„Eine inakzeptable Aggression“

Aus den inneren Machtzirkeln der Vereinigten Arabischen Emirate werden schwere Vorwürfe gegen die USA wegen des Iran-Kriegs laut. Europäische Staaten forcieren eine eigenständige Machtpolitik in Mittelost.

ABU DHABI/BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Vorwürfe aus den inneren Machtzirkeln der Vereinigten Arabischen Emirate gegenüber den USA werfen ein Schlaglicht auf die Positionierung der europäischen Staaten im Iran-Krieg. Bereits in der vergangenen Woche kritisierte der emiratische Milliardär Khalaf Ahmad al Habtoor mit Blick auf Schäden, die iranischer Beschuss in seinem Land verursacht, die Trump-Administration habe die Länder der Arabischen Halbinsel „ins Zentrum einer Gefahr“ gebracht, „die sie nicht gewählt haben“: „Wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben, unsere Region in ein Schlachtfeld zu verwandeln?“ Die Emirate seien trotz der erwähnten Schäden nicht bereit, in den Krieg gegen Iran einzutreten. Letzteres bestätigen nicht namentlich genannte Regierungsmitarbeiter aus den Emiraten, die erklären, in der Zeit nach dem Krieg werde man einen neuen Ausgleich mit Teheran suchen. Al Habtoor, dem emiratischen Machtzentrum nahestehend, hält in Richtung USA fest: „Wir brauchen euren Schutz nicht.“ Paris, sich als Alternative zu Washington inszenierend, hat sich in den Emiraten an der Abwehr iranischen Beschusses beteiligt und entsendet nun weitere Kriegsschiffe in die Region. Bundeskanzler Friedrich Merz geht vorsichtig auf Distanz zu Washington.

Auf der Suche nach Stabilität

Der Iran-Krieg hat die Staaten der Arabischen Halbinsel in ein strategisches Dilemma gestürzt. Sie sind dabei, sich auf die postfossile Ära vorzubereiten, und arbeiten daher am Aufbau eigener High-Tech-Industrien. Dazu benötigen sie in jeder Hinsicht Stabilität. Dies hat sie in den vergangenen Jahren veranlasst, ihre Beziehungen zu Iran systematisch zu verbessern. Ziel war es, einen wenn schon nicht konflikt-, so doch wenigstens kriegsfreien Mittleren Osten zu schaffen, der die erforderliche Stabilität garantieren könnte. Dabei griffen Saudi-Arabien und Iran, die beiden wichtigsten Mächte in der Region, spätestens seit 2023 unter anderem auf politische Vermittlung durch China zurück (german-foreign-policy.com berichtete [1]). Das Bemühen um Ausgleich überstand schwere Erschütterungen, die sich aus dem Gaza-Krieg ergaben. Vor Beginn des Iran-Kriegs waren die arabischen Golfstaaten bis zuletzt bemüht, die USA vom Überfall auf das Land abzuhalten. Gleichzeitig gaben sie bekannt, ihren Luftraum nicht für Angriffsoperationen zur Verfügung zu stellen. Saudi-Arabiens De-facto-Machthaber Muhammad bin Salman etwa bestätigte Ende Januar mit Blick auf die offen zutage liegenden US-Kriegspläne, aus Sicht Riads sei jegliche „Aggression“ gegen Iran „inakzeptabel“.[2]

Irans wichtigstes Druckmittel

Der Versuch der arabischen Golfstaaten, den Krieg gegen Iran zu verhindern, scheiterte; die Trump-Administration setzte sich umstandslos über ihre Interessen hinweg. Nun verursachen auf ihren Territorien die Trümmer iranischer Drohnen und Raketen, die auf dem Weg zu US-Militärbasen abgefangen werden, menschliche Opfer und Sachschäden. Zudem attackiert Iran Teile ihrer Energieinfrastruktur und sperrt faktisch die Straße von Hormuz. All dies dient dem Ziel, Irans mächtigstes Druckmittel zur Geltung zu bringen – die Drohung, eine Fortsetzung des Krieges durch die USA und Israel gefährde die Energieversorgung der westlichen Welt. Dass diese Gefahr real ist, tritt aktuell offen zutage. Ein Großteil des arabischen Öls und das gesamte Erdgas Qatars – ein Fünftel des global produzierten Flüssiggases – fallen seit der vergangenen Woche auf dem Weltmarkt aus. Der Ölpreis der Sorte Brent lag am gestrigen Montag bei 100 US-Dollar pro Fass und damit um 50 Prozent über dem Preis unmittelbar vor Kriegsbeginn. Der Referenzwert TTF für den Flüssiggaspreis in Europa notierte bei rund 60 Euro und damit doppelt so hoch wie Ende Februar. All das trifft nicht nur Privatkonsumenten, sondern auch die Wirtschaft nicht zuletzt in Europa und in Nordamerika. Damit erhöht Iran den Druck auf die transatlantischen Machtzentren in der Tat empfindlich.

