Vor der Eskalation
Deutschland und Frankreich bereiten eine Verschärfung des Wirtschaftskriegs gegen China vor. Deutsche Kfz-Konzerne hatten sich lange gegen neue Zölle gesperrt, fordern sie nun aber – unter Konkurrenzdruck – selbst.
BERLIN/BRÜSSEL/BEIJING (Eigener Bericht) – Deutschland und Frankreich bereiten die Schaffung eines neuen EU-Werkzeugs für den Handelskrieg gegen China vor. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verlangen gemeinsam, die EU-Kommission solle Drittstaaten wie die Volksrepublik teilweise oder sogar ganz von ihrem Binnenmarkt ausschließen dürfen. Die Maßnahmen könnten bereits auf dem EU-Gipfel Mitte Oktober diskutiert werden, heißt es. Hintergrund ist, dass inzwischen eine Ausweitung hoher EU-Zölle über chinesische Elektroautos hinaus auf Plug-in-Hybride als recht wahrscheinlich gilt. Bis vor kurzem hatten deutsche Kfz-Konzerne dies abgelehnt, da sie stark auf ihre chinesischen Standorte und die Kooperation mit chinesischen Unternehmen angewiesen sind. Unter rasch wachsenden Exportdruck geraten, sprechen sie sich nun ebenfalls für Zölle aus. Parallel bereitet die Bundesregierung ein neues Investitionsprüfgesetz vor, das es ermöglicht, Übernahmen deutscher durch chinesische Firmen noch leichter als bisher zu untersagen. Es könnte allerdings – dies ist offenbar im Gespräch – auch künftige Übernahmen deutscher Unternehmen durch ihre innereuropäischen Konkurrenten unterbinden.
Übernahmeverbote
Der Bestand chinesischer Direktinvestitionen in Deutschland ist gering. Die Angaben schwanken; das Auswärtige Amt beziffert ihn für das Jahr 2022 auf rund 4,8 Milliarden Euro, während die bundeseigene Außenwirtschaftsagentur gtai (Germany Trade & Invest) ihn für 2023 mit rund elf Milliarden Euro angab, dies allerdings einschließlich Investitionen, die über Hongkong abgewickelt wurden. Zum Vergleich: Der Bestand deutscher Direktinvestitionen in der Volksrepublik lag 2022 bei 122 Milliarden Euro; der Bestand von US-Investitionen in der Bundesrepublik erreichte 2023 164 Milliarden Euro. Zudem sind chinesische Investitionen bereits heute erheblichen Widerständen seitens der deutschen Behörden ausgesetzt. So wurde der Einstieg des chinesischen Schifffahrtkonzerns Cosco im Containerterminal Tollerort im Hamburger Hafen in den Jahren 2022/23 nur mit erheblichen Einschränkungen genehmigt.[1] Aktuell plant die Bundesregierung laut einem Bericht des Handelsblatts, die Übernahme von 80 Prozent des Logistikunternehmens Zippel durch Cosco zu untersagen. Zippel ist nur ein mittelständisches Unternehmen mit mäßigem Einfluss, erledigt aber Containertransporte etwa aus dem Hamburger Hafen per Lkw und Zug in Richtung Osten, die für die Bundeswehr sowie für die deutsche Kriegslogistik von großer Bedeutung seien, heißt es.[2]
Das neue Investitionsprüfgesetz
Um missliebige auswärtige Investitionen in Zukunft noch leichter untersagen zu können, bereitet das Bundeswirtschaftsministerium zur Zeit ein neues „Investitionsprüfgesetz“ vor. Es senkt – das geht aus einem Entwurf hervor, der ebenfalls dem Handelsblatt vorliegt – die Schwelle, bei deren Erreichen das Ministerium den Einstieg eines auswärtigen Unternehmens prüfen muss, bei sicherheitsrelevanten börsennotierten Firmen von 20 auf 15 Prozent der Anteile.[3] Dies soll sicherstellen, dass missliebige Investoren keine Sperrminorität erhalten; in der Praxis sei diese in manchen Fällen schon mit eher geringen Anteilen erreichbar, da zahlreiche Aktionäre nicht an den Hauptversammlungen teilnähmen, heißt es. Bei kritischer Infrastruktur und bei Rüstungsfirmen, die nicht börsennotiert sind, soll die Schwelle zur Genehmigungspflicht weiterhin bei zehn Prozent liegen. Über die Absenkung der Schwellen hinaus sollen die Genehmigungs- bzw. Verbotsverfahren gestrafft und vereinfacht werden. Zudem ist geplant, mehr Branchen als „kritisch“ einzustufen, um Investitionen in sie strikter reglementieren zu können. Beobachter gehen davon aus, dass der Gesetzesentwurf in der Ressortabstimmung mit anderen Ministerien noch stark verschärft werden kann.[4]
