Die türkische Seidenstraße

In Berlin ist eine Kooperation mit der Türkei beim Ausbau eines Verkehrskorridors nach Zentralasien im Gespräch. Pantürkische Nationalisten haben „Groß-Turkestan“ im Visier.

ANKARA/BERLIN (Eigener Bericht) – Berlin nimmt die Zusammenarbeit mit der Türkei bei der Erschließung eines strategisch bedeutenden Verkehrskorridors nach Zentralasien in den Blick. Im Zentrum stehen türkische Pläne, einen „Mittleren Korridor“ durch das Kaspische Becken bis nach China auszubauen; er soll zwischen dem nördlichen sowie dem südlichen Landstrang der Neuen Seidenstraße verlaufen und damit russisches wie auch iranisches Territorium vermeiden. Möglichkeiten, den „Mittleren Korridor“ gemeinsam zu nutzen, wurden im Mai bei einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung diskutiert. Ankara knüpft mit den Plänen an seine Zusammenarbeit mit den Ländern Zentralasiens an, die es bereits seit den 1990er Jahren intensiviert; dabei stützt es sich insbesondere auf eine enge Kooperation mit den turksprachigen Ländern der Region. Sein Einfluss dort nimmt zu; während in Zentralasien immer öfter von „Turkestan“ als Großregion die Rede ist, nehmen pantürkische Nationalisten ein „Groß-Turkestan“ von der Ägäis bis nach Westchina ins Visier. Die EU, die in der Region künftig mit Ankara kooperieren könnte, ist mit eigenen Plänen, Verkehrskorridore nach Zentralasien auszubauen, gescheitert.

Einflusszone in Zentralasien

Erste praktische Bestrebungen, sich eine Einflusszone in Zentralasien zu sichern, entfaltete die Türkei Anfang der 1990er Jahre, als die Sowjetunion zerfiel. Hintergrund war, dass in vier der fünf neuen Staaten der Region (Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan) jeweils eine Turksprache als offizielle Landessprache dominiert. Dies eröffnete einerseits Chancen, pantürkische Kräfte in der Türkei zu mobilisieren; andererseits erleichterte es aber auch Formen kultureller Einflussnahme. So sind zum Beispiel türkische Fernsehsender in Zentralasien präsent, während größere Teile der dortigen Nachwuchseliten zu ihrem Studium in die Türkei ziehen, oft begünstigt durch türkische Stipendien. Die Türkei war der erste Staat, der alle fünf zentralasiatischen Republiken offiziell anerkannte; bis 1993 hatte Ankara bereits mehr als 140 Abkommen vor allem wirtschaftlichen, kulturellen sowie politischen Inhalts mit ihnen geschlossen.[1] Um ihre Unterstützungsmaßnahmen in ihren neuen Partnerländern zu koordinieren, gründete die türkische Regierung im Jahr 1992 die Entwicklungsagentur TİKA (Türk İşbirliği ve Koordinasyon İdaresi Başkanlığı, Turkish Cooperation and Coordination Agency), die ihren Aktionsradius später ausweitete. Heute ist sie im Auftrag der türkischen Entwicklungspolitik weltweit tätig.

Die „Gemeinschaft der Turkvölker“

Ankara hat dabei von Anfang an auch auf pantürkisch grundierte Staatenverbünde gesetzt, die offiziell lediglich turksprachige Länder zusammenbinden, aus der Perspektive pantürkisch orientierter Nationalisten aber ein „Groß-Turkestan“ erkennen lassen, das von der Ägäis über den Südkaukasus – vor allem Aserbaidschan – sowie die turksprachigen Länder Zentralasiens bis nach Westchina (Xinjiang) reicht. 1992 hielt die Türkei ihren ersten Gipfel turksprachiger Staaten ab, auf dem die Absicht mitgeteilt wurde, eine „Gemeinschaft der Turkvölker“ zu bilden.[2] Im Oktober 2009 gründeten die Türkei, Aserbaidschan, Kasachstan und Kirgisistan den Turkic Council, der im November 2021 in Organizsation of Turkic States umbenannt wurde. Ihr gehört neben den vier Gründerstaaten inzwischen auch Usbekistan an. Als Beobachter sind zudem Turkmenistan und Ungarn registriert. Beobachterstatus beantragt hat, da die Krimtataren gleichfalls eine Turksprache sprechen, die Ukraine. Bereits der Turkic Council hat etwa die türkische Invasion in Nordsyrien im Jahr 2018 offiziell mit einer Erklärung unterstützt. Die Organization of Turkic States wiederum einigte sich im November 2021 auf eine „Turkish World 2040 Vision“, an der sie ihre gemeinsame Politik ausrichten will.[3]

