Militärische Mobilität in der Arktis
Die neue EU-Arktisstrategie fordert Maßnahmen zum Ausbau der militärischen Mobilität in den polaren Eisregionen und dringt auf den Abbau strategisch wichtiger Rohstoffe dort, etwa Seltener Erden.
BRÜSSEL (Eigener Bericht) – Die EU entwickelt Pläne zum Ausbau der militärischen Mobilität in der Arktis und will dazu „multimodale militärische Mobilitätskorridore“ in den Regionen des Hohen Nordens schaffen. Dies geht aus der neuen Arktisstrategie der EU hervor, die am Dienstag in Brüssel von der Kommission vorgestellt wurde. Demnach soll in der Arktis ein komplexes „Logistiksystem“ mit „Häfen, Flughäfen und deren Anbindung an das Hinterland“ entstehen, das auch „unter widrigen Wetterbedingungen einsatzfähig“ sei. Das Strategiepapier kündigt außerdem „Manöver oder Stresstests“ zum „reibungslosen Verlegen von Streitkräften und militärischen Ressourcen in die Arktis“ an. Mit der Strategie reagiert die EU darauf, dass das – durch den Klimawandel bedingte – Abschmelzen des arktischen Eises zum einen den Zugang zu den Rohstoffen in der Region erleichtert, zum anderen neue Seewege freisetzt, die – wie die Nordost- oder die Nordwestpassage – für den Handel inzwischen ebenso genutzt werden können wie für militärische Operationen. Die Arktisstrategie erstrebt größere Unabhängigkeit von den USA und sieht die Verlegung eines „panarktischen“ Unterseekabels aus Europa über die Polarregion bis nach Ostasien vor.
Arktische Rohstoffe
Die neue Arktisstrategie der EU befasst sich unter anderem mit den Rohstoffen, die in der Arktis lagern – teils unter dem Meeresboden, teils an Land – und die durch das Abschmelzen des Eises bald leichter zugänglich sein werden oder es jetzt schon sind. Brüssel befürwortet den Abbau der Ressourcen. Ausdrücklich genannt werden etwa ein Projekt zur Förderung Seltener Erden bei Kiruna weit im Norden Schwedens wie auch ein Vorhaben zum Abbau von Molybdän im Osten Grönlands.[1] Anders als noch in der vorigen Arktisstrategie der EU aus dem Jahr 2021 spricht sich die Kommission nicht mehr dafür aus, die Förderung von Öl, Gas und Kohle in der Arktis in einem multilateralen Rahmen strikt zu unterbinden. Grund ist, dass Norwegen aufgrund des Ausstiegs der EU aus dem Bezug russischer Energieträger zum wichtigsten Erdgaslieferanten der Union aufgestiegen ist – es deckt rund 30 Prozent aller Erdgasimporte –, aber in den 2030er Jahren mit einem Rückgang der Förderung aus seinen heute genutzten Quellen rechnet. Es will daher neue Lagerstätten in der Barentssee erkunden, in denen gewaltige Vorräte vermutet werden. Die EU, auf norwegische Rohstofflieferungen genauso angewiesen wie auf die strategische Kooperation mit Oslo, stellt sich dem nicht mehr entgegen.
Arktische Seewege
Daneben nimmt die EU auch die sukzessive Öffnung neuer Seewege in der Arktis in den Blick. Die Nordostpassage aus Ostasien entlang der russischen Nordküste nach Europa etwa ist inzwischen von August bis Oktober befahrbar; die Strecke ist erheblich kürzer als die übliche Route durch den Indischen Ozean, was die Transportkosten – zumal bei den aktuellen Ölpreisen – stark senkt. Eine chinesische Reederei hat im Sommer den regelmäßigen Verkehr über die Nordostpassage gestartet [2]; kürzlich ist zudem ein südkoreanisches Schiff von einer ersten kommerziellen Fahrt entlang der Strecke in den Hafen Busan zurückgekehrt [3]. Punktuell wird mittlerweile auch, wenngleich bislang nur von sehr wenigen Schiffen, die Nordwestpassage aus dem Nordatlantik durch die nordkanadische Inselwelt und nördlich von Alaska nach Ostasien genutzt. Tendenziell könne die Route während der Sommermonate „für bestimmte Schiffstypen und Schifffahrtsrouten“ Vorteile gegenüber der traditionellen Fahrt durch den Panamakanal bieten, urteilen Experten.[4] Dass sich auch militärisch neue Optionen bieten, zeigte die erstmalige Passage der Schokalski-Straße zwischen zwei Inseln in der russischen Arktis durch vier russische Kriegsschiffe im September.[5] Die Mobilität in arktischen Gewässern nimmt auch andernorts zu.
