Kolonien im 21. Jahrhundert (IV)

Bundesregierung entsendet Staatsministerin im Auswärtigen Amt in drei Pazifikstaaten, um dort die deutschen Positionen zu stärken – gegen China. Die drei Staaten waren einst ganz oder teilweise deutsche Kolonien.

BERLIN/APIA (Eigener Bericht) – Die Bundesregierung sucht im Einflusskampf gegen China die Positionen Deutschlands und des Westens im Pazifik zu stärken und entsendet die Staatsministerin im Auswärtigen Amt Katja Keul in die pazifische Inselwelt. Keul ist bereits am Sonntag aufgebrochen und bereist drei Staaten, die einst ganz oder teilweise Kolonien des Deutschen Reiches waren: Samoa, die Salomonen und Papua-Neuguinea. Zur Rückgabe eines samoanischen Bootsstevens durch Keul, den ein Offizier des Deutschen Reiches Ende des 19. Jahrhunderts aus Samoa entwendet hatte, erläutert das Auswärtige Amt, damit schaffe man „Anknüpfungspunkte“ für die künftige Zusammenarbeit mit dem Inselstaat. Samoa ist seit 1962 ein souveräner Staat; in seiner Nähe liegen allerdings Inselgruppen, die unverändert von Kolonialmächten kontrolliert werden, so etwa American Samoa, ein US-Gebiet, dessen Einwohner kein reguläres Wahlrecht haben, die neuseeländische Kolonie Tokelau und das französische Überseeterritorium Wallis und Futuna. Samoa, das heute nicht zuletzt mit China kooperiert, war erstmals ins Visier Berlins geraten, als um die Mitte des 19. Jahrhunderts deutsche Handelsunternehmen in den Pazifik vordrangen.

Handelsinteressen im Pazifik

Die deutsche Kolonialherrschaft auf Samoa ging letztlich auf Handelsinteressen zurück, die seit den 1850er Jahren deutlich zutage getreten waren. Das Hamburger Handelshaus Johann Cesar Godeffroy & Sohn hatte vom chilenischen Valparaíso aus mit dem Aufbau eines Handelsimperiums begonnen, das Aktivitäten in weiten Gebieten des Pazifiks entfaltete und seinen Schwerpunkt in Apia hatte, dem Zentrum – und der heutigen Hauptstadt – Samoas.[1] Haupthandelsprodukt waren zunächst Kokosöl, dann Kopra: getrocknetes Kokosfleisch, aus dem sich in zentralen Fabriken andernorts mehr Kokosöl pressen ließ als mit den in Samoa zur Verfügung stehenden Mitteln und das deshalb unverarbeitet ausgeführt wurde.[2] Gegen Ende der 1870er Jahre wurden fast neun Zehntel des Exports von Samoa und Tonga – im Südwesten von Samoa – von deutschen Händlern kontrolliert. Deutsche Unternehmen beziehungsweise ab 1871 das Deutsche Reich gerieten dabei zunehmend in Konkurrenz vor allem zu Großbritannien und den Vereinigten Staaten. 1899 teilten die drei Mächte Samoa unter sich auf: Das Deutsche Reich bekam die zwei größeren Inseln – das heutige Samoa –, die USA erhielten Samoas südöstlichen Teil – das heutige American Samoa –, während Großbritannien sich an Tonga und Teilen der Salomonen schadlos hielt.

Kolonialprofite

Die deutsche Kolonialherrschaft über Samoa erwies sich für die deutschen Unternehmen, die im Pazifik Handel trieben, als überaus profitabel; so konnte etwa die Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft (DHPG), die vor allem das auf Plantagen im Pazifik erzeugte Kopra exportierte, im Jahr 1909 aufgrund ihrer Geschäftserfolge eine Dividende von 28 Prozent auszahlen. In den Jahren 1908 und 1909 gelang es dem Reich, eine Rebellion in Samoa erfolgreich niederzuschlagen; ihre Anführer wurden auf die Nördlichen Marianen deportiert, die damals deutscher Kolonialherrschaft unterstanden (und kürzlich Schlagzeilen machten, als Julian Assange in Saipan, der Hauptstadt des heutigen US-Außengebiets, vor Gericht gestellt wurde, german-foreign-policy.com berichtete [3]). Weil die Plantagenarbeit sich mit den Einwohnern von Samoa nicht bewältigen ließ, holten die auf Samoa tätigen deutschen Unternehmen über 2.000 Chinesen in ihre Kolonie, die als miserabel entlohnte Arbeitskräfte angeworben werden konnten, weil sich China damals, von den Kolonialmächten zerrieben und zum Teil sogar kolonialisiert, in einem dramatischen Niedergang befand. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs übernahm Neuseeland Samoa als Kolonie.[4]

