Europas Beitrag zum Krieg

Europas große NATO-Staaten entsenden Truppen nach Nah- und Mittelost – vorläufig, um iranische Drohnen und Raketen abzufangen. Merz warnt vor Massenflucht aus Iran, sollten die USA und Israel das Land in einen Bürgerkrieg stürzen.

BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Mit der Entsendung von Truppen in den Nahen und Mittleren Osten und mit der Freigabe von Militärstützpunkten für US-Kampfjets unterstützen Deutschland und weitere NATO-Staaten Europas den Krieg der USA und Israels gegen Iran. Zu den Stützpunkten, die die US-Streitkräfte nutzen dürfen, zählt die Militärbasis Ramstein. Dass die Bundesregierung dies erlaube, breche internationales Recht, betonen Experten. Großbritannien und Frankreich wollen Flugzeugträger in das Östliche Mittelmeer oder sogar an den Persischen Golf schicken; die Niederlande, Spanien und Griechenland entsenden Fregatten. Ziel ist es vorläufig, Drohnen und Raketen aus Iran abzufangen und vor allem das EU-Mitglied Zypern zu schützen; damit halten Europas NATO-Staaten den USA und Israel den Rücken frei. Bundeskanzler Friedrich Merz dringt gleichzeitig auf ein baldiges Kriegsende. Gründe sind die Sorge um die Versorgung Deutschlands mit Rohstoffen – darunter Öl und Gas – sowie die Furcht vor einer Flucht zahlreicher Iraner nach Europa, falls das Land in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt. Einen Bürgerkrieg auszulösen ist eine der Strategien, die die USA und Israel zu realisieren drohen.

„Defensiv“ angreifen

Der europäische Staat, der sich zur Zeit am stärksten am Krieg der USA und Israels gegen Iran beteiligt, ist Großbritannien. Hatte Premierminister Keir Starmer zu Beginn des Krieges noch erklärt, US-Militärflugzeuge dürften britische Luftwaffenstützpunkte nicht für Angriffe auf Iran nutzen, so hat er sie mittlerweile freigegeben. Offiziell ist dies mit der grotesken Einschränkung erfolgt, erlaubt seien nur vorgeblich defensive Aktionen, etwa die Zerstörung iranischer Raketenstellungen. Was daran defensiv sein soll, Stellungen in einem fremden Staat zu bombardieren, ist ebensowenig ersichtlich wie die Frage, wie Starmer die US-Flüge von britischen Basen aus kontrollieren will.[1] Darüber hinaus fangen britische Kampfjets nach Kräften iranische Drohnen und Raketen ab und halten den USA und Israel so den Rücken für ihre Angriffsflüge frei. Am Samstag hat London vier zusätzliche Kampfjets nach Qatar entsandt.[2] Am morgigen Dienstag soll ein auf Flugabwehr spezialisierter Zerstörer der britischen Marine nach Zypern aufbrechen. Angekündigt, aber noch nicht förmlich beschlossen ist die rasche Entsendung des Flugzeugträgers HMS Prince of Wales.[3] Ende vergangener Woche äußerte Vizepremierminister David Lammy, künftig seien auch britische Angriffe auf Irans Raketenstellungen nicht auszuschließen.[4]

An der Grenze der Leistungsfähigkeit

Zunehmende Aktivitäten zur Unterstützung der USA und Israels im Krieg gegen Iran entfaltet auch Frankreich. Paris hat den Vereinigten Staaten die Nutzung der Luftwaffenbasis bei Istres nordwestlich von Marseille für Zwischenstopps auf dem Weg ins mittelöstliche Kriegsgebiet erlaubt – vor allem, aber nicht nur für die Tankflugzeuge, die auf dem spanischen Militärstützpunkt Rota bei Cádiz stationiert waren. Spanien hat die Nutzung von Rota für den Iran-Krieg untersagt. Frankreich erlaubt die Nutzung von Istres mit dem gleichfalls grotesken Argument, Tankflugzeuge würden lediglich betanken, nicht bombardieren.[5] Französische Rafale-Jets beteiligen sich zudem an den Bemühungen, iranische Drohnen und Raketen abzufangen. Daneben sind eine französische Fregatte und französische Flugabwehrsysteme auf dem Weg nach Zypern. Darüber hinaus befindet sich der Flugzeugträger Charles de Gaulle, der soeben erst an einem NATO-Manöver in der Ostsee teilgenommen hat, wieder im Mittelmeer. In seine Begleitgruppe sollen eine Fregatte aus den Niederlanden sowie eine weitere Fregatte aus Spanien integriert werden. Frankreich strebt zudem eine Verstärkung des EU-Marineeinsatzes Aspides im Roten Meer und im Golf von Oman an. Erst kürzlich hatte der Generalstabschef der französischen Marine, Nicolas Vaujour, gewarnt, Frankreichs Seestreitkräfte stießen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.[6]

