Ein halbes Jahr Aufmarschmanöver

Das Bundeswehr-Großmanöver Quadriga 2024, abgehalten von Norwegen bis Rumänien, geht in seine Endphase. Es ist ein Testlauf für die in den vergangenen Jahren vollzogene Neuausrichtung auf einen Großmachtkrieg.

BERLIN (Eigener Bericht) – Nach mehreren Monaten intensiver Kriegsübungen geht das Bundeswehr-Großmanöver Quadriga 2024 aktuell in seine Endphase. Mit dem Manöver proben deutsche Militärs den Aufmarsch und das „hoch intensive Gefecht“ entlang der gesamten russischen Westflanke – von der norwegischen Arktis über Litauen, Polen, Deutschland und Ungarn bis nach Rumänien. Quadriga sei ein „Zeichen“ an die „russische Seite“, äußert ein führender deutscher Militär: „Wir üben den Ernstfall“. Tatsächlich testet und entwickelt Deutschland mit Quadriga, das bereits seit 2021 geplant wird, seine Fähigkeit, in Europa einen Krieg gegen Russland zu führen. Als Teil des Großmanövers vollzieht die Bundeswehr die „erste bundesweite Heimatschutzübung“ der im Zuge der Vorbereitungen auf einen Krieg mit Russland aufgestellten Heimatschutzkräfte. Neben dem Betrieb der logistischen „Drehscheibe“ im Hintergrund trainiert die Bundeswehr – von leichten über mittlere bis zu schweren Kräften – alle Dimensionen eines großangelegten Landkriegs in Europa. Dabei macht sich die Truppe nicht nur mit den Marschrouten Richtung Russland vertraut, sondern übt auch die Kriegsführung auf dem Schlachtfeld Osteuropa.

Szenario: Ostfront von Norwegen bis Rumänien

Unter dem Label „Quadriga“ führt die Bundeswehr seit Monaten ein in seinem tatsächlichen Ausmaß schwer zu überschauendes „Übungscluster“ durch.[1] Quadriga setzt sich aus zahlreichen nationalen und multinationalen Teilmanövern zusammen, die wiederum in das übergeordnete NATO-Manöver Steadfast Defender eingegliedert sind. Bereits vor vier Jahren hatte das Militärbündnis damit begonnen, seine einzelnen Manöver in Ost- und Südosteuropa über ein geeintes Szenario zu einem „Schlachtfeldnetzwerk“ zu verknüpfen.[2] Zwei der Quadriga-Teilmanöver zählen mit Kosten von knapp 18 bzw. 7,7 Millionen Euro nach Regierungsangaben zu den zehn teuersten Bundeswehrmanövern in diesem Jahr. Insgesamt hat Berlin im Haushalt 2024 für Truppenübungen 310 Millionen Euro eingeplant, 59 Millionen mehr als im vergangenen Jahr.[3] In einem Interview hat der Referatsleiter Übungen im Kommando Heer jetzt angekündigt, Quadriga werde ab sofort jedes Jahr stattfinden.

Fast im Dauerbetrieb

Offizieller Beginn von Quadriga war Ende Februar. Wie der Reservistenverband berichtet, fanden erste Truppenbewegungen allerdings schon im Januar statt.[4] Den Rückmarsch der Truppen kündigte Generalinspekteur Carsten Breuer in einer Pressekonferenz für Ende Mai an; es ist allerdings davon auszugehen, dass auch dabei einzelne Truppenbewegungen über den offiziellen Manöverzeitraum hinaus andauern werden. Sollte Quadriga in den folgenden Jahren wieder ungefähr ein halbes Jahr umspannen, dann entwickelte sich der monatelange Aufmarsch gegen Russland für die Soldaten der Bundeswehr nahezu zum Dauerbetrieb.

