Die deutsche Militärküste

Im Bremerhavener Hafen wird die Militärlogistik für den Umschlag von Kriegsgerät für eine Milliardensumme modernisiert; die Stadt soll zum Militärdrehkreuz werden. Zudem wird ein fünfter Marinestützpunkt aufgebaut – wohl in Emden.

BREMERHAVEN/EMDEN (Eigener Bericht) – Mit dem Ausbau des Bremerhavener Hafens zum Hochleistungs-Militärdrehkreuz und dem Aufbau eines fünften deutschen Marinestützpunkts vermutlich in Emden treibt die Bundesregierung die Militarisierung der deutschen Küste voran. In Bremerhaven soll die Logistik modernisiert und ausgebaut werden, die notwendig ist, um immense Mengen an Waffen und Munition in höchstmöglichem Tempo anlanden und an potenzielle Kriegsschauplätze in Osteuropa transportieren zu können. Das sieht eine Absichtserklärung vor, die das Verteidigungsministerium und städtische Stellen aus Bremen in dieser Woche unterzeichnet haben. Die Bundesregierung stellt dafür bis zu 1,35 Milliarden Euro bereit, das Bundesland Bremen mehr als 212 Millionen Euro. Bremen ist das Bundesland mit der höchsten Armutsgefährdung und der größten Kinderarmut bundesweit. Die Vergabe einer dreistelligen Millionensumme für den Ausbau der Militärlogistik – statt für die Armutsbekämpfung – wird auch von den an der Landesregierung beteiligten Senatorinnen der Partei Die Linke unterstützt. Zudem will die Bundesregierung einen fünften deutschen Marinestützpunkt aufbauen – Berichten zufolge in Emden.

„Wie in alten Zeiten“

Der Bremerhavener Hafen, der zweitgrößte in Deutschland nach Seegüterumschlag – hinter Hamburg und vor Wilhelmshaven –, gilt als bestens geeignet für den Umschlag militärischer Güter. Er hat bedeutende Kapazitäten für das Anlanden nicht nur von Containern, sondern auch von Fahrzeugen; er verfügt über schwerlastfähige Flächen, die selbst hochgewichtiges Kriegsgerät wie Kampfpanzer tragen können. Zudem kann er außerhalb von Schleusen erreicht werden, was ihn deutlich einfacher und schneller zugänglich macht. Nicht zuletzt ist die Anbindung an Straßen und vor allem Schienen gut, was für den raschen Weitertransport von Waffen und Munition im Spannungs- und Kriegsfall entscheidend ist. Die spezielle Eignung des Hafens als Umschlagplatz für das Militär ist auch Ergebnis seiner Geschichte: Er wurde bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den US-Streitkräften genutzt; in den Jahren des Kalten Kriegs war er ihr zentraler Umschlaghafen in der Bundesrepublik und wurde entsprechend ausgebaut. Nach 1990 verlor er für die USA an Bedeutung; mit der Eskalation des Ukraine-Konflikts nahm die US-Präsenz dann aber wieder zu, zunächst im Rahmen von Manövern wie etwa Defender Europe 2020, ab 2022 dann auch im Kontext des Ukraine-Kriegs. Schon 2023 hieß es in Fachkreisen, Bremerhaven fungiere als „Rüstungs-Drehkreuz wie in alten Zeiten“.[1]

Für Militärlogistik optimiert

Die Bundesregierung ist nun bemüht, die Leistungsfähigkeit des Hafens für die militärische Logistik weiter zu erhöhen. So sollen etwa, wie es heißt, „Hafenbecken vertieft, Straßen und Bahnverbindungen ausgebaut“ werden.[2] Containeranlagen sollen modernisiert und auf schwerere Lasten ausgerichtet werden; das gilt für die Kräne ebenso wie für die Stellflächen, für die zudem eine Ausweitung auf neue Flächen vorgesehen ist. „Der effiziente Umschlag von Militärgerät beschränkt sich längst nicht mehr auf Panzer“, wird ein Sprecher des Hafenbetreibers Bremenports zitiert; Waffen und Munition würden heute auch in Containern geliefert und müssten im Kriegsfall „zügig von Bord geholt und weitergeleitet werden“.[3] Um das sicherzustellen, ist zudem der Bau einer neuen Eisenbahndrehbrücke im Kaiserhafen geplant. Die aktuelle Brücke sei ein „Nadelöhr“, das das Durchschleusen von Kriegsgerät unangemessen verlangsame, heißt es. Es kommt hinzu, dass die strikte Fokussierung auf die Militärlogistik auch recht kostspielige Schutzmaßnahmen erforderlich macht. So sollen nicht nur neue Zäune und Sichtschutzanlagen gebaut, sondern etwa auch Drohnenabwehrsysteme installiert und Vorkehrungen in puncto Cybersicherheit getroffen werden. Details dazu werden nicht mitgeteilt.

