Im Pantheon der Kollaborateure

Die Ukraine holt die Leichname von NS-Kollaborateuren aus dem Ausland heim, benennt eine Spezialkräfteeinheit nach Massenmördern und plant weitere Umbettungen. Zwei berühmte NS-Kollaborateure sind in München begraben. Berlin schweigt.

BERLIN/KIEW (Eigener Bericht) – Die Bundesregierung schweigt zur mehrfachen Ehrung ukrainischer NS-Kollaborateure und Massenverbrecher in Kiew – und dies, obwohl schon in Kürze deutsche Stellen womöglich weitere solche Ehrungen ermöglichen sollen. In der vergangenen Woche ist der Leichnam von Andrij Melnyk aus Luxemburg in die Ukraine überführt und dort erneut begraben worden, im Beisein von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Melnyk war Anführer der OUN(M) (Organisation Ukrainischer Nationalisten Melnyk), einer Organisation ukrainischer NS-Kollaborateure, von denen viele der Waffen-SS-Division Galizien beitraten. Zudem hat Selenskyj einer Einheit der ukrainischen Spezialeinsatzkräfte den Titel „Helden der UPA“ verliehen. Die UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) massakrierte im Zweiten Weltkrieg fast 100.000 Polen und zahllose Juden. Protest gegen die Maßnahmen kam aus Polen und aus Israel, nicht aber von der Bundesregierung. Kiew plant jetzt die Errichtung eines „Pantheons herausragender Ukrainer“ und will dazu weitere Kollaborateure der Nazis umbetten. Diskutiert wird die Überführung der Leichname zweier von diesen, die in München begraben sind. Deutsche Stellen müssten den Schritt genehmigen.

„Helden der Ukraine“

Die staatliche Ehrung von NS-Kollaborateuren ist in der Ukraine kein neues Phänomen. Sie begann unter dem prowestlichen Präsidenten Wiktor Juschtschenko (2005 bis 2010), der 2007 Roman Schuchewytsch und 2010 Stepan Bandera posthum zu „Helden der Ukraine“ erklärte. Schuchewytsch war einer der Anführer der UPA und setzte den Krieg gegen die Sowjetunion noch nach 1945 im Untergrund fort. Bandera war Anführer der OUN(B), die mit Melnyks OUN(M) rivalisierte. Nach dem prowestlichen Umsturz im Februar 2014 in Kiew häufte sich dort die Aufwertung der NS-Kollaborateure. Im April 2015 stufte das ukrainische Parlament die Mitglieder von OUN und UPA als „Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit“ ein; seither ist es laut dem Parlamentsbeschluss nicht erlaubt, die „Legitimität“ ihres „Kampfs für die Unabhängigkeit der Ukraine“ in Frage zu stellen.[1] Seit 2015 ist darüber hinaus der Gründungstag der UPA, der 14. Oktober, ein staatlicher Feiertag. Seit 2018 wiederum lautet die offizielle Grußformel der ukrainischen Streitkräfte: „Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!“ Zuvor war dies die offizielle Grußformel der OUN. Der Hinweis, sie sei älter als die OUN, ist nicht weniger zutreffend als die Feststellung, ihr deutsches Äquivalent „Sieg Heil“ sei älter als die NSDAP.

