Neue Bündnisse in Mittelost

In Mittelost ergeben sich neue Einflussoptionen für Deutschland: Mehrere Staaten der Region suchen – im Bestreben, der Abhängigkeit von den USA und deren Kriegen zu entkommen – engere Beziehungen nach Europa.

BERLIN/WASHINGTON/TEHERAN (Eigener Bericht) – Mittelostexperten sehen neue Chancen für Deutschland, seinen deutlich reduzierten Einfluss im Mittleren Osten erneut zu stärken. Anlass sind Bestrebungen mehrerer regionaler Mächte, einen Abgleich mit Iran zu finden, um eine erneute Kriegseskalation zu verhindern oder doch wenigstens zu dämpfen. Mit diesem Ziel haben in den vergangenen Wochen die Staaten des Mekka-Abkommens – Saudi-Arabien, Pakistan, Türkei – in Teheran Verhandlungen geführt und versucht, über ein Treffen mit Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien (E4) Verbündete für ihre Bestrebungen zu finden. Ziel ist es zudem, die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu verringern und über eine engere Kooperation mit Europa eine Alternative zu den USA zu schaffen. Für Staaten wie Saudi-Arabien drängt die Zeit. Sie erlitten in der heißen Phase des Krieges empfindliche Schäden durch iranischen Beschuss. Nehmen die USA die Angriffe wieder auf, dann drohen noch deutlich größere Verluste. Iran ist es nicht bloß gelungen, die US-Stützpunkte in Nah- und Mittelost mit Erfolg anzugreifen; es hat auch den arabischen Golfstaaten erhebliche Schäden an der Energie- und Verkehrsinfrastruktur zugefügt.

US-Kriegsschäden

Der genaue Umfang der Schäden, die US-Truppen und -Stützpunkte in Nah- und Mittelost seit dem US-amerikanisch-israelischen Überfall auf Iran am 28. Februar durch Gegenangriffe hinnehmen mussten, ist bis heute nicht wirklich klar, weil die Trump-Administration kaum Informationen bereitstellt, Recherchen behindert – etwa durch die Sperrung des Zugangs zu Satellitenbildern – und die Aufklärung durch irritierende Meldungen über angebliche Erfolge zu konterkarieren sucht, die sich regelmäßig als komplett aus der Luft gegriffen erweisen. Die Nachrichtenagentur AP hat trotz aller Schwierigkeiten aufzeigen können, dass Irans Angriffe ab dem 28. Februar zunächst vor allem auf Flugabwehrsysteme inklusive Radaranlagen auf US-Stützpunkten am Persischen Golf zielten; dann ging Teheran dazu über, Flugzeughangars, Lagerhäuser und Gebäude zur Unterbringung von Truppen zu attackieren – mit wachsendem Erfolg.[1] Eine Analyse des Wall Street Journal konnte Schäden an 274 Gebäuden oder Geräten – von Radaranlagen bis Flugzeugen – in insgesamt 24 Militäreinrichtungen belegen, in Ländern von Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten bis Jordanien. Offiziellen Angaben des Pentagon zufolge kamen mehr als 20 US-Soldaten ums Leben; mehr als 400 wurden verletzt. Die Kriegskosten wurden jüngst auf gut 47,1 Milliarden US-Dollar beziffert, wobei Schäden an der Infrastruktur noch nicht einberechnet sind; sie werden auf bis zu 15 Milliarden US-Dollar geschätzt.[2]

Arabische Kriegsschäden

Zu den schweren Schäden an der US-Militärinfrastruktur, deren Kosten Washington zumindest zum Teil mit dem Hinweis auf andere Länder abzuwälzen sucht, die Einrichtungen würden auch von verbündeten Staaten mitgenutzt, kommen erhebliche Schäden an kritischer Infrastruktur in den Ländern der Arabischen Halbinsel hinzu. Dies hat Mitte Oktober eine umfassende Recherche der Nachrichtenagentur Reuters gezeigt.[3] Demnach attackierte Iran insbesondere die Öl- und Gasinfrastruktur – etwa die Flüssiggasanlage Ras Laffan in Qatar, bei der zwei zentrale Elemente zur Gaskühlung getroffen wurden; Ras Laffan liefert rund ein Fünftel des globalen Flüssiggases. Getroffen wurden sonst vor allem Anlagen, die es erlauben, die faktisch gesperrte Straße von Hormuz zu umgehen. So attackierten Iran und seine Verbündeten – irakische Milizen und die Huthi – Pumpstationen an der saudischen Ost-West-Pipeline, die Öl aus den Fördergebieten im Osten Saudi-Arabiens ans Rote Meer liefert. Auch der emiratische Hafen in Fujairah, der außerhalb des Persischen Golfs liegt und von der Sperrung der Straße von Hormuz nicht betroffen ist, wurde heftig attackiert; vom Beginn des Kriegs bis Mitte Mai wurde er Reuters zufolge 19 Mal angegriffen. Hinzu kamen heftige Attacken auf Flughäfen insbesondere in Saudi-Arabien sowie auf ein emiratisches Atomkraftwerk.

