Atomwaffenkontinent Europa

Die Bundeswehr nimmt dieses Jahr an zwei Atomkriegsmanövern teil: an einer NATO- und an einer französischen Übung. Erneut werden Spekulationen über eine „deutsche“ oder eine neue „europäische“ Bombe laut.

BERLIN/PARIS/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Die Bundeswehr beteiligt sich aktuell am alljährlichen Atomkriegsmanöver der NATO und nimmt in diesem Jahr zudem an einer Kernwaffenübung der französischen Nuklearstreitkräfte teil. Zum NATO-Manöver Steadfast Noon, das am Dienstag begonnen hat, hat die Bundeswehr drei Tornado-Kampfjets nach Italien entsandt. Dort trainieren Soldaten aus 17 NATO-Staaten unter anderem Einsatzflüge, die mit dem Abwurf von Atombomben enden. Während bisher fünf europäische Staaten in die sogenannte nukleare Teilhabe eingebunden sind, schaffen mittlerweile weitere Länder – Finnland und Litauen – die gesetzlichen Voraussetzungen, um Atomwaffen auf ihrem Territorium zu stationieren. Parallel treibt Frankreich die Einbindung weiterer Staaten in sein neues Konzept der „vorverlegten Abschreckung“ („dissuasion avancée“) voran. In diesem Zusammenhang beteiligt sich die Bundeswehr in diesem Jahr erstmals an der französischen Atomkriegsübung Operation Poker, die zuletzt Ende September stattfand. Ein einflussreicher deutscher Außenpolitikexperte spekuliert parallel über eine deutsche Bombe und berichtet von Überlegungen, gemeinsam etwa mit den Staaten Skandinaviens eine „europäische“ Nuklearwaffe zu entwickeln.

Steadfast Noon

Die NATO hat am Dienstag ihr alljährliches Atomkriegsmanöver Steadfast Noon begonnen. Es findet dieses Mal in Italien statt. Schwerpunkte sind die Luftwaffenstützpunkte Aviano bei Udine und Ghedi bei Brescia, wo jeweils US-Atombomben gelagert sind. Details wurden in diesem Jahr kaum bekanntgegeben. Üblicherweise wird bei Steadfast Noon geübt, die US-Bomben, die im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe von europäischen Luftwaffen zum Einsatzort geflogen werden, aus ihren Bunkern zu holen, sie an europäischen Kampfjets zu befestigen und, daran anschließend, Einsatzflüge sowie deren militärische Begleitung zu simulieren. Beteiligt sind dieses Jahr die Streitkräfte von 17 NATO-Staaten. Die Bundeswehr ist mit drei Tornado-Kampfjets des taktischen Luftwaffengeschwaders 33 aus Büchel in der Eifel involviert, das für die deutsche nukleare Teilhabe zuständig ist. Beteiligt sind auch die Türkei und Rumänien, das drei F-16-Kampfjets entsendet.[1] Schweden wiederum stellt eine nicht genannte Anzahl an Gripen-Kampfjets bereit, während Finnland Stabsoffiziere zu der Übung entsendet.[2] Das Manöver soll rund zehn Tage dauern und einen Umfang haben wie im vergangenen Jahr. Damals nahmen gut 2.000 Soldaten mit rund 70 Flugzeugen teil.

Öffnung für Massenvernichtungswaffen

Das Atomkriegsmanöver der NATO findet statt, während das Militärbündnis gleichzeitig die Stationierung von Kernwaffen in weiteren Staaten Europas diskutiert; dabei geht es vor allem um die Option, US-Atombomben ebenfalls im Rahmen der nuklearen Teilhabe einzulagern. In Finnland hat das Parlament am 17. Juni beschlossen, ein aus dem Jahr 1980 stammendes Verbot aufzuheben, Kernwaffen zu beherbergen oder sie auch nur über finnisches Territorium zu transportieren.[3] Damit ist eine zentrale Vorbedingung für eine etwaige Stationierung von Atombomben erfüllt. In Litauen hat das Parlament vergangene Woche dafür gestimmt, eine Norm in der Verfassung des Landes aufzuheben, die es untersagt, Massenvernichtungswaffen auf litauischem Territorium zu lagern.[4] Um die Verfassungsänderung abzuschließen, ist allerdings noch eine zweite Abstimmung im Parlament erforderlich. In Polen wiederum wird die etwaige Stationierung von US-Atombomben lebhaft diskutiert. Während die Regierung unter Ministerpräsident Donald Tusk sich offen dagegen positioniert, wie der stellvertretende Verteidigungsminister Paweł Zalewski Ende August bekräftigte, geben sich Präsident Karol Nawrocki und die Partei PiS (Prawo i Sprawiedliwość) von Jarosław Kaczyński dafür grundsätzlich offen.[5]

Im „Zeitalter der Atomwaffen“

Parallel zu den Überlegungen, zusätzliche US-Atomwaffen in Europa zu stationieren, treibt auch Frankreich seine Nuklearpläne weiter voran. Grundlage ist das neue Konzept der „vorverlegten Abschreckung“ („dissuasion avancée“), das Präsident Emmanuel Macron am 2. März vorgestellt hat. Macron sprach damals explizit von einem neu anbrechenden „Zeitalter der Atomwaffen“.[6] Das neue Konzept sieht unter anderem vor, dass nuklear bestückbare Rafale-Kampfjets der französischen Nuklearstreitkräfte zeitweise – etwa in Krisensituationen – auf Stützpunkte in anderen Staaten Europas verlegt werden können. Damit soll für einen potenziellen Feind – faktisch geht es um Russland – Unsicherheit geschaffen werden, die sich aus der Unklarheit ergibt, ob die nuklearfähigen Kampfjets in der Tat mitsamt Kernwaffen verlegt wurden. Dies solle „das Kalkül unserer Gegner verkomplizieren“, erklärte Macron.[7] Mittlerweile haben zehn europäische Staaten in diesem Rahmen eine Zusammenarbeit mit Frankreich beschlossen; neben der Atommacht Großbritannien sind das Deutschland, Belgien und die Niederlande, Griechenland, Polen sowie die vier nordeuropäischen – traditionell US-nahen – Staaten Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen, die jüngst von den US-Annexionsdrohungen gegen Grönland erschüttert wurden.