Waffen-SS-Division Galizien

Aktuell erhält die Aufwertung ukrainischer NS-Kollaborateure einen neuen Schub. Zunächst wurde die Umbettung des Leichnams des 1964 verstorbenen Anführers der OUN(M), Andrij Melnyk, in die Ukraine organisiert.[2] Melnyks sterbliche Überreste wurden am 19. Mai in Luxemburg exhumiert, nach Kiew gebracht und anschließend auf dem Nationalen Militärfriedhof nahe der ukrainischen Hauptstadt im Rahmen einer Staatszeremonie bestattet. Anwesend waren unter anderem Präsident Wolodymyr Selenskyj und der seit Jahresbeginn amtierende Leiter des Präsidialamts, Kyrylo Budanow, der laut Berichten die treibende Kraft hinter der Maßnahme gewesen sein soll.[3] Melnyk und die OUN(M) kollaborierten in ihrem Bestreben, die Ukraine aus der Sowjetunion herauszubrechen und sie in einen autoritär geführten Staat nach faschistischem Modell umzuwandeln, intensiv mit dem NS-Reich. Erst als sie nach dem Überfall auf die Sowjetunion die Gründung eines ukrainischen Staates konkret in Angriff nehmen wollten, nahmen die NS-Behörden, die dies ablehnten, Melnyk in Haft. Mitglieder der OUN(M) waren maßgeblich am Aufbau der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1) beteiligt, die als Waffen-SS-Division Galizien bekannt ist. Sie war an Massakern an der polnischen Bevölkerung Wolhyniens und Ostgaliziens mit weit mehr als tausend Todesopfern beteiligt.

„Die historischen Traditionen der Streitkräfte“

Verantwortung für den größten Teil der Todesopfer bei den Masskern in Wolhynien und Ostgalizien, bei denen von Februar 1943 bis Kriegsende insgesamt bis zu 100.000 polnische Zivilisten ermordet wurden, trägt allerdings die UPA. Im Unterschied zur Waffen-SS-Division Galizien sammelten sich in ihr insbesondere Mitglieder der OUN(B), darunter auch solche, die bereits zuvor an Pogromen und Massakern an der jüdischen Bevölkerung der okkupierten Sowjetunion beteiligt waren, so etwa Ende Juni 1941 in Lemberg, dem heutigen Lwiw. Dort ermordeten OUN-Milizionäre gemeinsam mit den deutschen Besatzern rund 4.000 Jüdinnen und Juden.[4] Die ab 1943 folgenden Massaker der UPA an polnischen Zivilisten zielten darauf ab, in Wolhynien und Ostgalizien ein nur noch ukrainisch besiedeltes Territorium zu schaffen, auf dem nach Kriegsende ein ukrainischer Staat entstehen sollte. Den Massakern der UPA fielen auch zahllose Jüdinnen und Juden zum Opfer; damit beteiligte sich die ukrainische Miliz an der Shoah. Am Dienstag vergangener Woche trat ein Dekret in Kraft, mit dem Präsident Selenskyj nun einer Einheit der ukrainischen Spezialeinsatzkräfte den Titel „Helden der UPA“ verlieh. Dies geschah Selenskyj zufolge „mit dem Ziel, die historischen Traditionen der nationalen Streitkräfte wiederzubeleben“.[5]

„Anlass zu großer Sorge“

Die Umbettung von Melnyk und die Verleihung des Titels „Helden der UPA“ an die Einheit der Spezialkräfte sind international auf Protest gestoßen. So hieß es in einer Stellungnahme des israelischen Außenministeriums, man „bedauere die Entscheidung, für den OUN-Führer Melnyk, der mit den Nazis kollaborierte, eine offizielle staatliche Umbettungszeremonie abzuhalten“; es dürfe „keinen Platz dafür geben, die historische Wahrheit und das Andenken an die Opfer zu ignorieren, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden“.[6] Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erklärte, Melnyks Umbettung gebe „Anlass zu großer Sorge“: „Die Ehrung des Führers einer Bewegung, die Nazi-Deutschland während der Verfolgung und Ermordung von Millionen von Juden unterstützte“, untergrabe „die moralische Integrität“, die „für das Gedenken an den Holocaust unerlässlich“ sei.

