Kein neues London

LONDON/FRANKFURT AM MAIN | |   Nachrichten | grossbritannien

LONDON/FRANKFURT AM MAIN (Eigener Bericht) - Fünfeinhalb Monate vor dem britischen EU-Austritt bleibt der von Berlin erhoffte Umzug zahlreicher Banken aus London nach Frankfurt am Main und der Aufstieg der hessischen Großstadt zum stärksten Finanzplatz Europas aus. Die deutsche Finanzbranche hatte mit dem Brexit zunächst die Hoffnung verbunden, die in London ansässigen Finanzinstitute könnten in hoher Zahl Mitarbeiter aus Großbritannien nach Frankfurt verlegen; die Rede war regelmäßig von einer fünfstelligen Zahl. Tatsächlich sind nach einer aktuellen Recherche bisher nur 630 Finanzjobs aus London auf den Kontinent abgezogen worden. Frankfurt ist zwar auf der Rangliste der globalen Finanzplätze auf Platz zehn aufgestiegen, liegt aber weiter uneinholbar hinter London zurück. Mit dem Versuch, weitere Finanzinstitute zum Wechsel auf den Kontinent zu bewegen, ist laut Einschätzung von Insidern die Weigerung der EU verbunden, gewisse grenzüberschreitende Finanzgeschäfte gegen einen etwaigen "harten" Brexit abzusichern. Das Risiko, das Brüssel dabei eingeht, beläuft sich auf Dutzende Billionen Euro und gefährdet die europäische Finanzstabilität.

"Banker-Ansturm auf Frankfurt"

In Berlin und in der deutschen Finanzbranche waren nach dem britischen EU-Austrittsreferendum Hoffnungen genährt worden, es könne zu einem Umzug von Banken aus der Londoner City nach Frankfurt am Main im großen Stil kommen. "Frankfurt rechnet mit einem Banker-Ansturm aus London", hieß es etwa; "große Bewegungen" werde es "ab dem zweiten Halbjahr 2017 geben".[1] Auf die Londoner City kämen "stürmische Zeiten" zu. Kolportiert wurde zum Beispiel, allein die US-Investmentbank Goldman Sachs werde die Zahl ihrer Mitarbeiter in der britischen Hauptstadt auf 3.000 halbieren; die Schweizer UBS bereite sich auf den Umzug von mindestens 1.000 Mitarbeitern auf den Kontinent vor.[2] Von der Deutschen Bank hieß es, sie wolle mutmaßlich bis zu 4.000 Angestellte aus Großbritannien abziehen. Schätzungen waren verbreitet, laut denen eine fünfstellige Zahl an Bankern von der Themse an den Main wechseln würde. Mittelfristig sei es durchaus denkbar, dass London von seinen rund 358.000 Finanzangestellten (Stand: 2014) bis zu 70.000 ans Ausland verliere, hieß es in Berichten; Kommentatoren diskutierten, ob Frankfurt "das neue London" werde.[3] Die Frage legt offen, welch ehrgeizige Hoffnungen in der deutschen Öffentlichkeit mit dem britischen EU-Austritt verbunden wurden: London wechselt sich auf den Ranglisten der globalen Finanzplätze mit New York auf den Plätzen eins und zwei ab. Frankfurt hingegen ist zuletzt zwar auf Platz zehn aufgestiegen, liegt aber immer noch faktisch uneinholbar hinter der britischen Metropole zurück.[4]

Kein Massenexodus

Bislang haben sich die ehrgeizigen Hoffnungen noch nicht annähernd realisiert. So hat etwa die Deutsche Bank ihre Planungen inzwischen konkretisiert. "Wir werden keine große Anzahl an Mitarbeitern von London nach Kontinentaleuropa umziehen", teilt Deutsche Bank-Vorstand Sylvie Matherat mit.[5] Zwar sei "klar, dass die Vertriebsteams in der Europäischen Union sitzen müssen"; doch werde das "nicht nur in Frankfurt sein": So werde etwa das italienische Vertriebsteam nach Mailand umziehen, das spanische nach Madrid. Nach Frankfurt werde das Hauptbuchungszentrum verlegt werden; diese Entscheidung sei allerdings "unabhängig vom Brexit" gefällt worden - auf Druck der EZB. Von den rund 7.000 Mitarbeitern in London würden statt der 4.000, von denen eine Zeitlang die Rede gewesen sei, lediglich "mehrere hundert" auf den Kontinent verlegt. Ähnlich äußert sich mittlerweile die UBS. Demnach wird die Bank - der größte Vermögensverwalter der Welt - zwar Frankfurt "zum Drehkreuz für ihr EU-Geschäft" machen, heißt es; dabei werde jedoch "ebenfalls nur eine niedrige dreistellige Zahl von Arbeitsplätzen von London auf das europäische Festland" verschoben werden.[6] Auch in diesem Fall bleibe der Banker-Massenexodus aus.

