EU-Einsatz im Libanon

Die Bundeswehr soll sich am geplanten EU-Einsatz im Libanon beteiligen. Der wurde von Frankreich forciert und richtet sich gegen die Hizbollah, soll aber auch verhindern, dass Israel im Libanon ohne Zeugen tun kann, was es will.

BEIRUT/BRÜSSEL/BERLIN (Eigener Bericht) – Der Bundeswehr steht mutmaßlich ein weiterer Auslandseinsatz im Libanon bevor. Wie Diplomaten berichten, wird sich wohl auch Deutschland an der geplanten EU-Intervention in dem Land beteiligen, die die Außenminister der Union vergangene Woche beschlossen haben. Sie soll der UN-Truppe UNIFIL folgen, die zum Jahresende den Dienst beendet. Die Bundeswehr war seit 2006 an UNIFIL beteiligt – mit einer maritimen Komponente. Ziel des künftigen EU-Einsatzes ist es, Streitkräfte und innere Repressionsapparate des Libanon zu stärken, um den Einfluss der Hizbollah im Land systematisch zu reduzieren und ein „extrem gefährliches Sicherheitsvakuum“ zu verhindern. Dazu wird der Einsatz eine militärische wie eine zivile Säule haben. Vor allem Frankreich macht sich bereits seit geraumer Zeit für ihn stark, um, wie Experten urteilen, einen weiteren Einflussverlust in seinem ehemaligen Protektorat zu verhindern und seine Stellung im Nahen Osten zu stärken. Der geplante EU-Einsatz soll auch verhindern, dass die Truppen Israels künftig im Libanon ohne Zeugen tun, was sie wollen. Beteiligt sich die Bundeswehr, dann gerät sie in Widerspruch zu den israelischen Streitkräften.

UNIFIL vor dem Ende

Der UN-Blauhelmeinsatz im Libanon (United Nations Interim Force in Lebanon, UNIFIL) wurde im März 1978 im Zusammenhang mit der damaligen israelischen Invasion in das Land beschlossen. Er sah die Stationierung von Blauhelmtruppen im Südlibanon, die Überwachung des israelischen Abzugs und Hilfe bei der Sicherung libanesischer Kontrolle über das Gebiet vor. Erweitert wurde der UNIFIL-Auftrag nach dem Libanonkrieg von 2006. Nun umfasste er laut der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrats auch das Ziel, Waffenlieferungen an die Hizbollah zu verhindern. Zudem sollten die UN-Blauhelmtruppen in Zusammenarbeit mit der libanesischen Regierung dafür sorgen, dass die Hizbollah im Süden des Landes keine Waffen lagern und keine Angriffe auf israelisches Territorium starten konnte. Das ist nicht gelungen. Experten weisen allerdings darauf hin, dass die UNIFIL immer wieder kleinere Konflikte einzudämmen und ungebremste Eskalationen zu verhindern vermochte.[1] Seit dem Beginn des Gazakrieges hat Israel alles daran gesetzt, den UN-Einsatz zu beenden; immer wieder griffen israelische Einheiten UNIFIL-Stellungen an.[2] Am 28. August 2025 schließlich legte der UN-Sicherheitsrat auf Druck der USA fest, die UNIFIL-Truppen müssten sich ab dem 1. Januar 2027 aus dem Land zurückziehen. Dabei bleibt es.

Die Deutsche Marine

Die Bundeswehr beteiligt sich seit 2006 an der Maritime Task Force der UNIFIL, die vor allem die libanesische Seegrenze gegen Waffenlieferungen an die Hizbollah abschotten soll. Zudem hat sie Stabspersonal für das UNIFIL-Hauptquartier in Naqoura gestellt, einem Ort an der südlibanesischen Küste, den die israelischen Streitkräfte inzwischen weitgehend zerstört haben. Daneben hat die Deutsche Marine auf bilateraler Ebene Militärs der libanesischen Marine ausgebildet – mit Schwerpunkt auf dem „allgemeinen seemännischen und nautischen“ Bereich, wie die Bundeswehr mitteilt.[3] Nicht zuletzt hat sie die libanesischen Seestreitkräfte materiell aus- und aufgerüstet. So hat sie zum Beispiel den Bau von insgesamt neun Küstenradarstationen unterstützt, die heute, wie berichtet wird, „ein Echtzeitbild der libanesischen Gewässer liefern“ und damit dazu beitragen, unerwünschte Waffenlieferungen aufzudecken.[4] Auch Wachboote wurden von der Bundesrepublik geliefert. Der Bundestag hat das das UNIFIL-Mandat zum letzten Mal am 6. Mai 2026 verlängert; es umfasst noch die Entsendung von bis zu 300 Soldaten und endet zum 31. Dezember. Ab dem 1. Januar 2027 muss der Einsatz abgewickelt werden; dazu dürfen noch bis zu 80 deutsche Militärs im Libanon stationiert sein.

