Streit um Afghanistan (II)

Berlin diskutiert über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Afghanistan – im Einflusskampf gegen Russland und China. Afghanischer Warlord bittet den Westen um Hilfe für seinen Guerillakrieg gegen die Taliban.

BERLIN/KABUL (Eigener Bericht) – In Berlin werden Forderungen nach einem Kurswechsel in der Afghanistan-Politik und der erneuten Entsendung von Diplomaten nach Kabul laut. Hintergrund ist, dass immer mehr Staaten beginnen, in gewissem Umfang mit den dort herrschenden Taliban zusammenzuarbeiten. Russland und China tun dies bereits seit geraumer Zeit; Moskau hat Taliban-Vertreter mehrfach zum St. Petersburg International Economic Forum eingeladen, während Beijing umfangreiche Rohstoffprojekte in Afghanistan plant und zu Jahresbeginn einen Taliban-Botschafter akkreditiert hat. Inzwischen lässt auch Indien ein gewisses Interesse an einer Zusammenarbeit erkennen; Saudi-Arabien plant eine Botschaft in Kabul zu eröffnen. Hintergrund sind neben Sicherheits- auch geostrategische Interessen. Berlin fürchtet nun, zu spät zu kommen. Gleichzeitig bieten sich altbekannte afghanische Warlords dem Westen für einen Guerillakrieg gegen die Taliban an. So äußerte am Wochenende der Milizenführer Ahmad Massoud, dessen National Resistance Front (NRF) einen Guerillakrieg gegen die Taliban führt, seinen Kämpfern fehle es an „Ressourcen und Unterstützung“, wie sie die Ukraine erhalte. Die Taliban seien besiegbar.

Transportkorridor nach Südasien

Russland hat – anders als die westlichen Staaten – seine Beziehungen zu Afghanistan nach dem überstürzten Rückzug der NATO vom Hindukusch im Sommer 2021 nicht abgebrochen, sondern sie, wenngleich auf kleiner Flamme, aufrechterhalten. 2022 und 2024 lud Moskau eine Delegation der Taliban zum St. Petersburg International Economic Forum ein; zuletzt ist zuweilen davon die Rede gewesen, Russland könne die Taliban von seiner Liste verbotener Terrororganisation streichen, eventuell als Vorbereitung zur diplomatischen Anerkennung.[1] Hintergrund ist zum einen das Bestreben, entschieden gegen den Islamic State Khorasan Province (ISKP) vorzugehen, dem Terrorakte gegen Ziele in Russland zugeschrieben werden; so wurde der ISKP für Anschläge in Moskau (Crocus City Hall) oder jüngst in Dagestan verantwortlich gemacht. Hinzu kommen Überlegungen, sich die geostrategisch wichtige Lage Afghanistans zunutze zu machen und nicht zuletzt Verkehrskorridore in Richtung Pakistan und Indien auszubauen.[2] Als attraktive Option gilt unter anderem der Plan, Indien zukünftig über eine Pipeline mit Erdgas zu beliefern, die über Zentralasien, Afghanistan und Pakistan verläuft. Dies könnte langfristig den russischen Erdgasexport diversifizieren.

Die USA heraushalten

Auch China hat seine Beziehungen zu Afghanistan nie abgebrochen und sie inzwischen sogar zu intensivieren begonnen: Es hat im September 2023 einen Botschafter nach Kabul entsandt [3] und im Januar einen Botschafter Afghanistans in Beijing akkreditiert [4]. Auch dafür existieren mehrere Gründe. Zum einen hat Beijing Sorge, uigurische Terroristen könnten sich erneut am Hindukusch sammeln und von dort aus nach Xinjiang hineinoperieren; dies ist in der Vergangenheit immer wieder geschehen. Zum zweiten haben chinesische Firmen gewisse Wirtschaftsinteressen in Afghanistan; so schlossen eine Reihe von Unternehmen aus der Volksrepublik im vergangenen Jahr voluminöse Vereinbarungen über den Abbau von Kupfer, Lithium, Erdöl und weiteren Rohstoffen in dem Land.[5] Eines der prominentesten Projekte ist die Förderung von Kupfer in der Mine Aynak südöstlich von Kabul, einer der größten der Welt. Ursprünglich war die Konzession für den Abbau des Rohstoffs bereits im Jahr 2008 an eine chinesische Firma vergeben worden; konkrete Tätigkeiten wurden jedoch nie entfaltet – nicht zuletzt wegen des Kriegsgeschehens.[6] Jetzt soll dies nachgeholt werden. Neben Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen verfolgt Beijing in Afghanistan außerdem das Ziel, die USA aus Zentralasien herauszuhalten.