Lagebilder aus dem Eis
Auch deshalb nimmt die neue EU-Arktisstrategie nicht zuletzt militärische Aspekte in den Blick. Russland ist bereits seit einiger Zeit dabei, seine militärischen Positionen in der Arktis zu stärken – zum einen, weil an seiner Nordwestküste seine Nordflotte mit einem Teil der russischen Zweitschlagskapazitäten ihr Hauptquartier hat; zum anderen, weil seine ungemein lange Nordküste strategisch verwundbar ist. Die NATO wiederum weitet ihre Aktivitäten in der Arktis gleichfalls deutlich aus – mit einer Vielzahl an Manövern im Norden Finnlands, Schwedens und Norwegens sowie in Island und Grönland, aber auch mit ihrer neuen Operation Arctic Sentry (german-foreign-policy.com berichtete [6]). Auch die EU müsse nun ihre Position in der Arktis stärken, heißt es in dem Strategiepapier. Dies solle zum einen in Kooperation mit der NATO geschehen, zum anderen aber auch mit eigenen EU-Maßnahmen. So gelte es etwa, die Lagebilderfassung zu verbessern – unter anderem unter Rückgriff auf die Satellitensysteme der EU, insbesondere die Copernicus- und die Galileo-Satelliten. Außerdem solle die Satellitenkonstellation IRIS2 – ein europäisches Äquivalent zu Starlink, das zur Zeit in Planung ist [7] – zwecks besserer Kommunikation auf die Arktis erweitert werden. Zur Koordination wird die EU einen Maritime Security Hub einrichten.
Manöver im Hohen Norden
Besonderen Stellenwert misst die EU der militärischen Mobilität in der Arktis bei. Dort müsse bei Bedarf zu jeder Zeit „eine rasche, groß angelegte Truppenverlegung“ möglich sein, heißt es in dem Papier. Dazu gelte es, „multimodale militärische Mobilitätskorridore“ zu schaffen – „einschließlich Häfen, Flughäfen und deren Anbindung an das Hinterland“. All das solle als einheitliches komplexes „Logistiksystem“ geplant werden, und zwar als eines, das auch „unter widrigen Wetterbedingungen einsatzfähig“ sei. Eingeplant werden müssten dabei zum Beispiel Maßnahmen zur „Enteisung“ sowie „der Umgang mit schweren und übergroßen Militärfahrzeugen auf gefrorenem Boden“, aber auch die „rasche Reparatur beschädigter Infrastruktur“. Die EU solle in Zukunft – dies auch in Zusammenarbeit mit der NATO oder mit „gleichgesinnten Partnern“ – „Manöver oder Stresstests organisieren, deren Schwerpunkt auf dem reibungslosen Verlegen von Streitkräften und militärischen Ressourcen in die Arktis“ sowie „innerhalb dieser Region“ liege. Für „glaubwürdige Abschreckung“ sei dies „von entscheidender Bedeutung“. Die EU hebt zudem die Notwendigkeit einer eigenen Eisbrecherflotte hervor, um Kriegsschiffen im Eis den Weg zu bahnen.