„Tiefe Missbilligung“

Die erneute Ehrung der UPA wiederum löst vor allem in Polen Unmut aus. Dort hat das Außenministerium am 28. Mai dem ukrainischen Botschafter seine „tiefe Missbilligung“ der Maßnahme übermittelt; am 29. Mai bekräftigte der polnische Geschäftsträger in Kiew dies bei einem Gespräch im ukrainischen Außenministerium.[7] Gleichfalls am 29. Mai teilte der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki mit, er werde dafür sorgen, dass seinem ukrainischen Amtskollegen Selenskyj der Weiße-Adler-Orden aberkannt werde. Selenskyj hatte den Orden, die höchste Auszeichnung des polnischen Staates, im April 2023 erhalten – mit der Erläuterung des damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda, er bekomme die Auszeichnung als „außergewöhnliche Persönlichkeit“, die ihren Staat „in der schwierigsten Phase der ukrainischen Geschichte nicht im Stich gelassen“ habe.[8] In Warschau werde nun am Montag kommender Woche über die Aberkennung des Ordens entschieden, heißt es. In Polen ist mittlerweile Ministerpräsident Donald Tusk bemüht, die Wogen zu glätten. Dazu rückt er die Massenverbrechen der OUN und der UPA in den Hintergrund. Polen und die Ukraine hätten einen gemeinsamen Feind, erklärte Tusk Ende vergangener Woche mit Bezug auf Russland; leiste man sich einen Streit um „historische Emotionen“, dann habe Moskau Anlass zu feiern.[9] Das gelte es zu vermeiden.

„Eine Demütigung“

Während Protest aus den Ländern kommt, in denen Angehörige und Nachfahren der Opfer der ukrainischen NS-Kollaborateure leben, bleiben Reaktionen der Bundesregierung, die sich rühmt, die stärkste Unterstützerin der Ukraine zu sein, aus. Berlin toleriert damit die Ehrung rassistisch-antisemitischer Massenmörder – und lässt deren Gegner im Stich, so zum Beispiel die ukrainische Holocaust-Forscherin Marta Havryshko; diese nannte Melnyks Umbettung „eine Demütigung für alle, die einst glaubten, dass ‚Nie wieder‘ in der heutigen Ukraine noch eine Bedeutung habe“.[10] Dabei zeichnet sich ab, dass deutsche Behörden sich womöglich schon in Kürze an identischen Maßnahmen beteiligen könnten. Laut Berichten plant die Kiewer Regierung, ein „Pantheon herausragender Ukrainer“ zu errichten, das „ein besonderer Ort der Wertekonsolidierung des ukrainischen Volkes“ sein soll. Dazu soll nun die Umbettung der Leichname weiterer ukrainischer Nationalisten vorbereitet werden. Bereits genehmigt ist demnach zum Beispiel die Überführung der sterblichen Überreste des OUN-Gründers Jewhen Konowalez, der in Rotterdam begraben ist.[11] Denkbar ist auch die Umbettung von Jaroslaw Stetsko, der die OUN nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem bundesdeutschen Exil weiterführte, sowie von OUN(B)-Anführer Stepan Bandera. Stetsko und Bandera sind auf dem Münchner Waldfriedhof begraben. Die Überführung ihrer Überreste setzt eine Zustimmung staatlicher Stellen in Deutschland voraus.

 

[1] S. dazu Von Tätern, Opfern und Kollaborateuren (II).

[2] Kate Tsurkan: Remains of 20th century Ukrainian military leader Andrii Melnyk brought to Kyiv for reburial. kyivindependent.com 22.05.2026.

[3] Leonid Ragozin: Melnyk reburial signals ideological shift in Ukraine. intellinews.com 29.05.2026.

[4] S. dazu Von Tätern, Opfern und Kollaborateuren (II).

[5] Tim Zadorozhnyy: Zelensky’s decision to name military unit after WWII-era Ukrainian Insurgent Army sparks outrage in Poland. kyivindependent.com 29.05.2026.

[6] Nava Freiberg: Israel objects to Ukrainian reburial with state honors of Nazi collaborator. timesofisrael.com 25.05.2026.

[7] MFA Statement. gov.pl 29.05.2026.

[8] Stefan Locke: Aus polnischer Sicht ehrt Selenskyj die Falschen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 01.06.2026.

[9] Ewan Jones: Poland’s political heavyweights blast Zelenskyy for honoring WWII massacre unit. tvpworld.com 29.05.2026.

[10], [11] Daniel Säwert: Fragwürdige Ehrung. nd-aktuell.de 26.05.2026.


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