Der Erdgaspoker der EU (III)

Deutschland verzeichnet erste konkrete Einbrüche beim Import von Erdgas aus Russland. Verhandlungen über neue Flüssiggasimporte kommen nicht recht voran.

MOSKAU/BERLIN (Eigener Bericht) – Erste konkrete Erschütterungen treffen infolge des Ukraine-Kriegs und der westlichen Sanktionen die deutsche Erdgasversorgung. Bereits am Mittwoch waren die Lieferungen russischen Gases merklich reduziert worden, nachdem die Ukraine eine ihrer Pipelines gesperrt hatte. Dann gab Moskau bekannt, dass es seinerseits Gegensanktionen gegen 31 europäische Firmen verhängt, darunter Gazprom Germania. Das Unternehmen hatte zuvor wegen deutscher Sanktions- und Enteignungsdrohungen für den russischen Mutterkonzern signifikant an Bedeutung verloren; die Bundesregierung hatte bei ihm außerdem eine Treuhänderin eingesetzt. Berlin behauptet nun, die neuen russischen Sanktionen seien verkraftbar. Allerdings steigt der Druck, neue Erdgasquellen aufzutun. Dabei macht Berlin bislang kaum Fortschritte. Sowohl Qatar als auch US-Frackingkonzerne bestehen auf langfristigen Abnahmegarantien über rund zwei Jahrzehnte. Lässt Berlin sich darauf ein, wird die Bundesrepublik wohl nicht, wie geplant, bis 2045 klimaneutral. Zudem sind ausreichende Mengen an Flüssiggas – wenn überhaupt – frühestens erst in einigen Jahren verfügbar.

Kiews Erdgaslieferstopp

Für Unruhe mit Blick auf die Erdgasversorgung Deutschlands und der EU hatte bereits am Mittwoch ein ukrainischer Transportstopp gesorgt. Kiew hatte mitgeteilt, durch eine Pipeline, die die Region Luhansk durchquert, werde ab sofort kein Erdgas mehr geliefert, da man die Sicherheit der Erdgastransportinfrastruktur kriegsbedingt nicht gewährleisten könne. Moskau hatte protestiert und erklärt, es gebe keinerlei Schwierigkeiten: Die Infrastruktur sei intakt; Einschränkungen für das Personal lägen nicht vor.[1] Durch die Leitung fließen gewöhnlich 32,6 Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag, ein gutes Drittel der insgesamt 95,8 Millionen Kubikmeter, die noch am Dienstag durch das gesamte ukrainische Pipelinesystem nach Westen geleitet worden waren; Branchenvertreter beziffern die Menge auf acht Prozent des russischen Gesamtexports in die EU, zu dem etwa auch Nord Stream 1 beiträgt. Während die Bundesregierung bekräftigt, das fehlende Gas habe durch Zusatzlieferungen aus Norwegen und den Niederlanden ersetzt werden können, heißt es aus Wirtschaftskreisen, „ganz so unbedeutend, wie manche tun“, seien die Einbußen nicht; zumindest erschwerten sie es, die deutschen Erdgasspeicher vor dem nächsten Winter im erforderlichen Umfang zu füllen.[2]

Russische Sanktionen

Letzteres wird jetzt womöglich zusätzlich durch neue russische Sanktionen behindert. Am Mittwochabend hatte Moskau bekanntgegeben, 31 europäische Firmen würden auf eine Sanktionsliste gesetzt, darunter insbesondere Gazprom Germania sowie mehrere von deren Tochterfirmen. Der Hintergrund: Gazprom Germania war nach Russlands Überfall auf die Ukraine zwar nicht unmittelbar von den westlichen Sanktionen betroffen, hatte aber wegen der schwelenden Drohungen mit weiteren Sanktionen erhebliche Schwierigkeiten, ihr Geschäft fortzuführen. Der russische Mutterkonzern Gazprom hatte deshalb am 1. April mitgeteilt, Gazprom Germania abstoßen zu wollen. Eine Rolle spielte bei der Entscheidung möglicherweise auch, dass in Berlin zeitweise eine Enteignung von Gazprom Germania in Betracht gezogen worden war.[3] Schon am 4. April intervenierte die Bundesregierung und setzte die Bundesnetzagentur bei Gazprom Germania als Treuhänderin ein. Für den russischen Mutterkonzern ist der deutsche Ableger damit wohl endgültig entwertet worden. Beobachter mutmaßen nun, die neuen russischen Sanktionen zielten deshalb darauf ab, „Gazprom Germania kaputt zu machen“.[4]