Innereuropäische Rivalitäten
Der Entwurf für das „Investitionsprüfgesetz“ ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zum einen gilt als ausgemacht, dass er sich insbesondere gegen chinesische Investitionen richtet. Insider gehen von einem fortdauernden, womöglich sogar ansteigenden Interesse chinesischer Unternehmen an Investitionen in Deutschland aus. So ergab eine Umfrage der Chinesischen Handelskammer in Deutschland und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG im November 2025, die Bundesrepublik gelte chinesischen Firmen trotz aller Reibereien weiter als Top-Ziel in der EU. 43 Prozent aller chinesischen Unternehmen in Deutschland gingen von einem Umsatzwachstum aus; 41 Prozent planten einen Personalaufbau.[5] Allerdings ist das Bundeswirtschaftsministerium offenkundig bemüht, die Volksrepublik mit den neuen Restriktionen nicht übermäßig zu verärgern; Insider urteilen, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bleibe mit den Verschärfungen deutlich hinter Forderungen antichinesischer Hardliner zurück.[6] Zugleich fällt auf, dass künftig nicht nur Firmen aus der Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island, aus den EFTA-Staaten also, Firmen aus China oder auch aus den USA gleichgestellt werden. Im Gespräch ist, in Zukunft auch Großinvestitionen aus anderen EU-Staaten genehmigungspflichtig zu machen. Das weist auf verschärfte innereuropäische Rivalitäten hin.
Absatzmarkt und „Fitnesscenter“
Gleichzeitig beginnt die Bundesregierung, den schon lange schwelenden Konflikt mit China in Handelsfragen zuzuspitzen. Aktuell geht es dabei vor allem um die Frage, ob die EU-Zölle auf Einfuhren aus der Volksrepublik massiv heraufgesetzt werden sollen, um europäische Unternehmen vor starker Konkurrenz aus China zu schützen. Bislang war dies besonders von Frankreich gefordert worden, während Deutschland gebremst hatte. Grund für Letzteres war nicht nur, dass deutsche Unternehmen ganz allgemein in vielen Fällen auf Standorte in China angewiesen sind; das Land sei „ein wichtiger Absatzmarkt“, „und einige Firmen nutzen es als ‚Fitnesscenter‘“, konstatierte kürzlich ein Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) mit Blick darauf, dass Firmen aus der Bundesrepublik im ersten Halbjahr 2026 rund 5,6 Millliarden Euro in der Volksrepublik investierten, also mehr als in den USA (4,3 Milliarden Euro).[7] Insbesondere die krisengeplagte deutsche Kfz-Industrie sucht sich mit chinesischer Hilfe zu retten, verlegt zunehmend Forschung und Entwicklung in der E-Mobilität in die Volksrepublik und setzt auch in Europa auf Unterstützung aus China. So soll der chinesische Batteriehersteller Gotion mit 1,1 Milliarden Euro in eine Fabrik der VW-Batterietochter Powerco nahe Valencia einsteigen, um das Projekt in Schwung zu bringen.[8]
Unter Konkurrenzdruck
Allerdings nimmt der Konkurrenzdruck für die deutsche Industrie, die bislang nicht nur auf ihrem Heimatmarkt, sondern vor allem auch vom Export gewaltiger Überschüsse in alle Welt profitierte, inzwischen stark zu. So konnte etwa Chinas Chemieindustrie ihre Exporte in die EU im Juni bzw. im Juli um 22 respektive 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigern.[9] Im Maschinenbau beliefen sich die chinesischen Ausfuhrsteigerungen in beiden Monaten auf 15 respektive 10 Prozent. In der Kfz-Branche steigerten chinesische Hersteller ihre Exporte zuletzt rasant. Durch hohe EU-Zölle auf Elektroautos ein wenig gebremst, verlegten sich chinesische Autokonzerne zuletzt stark auf den Export von Plug-in-Hybriden; im zweiten Quartal 2026 entfielen schon 47,2 Prozent aller neu zugelassenen Hybride auf chinesische Marken.[10] Mittlerweile liegt der Marktanteil chinesischer Produzenten in der Kfz-Branche, der 2021 mit 0,5 Prozent noch vernachlässigbar schien, antriebsübergreifend bei fast zehn Prozent. Dies führt nun dazu, dass auch deutsche Autokonzerne sich der Forderung nach neuen, hohen Zöllen auf Einfuhren aus der Volksrepublik zu Eigen machen. So dringt inzwischen auch VW-Chef Oliver Blume auf neue Zölle auf chinesische Plug-in-Hybride – trotz des Risikos, von den zu erwartenden chinesischen Gegenmaßnahmen getroffen zu werden.[11]