Grünes Licht für Völkerrechtsbruch

Die Bundesregierung unterstützt die Kriegsführung vor allem, indem sie die Nutzung von Militärstützpunkten in Deutschland und des deutschen Luftraums für Flüge der US-Luftwaffe ins mittelöstliche Kriegsgebiet erlaubt. Dies ist angesichts der Tatsache, dass es sich beim Iran-Krieg um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Vereinigten Staaten sowie Israels handelt, illegal; so konstatiert der Rechtsexperte Andreas Schüller vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR): „Deutschland darf sein Hoheitsgebiet nicht für völkerrechtswidrige Handlungen zur Verfügung stellen.“[7] Aktuell liegt die deutsche Fregatte Nordrhein-Westfalen vor Zypern. Sie ist im Rahmen des UN-Einsatzes UNIFIL im östlichen Mittelmeer unterwegs. Für die Kriegslage in der Region gilt sie allerdings als wenig geeignet: Der Fregattentyp F125 – der modernste, den die Deutsche Marine zur Verfügung hat – ist auf Szenarien wie den Kampf gegen Piraten oder Schmuggler optimiert und nicht für riskante Flugabwehroperationen geeignet.[8] Berichten zufolge zieht die Bundeswehr zur Zeit sogar Soldaten, die zur Ausbildung der dortigen Streitkräfte im Irak stationiert sind, nach Jordanien ab.[9] Nur der CDU-Militärpolitiker Roderich Kiesewetter dringt darauf, deutsche Tankflugzeuge zur Unterstützung israelischer Kampfjets einzusetzen.[10]

Die Trump-Doktrin

Vorsichtiger Widerspruch gegen die Kriegsführung der USA und Israels kommt erstmals von Bundeskanzler Friedrich Merz. Merz hat am Freitag in einer Stellungnahme bekräftigt, er „teile“ weiterhin alle Ziele, die die USA und Israel mit der umfassenden Zerstörung Irans verfolgen; Einwände gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg erhebt er nicht, trägt also die Totalabsage an das internationale Recht de facto mit, die US-Präsident Donald Trump in einer Art „Trump-Doktrin“ vorgetragen hat („ich brauche kein internationales Recht, es zählt nur meine eigene Moralität“ [11]). Auf diese gründet er den US-Krieg gegen Iran ebenso wie die aktuellen Kriege in Lateinamerika – „Anti-Drogen“-Kriege, der jüngste von ihnen in Ecuador. Doch hat Merz erklärt, „ein endloser Krieg“ liege „nicht in unserem Interesse“.[12] Hintergrund ist zum einen, dass der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz fast zum Erliegen gekommen ist; Iran hat sie – wie schon lange vor dem Überfall der USA und Israels angekündigt – durch Angriffe auf Schiffe, die die Meerenge passieren wollten, erzwungen. Damit werden gut 20 Prozent des Flüssiggases weltweit, große Mengen an Erdöl und weitere Rohstoffe auf einen Schlag dem Weltmarkt entzogen. Auf der Arabischen Halbinsel wurden zuletzt unter anderem zehn Prozent des Aluminiums weltweit hergestellt.[13]

