„Die europäische Verteidigung stärken“

Versuche, die deutsch-französischen Spannungen zu kitten, verzögern die Entscheidung über den Kampfjet FCAS weiterhin. Die zuletzt engere deutsch-italienische Kooperation – zu Lasten Frankreichs – eröffnet Berlin neue Optionen.

BERLIN/ROM/STOCKHOLM (Eigener Bericht) – Bemühungen, die wachsenden deutsch-französischen Spannungen zu kitten, zögern eine Entscheidung über das von beiden Ländern geplante Luftkampfsystem FCAS (Future Combat Air System) weiter hinaus. Während aus Berlin zu hören ist, das Projekt werde wohl auf einen Teil des ursprünglichen Vorhabens reduziert – die gemeinsame Entwicklung von Drohnen und einer Luftkampfcloud –, bieten sich für Deutschland nun zwei Alternativen zur gemeinsamen Fertigung eines Kampfjets mit Frankreich an; beide werden von einer engeren politischen Kooperation mit den jeweiligen Ländern begleitet. So käme etwa ein deutsch-schwedischer Kampfjet in Betracht; Berlin und Stockholm sind ohnehin dabei, ihre militärische und rüstungsindustrielle Zusammenarbeit auszuweiten. Möglich wäre auch ein Einstieg in ein britisch-italienisch-japanisches Projekt; dafür spräche, dass Deutschland unlängst begonnen hat, enger mit Italien zu koooperieren, dies zu Lasten traditioneller deutsch-französischer Absprachen. Allerdings steht das britisch-italienisch-japanische Kampfjetprojekt aktuell vor einer Kostenexplosion und vor dadurch bedingten Verzögerungen. Zudem wären Deutschlands industrielle Anteile gering.

Die Achse Berlin-Rom

Deutschland und Italien haben ihre Zusammenarbeit zuletzt intensiviert – insbesondere seit den bilateralen Regierungskonsultationen, die am 23. Januar in Rom stattfanden. So war das Papier, das als Grundlage für die Diskussionen auf dem gestrigen EU-Sondergipfel diente, nicht – wie üblich – ein deutsch-französisches, sondern ein deutsch-italienisches. Darin hieß es – ein Seitenhieb gegen Frankreich –, Deutschland und Italien seien „die beiden wichtigsten Industrienationen Europas“.[1] Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die das EU-Freihandelsabkommen mit dem Mercosur zunächst – wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron – abgelehnt hatte, schwenkte nach finanziellen Zugeständnissen der EU auf die deutsche Linie ein und ermöglichte so die Verabschiedung des Abkommens im Europäischen Rat. Bei den Regierungskonsultationen im Januar hatten sich Berlin und Rom zudem auf den Ausbau ihrer Militärkooperation geeinigt; künftig sollen jährlich 2+2-Gespräche der Außen- und Verteidigungsminister beider Länder stattfinden, und es sind verstärkte Einsatz- und Weltraumaktivitäten geplant. Schließlich arbeiten die Rüstungsindustrien beider Länder nun enger zusammen, so beim Bau von Kampfpanzern (german-foreign-policy.com berichtete [2]), während die deutsch-französische Rüstungskooperation nicht vorwärtskommt.

Kosten verdreifacht

Dazu passen Überlegungen, Deutschland könne aus dem deutsch-französischen Projekt FCAS (Future Combat Air System) aussteigen und sich dem Global Combat Air Programme (GCAP) anschließen. Dabei handelt es sich – ganz wie beim FCAS, dem Future Combat Air Programme – um einen Kampfjet der sechsten Generation, der vernetzt mit Drohnen und Drohnenschwärmen fliegen soll. Der Jet wird von Großbritannien, Italien und Japan entwickelt. Die Arbeiten steuert Edgewing, ein Joint Venture aus BAE Systems und Rolls Royce (Großbritannien), Leonardo (Italien) und Japan Aircraft Industrial Enhancement mit Sitz in Reading westlich von London. Das Projekt hat bislang schneller Fortschritte gemacht als das FCAS, gerät aktuell aber in Schwierigkeiten. Grund ist, dass die Kosten erheblich höher ausfallen als zunächst geplant. In Italien ruft Unmut hervor, dass schon die ersten zwei Entwicklungsphasen statt, wie ursprünglich geplant, mit sechs Milliarden Euro nun mit 18,6 Milliarden Euro veranschlagt werden.[3] In Großbritannien führt die Kostensteigerung zu ersten Verzögerungen.[4] Als ungünstig für einen Einstieg Deutschlands in das Projekt gilt zudem, dass die Arbeiten am GCAP inzwischen weitgehend aufgeteilt sind und Airbus womöglich nur kleinere, wenig attraktive Anteile erhielte.