Operation Poker

Die Bundeswehr nimmt in diesem Jahr erstmals nicht nur am NATO-Atomkriegsmanöver Steadfast Noon, sondern auch an der französischen Kernwaffenübung Operation Poker teil. Dies wurde Mitte Juli anlässlich eines Treffens von Macron mit Bundeskanzler Friedrich Merz bekannt. Damals probten in einem symbolischen Akt zwei nuklearfähige französische Rafale-Jets und zwei begleitende deutsche Eurofighter eine gemeinsame Luftbetankung aus einem französischen Tankflugzeug des Modells MRTT Phenix.[8] Ende September führten die französischen Nuklearstreitkräfte ihr jüngstes Atomkriegsmanöver namens Operation Poker durch. Ob deutsche Soldaten bereits beteiligt waren – zuvor war von der Entsendung von Beobachtern, eventuell auch von Kampfjets die Rede –, ist bislang nicht klar. Zum Manöververlauf hieß es, die Besatzungen der Rafale-Jets hätten den Auftrag erhalten, „die feindlichen Linien zu durchbrechen“, um „ihre Raketen an einem genau festgelegten Ort sowie zu einem genau festgelegten Zeitpunkt abzufeuern“.[9] Ein Teilnehmer lässt sich mit der Äußerung zitieren: „Man muss durchkommen, koste es, was es wolle – und jedes Mal gibt es schwere Verluste.“

„Deutsche oder europäische Atomwaffen“

Über mögliche Kernwaffenalternativen sowohl zur nuklearen Teilhabe mit US-Bomben als auch zur französischen „dissuasion avancée“ hat sich kürzlich der Politikwissernschaftler Joachim Krause geäußert. Krause, einstiger Leiter des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel und langjähriger Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), hatte bereits im Januar gefordert: „Wir müssen dringend über den Schutz Deutschlands durch eigene oder europäische Atomwaffen reden“.[10] Ende August erklärte er, einerseits sei auf die USA unter Präsident Donald Trump „kein Verlass“. Andererseits dürfe man hinsichtlich der „dissuasion avancée“ „die Erwartungen nicht zu hoch stecken“. „Ein Element der Sicherheit“ wäre es, „wenn Deutschland die Atombombe hätte“, ließ sich Krause zitieren, urteilte dann aber, das sei heute aufgrund des deutschen Ausstiegs aus der zivilen Atomkraft und der Schwäche der Bundesregierung „vollkommen unrealistisch“.[11] Allerdings würden zur Zeit „auch andere Optionen diskutiert“: „Gelegentlich höre ich, dass die Skandinavier zusammen mit den baltischen Staaten, Deutschland und Polen ein europäisches Atomwaffenprogramm auflegen könnten.“ Krause zufolge fehlt zur Zeit „die Expertise“. Das aber ist kein zwingender Hinderungsgrund – es lässt sich ändern.

 

Mehr zum Thema: Im Zeitalter der Atomwaffen, Im Zeitalter der Atomwaffen (II) und Im Zeitalter der Atomwaffen (III).

 

[1] Ana Maria Eftene: Romania will participate with three F-16 aircraft in the NATO Steadfast Noon 2026 exercise, organized in Italy. informat.ro 09.10.2026.

[2] Jacob Wollheim: Sweden and Finland to participate in NATO nuclear deterrence exercise. nordicdefencesector.com 11.10.2026.

[3] Milena Wälde: Finland tears up nuclear weapons ban in NATO shift. politico.eu 17.06.2026.

[4] Modesta Gaučaitė-Znutienė: Lithuania moves to lift constitutional ban on nuclear weapons: What it means. lrt.lt 09.10.2026.

[5] Polish president’s office criticises government for rejecting hosting of allied nuclear weapons. notesfrompoland.com 28.08.2026.

[6] Discours du Président sur la dissuasion nucléaire. uk.diplomatie.gouv.fr 04.03.2026.

[7] S. dazu Im Zeitalter der Atomwaffen.

[8] Starkes Duo für Europa: Deutsch-Französischer Verteidigungs- und Sicherheitsrat. bmvg.de 17.07.2026.

[9] Gaëtane Morin: « On est l’assurance vie de la nation » : dans les coulisses de l’opération Poker, qui simule un raid nucléaire. leparisien.fr 29.09.2026.

[10] Martin Debes, Nico Fried, Miriam Hollstein, Veit Medick, Viktar Vasileuski: Wie der Weg zu einer deutschen Atombombe aussehen könnte. stern.de 29.01.2026. S. dazu Der Weg zur Bombe (II).

[11] Marc von Lüpke: „Russland hat sich in eine Kriegshysterie hineingesteigert“. t-online.de 26.08.2026.


Login