Europas Standards (II)

Bundesregierung wegen Doppelmoral kritisiert: Berlin hat jahrelang mit Qatar zum eigenen Nutzen kooperiert, sorgt sich nun aber zur Fußball-WM angeblich um Menschenrechte dort.

DOHA/BERLIN (Eigener Bericht) – Kritik an der Doppelmoral der Bundesregierung gegenüber Qatar begleitet den Beginn der Fußballweltmeisterschaft in dem Emirat. Alle Berliner Regierungskoalitionen der vergangenen zwei Jahrzehnte haben zu ihrem eigenen Nutzen eng mit Doha kooperiert. So gelang es deutschen Stellen im Jahr 2000 nur mit Qatars Hilfe, die Fußball-WM 2006 in die Bundesrepublik zu holen. Deutsche Unternehmen profitierten von zahlreichen Aufträgen, die Doha zur Vorbereitung der Großveranstaltung vergab; deutsche Konzerne ließen sich von Investoren aus Qatar aus krasser Finanznot retten. Die westliche Außenpolitik machte sich eine Zeitlang die qatarische Unterstützung für die Muslimbruderschaft und für Jihadisten zunutze, um missliebige Herrscher in Nahost zu stürzen. Deutsche Fußballvereine und -verbände kooperieren, während Fans und Aktivisten schon seit Jahren wegen gravierender Menschenrechtsverletzungen in Qatar protestieren, eng mit dem Herrscherclan in Doha. Jetzt aber distanziert sich die Bundesregierung von ihrem langjährigen Kooperationspartner, während dieser einmal nicht Berlin zuarbeitet, sondern die WM durchführt. Qatars Außenminister protestiert: „Wir bedauern die Doppelmoral.“

„Ideale Bedingungen“

Der deutsche Fußball macht sich seit Jahrzehnten allerlei Dienste des Emirats Qatar zunutze. So konnte sich die Bundesrepublik bereits die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft des Jahres 2006 nur sichern, weil Mohamed bin Hammam, ein Jugendfreund des Emirs von Qatar und ab 1996 Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee, ihr half, sich die notwendigen Stimmen aus Asien zu verschaffen; Deutschland setzte sich in der Abstimmung denkbar knapp mit 12:11 gegen Südafrika durch.[1] „Qatar hat geholfen, die WM 2006 nach Deutschland zu bringen“, bestätigte erst unlängst der langjährige DFB-Funktionär Theo Zwanziger. Dies sei nicht ohne Grund geschehen: „Deutschland war ein wichtiger Verbündeter für Qatar.“[2] Auch jenseits der Weltmeisterschaft sind profitable Beziehungen entstanden und bestehen bis heute fort. So schlägt der deutsche Rekordmeister FC Bayern München seit 2011 sein Winterquartier in Qatar auf und wird dies auch im Januar 2023 tun: „Rein sportlich und klimatisch gesehen“, hieß es kürzlich in einem Zeitungsbericht, seien „die Bedingungen für eine Vorbereitung dort ideal“.[3] Der FC Bayern lässt sich darüber hinaus von Qatar Airways als Platinumsponsor finanzieren. Proteste von Fans, die Beziehungen zu dem Emirat wegen der allseits bekannten Menschenrechtsverletzungen [4] zu stoppen, würgt der Verein seit je konsequent ab.

Profitable Beziehungen

Die deutsche Wirtschaft profitiert von der Weltmeisterschaft in Qatar erheblich und hat vor allem aus ihrer Vorbereitung satten Gewinn gezogen – seit vielen Jahren. Erste Aufträge aus Doha hatten deutsche Unternehmen bereits vor der WM-Vergabe verzeichnen können: Das Planungsbüro Albert Speer und Partner aus Frankfurt am Main hatte seit Mitte 2009 den Masterplan für die Weltmeisterschaft erstellt sowie Entwürfe für acht neue Fußballstadien angefertigt. Ende 2010, wenige Tage nach der Vergabe der WM an das Emirat, erhielten weitere deutsche Firmen erste Zusagen für konkrete Aufträge aus Qatar (german-foreign-policy.com berichtete [5]). Bekannt sind Großprojekte, die etwa die Deutsche Bahn AG, Siemens oder SAP durchführen konnten; während die Bahn vor allem am Aufbau des Nahverkehrs beteiligt war, war SAP in Qatar mit der Digitalisierung befasst. Hinzu kamen zahlreiche weniger bekannte Unternehmen – wie Kathrin Lemke, Leiterin der deutschen Außenhandelskammer in Doha, berichtet, insbesondere Unternehmen aus der Baubranche, Maschinenbauer und IT-Dienstleister.[6] Gleichzeitig half das Emirat deutschen Konzernen in Finanznot aus: 2009 übernahm es zehn Prozent der Porsche-Stammaktien, dies zu einer Zeit, zu der Porsche mit Wetten auf den VW-Kurs Milliardenverluste eingefahren hatte. Qatars Investition stärkte das Unternehmen im Kampf gegen die Insolvenz.[7]