„Schlüsselland in Europa“

Über die verstärkte Kooperation zwischen Deutschland und Italien urteilen Beobachter, sie sei auch deshalb überaus fruchtbar, weil beide „nach Norden und Süden integrieren können“ – Italien „die Empfänger von Kohäsionsmitteln“ in Südeuropa, Deutschland „die Verfechter einer strengen Haushaltsdisziplin“ in Nordeuropa.[5] Dort, im Norden, liegt die zweite Option, auf die Berlin bei einem endgültigen Ausstieg aus dem FCAS zurückgreifen könnte: auf eine Zusammenarbeit mit dem schwedischen Luftfahrtkonzern Saab. Bereits im Dezember hatte Saab-Chef Micael Johansson erklärt, sein Unternehmen, das zur Zeit den Kampfjet Gripen produziert – das schwedische Äquivalent zur französischen Rafale –, stehe „bereit für einen gemeinsamen Kampfjet mit den Deutschen“; Voraussetzung sei lediglich, dass es „ein klares politisches Bekenntnis beider Regierungen gibt“.[6] Johansson fügte hinzu, Deutschland sei für Saab ohnehin „ein Schlüsselland in Europa“. Der Konzern sei seit über 40 Jahren „stolzer Partner der deutschen Streitkräfte“, unterhalte dort Fabriken und arbeite eng etwa mit Diehl Defence zusammen; man wolle „in Deutschland weiter wachsen“. Allerdings müsse Saab dazu „vor Ort noch präsenter sein und Technologie übertragen, Fähigkeiten aufbauen, Arbeitsplätze schaffen“.

„Zu lange abhängig von den USA“

Der Bau eines FCAS-Äquivalents gemeinsam mit Saab würde sich zudem in die seit Jahren enge Militärkooperation beider Länder einfügen, die gegenwärtig weiter intensiviert wird. Eine Absichtserklärung darüber unterzeichneten die Verteidigungsminister Deutschlands und Schwedens, Boris Pistorius und Pål Jonson, am 18. November am Rande der Berliner Sicherheitskonferenz, deren Partnerland Schweden war. Die Erklärung sieht vor, gemeinsame Aktivitäten in der militärischen Ausbildung, bei Manövern sowie in etwaigen Einsätzen zu intensivieren. Schon heute kooperieren die Streitkräfte Deutschlands und Schwedens recht eng; das gilt insbesondere für die Marinen beider Länder, die bei der Kontrolle der Seewege in der Ostsee zusammenarbeiten. Zudem nutzen deutsche U-Boote unter anderem die Marinebasis Karlskrona in Südschweden.[7] Pistorius und Jonson einigten sich in Berlin explizit auch darauf, die Kooperation der Rüstungsindustrien beider Länder auszubauen. Die engere Militärkooperation zielt nicht zuletzt darauf ab, mit Blick auf die Aggressionen der Trump-Administration die Zusammenarbeit der Streitkräfte Europas zu intensivieren. Man sei „zu lange abhängig von der amerikanischen Militärmacht“ gewesen, urteilte Jonson. Nun müsse man „gemeinsam die europäische Verteidigung stärken“.

Bröckelnder Kitt

Unterdessen zögert sich die Entscheidung über das deutsch-französische FCAS-Projekt immer weiter hinaus. Nach wie vor gilt es als unwahrscheinlich, dass Berlin einem größeren Anteil des französischen Rafale-Herstellers Dassault an Entwicklung und Produktion des Kampfjets zustimmen wird. Doch heißt es, man könne sich eine deutsch-französische Kooperation etwa bei der Fertigung der Drohnen herstellen. Das war der Projektbereich, bei dem ohnehin eine deutsche Vorzugsstellung vorgesehen war. Beobachter führen die sich immer weiter hinauszögernde Entscheidung über den Kampfjet auch darauf zurück, dass die derzeit eskalierenden deutsch-französischen Spannungen nicht noch mehr angeheizt werden sollen und die Suche nach einer für alle Seiten gesichtswahrenden Lösung andauert. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte in einem am Dienstag veröffentlichten Interview, stelle man die Arbeit an dem gemeinsamen Kampfjet ein, dann stehe womöglich auch die gemeinsame Fertigung eines neuen Kampfpanzers (Main Ground Combat System, MGCS) in Frage.[8] Der Kitt, der Berlin und Paris zusammenhält, würde noch weiter bröckeln.

 

[1] Thomas Gutschker: Meloni statt Macron. Frankfurter Allgemeine Zeitung 09.02.2026.

[2] S. dazu Auf dem Weg in die erste Rüstungsliga (II).

[3] Tom Kington: Italy faces GCAP warplane price tag topping $21 billion. defensenews.com 20.01.2026.

[4] Matt Oliver: Starmer risks diplomatic row as UK delays Tempest fighter jet programme. telegraph.co.uk 01.02.2026.

[5] Thomas Gutschker: Meloni statt Macron. Frankfurter Allgemeine Zeitung 09.02.2026.

[6] Anna Sophie Kühne: „Wir unterschätzen die europäische Rüstungsindustrie“. faz.net 21.12.2025.

[7] Peter Carstens: Deutschland und Schweden vereinbaren Militärkooperation. faz.net 18.11.2025.

[8] Oliver Meiler: „Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt“. sueddeutsche.de 10.02.2026. S. dazu Berlin gegen Paris.


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