Zerfall und Bürgerkrieg

Drohen damit dramatische Preissteigerungen unter anderem bei Öl, Gas und Aluminium und darüber hinaus ernste Versorgungsprobleme auch für die deutsche Industrie, so lassen die weiteren Pläne der USA und Israels für Irans Zukunft eine Flucht einer großen Anzahl Iraner nach Europa befürchten. Kurz nach dem Überfall auf Iran war bekannt geworden, dass die CIA iranisch-kurdische Milizen bewaffnet hat, die sich im kurdischen Nordirak darauf vorbereiten, Irans kurdischsprachige Gebiete der Kontrolle Teherans zu entreißen. Beobachter bezweifeln, dass ihnen das dauerhaft gelingen kann.[14] Doch heißt es einhellig, ein Aufstand des kurdischsprachigen Bevölkerungsteils könne Aufstände weiterer Minderheiten entfachen und etwa die arabische Minderheit Chuzestans unmittelbar an der Grenze zu Irak und die Minderheit der Belutschen in Irans Südosten an der Grenze zu Pakistan in offene Revolten treiben. Die Folge wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit ein blutig ausgetragener Bürgerkrieg in Iran, der erhebliche Teile der Bevölkerung aus dem Land treiben könnte. Trump hat die iranisch-kurdischen Milizen vor einigen Tagen angestachelt, gegen Teheran loszuschlagen. Er hat dies zwar am Wochenende zurückgezogen, doch ist unklar, wie die Milizen nun vorgehen. Freilich ist bekannt, dass Washington kurdische Milizen seit den 1990er Jahren regelmäßig genutzt und dann wieder fallengelassen hat – zuletzt vor kurzem in Syrien.

„Unkontrollierte Migration“

Merz erklärt nun: „Iran darf nicht zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen werden.“ Der iranische Staat müsse „funktionsfähig bleiben“; „öffentliche Ordnung und Grundversorgung“ müssten unbedingt „aufrechterhalten werden“. Merz fordert: „Die iranische Volkswirtschaft darf nicht zusammenbrechen“. Grund sei, dass „unkontrollierte Migrationsbewegungen … verhindert werden“ müssten.[15] Dass die USA und Israel sich von ihm beeindrucken lassen, darf als unwahrscheinlich gelten. Allerdings braut sich bei zentralen Verbündeten der USA auf der Arabischen Halbinsel und in Südasien erheblicher Unmut über das Vorgehen der Trump-Administration zusammen; es scheint möglich, dass Merz mit der vorsichtigen Kritik an Washington davon profitiert. german-foreign-policy.com berichtet in Kürze.

 

[1] Sammy Gecsoyler, Nadeem Badshah: Four US bombers land at RAF base in UK after warning of surge in strikes on Iran. theguardian.com 07.03.2026.

[2] RAF Typhoons Deploy to Qatar. raf.mod.uk 07.03.2026.

[3] Hugo Daniel, Dominic Hauschild, Gabriel Pogrund: Keir Starmer’s Iran help too late, says Trump as Tony Blair joins criticism. thetimes.com 08.03.2026.

[4] Athena Stavrou, Kate Devlin: David Lammy sparks chaos after suggesting British jets could legally strike Iran’s missile bases. independent.co.uk 06.03.2026.

[5], [6] Michaela Wiegel: Macron schickt Flugzeugträger. Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.03.2026.

[7] Raphael Schmeller: Iran-Krieg: Wie gefährdet ist Deutschland wegen der US-Airbase Ramstein? berliner-zeitung.de 08.03.2026.

[8] Peter Carstens: Warum die Regierung keinen Bundeswehr-Einsatz will. Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.03.2026.

[9] Medienbericht: Deutschland zieht Soldaten und Botschaftspersonal aus Irak ab. stern.de 06.03.2026.

[10] Peter Carstens: Warum die Regierung keinen Bundeswehr-Einsatz will. Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.03.2026.

[11] David E. Sanger, Tyler Pager, Katie Rogers, Zolan Kanno-Youngs: Trump Lays Out a Vision of Power Restrained Only by ‘My Own Morality’. nytimes.com 08.01.2026. S. dazu Der Amokläufer und sein Kumpan.

[12] Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt zur Krise in Nahost. bundesregierung.de 06.03.2026.

[13] Leslie Hook, Camilla Hodgson, Rachel Millard: Iran war triggers aluminium supply crunch and shutdowns across the Middle East. ft.com 05.03.2026.

[14] Friederike Böge: Amerika setzt auf die Kurden in Iran. Frankfurter Allgemeine Zeitung 05.03.2026.

[15] Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt zur Krise in Nahost. bundesregierung.de 06.03.2026.


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