Strategische Autonomie
Bei alledem positioniert sich die EU nicht nur klar gegen Russland; sie zielt auch auf eine größere Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Zum einen dringt sie auf einen Ausbau der Beziehungen zu Grönland, das zwar zu Dänemark, aber nicht zur EU gehört und von den USA mit Annexion bedroht wurde. Das sei „ein Eckpfeiler“ der neuen Arktisstrategie, heißt es in dem Papier. Zum anderen heißt es, die Kooperation mit Norwegen, Island und Kanada sowie mit Großbritannien, das zwar kein Arktisanrainer, aber strategisch günstig gelegen sei, solle intensiviert werden – im Sinne einer Strategie der Nördlichen Partnerschaft (Northern Neighbourhood). Mit Norwegen betreibt die EU einen Sicherheits- und Verteidigungsdialog, der im April dieses Jahres bereits zum fünften Mal stattfand [8]; in diesem Jahr hat Brüssel darüber hinaus einen „Arktisdialog“ mit Oslo eingeführt. Kanada wiederum wird von der EU-Kommission als „natürlicher Verbündeter“ in der Arktis eingestuft. Beobachter weisen darauf hin, dass Kanada in der Arktisstrategie fast zwei Dutzend Mal erwähnt wird, die USA aber nur ein paarmal: ein Beleg dafür, dass die EU im Hohen Norden nach Unabhängigkeit von Washington strebt. Entsprechend ist in dem Papier ausdrücklich von „Europas strategischer Autonomie“ die Rede, die „untrennbar von der Arktis“ sei.
Panarktisches Kabel bis Japan
Als Kooperationspartner im Hinblick auf die Arktis stuft die Arktisstrategie der EU auch Japan und Südkorea ein. Hintergrund ist das Vorhaben, über ein Unterseekabel Grönland an die EU anzubinden und dieses Kabel dann weiterzuführen – durch die Beringstraße hindurch bis nach Japan und Südkorea. Für ein solches „panarktisches Kabel“ setzt sich schon seit einiger Zeit Berlin ein. Es sei, so hieß es Anfang Juli bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), aus mehreren Gründen äußerst wünschenswert. Zum einen leide „der Datenverkehr zwischen Europa und Asien“, der bisher „zu 90 Prozent“ durch das Rote Meer und die Meerenge zwischen Dschibuti und dem Jemen (Bab al Mandab) verlaufe, „unter Fehleranfälligkeit und mangelnder Redundanz“. Zum anderen sei die Strecke über die Arktis „deutlich kürzer“, was „mit einer geringeren Latenzzeit, sprich Verzögerung bei der Übertragung, einhergeht“.[9] Von den „Echtzeit-Datentransfers“, die ein neues Kabel durch arktische Gefilde ermögliche, könne „insbesondere der internationale Börsenhandel profitieren“. Die SWP skizziert zwei mögliche Routen, deren eine westlich, deren andere östlich von Grönland verläuft.
[1] Zitate hier und im Folgenden: European Commission: Europe’s Northern Neighbourhood: A New Strategy for the Arctic. Strasbourg, 20.10.2026. JOIN(2026) 100 final.
[2] Rudolf Hermann: China startet mit dem Schiffsverkehr durch die Arktis. Das schafft ein Dilemma für Nordeuropa. nzz.ch 15.10.2026.
[3] Südkorea testet die Arktispassage. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.10.2026.
[4] Edda Schlager: Arktische Schiffsrouten: Strategische Projekte auf lange Sicht. gtai.de 13.03.2026.
[5] Atle Staalesen: Naval flotilla explores new passage on Northern Sea Route. thebarentsobserver.com 30.09.2026.
[6] S. dazu Kriegsübungen in Grönland, Kriegsübungen in Grönland (II) und Kriegsübungen in Grönland (III).
[7] S. dazu Das deutsche Starlink.
[8] EU and Norway to strengthen security cooperation in the Arctic. en.highnorthnews.com 22.04.2026.
[9] Annegret Bendiek, Svenja Holste: Die neue Arktisstrategie der EU. Chancen für Europas digitale Souveränität. SWP-Aktuell 2026/A 33. Berlin, 01.07.2026.

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