Trumps Wahl

EU-Experten warnen vor einem Einflussverlust der EU in Brasilien bei einem Wahlsieg von Flávio Bolsonaro. Der Bolsonaro- und der Trump-Clan unterhalten enge Beziehungen; die Trump-Administration hat offen in den Wahlkampf interveniert.

BRASÍLIA/WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – EU-Experten warnen vor einer totalen politisch-militärischen Dominanz der USA in Südamerika und einem Einflussverlust Europas in Brasilien bei einem Sieg des ultrarechten Kandidaten Flávio Bolsonaro in der brasilianischen Präsidentschaftswahl. Bolsonaro liegt nach dem ersten Wahlgang am Sonntag knapp in Führung vor dem Amtsinhaber Luis Inácio Lula da Silva. Er hat angekündigt, als Präsident wolle er sein Land als Rohstofflieferant und als Absatzmarkt der USA positionieren und der Trump-Administration Loyalität erweisen. In der EU wird mit Komplikationen im Blick auf das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur gerechnet, das für die Bemühungen Berlins und Brüssels, von Washington unabhängiger zu werden, hohe Bedeutung besitzt. Der Trump- und der Bolsonaro-Clan unterhalten schon seit Jahren enge Beziehungen zueinander; die Trump-Administration hat sich hemmungslos in den brasilianischen Wahlkampf eingemischt. Darüber haben sich bereits im September Delegationen aus Deutschland und Frankreich mit Brasiliens Geheimdienst ABIN ausgetauscht; auch, um Erkenntnisse über die US-Einmischung zugunsten der extremen Rechten in künftigen Wahlkämpfen in Europa zu gewinnen.

Enge Clanbeziehungen

Die Beziehungen zwischen dem Trump- und dem Bolsonaro-Clan und ihrem Umfeld reichen bis in die Zeit vor Jair Bolsonaros Wahlsieg im Oktober 2018 zurück. Bolsonaros dritter Sohn Eduardo traf sich bereits im August 2018, mitten im brasilianischen Wahlkampf, mit Steve Bannon, dem einstigen Chefstrategen von Donald Trump, der damals zwar offiziell schon mit Trump gebrochen hatte, aber weiterhin Kontakt in dessen Umfeld unterhielt. Bannon, für seine extrem rechten Positionen weithin bekannt, rief sich damals zu Bolsonaros informellem Wahlkampfberater aus.[1] Jenseits der offiziellen Kontakte, die Jair Bolsonaro im März 1999 bei seinem ersten Besuch in Washington als Präsident zu Trump aufnahm, begann Eduardo informelle Beziehungen zu schmieden; eines der Ergebnisse war schon im Oktober 2019 die erste CPAC Brazil, ein Ableger des MAGA-Events Conservative Political Action Conference (CPAC), das seitdem regelmäßig Ultrarechte aus Brasilien, anderen Ländern Lateinamerikas und den USA sowie Mitglieder des Trump- und des Bolsonaro-Clans zusammenführt.[2] Das Beziehungsnetz zahlte sich aus, als Jair Bolsonaro sich unmittelbar nach dem Ende seiner Amtszeit und während des Putschversuchs in Brasília im Januar 2023 nach Florida zurückzog. Dort konnte er sich eine Zeitlang Brasiliens Justiz entziehen.

Kampf gegen die Justiz

Im März 2025 tat es ihm sein Sohn Eduardo nach und zog sich aus Brasilien nach Florida zurück – dies ausdrücklich mit der Begründung, er wolle der brasilianischen Justiz entfliehen. Eduardo Bolsonaro hält dort seitdem regelmäßig Kontakt zum Trump-Clan und zu dessen Umfeld, wo er beharrlich um Unterstützung für seinen zunächst wegen seines Putschversuchs vor Gericht stehenden, dann verurteilten Vater warb und wirbt. Die Trump-Administration hat sich immer wieder zu Jair Bolsonaros Gunsten in Brasilien eingemischt und im vergangenen Jahr sogar Zölle gegen das Land mit der ausdrücklichen Forderung verhängt, es müsse den Ex-Präsidenten von jeder gerichtlichen Verfolgung wegen des gewaltsamen Umsturzversuchs freistellen. Eduardo ist in Brasilien mittlerweile tatsächlich verurteilt worden – wegen seiner aktiven Werbung für Sanktionen gegen Brasilien, die Präsident Lula schwächen sollen, faktisch aber zu Lasten des Landes sowie seiner Bevölkerung gehen.[3]

Washingtons Wahlkampagne

Zuletzt hat die Trump-Administration mehrfach zugunsten von Flávio Bolsonaro, Jairs ältestem Sohn, in den Wahlkampf in Brasilien interveniert. Den Versuch, einen Mitarbeiter des US-Außenministeriums in das Land zu entsenden, um dort aktiv für Flávio zu werben, konnte die brasilianische Regierung unter Präsident Luis Inácio Lula da Silva noch unterbinden (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Weitere Maßnahmen – etwa neue Zölle, die im Juli verhängt wurden und offenkundig Lulas Regierung schädigen sollten – ließen sich allerdings nicht verhindern. Das galt auch für die wenige Tage vor den Wahlen erfolgte Sperrung der – bezahlten – Konten bei Facebook und bei Instagram, die Lula für seine Wahlkampagne nutzte [5], sowie für die Schließung der US-Botschaft in Brasília unmittelbar vor dem Wahltag, die ebenfalls geeignet war, Lula zu schädigen [6]. Über die Trump’sche Einflusskampagne beschwerten sich sogar 30 demokratische Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses und der demokratische US-Senator Bernie Sanders bei US-Außenminister Marco Rubio. Sie warfen der Regierung eine „fortdauernde, facettenreiche Kampagne zur Einmischung und Destabilisierung Brasiliens“ vor, dessen Wahlen sie beeinflussen und „womöglich unterminieren“ wolle.[7]

