Merz und die Bundeswehr in Japan

Merz sucht auf seiner Reise nach Singapur, Japan und Südkorea deutschen Rüstungsfirmen den Weg zu bahnen. Die Bundeswehr übt auf der japanischen Insel Okinawa unweit Taiwan die Versorgung einer großen Zahl an Verwundeten.

BERLIN/SINGAPUR/TOKIO (Eigener Bericht) – Auf seiner dritten Asienreise im Amt bemüht sich Bundeskanzler Friedrich Merz um neue Absatzmärkte nicht zuletzt für deutsche Rüstungsunternehmen. Mit dem Drohnenproduzenten Quantum Systems und Airbus Defence & Space sind mindestens zwei Waffenschmieden in der Unternehmerdelegation vertreten, die den Kanzler seit dem gestrigen Montag nach Singapur, Japan und Südkorea begleitet. Merz ist allgemein um die Ausweitung der dortigen Absatzmärkte bemüht – unter anderem, da der deutsche Chinaexport eingebrochen ist: Die Volksrepublik kann inzwischen eine hohe Zahl auch an High-Tech-Produkten selbst herstellen. Die deutsche Industrie sucht daher jetzt nach Alternativen. Während die Bundesregierung nun auch neuen Rüstungsexporten den Weg bahnen will, geht in Japan ein Manöver zu Ende, an dem sich die Bundeswehr mit rund 100 Sanitätssoldaten beteiligt. Teil des Szenarios ist ein Massenanfall auf der Insel Okinawa. Dieser droht tatsächlich bei einem Krieg um Taiwan, das nur 600 Kilometer entfernt liegt; für die auf Okinawa stationierten US-Kampfjets ist das nicht weit. Deutschland weitet seine Militär- und Rüstungskooperation mit Japan systematisch aus.

Alternativen zum China-Export

Die Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz nach Singapur, Japan und Südkorea erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem deutsche Unternehmen sich intensiv bemühen, für ihr Asiengeschäft Alternativen zu China zu finden. Man habe „in den vergangenen Jahren vielleicht zu sehr auf den natürlich maßgeblichen Industriepartner China gesetzt“, wird der Asienexperte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), zitiert.[1] Zur Begründung für die Suche nach Alternativen verweist Niedermark auf „geopolitische“ Motive – gemeint ist die Rivalität zwischen dem Westen und China inklusive ihrer Folgen für die Wirtschaft –, aber auch auf den „industriellen Wettbewerb“ mit der Volksrepublik. Tatsächlich stellen chinesische Unternehmen inzwischen zahlreiche Produkte, die sie lange Zeit aus Deutschland einführten – darunter High-Tech-Güter –, selbst her. Das hat dazu geführt, dass die deutschen Exporte in die Volksrepublik, die sich im Jahr 2022 noch auf rund 107 Milliarden Euro beliefen, mittlerweile abgestürzt sind; im Jahr 2025 brachen sie zum wiederholten Mal ein – um rund 9,7 Prozent – und erreichten nur noch einen Wert von gut 81 Milliarden Euro.[2] Entsprechend sind deutsche Exportunternehmen aktuell um alternative Absatzmärkte bemüht – nicht nur, aber vor allem auch in Asien.

Alternativen zu den USA

Um eine Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zu Indien inklusive einer Ausweitung der Exporte dorthin hat sich Merz bereits im Januar auf seiner ersten Asienreise im Amt bemüht (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Japan und Südkorea bieten sich gleichfalls an. Zum einen sind sie zwar zweit- und drittgrößter Absatzmarkt deutscher Exporteure in Asien, nehmen bislang aber nur deutsche Ausfuhren im Wert von gerade einmal einem Viertel des deutschen Chinaexports ab; das lässt auf weitere Potenziale hoffen. Zum anderen sind Japan und Südkorea, ganz wie Deutschland, um eine Diversifizierung ihrer Wirtschaftsbeziehungen bemüht: Heftigen Attacken seitens der Trump-Administration ausgesetzt, streben sie danach, profitable Beziehungen zu alternativen Kooperationspartnern aufzubauen. Am Donnerstag wird Merz die alle zwei Jahre abgehaltene Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft eröffnen, die dieses Jahr in Seoul stattfindet. Die Leitung übernehmen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Siemens-Chef Roland Busch. Busch reist mit der rund 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation an, die Merz schon zuvor nach Tokio und an diesem Dienstag nach Singapur begleitet; der Stadtstadt gilt als Handels- und Finanzzentrum des gesamten südostasiatischen Staatenbundes ASEAN, dessen Wirtschaft rasch wächst.