Vor dem ersten Schuss

Offiziell erklärt der für die Manöverplanungen zuständige Oberst i.G. Dirk Hamann in einem Interview, mit der Durchführung von Quadriga reagiere man auf den russischen Einmarsch in die Ukraine. Allerdings berichtet er im selben Interview, die Bundeswehr habe bereits 2021 mit den Planungen für Quadriga 2024 begonnen – also Monate vor dem russischen Einmarsch.[5] Der Kommandeur des Ulmer Logistikkommandos Joint Support and Enabling Command (JSEC), Alexander Sollfrank, wiederum räumt in einer Pressekonferenz zu Quadriga ein, der Aufmarsch gegen Russland müsse „zu einem Zeitpunkt erfolgen, wenn noch nicht der erste Schuss gefallen ist“, also noch „vor einem möglichen Angriff“ – und damit vor dem Feststellen des Bündnisfalls nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags, für das die Bundeswehr mit Quadriga zu trainieren vorgibt.[6] Darüber hinaus räumt die Bundeswehr offen ein, im Rahmen von Quadriga auch „Offensivoperationen“ zu trainieren.[7] Nach „drei Tagen intensiven Gefechts in der Oberpfalz“ und einer „vorübergehenden Verteidigung“ soll der Feind „ im Gegenangriff endgültig geschlagen werden“, heißt es etwa auf der Webseite der Bundeswehr.[8]

Probelauf der Heimatschutzkräfte

Im Rahmen von Quadriga ist kürzlich mit „National Guardian“ die erste bundesweite „Heimatschutzübung“ zu Ende gegangen. Dabei probten 1.400 Reservisten an neun Orten in ganz Deutschland die Unterstützung des Aufmarsches gegen Russland. Die Bundeswehr gibt an, in dem Manöver auch die Zusammenarbeit mit zivilen Stellen wie dem Technischen Hilfswerk, dem Deutschen Roten Kreuz, Landespolizeien und Hafenbetreibern trainiert zu haben. Die Reservisten errichteten „Checkpoints, führten Patrouillen durch oder unterstützten Fahrzeugbewegungen“.[9] Dabei erklärte die Bundeswehr beispielsweise zivile Bahnhofs- und Hafengelände zum militärischen Sicherheitsbereich und sperrte sie mit „Betonblöcken und Stacheldraht“ ab.[10] Quadriga wie auch National Guardian seien ein erster Testlauf des Operationsplans Deutschland [11], heißt es dazu.

„Alle Wege führen über Deutschland“

Auf die Reservisten setzen die deutschen Generäle insbesondere beim Betrieb der „Drehscheibe Deutschland“, über die im Kriegsfall der NATO-Aufmarsch in Richtung Russland abgewickelt wird. Die Bundesrepublik erhofft sich von der Rolle einer logistischen Drehscheibe einen Bedeutungszuwachs innerhalb des US-dominierten Bündnisses: „De facto führen alle Wege über Deutschland“, erklärt Bundeswehr-Generalinspekteur Breuer.[12] Quadriga ist nicht nur ein erster Testlauf für den Operationsplan; die Bundeswehr unterzog auch ihre noch in Entwicklung befindliche App „Meine Reserve“ im Verlauf des Manövers einem ersten Praxistest. Mit der App will die Bundeswehr Reservisten „im Ernstfall“ per „digitalem Heranziehungsbescheid“ künftig „erheblich“ schneller einberufen können, um innerhalb von 48 Stunden einsatzbereites Personal vor Ort zu haben. Bis jetzt läuft die Alarmierung der Reservisten noch über „Telefonlisten“ oder gar über den „postalischen Weg“.[13]