„Turkestan“

Blieben die Einflussbemühungen der Türkei in Zentralasien in den 1990er Jahren noch relativ erfolglos, so gewannen sie in den 2000er Jahren – parallel zum wirtschaftlichen Erstarken der Türkei [4] – an Schwung. Zwar besitzt immer noch Russland den stärksten politischen und militärischen Einfluss in der Region, während China Zentralasiens größter Handelspartner ist. Dennoch ist das türkische Handelsvolumen mit den fünf zentralasiatischen Ländern in den vergangenen 15 Jahren erheblich gestiegen und lag 2020 trotz der Coronakrise bei 6,2 Milliarden US-Dollar; das ist, sieht man von Erdöllieferungen aus Kasachstan ab, mehr als das Handelsvolumen Zentralasiens mit Deutschland. In Kasachstan ist die Türkei jenseits der Energiebranche schon zum viertgrößten Investor aufgestiegen. Während Experten urteilen, mittlerweile sei „ein übergeordnetes supranationales Bewusstsein im Entstehen“ – heute werde auf die Region immer öfter mit dem Begriff „Turkestan“ Bezug genommen [5] –, wird in den dortigen Ländern zunehmend auch eine enge Rüstungs- und Militärkooperation mit der Türkei angestrebt. Begehrt sind dabei vor allem türkische Drohnen, die Aserbaidschan im Krieg gegen Armenien zum Sieg verholfen haben [6]; auch nimmt die Zahl gemeinsamer Manöver und militärischer Ausbildungsprogramme zu [7].

Der Mittlere Korridor

Um die erstarkenden Beziehungen nach Zentralasien zu fördern, strebt Ankara seit geraumer Zeit den Ausbau eines Verkehrskorridors in die Region an. Dieser soll zwischen Iran und Russland hindurch zum Kaspischen Meer führen, dieses überqueren und schließlich bis nach China reichen. Im Grundsatz dockt das Vorhaben an die chinesische Neue Seidenstraße an, die einen Ausbau der Verkehrskorridore aus der Volksrepublik in Richtung Westen anstrebt. Weil ein wichtiger Korridor der Neuen Seidenstraße nördlich über Russland, ein anderer südlich über Iran führt, wird die von Ankara anvisierte dazwischenliegende Route „Mittlerer Korridor“ genannt. Seit Aserbaidschans – mit massiver türkischer Hilfe erkämpftem – Sieg über Armenien im Krieg vom Herbst 2020 hat die Türkei Chancen, den „Mittleren Korridor“ zu realisieren: Er würde von der Türkei über die angrenzende aserbaischanische Exklave Nachitschewan und den „Zangesur-Korridor“ ins aserbaidschanische Kernland, von dort aus weiter über das Kaspische Meer nach Kasachstan oder Turkmenistan führen. Der „Zangesur-Korridor“ ist ein schmaler Landstreifen auf armenischem Territorium, den für den Transitverkehr zu öffnen Armenien nach der Kriegsniederlage gegen Aserbaidschan zusagen musste. Allerdings dauert der Streit um den Korridor bis heute an.

Dreieckskooperation

Auf Chancen, die der geplante Ausbau des „Mittleren Korridors“ auch Deutschland und der EU bietet, hat kürzlich eine Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU) hingewiesen. Eine „Dreieckskooperation zwischen den Staaten Zentralasiens, der Türkei und Europa“ eröffne Vorteile, hieß es anschließend; zentrale Bedeutung habe dabei die Herausbildung eines neuen Verkehrskorridors nach China, der es ermögliche, Russland zu umgehen. Die Verbindung über Russland war für die deutsche Industrie bisher die mit Abstand wichtigste Landroute der Neuen Seidenstraße. Optionen, alternativ künftig den „Mittleren Korridor“ zu nutzen, nahm die Adenauer-Stiftung auf ihrer Tagung am 13. Mai in den Blick. Der Plan, sich auf türkische Aktivitäten zu stützen, gilt auch deswegen als vorteilhaft, weil die EU mit eigenen Vorhaben, einen Verkehrskorridor nach Zentralasien auszubauen, gescheitert ist; weder aus der im September 2018 offiziell verkündeten „EU-Asien-Konnektivitätsstrategie“ noch aus dem im Dezember 2021 initiierten Milliardenprogramm „Global Gateway“ ist bisher etwas Größeres entstanden.[8] Im Anschluss an die Tagung der Adenauer-Stiftung hieß es darüber hinaus, Ankaras Bestrebungen böten die Chance, endlich Erdgas aus Zentralasien nach Europa leiten zu können. Berlin und die EU streben dies seit vielen Jahren an – auch dies freilich bisher ohne Erfolg.[9]

 

[1] Toni Alaranta, Kristiina Silvan: Turkey in Central Asia. Possibilities and Limits of a Greater Role. Finnish Institute of International Affairs. FIIA Briefing Paper 328. Helsinki, January 2022.

[2] Yasar Aydin: Auf dem Weg zur Regionalmacht. de.qantara.de 25.04.2022.

[3] Turkic Council reforms into Organization of Turkic States. trtworld.com 13.11.2021.

[4] S. dazu Die neuen Partner in Ankara (I), Die neuen Partner in Ankara (II) und Brücke in die islamische Welt.

[5] Yasar Aydin: Auf dem Weg zur Regionalmacht. de.qantara.de 25.04.2022.

[6] S. dazu Vorbereitung auf den Drohnenkrieg.

[7] Toni Alaranta, Kristiina Silvan: Turkey in Central Asia. Possibilities and Limits of a Greater Role. Finnish Institute of International Affairs. FIIA Briefing Paper 328. Helsinki, January 2022.

[8] S. dazu Die Anti-Seidenstraße und 300 Milliarden gegen die Seidenstraße.

[9] S. dazu Vorstoß zum Kaspisee.


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