Drohnen und High-Tech-Kampfjets

Der Wirtschaftsdelegation, die Merz begleitet, gehören mindestens zwei Rüstungsfirmen an: der Drohnenhersteller Quantum Systems und Airbus Defence & Space. Quantum Systems beliefert unter anderem die Bundeswehr und die ukrainischen Streitkräfte und plant nun offenkundig eine weitere Expansion – bis nach Asien. Airbus Defence and Space ist, seit die Bundesregierung aus dem deutsch-französischen Projekt FCAS (Future Combat Air System) zum Bau eines Kampfjets der sechsten Generation ausgestiegen ist [4], auf der Suche nach einem Ersatz und zieht zur Zeit den Beitritt zum britisch-italienisch-japanischen Projekt GCAP (Global Combat Air Programme) in Betracht. Diese Woche sollen nähere Gespräche mit dem britischen Konzern BAE Systems geführt werden. London gibt sich offen für einen deutschen Beitritt zum GCAP, weil es das überaus teure Vorhaben kaum finanzieren kann.[5] Allerdings dringt es – wie vor allem auch Japan – auf eine zügige Umsetzung des Projekts; der Kampfjet soll 2035 einsatzbereit sein. Die deutsche Rüstungsindustrie ist nicht für eine rasche Verwirklichung ihrer Vorhaben bekannt. Airbus beharrt zudem fest darauf, maßgeblich an Entwicklung und Produktion beteiligt zu werden. Die Anteile am GCAP sind weitgehend vergeben. Gespräche mit dem japanischen Projektbeteiligten Mitsubishi Heavy Industries werden erwartet.

Verwundete auf Okinawa

Während Merz‘ Aufenthalt in Tokio geht am Donnerstag ein zehntägiges Manöver der japanischen Streitkräfte zu Ende, an dem sich neben Truppen der USA, der Philippinen und Neuseelands auch die Bundeswehr beteiligt – mit rund 100 Soldaten ihres Sanitätsdienstes.[6] Hauptschauplatz ist die japanische Insel Okinawa auf der sogenannten ersten Inselkette vor der chinesischen Küste, die den größten US-Luftwaffenstützpunkt in der Asien-Pazifik-Region beherbergt. Okinawa ist rund 600 Kilometer von Taiwan entfernt; sollte es dereinst zu Kämpfen um die Insel kommen, würden US-Truppen wohl von Okinawa aus eingreifen. Es wäre mit chinesischen Angriffen auf die dortigen Militärbasen zu rechnen. Das Manöver Keen Sword, das bereits am Montag vergangener Woche begann, umfasst unter anderem die Erstversorgung eines Massenanfalls von Verwundeten; das Szenario sieht vor, dass die Bundeswehr mit einem Airbus A400M Sanitätsmaterial und Blutprodukte nach Okinawa bringt und anschließend Verwundete in einen Vorort von Tokio fliegt, wo deutsche Sanitäter deren weitere Versorgung übernehmen.[7] Mit der Übung bereitet die Bundeswehr, die zur Zeit vor allem für einen etwaigen Krieg gegen Russland trainiert, sich ergänzend auf die Beteiligung an einem großen Krieg gegen die Volksrepublik China vor.

„Sehr viel mehr Potenzial“

Das hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im März anlässlich eines Besuchs in Tokio implizit bestätigt. Damals wurde er mit der Aussage zitiert, „neben der Konzentration“ auf die NATO-Ostflanke sowie weitere „Konflikte wie im Nahen Osten“ dürfe der „Blick für andere Regionen und deren Herausforderungen nicht verloren gehen“.[8] Insofern solle die Kooperation zwischen den Streitkräften Deutschlands und Japans nun „deutlich intensiver“ werden. Wie das Verteidigungsministerium damals schrieb, seien deutsche Kriegsschiffe und Kampfjets zuletzt im Jahr 2024 in Japan gewesen – zu einem Hafenbesuch bzw. zu Übungen. Umgekehrt sei ein Verband der japanischen Seestreitkräfte gleichfalls 2024 im Hamburger Hafen gewesen, während im Jahr 2025 japanische Kampfjets des US-Modells F-15 der deutschen Luftwaffe einen Besuch abgestattet hätten. Bereits 2024 hätten Deutschland und Japan zudem „ein umfangreiches Logistikabkommen“ geschlossen. In der Rüstungsindustrie gebe es bereits eine enge Zusammenarbeit zwischen Airbus Defence & Space und Kawasaki Heavy Industries, hielt das Ministerium fest; beide Konzerne kooperierten seit Jahrzehnten beim Bau der Mehrzweckhubschrauber H145, die bei der Bundeswehr unter anderem die Spezialkräfte nutzten.[9] Für die Kooperation gebe es, äußerte Pistorius damals, noch „sehr viel mehr Potenzial“.

 

[1] Dagmar Pepping: Merz und Steinmeier reisen nach Asien. tagesschau.de 26.10.2026.

[2] China im Jahr 2025 wieder wichtigster Handelspartner Deutschlands. destatis.de 20.02.2026.

[3] S. dazu Auf der Suche nach Alternativen.

[4] S. dazu „Führend in der militärischen Luftfahrt“.

[5] Sylvia Pfeifer, Laura Pitel: Airbus to hold talks with BAE over role in GCAP fighter jet programme. ft.com 25.10.2026.

[6], [7] Markus Bayer: Japan: Sanitätskräfte üben Rettungskette im Indo-Pazifik. bundeswehr.de 23.10.2026.

[8], [9] Amina Vieth: Tokyo: Pistorius engagiert sich für engere Zusammenarbeit mit Japan. bmvg.de 22.03.2026.


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