Ein Warnzeichen

Die offene Einmischung der Trump-Administration in die Präsidentenwahl war Gegenstand von Gesprächen, die Delegationen aus Deutschland und aus Frankreich im September mit Mitarbeitern des brasilianischen Geheimdienstes ABIN (Agência Brazileira de Inteligência) in Brasília führten. Laut einem Bericht, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitierte, beklagten die ABIN-Mitarbeiter US-Aktivitäten, die von Sanktionen gegen führende Repräsentanten der brasilianischen Justiz bis zu unumwunden eingestandener Einmischung reichten.[8] Von brasilianischer Seite hieß es außerdem, die Cyberattacken im Land hätten sich 2026 im Vergleich zu 2025 fast verdoppelt, wovon besonders das Präsidentenbüro betroffen sei; dabei sei ein klarer „Bezug auf die Wahlen“ unverkennbar. Ziel des Treffens war es, wie Reuters unter Bezug auf Insider mitteilt, einerseits etwaige Abwehrmaßnahmen zu diskutieren, sich andererseits aber vor allem über die US-Praktiken auszutauschen, und zwar mit Blick auf Wahlen nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Europa. So heißt es aus Frankreich, man sehe die US-Einmischung in Brasilien als „Warnzeichen“ bezüglich künftiger US-Einmischung in die Präsidentschaftswahl im Jahr 2027 in Frankreich an. Dort hat die extrem rechte Kandidatin Marine Le Pen (Rassemblement National, RN) sehr gute Chancen, die Wahl zu gewinnen.

Folgen für Europa

In der EU heißt es mit Blick auf die Einmischung der Trump-Administration in Brasilien zudem, ein Wahlsieg von Flávio Bolsonaro werde die Dominanz der Vereinigten Staaten in Brasília und in Südamerika insgesamt zementieren. Mit zuweilen offener Einmischung aus den USA haben seit dem vergangenen Jahr ultrarechte Politiker in mehreren Ländern des Subkontinents – von Honduras über Kolumbien bis Argentinien – Wahlen gewinnen und die Macht erlangen oder stabilisieren können. Flávio Bolsonaro wird mit der Aussage zitiert, „Amerika“ – gemeint sind die USA – brauche „sichere Lieferketten für kritische Rohstoffe“ und „einen gewaltigen Markt für amerikanische Güter und Dienstleistungen“. Brasilien wiederum benötige Hilfe „im Krieg gegen die Drogenkartelle, Investitionen sowie Technologie“. Es gebe „keine Nation in der Welt“, die „uns dabei besser helfen kann als die USA“.[9] Dadurch ist Europas Einfluss in Brasilien ebenso bedroht wie durch die vermutete Abkehr eines Präsidenten Flávio Bolsonaro von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen im Amazonasgebiet: Komme es zu dieser Abkehr, dann stehe die zu Jahresbeginn aufgeschobene Ratifizierung des Freihandelsabkommens mit dem Mercosur wegen Widerständen in diversen EU-Mitgliedstaaten unter Umständen vor dem Aus, wird ein früherer Handelsexperte der EU-Kommission zitiert.[10] Dies wiederum würde die Bestrebungen Berlins und der EU schwächen, durch eine engere Kooperation mit Drittstaaten und Staatenbündnissen wie dem Mercosur ein Gegengewicht gegen die allzu ungehemmte Dominanz der USA aufzubauen (german-foreign-policy.com berichtete [11]).

 

[1] Plinio Teodoro: Guru da ultra-direita mundial e ex-assessor de Trump atua na campanha das redes sociais de Bolsonaro. revistaforum.com.br 08.10.2018.

[2] S. dazu Das Zeitalter der Patrioten.

[3] Bolsonaros Sohn wegen Lobbyarbeit gegen das eigene Land verurteilt. zeit.de 17.06.2026.

[4] S. dazu „Nicht der Kaiser der Welt“.

[5] Mateo Cruz: Lula Campaign Ads: Meta Blocked Brazil Leader’s Ad Account, Says It Is Back. riotimesonline.com 29.09.2026.

[6] USA schließen aus Sicherheitsgründen Botschaft in Brasilien. n-tv.de 03.10.2026.

[7] Trump accused of wanting to ‘colonise’ Brazil by meddling in election. lbc.co.uk 25.09.2026.

[8] Gabriel Stargardter: Brazil briefed French, German officials on alledged US, Russian election interference. reuters.com 30.09.2026.

[9] Camille Gijs: A new Bolsonaro could pull Brazil away from Europe – and toward Trump. politico.eu 01.10.2026.

[10] S. dazu Ein Vertrag zu Lasten Dritter und Einflusskampf um Lateinamerika.

[11] S. dazu Doppeltes Derisking.


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