Vom EU-Binnenmarkt aussperren
Aktuell zeichnet sich eine noch weitere Verschärfung des Handelskonflikts ab. So fordern Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in einem gemeinsamen Schreiben neue Kompetenzen für die EU-Kommission in einem möglichen Handelskrieg gegen China. Man rechne damit, heißt es, dass Beijing sich gegen weitere EU-Zölle oder andere Restriktionen zur Wehr setzen werde. Dazu könne es etwa die Schwäche der EU bei strategisch wichtigen Metallen, etwa bei Seltenen Erden, nutzen. Um Beijing niederringen zu können, soll die Kommission künftig Drittstaaten teilweise oder sogar ganz vom EU-Binnenmarkt ausschließen dürfen. Das soll binnen weniger Tage, eventuell sogar innerhalb 24 Stunden möglich sein. Weil China auf den EU-Markt angewiesen sei, werde man es zum Nachgeben zwingen können, heißt es.[12] Ein Beschluss der EU-Kommission dazu soll von den Mitgliedstaaten nur mit qualifizierter Mehrheit geändert oder aufgehoben werden dürfen. Am morgigen Donnerstag bricht EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič zu Verhandlungen nach Beijing auf, um China zu ökonomischen Zugeständnissen zu nötigen. Weitere Debatten über das neue Handelskriegsinstrument sind auf dem EU-Gipfel in der kommenden Woche geplant. Der Handelskonflikt könnte damit schon in Kürze weiter eskalieren.
[1] S. dazu Die Dialektik des Chinageschäfts.
[2] Jakob Hanke Vela, Julian Olk: Bund will chinesische Übernahme am Hamburger Hafen stoppen. handelsblatt.com 29.09.2026.
[3], [4] Julian Olk: Reiche will mit neuem Gesetz China-Einfluss abwehren. handelsblatt.com 01.10.2026.
[5] Deutschland bleibt Top-Investitionsstandort für chinesische Unternehmen. kmpg.com 18.11.2025.
[6] Julian Olk: Reiche will mit neuem Gesetz China-Einfluss abwehren. handelsblatt.com 01.10.2026.
[7] Jürgen Matthes: Deutsche Firmen investieren Milliarden in China. iwkoeln.de 14.09.2026.
[8] Lazar Backovic: VW holt China-Partner für spanische Batteriefabrik. handelsblatt.com 28.09.2026.
[9] Martin Benninghoff, Bert Fröndhoff, Jakob Hanke Vela: China schockt EU mit starkem Exportzuwachs. handelsblatt.com 15.09.2026.
[10] Lazar Backovic, Julian Olk: Deutsche Autoindustrie prüft härteren Kurs gegen China. handelsblatt.com 14.08.2026.
[11] Marcus Theurer: Jetzt machen Chinas Autoriesen Ernst in Europa. faz.net 16.08.2026.
[12] Hendrik Kafsack: Stoppschild für Chinas Wirtschaft. Frankfurter Allgemeine Zeitung 06.10.2026.

ex.klusiv
Den Volltext zu diesem Informationsangebot finden Sie auf unseren ex.klusiv-Seiten - für unsere Förderer kostenlos.
Auf den ex.klusiv-Seiten von german-foreign-policy.com befinden sich unser Archiv und sämtliche Texte, die älter als 14 Tage sind. Das Archiv enthält rund 5.000 Artikel sowie Hintergrundberichte, Dokumente, Rezensionen und Interviews. Wir würden uns freuen, Ihnen diese Informationen zur Verfügung stellen zu können - für 7 Euro pro Monat. Das Abonnement ist jederzeit kündbar.
Möchten Sie dieses Angebot nutzen? Dann klicken Sie hier:
Persönliches Förder-Abonnement (ex.klusiv)
Umgehend teilen wir Ihnen ein persönliches Passwort mit, das Ihnen die Nutzung unserer ex.klusiven Seiten garantiert. Vergessen Sie bitte nicht, uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.
Die Redaktion
P.S. Sollten Sie ihre Recherchen auf www.german-foreign-policy.com für eine Organisation oder eine Institution nutzen wollen, finden Sie die entsprechenden Abonnement-Angebote hier:
Förder-Abonnement Institutionen/Organisationen (ex.klusiv)