„Üben wie im Krieg“

Vom Aufmarsch bis zum „hochintensiven Gefecht“ nutzt die Bundeswehr das Großmanöver, um „Mängel und Lücken“ ihrer Kriegsvorbereitungen zu identifizieren. Dafür überprüfen deutsche Soldaten ihr „logistischen Konzepte“ im „ganzen Bündnisgebiet“ [15] und trainieren  den „Landmarsch“ [14] unter anderem „über Polen durch die Suwalki-Lücke bis nach Litauen“, die Überquerung der Weichsel und „einwöchiges Gefechtsschießen“ mit deutschen Soldaten an Maschinengewehren in Schützengräben in Polen [16], den „Kampf am Boden“ inklusive „bodengestützte Luftverteidigung“ [17], den „Kampf im urbanen Raum“, die multinationale Kriegsführung im Verbund mit anderen NATO-Staaten, insbesondere mit den Niederlanden, den „Kampf gegen einen gleichwertigen Gegner am Polarkreis“ [18] oder das Abspringen tausender Fallschirmjäger in Rumänien. Zur Bedeutung von Quadriga 2024 äußert der Generalinspekteur der Bundeswehr: „Wir müssen üben wie im Krieg“.

 

[1] Quadriga 2024: Bundeswehr zeigt mit NATO Partnern die Bündnisverteidigung in Litauen. Pressemitteilung der Bundeswehr. Strausberg, 03.05.2024.

[2] S. dazu Testmobilmachung gen Osten (II).

[3] Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 5. Februar 2024 eingegangenen Antworten der Bundesregierung. Deutscher Bundestag, Drucksache 20/10292. Berlin, 09.02.2024.

[4] Die Großübung Quadriga 2024 beginnt. reservistenverband.de 12.03.2024.

[5] Nachgefragt: Quadriga 24 – Bundeswehr und NATO üben Mega-Manöver. Youtube-Kanal der Bundeswehr, 22.04.2024.

[6] Verlegung im Eiltempo: Saber Strike 2024. Youtube-Kanal der Bundeswehr, 08.05.2024.

[7] Pressetage bei Quadriga 2024 in Sachsen-Anhalt: NATO Response Force festigt ihre Einsatzbereitschaft. Pressemitteilung der Bundeswehr. Strausberg, 13.03.2024.

[8] Quadriga 2024: US Airborne Division trainiert mit „Allied Spirit“ Panzergrenadiere der Bundeswehr. bundeswehr.de 14.03.2024.

[9] Seehafen Rostock: Heimatschutzkräfte sichern Verlegung an die NATO-Ostflanke. bundeswehr.de.

[10] Quadriga 2024: Leoparden auf der Autobahn. Panzer aus Pfreimd auf dem Weg nach Litauen, Pressemitteilung der Bundeswehr. Strausberg, 03.05.2024.

[11] S. dazu Auf Krieg einstellen (I), Auf Krieg einstellen (II) und Auf Krieg einstellen (III).

[12] Quadriga 2024: Pressekonferenz mit General Carsten Breuer. Youtube-Kanal von Phoenix 22.04.2024.

[13] Meine Reserve: Erster Einsatz im Rahmen der Quadriga 2024 erfolgreich. bwi.de 07.05.2024.

[14] Quadriga 2024: Gefechtsschießen der Schwarzenborner Jäger mit US Cavalry Regiment bei der Übung Saber Strike. Pressemitteilung der Bundeswehr. Strausberg, 18.04.2024.

[15] Nachgefragt: Quadriga 24 – Bundeswehr und NATO üben Mega-Manöver. Youtube-Kanal der Bundeswehr, 22.04.2024.

[16] Quadriga 2024: Gefechtsschießen der Schwarzenborner Jäger mit US Cavalry Regiment bei der Übung Saber Strike. Pressemitteilung der Bundeswehr. Strausberg, 18.04.2024.

[17] Quadriga 2024: US Airborne Division trainiert mit „Allied Spirit“ Panzergrenadiere der Bundeswehr. bundeswehr.de 14.03.2024.

[18] Nachgefragt: Quadriga 24 – Bundeswehr und NATO üben Mega-Manöver. Youtube-Kanal der Bundeswehr, 22.04.2024.


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