Die Ex-Protektoratsmacht

Ein Nachfolgeeinsatz wird bereits seit geraumer Zeit vorangetrieben – insbesondere von Frankreich. Dessen Präsident Emmanuel Macron sowie Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni teilten am 25. Juni bei einem Treffen im südfranzösischen Antibes mit, sie planten „eine Koalition“, die nach dem Abzug der UNIFIL im Libanon aktiv werden solle, um „die Souveränität“ des Landes „und seine Streitkräfte zu stärken“.[5] Dies solle verhindern, dass das libanesische Territorium zum „Ausgangspunkt einer regionalen Eskalation“ werde bzw. dass dort ein „extrem gefährliches Sicherheitsvakuum“ entstehe. Die exakte Form, die die Koalition annehmen solle, sei allerdings noch unklar, hieß es damals. Experten hatten zuvor geurteilt, Frankreich – Protektoratsmacht im Libanon von 1920 bis 1943 und auch danach dort zunächst noch ziemlich mächtig – betrachte das Ende der UNIFIL, in der es lange recht starken Einfluss gehabt habe, als sehr nachteilig für seine Stellung in Beirut. Es suche nun, nicht zuletzt unter dem Eindruck zunehmend brachialer US-Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Libanon, nach Wegen, seine eigene Position dort wieder zu festigen, urteilte der libanesische Journalist Souhayb Jawhar im Juni gegenüber Al Jazeera. Für Paris stehe dabei viel auf dem Spiel.[6]

EU-Einsatz geplant

Der geplante EU-Einsatz, bei dessen Zustandekommen Frankreich infolgedessen eine wichtige Rolle spielte, soll Anfang kommenden Jahres beginnen und ist zunächst für drei Jahre mandatiert. Laut Angaben der EU-Kommission dient er vor allem dazu, „die Stabilität, Souveränität“ und die „staatlichen Institutionen“ des Libanon zu unterstützen – gegen die Hizbollah.[7] Konkret sollen die Streitkräfte sowie die inneren Repressionsbehörden des Libanon gestärkt werden. Dazu sind „eine militärische und eine zivile Säule“ vorgesehen, die „sich ergänzende Aufgaben … wahrnehmen“. Die „militärische Säule“ umfasst laut der EU-Kommission „beratende Unterstützung und Schulungen“ – etwa in „Grenzüberwachung und -kontrolle, nachrichtendienstliche Erkenntnisse, Überwachung und Aufklärung, Bekämpfung der Schleuserkriminalität und operative Koordinierung“. Die inneren Repressionsapparate sollen „in Bereichen wie Cyberkriminalität und Bekämpfung von Schleuserkriminalität“ trainiert werden sowie in der „Governance der Gefahrenabwehr in Häfen“ – insbesondere im Hafen von Beirut. Vorläufig ist von einer Personalstärke des EU-Einsatzes von rund 160 Personen die Rede.[8] Frankreich und Italien würden eine bedeutende Rolle spielen, heißt es. Daneben sei eine deutsche Beteiligung fest geplant.

Nicht mehr ohne Zeugen

Dabei richtet sich der Einsatz nicht ausschließlich gegen die Hizbollah. Die libanesische Regierung hat mit deren Entwaffnung begonnen. In der vergangenen Woche etwa griffen die libanesischen Behörden ein Fahrzeug auf, das 250 Kilogramm TNT und 250 Kilogramm C4-Sprengstoff transportierte; es befand sich im Besitz der Hizbollah.[9] Diese verlangt es nun zurück – und kann sich dabei auf erhebliche Teile der südlibanesischen Bevölkerung stützen, die, wie es in einem Medienbericht heißt, in der Miliz ihre „einzige Verteidigung gegen Israels völkerrechtswidrige Angriffe“ sehen.[10] Die Entwaffnung der Hizbollah soll künftig von der EU unterstützt werden. Zugleich soll der EU-Einsatz jedoch auch verhindern, dass die israelischen Streitkräfte im Libanon nach dem Abzug der UNIFIL vollständig freie Hand haben und, wie Beobachter warnen, „ohne Zeugen tun können, was sie wollen“.[11] Dem steht die geplante Präsenz von Soldaten aus EU-Staaten entgegen. Beteiligt sich die Bundesrepublik an dem Einsatz, dann träfe dies auch auf deutsche Militärs zu. Damit geriete die Bundeswehr in Widerspruch zu den israelischen Streitkräften – eine bislang gänzlich ungewohnte Situation.

 

[1] Anni Coonan, Dan Arbell: The UN Security Council Decides on One Final Extension of UNIFIL’s Mandate: Implications for Lebanon and the Region. steptoe.com 12.09.2025.

[2] S. dazu Peacekeeper unter Beschuss, Peacekeeper unter Beschuss (II) und Peacekeeper unter Beschuss (III).

[3] UNIFIL: Friedenssichernde Maßnahme der Vereinten Nationen. bundeswehr.de.

[4] André Uzulis: Deutsche Wacht vorm Libanon. reservistenverband.de 16.03.2026.

[5] Liban: Emmanuel Macron et Giorgia Meloni veulent une coalition multinationale à la fin du mandat de la finul. lemonde.fr 25.06.2026.

[6] Caolán Magee: Why is France so invested in the future of Lebanon? aljazeera.com 03.06.2026.

[7] Libanon: EU richtet neue GSVP-Unterstützungsmission zur Stärkung der Verteidigungs- und Sicherheitseinrichtungen ein. consilium.europa.eu 12.10.2026.

[8] Philippe Jacqué: L’UE espère la prorogation du mandat de la Finul dans le sud du Liban au-delà de 2026. lemonde.fr 12.10.2026.

[9] Liban : le Hezbollah reconnaît qu’une demi-tonne d’explosifs saisis il y a quelques jours étaient destinés à la « résistance » contre Israël. lemonde.fr 15.10.2026.

[10] Julia Neumann: EU will Blauhelme im Libanon ersetzen. taz.de 13.10.2026.

[11] Édouard Elias, Hélène Sallon: Dans le sud du Liban, à quelques mois du départ de la Finul, la crainte que les Israéliens puissent « faire ce qu’ils veulent sans témoin ». lemonde.fr 17.09.2026.


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