„Letztlich sind wir Nachbarn“

Den Staaten der Arabischen Halbinsel brocken die Schädigung ihrer Öl- und Gasproduktion sowie die Blockade ihrer Ausfuhren Milliardenschäden ein. Vor die Wahl gestellt, deshalb an der Seite der USA in den Krieg gegen Iran einzutreten oder aber passiv zu bleiben und sich für die Zeit nach dem Krieg ein etwaiges Wiederanknüpfen an den Ausgleich mit Iran im Grundsatz offenzuhalten, haben sie sich bisher für Letzteres entschieden. Als die Vereinigten Arabischen Emirate am 1. März aus Protest gegen iranischen Beschuss ihre Botschaft in Teheran schlossen, startete Russlands Präsident Wladimir Putin einen Vermittlungsversuch, der offenbar erfolgreich verlief: Abu Dhabi verweigert weiterhin seine Beteiligung am Krieg gegen Iran.[3] Am Wochenende ließen sich emiratische Regierungsmitarbeiter mit der Aussage zitieren, man setze alles daran, „den Krieg einzudämmen“ und nicht „auszudehnen“. Irans Angriffe hätten zwar „eine große Vertrauenslücke“ zwischen den beiden Ländern entstehen lassen.[4] Es werde lange dauern, sie zu überwinden. Dies bedeute aber nicht, dass die Beziehungen zwischen Abu Dhabi und Teheran nicht wieder auf ihr ehemaliges Niveau zurückgeführt werden könnten: „Letztendlich sind wir Nachbarn.“ Von einer künftigen „aktiven Vermittlung“ zwischen den Emiraten und Iran war die Rede.

„Wir brauchen euren Schutz nicht“

In dieser Lage ist in den vergangenen Tagen der emiratische Milliardär Khalaf Ahmad al Habtoor mit ungewohnt deutlichen Warnungen an die Vereinigten Staaten hervorgetreten. Al Habtoor, der einst mit Donald Trump Geschäfte machte, dies aber einstellte, als Trump 2015 erklärte, er werde als Präsident Muslimen die Einreise in die USA verwehren, kritisierte in einem Post auf X, die Entscheidung, Iran zu überfallen, sei „gefährlich“ gewesen: Trump habe die arabischen Staaten am Persischen Golf „ins Zentrum einer Gefahr“ gebracht, „die sie nicht gewählt haben“.[5] Die Frage stelle sich: „Wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben, unsere Region in ein Schlachtfeld zu verwandeln?“ Mit Blick darauf, dass vier Golfstaaten Trumps sogenanntem Board of Peace [6] beigetreten sind, erklärte Al Habtoor, sie hätten „Milliarden Dollar beigetragen, um Stabilität und Entwicklung zu unterstützen“; nun dürften sie fragen: „Finanzieren wir Friedensinitiativen oder einen Krieg, der uns selbst gefährdet?“ Wenig später bekräftigte Al Habtoor, der dem Herrscherzirkel der Emirate nahesteht: „Wir werden nicht in diesen Krieg eintreten, um den Interessen anderer zu dienen.“[7] Auf die Aussage von US-Senator Lindsey Graham, die Emirate seien auf die USA angewiesen, antwortete Al Habtoor: „Wir brauchen euren Schutz nicht. Wir wollen lediglich, dass ihr eure Finger von uns lasst.“