Weniger als gedacht

Diesen Eindruck bestätigt eine Umfrage, die die Nachrichtenagentur Reuters im August und im September durchgeführt hat. Reuters befragte dabei 134 der größten und international wichtigsten Banken, Versicherer, Vermögensverwalter und sonstiger Finanzfirmen. Demnach sind bisher nicht tausende, sondern lediglich 630 Finanzjobs aus Großbritannien auf den Kontinent verschoben worden. Die HSBC etwa, die öffentlich angekündigt habe, bis zu 1.000 Mitarbeiter nach Paris zu verlegen, habe bislang noch keinen einzigen Angestellten aus der britischen in die französische Hauptstadt geschickt. Dasselbe gelte für die Royal Bank of Scotland, die erklärt habe, 150 Stellen aus London nach Amsterdam zu übertragen. Goldman Sachs habe zwar einen neuen Standort in Frankfurt eröffnet, dort aber bisher nur rund 100 Mitarbeiter engagiert. Bei JPMorgan beschränke sich die Zahl der Angestellten, die zum Umzug aufgefordert worden seien, anstatt der zunächst angekündigten 4.000 auf "einige Dutzend".[7] Zwar sei durchaus damit zu rechnen, dass in der kommenden Zeit die Anzahl der verlegten Bankarbeitsplätze noch spürbar zunehmen werde, heißt es bei Reuters. Doch gingen Experten inzwischen selbst für den Fall eines "harten" Brexit, der in der Finanzbranche als schlimmstmögliche Variante gelte, lediglich von einer Verlegung von 5.800 Bankjobs auf den Kontinent aus. Komme es zu einer für die Banken günstigen Regelung, wäre demnach sogar mit einer deutlich niedrigeren Zahl zu rechnen.

Finanzplatz Frankfurt

Berlin sucht dem erhofften, bislang aber ausbleibenden Bankenumzug nun Schwung zu verleihen. Anfang September bestätigte Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie werde Frankfurt und das Bundesland Hessen darin "unterstützen, attraktive Rahmenbedingungen am Finanzstandort Deutschland zu ermöglichen".[8] Unter anderem solle der Kündigungsschutz für Spitzenverdiener bei den Banken gelockert werden, um die Kreditinstitute zu umwerben. Allerdings musste Berlin auch schmerzhafte Rückschläge hinnehmen. So wird die EU-Bankenaufsicht (European Banking Authority, EBA) nach Paris umziehen, was der französischen Hauptstadt Vorteile bei der Werbung um die Ansiedlung von Kreditinstituten verschafft. Dennoch üben sich Finanzkreise in Frankfurt weiterhin in Optimismus. Im September hieß es in einer Untersuchung der Helaba, 25 der "Brexit-Banken", die Standorte aus London auf den Kontinent verlegen müssten, hätten mittlerweile Frankfurt ausgewählt - deutlich mehr als Paris, Luxemburg, Dublin oder Amsterdam. Man rechne damit, dass in den nächsten Jahren 8.000 neue Arbeitsplätze in der Frankfurter Finanzbranche entstehen könnten. Die Zahl der Finanzjobs werde damit von den gegenwärtigen 63.200 steigen - allerdings wegen zahlreicher Kündigungen, die den deutschen Banken bevorstünden, lediglich auf 65.000.[9] Bei alledem weicht die Prognose der Helaba deutlich von den Reuters-Recherchen ab.

Riskantes Spiel

Dem Bestreben, dem Finanzplatz London möglichst umfangreiche Geschäfte abzunehmen, wird in der Branche aktuell ein womöglich verhängnisvolles Versäumnis der EU zugeschrieben. Wie die Bank of England am Dienstag berichtete, hat Brüssel bisher noch kaum etwas dafür getan, gewisse grenzüberschreitende Finanzgeschäfte gegen einen immer noch nicht auszuschließenden "harten" Brexit abzusichern. London habe dabei schon "erhebliche Fortschritte" erreicht, könne allerdings erhebliche Risiken nicht ausschließen, wenn die EU nicht ebenfalls aktiv werde. Betroffen seien beispielsweise Derivate im Wert von 41 Billionen Pfund (gut 46 Billionen Euro), teilte die Bank of England mit. Das Vorgehen der EU gefährde "die Finanzstabilität", hieß es dazu in der Londoner City. In Finanzkreisen wird darauf hingewiesen, dass das Risiko geeignet ist, Finanzinstitute dazu zu veranlassen, die betreffenden Geschäfte aus London auf den Kontinent zu verlegen. Ein prominentes Beispiel sei das Londoner Clearinghaus LCH Clearnet, das derzeit einen Großteil des Euroclearings abwickle, sich aber gezwungen sehen könne, seine Kunden zum Wechsel in die EU-27 zu veranlassen.[10] Ein starkes Interesse, das Euroclearing weitestgehend an sich zu ziehen, hat erklärtermaßen Frankfurt am Main.

 

[1] Frankfurt rechnet mit einem Banker-Ansturm aus London. spiegel.de 17.10.2016.

[2] Katharina Slodczyk: Stürmische Zeiten für die Londoner City. handelsblatt.com 19.01.2017.

[3] Nach dem Brexit-Votum: Wird Frankfurt das neue London? merkur.de 27.06.2016.

[4] Finanzplatz Frankfurt steigt auf. Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.09.2018.

[5] Deutsche relativiert "Brexit"-Folgen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.09.2018.

[6] Banken stellen sich auf harten Brexit ein. Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.09.2018.

[7] Andrew MacAskill, Simon Jessop, Carolyn Cohn: With six months to go before Brexit, 630 finance jobs have left - Reuters survey. uk.reuters.com 26.09.2018.

[8] "Tun alles für einen attraktiven Finanzplatz". faz.net 04.09.2018.

[9] Helaba Research: Financial Centre of Frankfurt. Brexit Banks are Packing their Bags. Frankfurt, September 2018.

[10] Huw Jones, William Schomberg: Bank of England tells EU to move now to avoid hard Brexit hit to markets. uk.reuters.com 09.10.2018.



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