Probleme bei der Speicherbefüllung

Das trifft auch mehrere Tochterunternehmen von Gazprom Germania, etwa den Gashändler Wingas und den Erdgasspeicherbetreiber Astora. Wingas beliefert unter anderem Stadtwerke wie auch Industriekunden und hatte vor Beginn des Ukraine-Kriegs noch einen Marktanteil von rund 20 Prozent. Astora wiederum betreibt den größten deutschen Erdgasspeicher im niedersächsischen Rehden, der rund 20 Prozent der gesamten Speicherkapazitäten in der Bundesrepublik fasst.[5] Die neuen russischen Sanktionen sehen nun vor, dass diejenigen Unternehmen, die von ihnen betroffen sind, kein russisches Erdgas mehr erhalten dürfen. Deshalb müssen sich Wingas und Astora jetzt aus anderen Quellen versorgen. Die Bundesregierung wiegelt ab. Die Strafmaßnahmen würden dazu führen, dass rund zehn Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag weniger aus Russland eingeführt würden, heißt es in Berlin; das sei verkraftbar. Allerdings erschwert die Moskauer Maßnahme nun ausgerechnet die deutschen Bemühungen, die relativ stark geleerten Erdgasspeicher schnellstmöglich wieder zu füllen. Das erhöht nun den Druck, alternative Erdgasquellen aufzutun – vor allem neue Lieferanten von Flüssiggas. Die ersten beiden schwimmenden Flüssiggasterminals sollen zur Jahreswende in Betrieb gehen.

Am längeren Hebel

Dabei ist weiterhin vollkommen unklar, woher das zusätzlich benötigte Flüssiggas kommen soll. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte bereits im März Qatar besucht, um dort über neue Lieferungen zu verhandeln. Ein Durchbruch gelang damals nicht; die Gespräche dauern immer noch an. Klar ist, dass Qatar wegen seiner bestehenden Lieferverpflichtungen kurzfristig keine großen Mengen mobilisieren kann. Klar ist zudem, dass sich zur Zeit eine hohe Zahl an Ländern um zusätzliche Flüssiggaslieferungen bemüht; die Konkurrenz ist scharf, Qatar kann seine Kunden auswählen. Umso mehr fällt ins Gewicht, dass das Emirat auf langfristigen Lieferverträgen besteht; die Rede ist von einer Laufzeit von 20 Jahren. Aus qatarischer Sicht ist das nötig, weil zur Ausweitung der Fördermenge neue Anlagen gebaut werden müssen, deren Amortisierung gewährleistet sein muss.[6] Das Emirat besteht zudem auf einer Preisgestaltung, wie sie in Asien üblich ist. Das läuft auf höhere Preise, wie sie Flüssiggasexporteure traditionell in Asien erzielen, auch in der Bundesrepublik hinaus. Schließlich verlangt Qatar auch noch eine sichere Zusage, dass Deutschland das bei ihm bezogene Flüssiggas nicht weiterverkauft. Gegen eine solche Zusage verwahrt sich die EU.

Abstriche beim Klimaschutz

Ähnliche Schwierigkeiten treten auch in den Verhandlungen mit US-Frackinggaskonzernen auf. Diese haben ebenfalls einen Großteil ihrer künftigen Fördermenge bereits vergeben. Soll mehr Flüssiggas produziert werden, gilt es, zusätzliche Quellen zu erschließen. Das ist grundsätzlich durchaus möglich, verlangt allerdings kostspielige Investitionen, die nur über einen längeren Zeitraum wieder eingespielt werden können. Weil die Biden-Administration eigentlich auf eine rasche Wende hin zu erneuerbaren Energien setzt, sind die US-Fracker nicht bereit, ohne langfristige, vertraglich festgelegte Abnahmegarantien neue Förderanlagen zu errichten.[7] Solche Garantien fordern sie auch von potenziellen deutschen Kunden. Das allerdings läuft dem offiziellen Ziel der Bundesregierung zuwider, bis 2045 solle die Bundesrepublik klimaneutral sein. Um US-Frackinggas in genügender Menge zu erhalten, müsste Berlin also empfindliche Abstriche beim Klimaschutz machen. Zudem würden Jahre vergehen, bis neue US-Quellen in ausreichendem Maß erschlossen sind. Laut Schätzungen des Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) wäre mit ersten umfangreichen Lieferungen nicht vor 2026 zu rechnen.[8] Bis dahin bleibt die Versorgung ungewiss.

 

Mehr zum Thema: Der Erdgaspoker der EU und Der Erdgaspoker der EU (II).

 

[1], [2] Christian Geinitz, Christian Schubert, Michaela Seiser, Katharina Wagner: Russische Gaslieferungen stocken. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.05.2022.

[3] Thomas Sigmund, Catiana Krapp, Martin Greive, Klaus Stratmann: Gazprom gibt seine deutsche Tochter Gazprom Germania auf. handelsblatt.com 01.04.2022.

[4] Christoph Herwartz, Moritz Koch, Catiana Krapp, Klaus Stratmann, Kathrin Witsch: Russische Sanktionen gegen Gazprom Germania – Habeck sieht neue Stufe im Gasstreit. handelsblatt.com 12.05.2022.

[5] Helmut Bünder, Jan Hauser, Julia Löhr: Zittern vor dem nächsten Winter. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.05.2022.

[6] Gespräche über Flüssiggas aus Katar laufen offenbar zäh. wiwo.de 09.05.2022.

[7], [8] Christopher M. Matthews, Jenny Strasburg: As Europe Thirsts for Natural Gas, U.S., EU Signal Support for Long-Term Deals. wsj.com 28.04.2022.


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