„Anknüpfungspunkte für die Kooperation“

Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt Katja Keul, die am vergangenen Sonntag zu einer Reise nach Samoa, auf die Salomonen und nach Papua-Neuguinea aufgebrochen ist, hatte bereits zuvor „die feierliche Rückgabe eines historischen Bootsstevens“ angekündigt, der zu den Beständen des Bremer Übersee-Museums zählte.[5] Der Steven entstammt einem Boot, das deutsche Soldaten am 23. Oktober 1888 bei Apia beschossen und erobert hatten. Tags drauf zersägten sie das Boot, entwendeten die sie interessierenden Teile – etwa den Steven – und nutzten den Rest als Brennholz. Der verantwortliche Seeoffizier Wilhelm Souchon, der es im Ersten Weltkrieg zum Vizeadmiral der kaiserlichen Marine bringen sollte, nahm den Steven bei seiner Heimkehr ins Deutsche Reich mit und übergab ihn 1932 dem Übersee-Museum in seinem Wohnort Bremen.[6] Zur Rückgabe des Bootsstevens, der ab September in einer Ausstellung an der National University of Samoa zu sehen sein soll, erklärte Keul, Deutschland stelle sich „damit unserer kolonialen Vergangenheit in der Region“. Wozu die „Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit“ dient, erläutert das Auswärtige Amt: Sie biete, konstatiert das Ministerium, „Anknüpfungspunkte für eine zukunftsgerichtete Zusammenarbeit“.[7]

Fortbestehende Kolonien

Samoa konnte letztlich das Ende der neuseeländischen Kolonialherrschaft erkämpfen und ist seit dem 1. Januar 1962 ein souveräner Staat. Das ist bei einigen anderen Inselgruppen in der Region, dem Westen Polynesiens, nicht der Fall. Etwas nördlich etwa liegt Tokelau, das bis heute von Neuseeland kontrolliert wird, obwohl die Vereinten Nationen es offiziell als zu entkolonialisierendes „Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung“ einstufen. In Tokelau gab es in den Jahren 2006 und 2007 jeweils Referenden, in denen sich klare Mehrheiten für den Übergang zur Selbstregierung aussprachen; weil sie aber jeweils die Zweidrittelmehrheit um wenige Stimmen verfehlten, die Neuseeland für zwingend erforderlich erklärt, um die Inseln in die Unabhängigkeit zu entlassen, ist Tokelau unverändert neuseeländische Kolonie.[8] Westlich von Samoa liegt Wallis und Futuna, eine Inselgruppe mit kaum mehr als 11.000 Einwohnern, die Frankreich sich 1888 als Protektorat unterstellte und die es seit 1961 als ein Überseegebiet kontrolliert. Die Einwohner der Inseln entsenden einen Abgeordneten in die Assemblée nationale wie auch einen Senator in den Senat. In der soeben abgehaltenen Parlamentswahl wurde ein Kandidat der Macron-Partei Renaissance gewählt.