„Diplomaten nach Afghanistan“

Auch jenseits der Kooperation mit Russland und China bauen die Taliban die internationale Zusammenarbeit weiter aus. Ihr Sprecher Zabihullah Mujahid äußerte, er habe am Rand des Treffens zwischen UN-Vertretern, Diplomaten aus mehr als 20 Staaten – darunter die USA – und den Taliban am Sonntag und am Montag in Qatars Hauptstadt Doha [7] nicht zuletzt Gespräche mit Repräsentanten nicht nur Russlands, sondern auch Indiens sowie Usbekistans geführt.[8] Bereits zuvor hatte er mitgeteilt, Saudi-Arabien beabsichtige seine Botschaft in Kabul neu zu eröffnen.[9] Die Entwicklung scheint das Potenzial zu haben, eine gewisse Dynamik zu entfalten, bei der Berlin den Anschluss nicht vollständig verlieren will. So hat am Wochenende der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Nils Schmid, geäußert, man müsse sich „die Frage stellen“, wie man „mit diesem Land künftig umgehen“ wolle. Es sei „nicht davon auszugehen“, dass die Taliban „in absehbarer Zeit ihre Macht wieder abgeben werden“. Andererseits gebe es bei ihnen neben den „ideologisch verbohrten Hardlinern“ auch „Kräfte, die erkannt haben, dass die Probleme des Landes nur im Dialog und in Kooperation mit der internationalen Gemeinschaft gelöst werden können“. Berlin müsse überlegen, „wieder Diplomaten nach Afghanistan zu entsenden“.[10]

Der Vienna Process

Während Bestrebungen sich abzeichnen, in eine Phase der Kooperation mit den Taliban überzugehen, bieten sich altbekannte afghanische Warlords dem Westen für einen erneuten Krieg am Hindukusch an. Anlass war das vierte Treffen des sogenannten Vienna Process, das vergangene Woche in Wien stattfand. Der Vienna Process, der im September 2022 mit einer ersten Konferenz in der österreichischen Hauptstadt initiiert und im April sowie im Dezember 2023 mit zwei weiteren Zusammenkünften fortgesetzt wurde, bringt verschiedene Spektren der afghanischen Exilopposition zusammen, die von Frauenrechtlerinnen bis zu einst mächtigen Warlords reichen und auf den Sturz der Taliban hin arbeiten. Tragende Kräfte sind etwa ein einstiger Botschafter Afghanistans in Österreich und ein ehemaliger stellvertretender Außenminister des Landes. Da dem Vienna Process auch Personen angehören, die in Afghanistan militärische Operationen gegen die Taliban anleiten, wird der Vienna Process, wie eines seiner Team-Mitglieder berichtet, aktuell nicht von Regierungen unterstützt, sondern von privaten Stiftungen finanziert. Eine Aktivistin wurde schon im vergangenen Jahr mit der Äußerung zitiert, man könne die Taliban keinesfalls „ohne militärischen Druck“ entmachten.[11]