Im Interesse des Westens

Auch in der Außenpolitik hat Qatar immer wieder an der Seite und im Interesse der Eliten in Deutschland und den westlichen Staaten operiert. Prominent geschah dies etwa im Jahr 2011, als das Emirat während der Unruhen in der arabischen Welt („Arabischer Frühling“) konsequent die Strukturen der Muslimbrüder unterstützte, etwa in Ägypten, in Tunesien und in Syrien. Das stieß damals nicht zuletzt in Berlin und in Washington auf Sympathie, weil es die Möglichkeit zu schaffen schien, lästig gewordene Herrscher etwa in Ägypten (Husni Mubarak) und in Syrien (Bashar al Assad) zu stürzen (german-foreign-policy.com berichtete [8]). Im Krieg in Syrien erhielten eine Zeitlang sogar Jihadisten Unterstützung aus Qatar. In London begann im vergangenen Jahr ein Prozess, in dem sich einflussreiche Qatarer, unter ihnen Mitglieder des Herrscherclans, gegen den Vorwurf verteidigen müssen, hohe Summen – womöglich hunderte Millionen US-Dollar – dem syrischen Al Qaida-Ableger Al Nusra übermittelt zu haben. Die Beschuldigten streiten den Vorwurf kategorisch ab.[9] Allerdings berichteten Experten bereits Anfang 2012, syrische Salafisten, die gegen die Regierung kämpften, erhielten verlässliche Unterstützung aus dem Emirat.[10]

Der Wirtschaftsminister als „Türöffner“

Zuletzt hat Berlin Qatars Dienste in Anspruch genommen, als es sofort nach dem russischen Überfall auf die Ukraine begann, Ersatz für russisches Erdgas zu suchen. Schon im März hielt sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck in Doha auf, um dort Lieferungen des Emirats in die Bundesrepublik zu vereinbaren; von einer „Energiepartnerschaft“ war die Rede.[11] Habeck erklärte damals, er sehe sich als „Türöffner“ für deutsche Geschäfte in Qatar. Auf die Frage, wie sich dies mit dem Anspruch Berlins und vor allem von Bündnis 90/Die Grünen vertrage, Geschäfte im Ausland von Menschenrechten abhängig zu machen, erklärte Habeck: „Wir können nicht alle Länder von Lieferungen ausschließen.“ Im August kam eine Studie des Verbandes Zukunft Gas und des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln zu dem Schluss, Qatar werde im Jahr 2030 der drittgrößte Erdgaslieferant der EU sein – mit rund 40 Milliarden Kubikmetern Flüssiggas pro Jahr.[12] Allerdings ist inzwischen höchst ungewiss, ob qatarisches Flüssiggas tatsächlich in größerem Umfang nach Deutschland gelangen wird: Italien hat dem Emirat offenkundig günstigere Abnahmebedingungen geboten und der Bundesrepublik den Zugriff auf Qatars Erdgas weggeschnappt.[13]

Deutsche Doppelmoral

Berlin hat sich kürzlich unvermittelt von der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft an seinen langjährigen Kooperationspartner distanziert. „Für uns als Bundesregierung“ sei „das eine total schwierige Vergabe“, äußerte Bundesinnenministerin Nancy Faeser Ende Oktober. Man sei schließlich überzeugt, dass die Durchführung sportlicher Großereignisse „an die Einhaltung der Menschenrechte, an Nachhaltigkeitsprinzipien“ zu koppeln sei; sei dies nicht möglich, „dann wäre es besser, dass nicht in solche Staaten vergeben wird“.[14] Für den Abschluss lukrativer Geschäfte, für außenpolitische Kooperation und für den Bezug von Flüssiggas gilt diese Überzeugung demnach nicht. „Uns ärgert die Doppelmoral“, kritisierte vor zwei Wochen der qatarische Außenminister Mohammed bin Abdulrahman al Thani. Berlin habe „kein Problem mit uns, wenn es um Energiepartnerschaften geht oder um Investitionen“. Es sei für die Bundesregierung „auch in Ordnung“ gewesen, dass Doha „bei der Evakuierung deutscher Staatsbürger aus Afghanistan geholfen“ habe. „Aber wenn wir eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten ..., dann gelten auf einmal andere Maßstäbe“: Dies sei „nicht die Art von Beziehung“, die „wir zwischen zwei Ländern wie Deutschland und Qatar sehen wollen“.[15]

 

Mehr zum Thema: Europas Standards.

 

[1] S. dazu Rezension: Glenn Jäger: In den Sand gesetzt.

[2] „Hinter allem steckt Qatar“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.10.2022.

[3] Patrick Strasser: Eine Gewissensfrage: FC Bayern reist im Winter wieder nach Katar. abendzeitung-muenchen.de 21.09.2022.

[4], [5] S. dazu Fußball in der Wüste (II).

[6] Ronny Blaschke: Wettbwerb um Milliarden. deutschlandfunk.de 16.01.2022.

[7] Wie die Katar-Krise deutsche Konzerne trifft. wiwo.de 06.06.2017.

[8] S. dazu Zu Gast bei Freunden.

[9] Andrew Norfolk: Qatar ‘funnelled millions of dollars to Nusra Front terrorists in Syria’. thetimes.co.uk 04.06.2021.

[10] S. dazu Die kommenden Kräfte.

[11] Habeck vereinbart Energiepartnerschaft mit Katar. tagesschau.de 20.03.2022. S. auch „Frieren gegen Putin“.

[12] S. dazu Die Flüssiggas-NATO.

[13] Kai Lange: Warum der WM-Gastgeber Deutschland auflaufen lässt. manager-magazin.de 16.11.2022.

[14] „Dann wäre es besser, dass nicht in solche Staaten vergeben wird“. spiegel.de 27.10.2022.

[15] „Uns ärgert die Doppelmoral“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.11.2022.


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