darauf hin, dass der Streitmacht noch eines fehle – Schwergewichte zusätzlich zu Großbritannien wie etwa Deutschland, Frankreich und Polen.[10] Deutschland konzentriert seine Marineaktivitäten zur Zeit stark auf die Ostsee und den Nordatlantik.[11] Dass Berlin bereit wäre, sich britischer Führung unterzuordnen, darf allerdings bezweifelt werden.
„Europäisch kämpfen“
Neben der Orientierung auf unabhängig von der NATO operierende Streitkräfte wie die JEF beginnen europäische Militärs auch über neue Methoden der Kriegsführung nachzudenken – angespornt durch den Ukraine-Krieg und die immense Bedeutung, die heute Drohnen und zunehmend Roboter haben. In der NATO sei das „taktisch-operative konzeptionelle Denken“ mehr oder weniger „1991 zum Stillstand gekommen“, erklärte der stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber für Europa, John Stringer, erst kürzlich auf einer Konferenz des RUSI.[12] Entsprechend überholt sei die gesamte NATO-Doktrin, räumen Militärs und Politiker ein; zudem verfüge man nicht selten über die falsche Technologie. Zur Zeit zeigt der Irankrieg, dass es nach überkommener Lehre weitaus unterlegenen Ländern gelingen kann, sich gegen nach traditionellen Kategorien viel stärkere Streitkräfte strategisch zu behaupten: mit billigen Drohnen etwa, die feindliche Bestände an teuren Abwehrraketen leeren.[13] Streitkräfte in Europa haben mittlerweile begonnen, mit Hilfe ukrainischer Militärs und Experten neue Wege in der Kriegsführung zu erkunden. Eine Abkehr von den Vereinigten Staaten könne bei diesem Prozess sogar von Vorteil sein, wird ein französischer Regierungsmitarbeiter zitiert: „Weniger Amerika“ bedeute nicht zuletzt, dass man sich endlich fragen könne, „wir wir kämpfen werden, wenn wir nicht mehr wie die Amerikaner kämpfen müssen“.[14]
[1] S. dazu Die europäische NATO und Die europäische NATO (II).
[2], [3] Europe’s secret plan B to replace NATO. economist.com 19.05.2026.
[4] Matti Pesu: Nordic military cooperation as an enabler and hedge. helsinkisecurityforum.fi 18.11.2025.
[5] Jonas Olsson: Macron’s nuclear pact expands across Scandinavia as global forces surge. breakingdefense.com 08.06.2026.
[6] Es handelt sich um Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen und Island.
[7] Europe’s secret plan B to replace NATO. economist.com 19.05.2026.
[8], [9] Dan Sabbagh: Britain to create joint naval force with nine European countries as ‘complement’ to Nato. theguardian.com 29.04.2026.
[10] Europe’s secret plan B to replace NATO. economist.com 19.05.2026.
[11] S. dazu Rekorde im Kriegsschiffbau.
[12] Ben Hall, Charles Clover, Henry Foy: How Europe would fight without America. ft.com 07.07.2026.
[13] S. dazu Von der Ukraine lernen und Von der Ukraine lernen (II).
[14] Ben Hall, Charles Clover, Henry Foy: How Europe would fight without America. ft.com 07.07.2026.

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