Drohende Eskalation

Die erhebliche Schlagkraft und die bemerkenswerte Treffsicherheit der iranischen Drohnen und Raketen, die sich laut den Recherchen des Wall Street Journal im Lauf des Kriegs immer weiter verbesserte [4], legen einen der Gründe offen, weshalb die arabischen Golfstaaten intensiv bestrebt gewesen waren, den Überfall der USA und Israels auf Iran zu verhindern, und weshalb sie sich in den vergangenen Wochen erneut mit aller Macht bemühten, eine Wiederaufnahme der Angriffe abzuwenden. Laut Informationen von Reuters konnten etwa die Vereinigten Arabischen Emirate die Angriffe auf den Hafen Fujairah bloß stoppen, indem sie sich bereit erklärten, iranische Guthaben im Wert von zehn Milliarden US-Dollar, die sie auf Druck der USA eingefroren hatten, wieder freizugeben.[5] Danach wurde Fujairah laut Reuters nicht mehr attackiert. Irans Oberster Anführer Mojtaba Khamenei hat gewarnt, sollte Iran erneut von den USA und Israel angegriffen werden, dann würden seine Gegenschläge noch ernstere Schäden verursachen als bisher – und vor allem würden sie sich nicht mehr auf den Nahen und Mittleren Osten beschränken. Weil die Wahrscheinlichkeit, dass iranische Raketen etwa bis Europa durchkämen, als doch eher gering eingeschätzt wird, kann dies als Drohung mit Angriffen durch Kombattanten im westlichen Inland gelten – ganz nach dem Vorbild von Angriffen ukrainischer Attentäter auf Ziele innerhalb Russlands.

Verhandlungen statt Krieg

Nicht zuletzt wegen der Schäden, die Irans Gegenangriffe verursachen, haben die arabischen Golfstaaten ihr Streben nach einer Verhandlungslösung für den seit Jahrzehnten schwelenden, im vergangenen Jahr mit zwei Überfällen Israels und der USA militärisch eskalierten Konflikt intensiviert. Saudi-Arabien hat sich, um sich nichtwestliche Rückendeckung zu verschaffen, im August mit Pakistan und der Türkei im Mekka-Abkommen zusammengetan, einem Verteidigungsbündnis, das potenziell gegen Angriffe Irans, langfristig aber wohl vor allem auch gegen Angriffe Israels gerichtet ist.[6] Am 26. Oktober hielten sich einflussreiche Repräsentanten aller drei Staaten zu Verhandlungen etwa mit Irans Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Mohsen Rezaei, und Außenminister Abbas Araghchi in Teheran auf; Pakistan hatte Armeechef Asim Munir, Saudi-Arabien Verteidigungsminister Khalid bin Salman al Saud, die Türkei Geheimdienstchef İbrahim Kalın entsandt. Man habe nach Wegen gesucht, „Frieden und Sicherheit in der Region“ herzustellen – etwa durch Nichtangriffsverträge –, und man sei übereingekommen, „den Dialog fortzusetzen, um die Kooperation zwischen den vier Ländern der Region zu stärken“, hieß es.[7] Gefördert wird das Streben nach Ausgleich von Beijing, das am Montag Rezaeis Stellvertreter Ali Bagheri Kani sowie Omans Sultan Haitham bin Tariq al Said zu ausführlichen Gesprächen empfing.[8]

Ohne die USA

Auch die Bundesregierung hätte nun Chancen, die Vermittlungsbemühungen zu unterstützen. Am 23. Oktober kamen erstmals die vier größten Staaten Westeuropas – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien (E4) – mit den drei Ländern des Mekka-Abkommens und Ägypten (R4) zusammen. Bei dem Treffen in Istanbul ging es um die gesamte Bandbreite der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten – von Israels genozidaler Kriegführung gegen die Palästinenser über die Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien bis hin zum Irankrieg und seinen Folgen für die gesamte Region.[9] Konkrete Ergebnisse gab es noch nicht. Doch das R4/E4-Format zielt auf eine neue Kräftekonstellation in Nah- und Mittelost. Saudi-Arabien und andere Länder der Region haben begonnen, ihre außen- und rüstungspolitischen Beziehungen auszuweiten, um ihre starke Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. So erwerben sie etwa Flugabwehrsysteme nicht mehr nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Südkorea. Eine enge Kooperation mit den Staaten Westeuropas könnte die Diversifizierung ihrer Außenbeziehungen vorantreiben. Für Deutschland bzw. die E4 dagegen böte die Kooperation die Chance, ihren zuletzt schwindenden Einfluss im Nahen und Mittleren Osten wieder zu stärken – und ihre Eigenständigkeit gegenüber den USA zu vergrößern. Es zeichne sich, heißt es in einer aktuellen Studie aus dem European Council on Foreign Relations (ECFR), „eine Ordnung“ ab, die nicht mehr nur von Großmächten, sondern auch „von Mittelmächten“ gestaltet werde.[10]

 

[1] M. Reo, Samy Magdy, Konstantin Toropin: Iran targeted US air defenses then hit aircraft and buildings on Mideast bases, AP analysis finds. apnews.com 31.10.2026.

[2] Anika Arora Seth, John West, Shelby Holliday, Lara Seligman: How Iran Battered U.S. Bases and Caused Billions in Damage. wsj.com 30.10.2026.

[3] M. B. Pell, Ryan McNeill, Kaylee Kang: Iran’s precision strikes picked apart Gulf infrastructure, blunting US war plans. reuters.com 15.10.2026.

[4] Anika Arora Seth, John West, Shelby Holliday, Lara Seligman: How Iran Battered U.S. Bases and Caused Billions in Damage. wsj.com 30.10.2026.

[5] M. B. Pell, Ryan McNeill, Kaylee Kang: Iran’s precision strikes picked apart Gulf infrastructure, blunting US war plans. reuters.com 15.10.2026.

[6] S. dazu Das Mekka-Abkommen und die Folgen.

[7] Iran, Saudi Arabia, Turkiye and Pakistan agree to continue talks for peace. aljazeera.com 26.10.2026.

[8] China’s foreign minister pushes for dialogue to resolve Middle East conflict. reuters.com 02.11.2026.

[9] Joint Press Release on the R4 Ministerial Meeting in Istanbul. gov.uk 24.10.2026.

[10] Ellie Geranmayeh: Two tracks to Tehran: The new efforts to stop another US-Iran war. ecfr.eu 28.10.2026.


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