„Wie die Ukraine“

Im Anschluss an die soeben zu Ende gegangene vierte Vienna Process-Konferenz bat einer der Teilnehmer, Ahmad Massoud, öffentlich um stärkere Unterstützung aus dem Westen. Massoud, Sohn des bekannten Warlords Ahmad Shah Massoud, ist in der Zeit der westlichen Besatzung Afghanistans an der britischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet worden. Er führt vom Exil in Tadschikistan aus die bewaffnet gegen die Taliban kämpfende National Resistance Front (NRF), von der er berichtet, sie habe 2022 „mehr als 500 Leute“ verloren – bis sie zu einer klassischen Guerilla-Kriegführung übergegangen sei. Dies sei erfolgreich, behauptet Massoud: „Was uns fehlt“, das seien lediglich „Ressourcen und Unterstützung“; „die Welt“ solle der NRF „mehr geben“. Schließlich könne auch „die Ukraine“ ihren Kampf nicht ohne westliche Unterstützung führen.[12] Massoud weist darauf hin, dass auch weitere Milizen gegen die Taliban kämpfen, darunter eine Truppe um General Yasin Zia, die unter anderem Mordanschläge durchführt.

Zum dritten Mal

Auf der Konferenz des Vienna Process waren weitere Warlords präsent, darunter Hazrat Ali sowie ein Vertreter des berüchtigten usbekischen Generals Rashid Dostum. Human Rights Watch warf Hazrat Ali in den 2000er Jahren sexualisierte Gewalt gegen Frauen, Raub, Plünderung, die Inhaftierung von Kritikern und zahlreiche weitere Verbrechen vor.[13] Von Dostum wiederum ist bekannt, dass er nicht nur seine Herrschaft im Alltag mit brutalen Methoden durchgesetzt hat; er hat im Herbst 2001 bis zu 1.500 Kriegsgegner, wohl Taliban, in Container gesperrt, die Container abgestellt sowie die Eingesperrten verdursten lassen.[14] Die Brutalität der in der Bevölkerung hoch verhassten afghanischen Warlords erleichterte bereits in der ersten Hälfte der 1990er Jahre den Taliban den Weg an die Macht. Sie bewirkte später, dass unter der NATO-Besatzungsherrschaft, unter der Warlords regionale Machthaber waren, die Taliban erneut Zulauf bekamen – als Alternative zu den Warlords.[15] Massoud, Hazrat Ali, Dostum und andere bieten sich nun für eine dritte Wiederholung an.

 

Mehr zum Thema: Streit um Afghanistan.

 

[1] Mikhail Bushuev: Russia rebuilding ties with the Taliban. dw.com 06.06.2024.

[2] Soumya Awasthi: Russia’s strategic shift: Embracing the Taliban in Afghanistan. hindustantimes.com 05.06.2024.

[3] Taliban hail China’s new ambassador with fanfare, say it’s a sign for others to establish relations. apnews.com 13.09.2023.

[4] Ruchi Kumar: Why has China recognised Taliban’s envoy to Beijing? aljazeera.com 14.02.2024.

[5] Ahmed S. Cheema: China’s Gamble in Afghanistan. thediplomat.com 19.05.2023.

[6] Thomas Ruttig: Chinese investments in Afghanistan: Strategic economic move or incentive for the Emirate? Afghanistan Analysts Network, September 2023.

[7] S. dazu Streit um Afghanistan.

[8] Taliban sends its first delegation to a UN-led meeting in Qatar on Afghanistan. france24.com 30.06.2024.

[9] A Taliban delegation attends a UN-led meeting in Qatar on Afghanistan; women excluded. abcnews.go.com 30.06.2024.

[10] SPD-Sprecher fordert diplomatische Beziehungen mit Taliban. n-tv.de 29.06.2024.

[11] David Loyn: The scattered forces opposing the Taliban need support now. chathamhouse.org 28.07.2023.

[12] Christina Lamb: Exiled leader trained at Sandhurst tells West: I can help topple Taliban. thetimes.com 30.06.2024.

[13] Killing You is a Very Easy Thing For Us. Human Rights Abuses in Southeast Afghanistan. hrw.org 28.07.2003.

[14] S. dazu Totalschaden.

[15] S. dazu Option Bürgerkrieg, Die Warlords als Oligarchen und Vom Westen befreit (III).


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