Rüstung statt Armutsbekämpfung

Für die Optimierung der Militärlogistik in Bremerhaven und für den damit verbundenen Ausbau des Flughafens in Bremen – er soll stärker auf die Anforderungen der Bundeswehr ausgerichtet werden – stellt die Bundesregierung bis zum Jahr 2031 rund 1,35 Milliarden Euro bereit.[4] Laut Angaben des Bremer Bürgermeisters Andreas Bovenschulte ist das die „mit Abstand höchste Förderung“, die die deutsche Regierung „jemals für ein Projekt im Land Bremen“ locker gemacht hat. Das Bundesland Bremen zahlt zusätzlich über 212 Millionen Euro für das Vorhaben („Deployment Hub Bremerhaven 2031“). Während damit hohe Summen auch aus dem Bremer Landeshaushalt in die Kriegsvorbereitung gesteckt werden, wurden in dem Bundesland im Jahr 2024 rund 25,9 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet und 28,6 Prozent aller Kinder als arm eingestuft. Bremen ist damit das Bundesland mit der größten Armutsgefährdung und der höchsten Kinderarmut.[5] Zustimmung zur Finanzierung der Militärlogistik in Bremerhaven mit einer dreistelligen Millionensumme aus dem Landesbudget kam auch von den zwei Bremer Senatorinnen, die der Partei Die Linke angehören. Wirtschafts- und Häfensenatorin Kristina Vogt lobte die „Weisheit“, anstelle von Neubauten „das, was wir an Struktur haben und zivil genutzt wird, für militärische Zwecke zu ertüchtigen“.[6]

An Ost- und Nordsee

Mit dem Ausbau der Militärdrehscheibe Bremerhaven schreitet die Militarisierung der deutschen Küsten voran. Bisher liegt der Schwerpunkt der deutschen Marineinfrastruktur an der Ostseeküste – auch dadurch bedingt, dass in der Zeit des Kalten Kriegs der Schwerpunkt der bundesdeutschen Marinetätigkeit gegen die Sowjetunion und die Staaten der Warschauer Vertragsorganisation gerichtet war. Neben mehreren Ausbildungseinrichtungen verfügt die Deutsche Marine dort vor allem über drei große Marinestützpunkte in Eckernförde, Kiel und Rostock-Warnemünde sowie über das in Rostock angesiedelte Marinekommando. An der Nordsee kommen der Marinestützpunkt in Wilhelmshaven und das Marinefliegerkommando in Nordholz bei Cuxhaven hinzu. Das Marinefliegerkommando ist neben der in Kiel stationierten Einsatzflottille 1 sowie der in Wilhelmshaven stationierten Einsatzflottille 2 der dritte Großverband der Deutschen Marine. An den großen Stützpunkten der Marine sowie mehreren kleineren Einrichtungen sind zur Zeit fast 16.000 Soldaten sowie rund 1.800 zivile Angestellte der Bundeswehr stationiert.[7] Wie die anderen Teilstreitkräfte strebt auch die Deutsche Marine eine größere Truppenstärke an.

Der fünfte Marinestützpunkt

Zusätzlich zu den vier bestehenden Marinestützpunkten und dem Militärdrehkreuz Bremerhaven will die Bundesregierung in Kürze den Bau eines fünften Marinestützpunkts bekanntgeben, der ebenfalls an der Nordsee errichtet werden soll. Als Standort hat sie Berichten zufolge Emden ausgewählt, wo am Montag Verteidigungsminister Boris Pistorius und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies das „weitere Vorgehen hinsichtlich eines möglichen neuen Marinestützpunktes erläutern“ sollen.[8] In Emden hatte es bereits in der Zeit des Kalten Kriegs einen Marinestützpunkt gegeben, der dann freilich 1997 geschlossen wurde. Für Emden spreche, dass es unter den niedersächsischen Nordseehäfen das größte noch nicht genutzte Flächenareal aufweise, heißt es. Bereits seit einiger Zeit werde darüber diskutiert, wie man die brachliegende Fläche sinnvoll nutzen könne; dabei sei es jedoch um eine zivile Nutzung gegangen.[9] Auf dem neuen Marinestützpunkt sollen den Plänen der Deutschen Marine zufolge sieben Fregatten, zehn Minensuchboote und zehn Schlepper stationiert werden, außerdem eine vierstellige Anzahl an Soldaten und Zivilangestellten der Bundeswehr.

 

[1] Bremerhaven: Rüstungs-Drehkreuz wie in alten Zeiten. marineforum.online 01.03.2023.

[2] Hafen Bremerhaven und Flughafen Bremen: Militär-Investition zugesagt. ndr.de 30.09.2026.

[3] Bremerhavens Hafen wird zum Drehkreuz für die Nato. bremen.t-online.de 29.09.2026.

[4] Jörg Fleischer: „Deployment Hub Bremerhaven 2031“ soll Drehscheibe Deutschland stärken. bmvg.de 29.09.2026.

[5] Naomi Stieglmaier: Wie es um die Chancen von Kindern und Jugendlichen in Bremen steht. butenunbinnen.de 13.05.2025.

[6] Peter Hanuschke, Jürgen Theiner: Boris Pistorius macht Bremerhaven zur Nato-Drehscheibe. weser-kurier.de 29.09.2026.

[7] Teilstreitkraft Marine. bundeswehr.de.

[8], [9] Neuer Marinehafen an der Nordsee – Emden setzt sich durch. handelsblatt.com 29.09.2026.


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