Militärstützpunkt Litauen

Mit der Abschlussübung des Großmanövers Quadriga trainierten deutsche Soldaten vergangene Woche in Litauen den Krieg gegen Russland. In Litauen treibt Berlin auch den Aufbau eines deutschen Militärstützpunktes voran.

BERLIN/PABRADE (Eigener Bericht) – Mit Gefechtsübungen in Litauen hat die Bundeswehr in der vergangenen Woche gemeinsam mit NATO-Verbündeten das Großmanöver Quadriga beendet – nach knapp einem halben Jahr Dauer. Bei der Militärübung ging es, wie Veröffentlichungen der Bundeswehr bestätigen, explizit um einen möglichen Krieg gegen die Atommacht Russland. Seit April dieses Jahres arbeitet zudem ein deutsches „Vorkommando“ am Aufbau zweier Bundeswehrstandorte in Litauen; dort soll eine komplette deutsche Brigade stationiert werden. Bereits seit vergangenem Jahr errichtet Litauen die dafür notwendige zivile und militärische Infrastruktur inklusive eines neuen Truppenübungsplatzes. Verteidigungsminister Pistorius gibt bekannt, Berlin werde auch nach einem etwaigen Ende des Ukraine-Krieges an den Stützpunkten festhalten. Deutschland inszeniert sich nicht zuletzt mit der künftigen „Brigade Litauen“ als Schutzmacht Osteuropas. Tatsächlich ist der Aufbau eines Militärstützpunktes auf ehemaligem sowjetischen Staatsgebiet für die Bundesrepublik von erheblicher machtpolitischer Bedeutung. Die Ambition, Osteuropa aus Moskaus Einflusszone herauszubrechen und Berlin unterzuordnen, ist eine lange Linie der deutschen Außenpolitik.

„Im Feuerkampf“

Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, nannte die soeben beendete Abschlussübung von Quadriga 2024 das „ultimative Highlight“ des übergeordneten NATO-Großmanövers Steadfast Defender.[1] Die Bundeswehr habe „Kriegstüchtigkeit“ bewiesen, erklärte der Generalinspekteur.[2] Neben dem transatlantischen Aufmarsch gegen Russland von Norwegen im Hohen Norden bis nach Rumänien am Schwarzen Meer trainierten die deutschen Soldaten „den Einsatz von Kräften“ nicht zuletzt in Gefechtsübungen mit scharfer Munition. „Erste Schüsse fallen“, heißt es in einem Bericht der Bundeswehr über das Teilmanöver Grand Quadriga; wer sie abgefeuert hat, bleibt offen. „Litauer, Deutsche und Franzosen […] stehen im Feuerkampf“, fährt der Bericht fort. Das „mächtige dumpfe Grollen der 120-Millimeter-Glattrohre der Kampfpanzer“ werde „immer wieder von harten, hämmernden Schlägen der 30-Millimeter-Kanone der Pumas unterbrochen“; der „Feind nutzt sich ab“. Die schweren Panzertruppen der Bundeswehr stünden dabei für „sämtliche offensiven und defensiven taktischen Aktivitäten zur Verfügung“. Das Szenario von Quadriga sei „realitätsnah“, erklärt die Bundeswehr, während der Generalinspekteur äußert: „Wir müssen üben für den Krieg“.[3]

Die Brigade Litauen

Das Quadriga-Abschlussmanöver war nach Angaben der Bundeswehr der erste Probelauf der 10. Panzerdivision in ihrer Funktion als Grundelement der Division 2025; Letztere ist der deutsche Beitrag zur Bereitstellung von NATO-Truppen für einen etwaigen Krieg gegen Russland. Teil dieser Division wird die zur Zeit im Aufbau befindliche „Brigade Litauen“ der Bundeswehr sein. Seit Ende vergangenen Jahres arbeitet Berlin gemeinsam mit Vilnius daran, eine „schwere Kampfbrigade“ [4] der Bundeswehr bewaffnet unter anderem mit dem Schützenpanzer Puma und dem Kampfpanzer Leopard 2, dauerhaft in Litauen zu stationieren [5] Zunächst war noch die Rede von rund 4.000 Soldaten; inzwischen plant der Verteidigungsminister mit 4.800 Soldaten plus 200 zivilen Bundeswehrangehörigen. Seit April dieses Jahres ist ein rund 20 Soldaten umfassendes sogenanntes Vorkommando in Litauen, um den Aufbau der Brigade vorzubereiten. Laut Zeitplan des Verteidigungsministeriums soll das Vorkommando bis Jahresende zu einem 150 Soldaten starken Aufstellungsstab aufwachsen, der dann von 2025 bis 2027 nach und nach die vollständige Verlegung und die Einsatzbereitschaft der Brigade umsetzen soll. Letztlich will Berlin mit „Kampf- und Einsatzunterstützungstruppen wie zum Beispiel Artillerie-, Aufklärungs-, Versorgungs- und Pioniertruppen“, einem „Brigadestab, Unterstützungs- und Fernmeldeeinheiten“ sowie Fähigkeiten zur „Führungsunterstützung“ in Litauen präsent sein.[6]