Investitionen in Frage gestellt

Die Äußerung ist nicht nur deshalb interessant, weil sie Ansichten widerspiegelt, die, wie Korrespondenten es bestätigen, „von Geschäftsleuten in der Region im Privaten regelmäßig geäußert werden“.[8] Sie wirft auch ein Schlaglicht auf Berichte, laut denen drei der vier großen arabischen Golfstaaten – die vier sind Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait sowie Qatar – bereits zugesagte Investitionen in den Vereinigten Staaten in Frage stellen. Äußerer Anlass ist, wie die Financial Times unter Berufung auf Insider schreibt, dass die dramatischen Einbußen in der Energiebranche, beim sonstigen Export, auf dem Tourismussektor und in der Luftfahrt sowie die teure Luftabwehr die Haushalte sogar der reichen Länder auf der Arabischen Halbinsel empfindlich belasten. Im vergangenen Jahr hätten die Golfstaaten Investitionen in den USA in Höhe hunderter Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt, ruft die Zeitung in Erinnerung. Drei der vier großen Länder der Region zögen nun deren Absage in Betracht – unter Berufung auf „höhere Gewalt“.[9] Gemeint ist der Iran-Krieg, mit dem die USA ihren arabischen Kooperationspartnern die erwähnten Verluste eingebrockt haben. Die Trump-Administration misst den Investitionen, da sie große Summen ins Land bringen, große Bedeutung bei. Ihre Absage wäre ein deutliches Signal.

Militärpräsenz in Mittelost

In dieser Situation weitet Frankreich seine militärischen Aktivitäten in Nah- und Mittelost energisch aus. Bereits Anfang vergangener Woche hat Paris zusätzliche Rafale-Kampfjets in die Vereinigten Arabischen Emirate entsandt – offiziell, um die mehr als 700 Soldaten, die auf seinem dortigen Militärstützpunkt stationiert sind, zu schützen. Wie das emiratische Außenministerium bestätigt, nehmen die französischen Jets an gemeinsamen Patrouillen mit den Luftstreitkräften der Emirate teil und tragen erheblich dazu bei, Drohnen und Raketen aus Iran abzufangen.[10] Am Montag hat Präsident Emmanuel Macron an Bord des Flugzeugträgers Charles de Gaulle, der ins östliche Mittelmeer entsandt wurde, angekündigt, Frankreich werde unter anderem die EU-Operation Aspides im Roten Meer verstärken und ziehe einen EU-Einsatz zum Schutz von Schiffen in der Straße von Hormuz in Betracht, sobald der Iran-Krieg seine intensivste Phase überwunden habe.[11] Mit dem Ausbau seiner Militärpräsenz in Nah- und Mittelost bietet sich Paris als mögliche Alternative zur Trump-Administration an, der gegenüber der Unmut in der arabischen Welt wächst.

„Kein endloser Krieg“

In dieser Situation hat sich nun auch Bundeskanzler Friedrich Merz gegen Trump gestellt – und erklärt, „ein endloser Krieg“ sei „nicht in unserem Interesse“; zudem beinhalte er „Risiken“ für „unsere[…] Partner in der Region“, „insbesondere am Golf“.[12] Damit nähert sich Merz auch der Position der Staaten der Arabischen Halbinsel an. Ein Schwenk der Golfstaaten in Richtung Europa scheint langfristig nicht ausgeschlossen.

 

[1] S. dazu Das Ende der US-Dominanz am Persischen Golf (III).

[2] Iran ready for peace process within int’l law, president tells Saudi crown prince. english.news.cn 28.01.2026.

[3] Telephone conversation with UAE President Mohamed bin Zayed al Nahyan. en.kremlin.ru 02.03.2026.

[4] Jane Witherspoon, Toby Gregory: Inside the UAE’s response to Iranian attacks: A senior official speaks. euronews.com 08.03.2026.

[5] Jack Dutton: UAE billionaire Habtoor openly lambasts Trump over Iran war. al-monitor.com 05.03.2026.

[6] S. dazu Der Drang der US-Milliardäre zur Weltmacht und Frontalangriff auf die UNO.

[7] UAE tycoon rules out Abu Dhabi joining Iran war in scathing attack on US. middleeasteye.net 09.03.2026.

[8] Vivian Nereim: Iran: Live Updates. nytimes.com 09.03.2026.

[9] Andrew England, Simeon Kerr: Gulf states could review overseas investments to ease financial strains caused by Iran war. ft.com 05.03.2026.

[10] Isabelle Mandraud, Philémon Barbier : Les Emirats arabes unis dans le brouillard de la guerre. lemonde.fr 09.03.2026.

[11] Guerre au Moyen-Orient : Emmanuel Macron, à bord du « Charles-de-Gaulle », apporte la « solidarité de la France ». rfi.fr 09.03.2026.

[12] Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt zur Krise in Nahost. bundesregierung.de 06.03.2026.


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