Eingeschränkte Rechte

Nicht wählen können hingegen die Einwohner von American Samoa, dem 1899 von Samoa abgespaltenen Landesteil, der bis heute von den USA kontrolliert, aber von den Vereinten Nationen als Hoheitsgebiet ohne Selbstverwaltung eingestuft wird. American Samoa hat den Status eines unincorporated territory der Vereinigten Staaten. Seine rund 50.000 Einwohner dürfen an den Präsidentenwahlen nicht teilnehmen; sie wählen einen Delegierten in den US-Kongress, der dort allerdings von Abstimmungen ausgeschlossen ist. Wer in American Samoa geboren wird, erhält nicht automatisch die US-Staatsbürgerschaft, sondern bloß einen Status mit beschränkten Rechten. Seit dem vergangenen Jahr ist die Stationierung von US-Truppen in American Samoa im Gespräch.[9] Die U.S. Naval Station Tutuila im Hafen Pago Pago, die 1899 errichtet worden war, diente lange Zeit als eine wichtige Zwischenstation auf halbem Weg zwischen Hawaii und Neuseeland bzw. Australien. Sie wurde allerdings 1951 stillgelegt. Heute sind US-Truppen vor allem auf Hawaii und Guam [10] stationiert; auf den Marshall Islands gibt es ein Raketentestgelände, und auf Palau bauen die Vereinigten Staaten ein hochmodernes Radarsystem.[11] Ein Stützpunkt in American Samoa könne für den Machtkampf gegen China nützlich sein, heißt es nun.

Gegen China

Staatsministerin Keul hat angekündigt, auf Samoa nicht nur mit der Rückgabe geraubter Kolonialschätze „Anknüpfungspunkte“ für die Zusammenarbeit schaffen zu wollen, sondern mit der Regierung des Landes auch über „regionale und multilaterale Fragen“ zu sprechen. Eines der dominanten Themen in der pazifischen Inselwelt ist derzeit der Einflusskampf des Westens gegen China. Samoa hat schon sehr früh, im Jahr 1975, diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik aufgenommen und kooperiert immer wieder, freilich nicht exklusiv, mit Beijing. 2021 hat es ein gemeinsam mit China geplantes Hafenprojekt abgesagt, weil es sich aus seiner Sicht als zu teuer erwies. 2022 hat es ein Abkommen mit der Volksrepublik über den Ausbau der Zusammenarbeit geschlossen [12]; für Juli ist die Übergabe einer neuen Polizeiakademie geplant, die China errichtet hat [13]. Auch die Bundesregierung will nun in der einstigen deutschen Kolonie in den Einflusskampf eingreifen; Keul ist als erste deutsche Staatsrepräsentantin seit mehr als 30 Jahren in Samoa eingetroffen. Konkrete Ergebnisse ihres Aufenthalts sind bislang noch nicht bekannt.

 

Mehr zum Thema: Kolonien im 21. Jahrhundert (I), Kolonien im 21. Jahrhundert (II) und Kolonien im 21. Jahrhundert (III).

 

[1] Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien. Paderborn 2012.

[2] Steven Roger Fischer: A History of the Pacific Islands. Second edition. Basingstoke 2013.

[3] S. dazu Kolonien im 21. Jahrhundert.

[4] Steven Roger Fischer: A History of the Pacific Islands. Second edition. Basingstoke 2013.

[5] Staatsministerin Keul vor ihrer Reise nach Samoa, zu den Salomonen und nach Papua-Neuguinea. auswaertiges-amt.de 08.07.2024.

[6] Rückgabe eines samoanischen Bootsstevens aus der Sammlung des Übersee-Museums Bremen aus ethischen Gründen. Vorlage für die Sitzung des Senats am 18. Juni 2024. In der Senatssitzung am 18. Juni 2024 beschlossene Fassung.

[7] Staatsministerin Keul vor ihrer Reise nach Samoa, zu den Salomonen und nach Papua-Neuguinea. auswaertiges-amt.de 08.07.2024.

[8] S. dazu Deutschlands Pazifikambitionen (III).

[9] Alexander Rheeney: American Samoa talks to U.S. military amid China’s rise. samoaobserver.ws 13.05.2023.

[10] Zu Guam s. Kolonien im 21. Jahrhundert (III).

[11] Congressional Research Service: The Pacific Islands. Washington, 25.01.2024.

[12] Helen Davidson: Samoa signs China bilateral agreement during Pacific push by Beijing. theguardian.com 28.05.2022.

[13] Sialai Sarafina Sanerivi: Mid-year opening for new police academy. samoaobserver.ws 22.03.2024.


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