„Wir zahlen gern für die deutsche Brigade“

Die für den deutschen Militärstützpunkt an der NATO-Ostflanke notwendige Infrastruktur baut Litauen auf – und zwar mit Steuergeldern der eigenen Bevölkerung. Es gebe in seinem Land „große Freude, für die deutsche Brigade zu bezahlen“, erklärte kürzlich der litauische Verteidigungsminister. Künftig soll es zwei deutsche Militärstandorte in Litauen geben: einen in Rūdnikai, wo ein neuer Truppenübungsplatz entsteht; einen zweiten in Rukla, wo im Rahmen der NATO bereits seit Jahren eine dreistellige Anzahl von deutschen Soldaten stationiert ist. Neben Kasernen und Straßen zu den Truppenübungsplätzen verspricht der litauische Verteidigungsminister den Bundeswehrsoldaten und ihren Angehörigen „Kindergarten, Schule und Schießanlage“.[7] Über die Kosten der Brigade für den deutschen Steuerzahler gibt es noch keine offiziellen Informationen. Medienberichten zufolge hat Pistorius im Verteidigungsausschuss nun von einer Anschubfinanzierung von zehn Milliarden Euro gesprochen. Die laufenden Kosten seien darin nicht enthalten, heißt es.[8]

Deutsche Ambitionen

Berlin plant die Brigade „dauerhaft“ in Litauen zu stationieren; ein „Ende“ sei „nicht vorgesehen“, heißt es bei der Bundeswehr.[9] Dies sei auch dann nicht der Fall, gab Verteidigungsminister Pistorius bekannt, sollte es zu einem Ende des Ukraine-Krieges kommen.[10] Der Aufbau des Militärstützpunkts in Litauen sei Ausdruck des „festen Willens der Bundesregierung, Führungsverantwortung“ in der NATO zu übernehmen.[11] Wie heute die Ukraine war einst – während des Kalten Kriegs – Deutschland ein geteilter Frontstaat im Konflikt der NATO mit Moskau. Damals waren unter anderem die USA als eine der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges dauerhaft in Deutschland stationiert. Pistorius bezog sich kürzlich ausdrücklich darauf: „Wir werden quasi in Litauen die Amerikaner sein“.[12] Der litauische Verteidigungsminister bedankte sich im Gegenzug bei seinem deutschen Amtskollegen: „Vielen Dank, Herr Minister, für Ihre Führung“.[13]

Lange Linien

Litauen ist nicht zum ersten Mal in der Geschichte Objekt deutscher Machtpolitik. Bereits während des Ersten Weltkrieges machten deutsche Strategen das Land zu einem Ziel ihrer Expansionspläne in Osteuropa.[14] Während des Zweiten Weltkrieges besetzte die Wehrmacht Litauen für mehrere Jahre. Über beide Weltkriege und den Kalten Krieg hinweg ist das Bestreben, Russland – respektive die Sowjetunion – aus Osteuropa zurückzudrängen und die Region damit für die direkte und die indirekte deutsche Einflussexpansion zu öffnen, ein Grundpfeiler deutscher Machtpolitik.

 

[1] Quadriga 2024 endet in Litauen mit einem Verteidigungsgefecht. bundeswehr.de.

[2] Quadriga 2024: Bundeswehr setzt den Schlusspunkt in Litauen beim größten NATO-Manöver seit dem Kalten Krieg – Generalinspekteur bekräftigt Bündnissolidarität an der NATO-Ostflanke. dbwv.de 31.05.2024.

[3] Quadriga 2024 endet in Litauen mit einem Verteidigungsgefecht. bundeswehr.de.

[4] Bundeswehr in Litauen. bundeswehr.de.

[5] S. dazu Stützpunkt an der Ostflanke.

[6] Bundeswehr in Litauen, bundeswehr.de

[7] Pistorius und Kasčiūnas Litauen Pressekonferenz. youtube-Kanal BTB-concept vom 16.05.2024.

[8] 10 Milliarden Euro für die Litauen-Brigade. rnd.de 25.04.2024.

[9] Bundeswehr in Litauen. bundeswehr.de.

[10] Litauen-Brigade: Statement Verteidigungsminister Boris Pistorius. youtube-Kanal Phoenix vom 28.02.2024.

[11] Minister Pistorius entsendet erste Soldaten der Brigade Litauen. bundeswehr.de 08.04.2024.

[12] Litauen-Brigade: Statement Verteidigungsminister Boris Pistorius. youtube-Kanal Phoenix vom 28.02.2024.

[13] Pressekonferenz mit Pistorius und Kasčiūnas vom 16.05.2024

[14] Vgl. dazu: Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 1961.


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