Doppeltes Derisking

Der mächtige Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) legt ein Grundsatzpapier unter anderem zur Außenpolitik vor – und fordert „Derisking“ nicht nur gegenüber China, sondern auch gegenüber den USA.

BERLIN/BRÜSSEL (Eigener Bericht) – Ein neues Grundsatzpapier des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) fordert, „die deutsche Industrie, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zur obersten Priorität“ in Deutschland zu erklären, und skizziert darauf aufbauend Grundlinien für die deutsche Außenpolitik. Das Papier, das am vergangenen Freitag veröffentlicht wurde, betont nachdrücklich die Forderung, sowohl in Deutschland als auch in der EU bestehende Abhängigkeiten nicht nur von China, sondern auch von den USA konsequent abzubauen. Es hebt eine angebliche „systemische Rivalität“ der EU mit China hervor und plädiert für ein „Derisking“, insbesondere im Bereich kritischer Rohstoffe. Für ein ähnliches „Derisking“ plädiert der BDI auch gegenüber den USA. Dies dürfe jedoch nicht auf Kosten der langfristigen strategischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten gehen, heißt es in dem Papier. Zudem müsse die EU „Partnerschaften“ zu anderen Staaten und Bündnissen in aller Welt ausbauen. Bereits jetzt bestehen Freihandelsabkommen der EU mit dem Mercosur und mit Indien. Zudem strebt die Union den weitreichenden Ausbau ihrer Beziehungen zu Kanada an, das sich wegen der Trump’schen Annexionsdrohungen Europa zuwendet.

Wachstum als oberste Priorität

In seinem aktuellen Grundsatzpapier plädiert der BDI – der einflussreichste Verband der deutschen Wirtschaft, der 38 Einzelverbände, mehr als 100.000 Unternehmen und rund acht Millionen Beschäftigte vertritt [1] – angesichts des geschwächten Wachstums und der nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas sowie angesichts der tiefgreifenden Verschiebungen in der Weltpolitik und im internationalen System für „neue wirtschaftspolitische Weichenstellungen“ [2]. Das Papier mit dem Titel „Grundsätze der Wirtschafts- und Handelspolitik“ erscheint vor dem Hintergrund der derzeit in Deutschland geführten Krisen- und Reformdebatte und fordert, „die deutsche Industrie, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zur obersten Priorität“ zu erklären. Das Papier solle weniger als politischer Forderungskatalog für den Alltag verstanden werden, sondern vielmehr als gemeinsame Leitlinie für seine Mitgliedsverbände: „Das ist eine Vergewisserung für uns selber“, erklärt BDI-Geschäftsführerin Tanja Gönner.[3]

„Systemwettbewerb“ mit China

In seinen Passagen zu Außenwirtschaft und Europapolitik hebt das Papier zum einen die Konkurrenz der EU mit China hervor, die es als „Systemwettbewerb“ einstuft. Unter Verweis auf Chinas angeblich „staatlich induzierte“ Marktverzerrungen heißt es, die Umsetzung der bestehenden Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Union reichten nicht aus. Zwar sei ein „Derisking“ gegenüber der Volksrepublik – der Abbau von Abhängigkeiten – nach wie vor der richtige Ansatz; es müsse aber „stringenter“ umgesetzt werden. Und selbst wenn das „Derisking“ mit Kosten verbunden sei – einschließlich derer, die durch chinesische „Gegenreaktionen“ entstünden –, sei „Passivität langfristig wirtschaftlich wesentlich teurer und sicherheitspolitisch unverantwortlich“. Insbesondere solle die EU als Reaktion auf die „Herausforderung“, die die chinesische Wirtschaft für die „offene soziale Marktwirtschaft“ darstelle, ihre strategischen Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen verringern. Zudem solle sie „eine zügige und rechtssichere Ausgestaltung von Investitionsprüfungen und Exportkontrollen“ gewährleisten, also stärkere Restriktionen bei Investitionen chinesischer Unternehmen und bei Ausfuhren in die Volksrepublik einführen. Das Papier betont nicht zuletzt die Notwendigkeit neuer wirtschaftlicher „Schutzinstrumente“, darunter Antidumping- und Antisubventionsmaßnahmen, um tatsächliche oder angebliche Wettbewerbsverzerrungen auszugleichen.

„Selbstbewusst“ gegenüber den USA

Gleichzeitig nimmt das Papier gegenüber den USA eine zuweilen ähnliche Distanz wie gegenüber China ein. Es diagnostiziert einen „fortschreitenden Paradigmenwechsel in der US-Handels- und Industriepolitik“ und plädiert für eine „selbstbewusste“ und „interessengeleitete europäische Positionierung“. Zudem rät es zur Entwicklung eines „verstärkten transatlantischen Derisking-Dialogs“, um einerseits europäische Autonomie zu wahren, andererseits aber gemeinsame transatlantische Prioritäten in Bezug auf kritische Technologien und widerstandsfähige Lieferketten zu entwickeln. Der BDI spricht sich nicht zuletzt dafür aus, gegen protektionistische Maßnahmen der USA, die die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen beeinträchtigten, angemessene Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dies dürfe jedoch nicht zu einer Belastung der langfristigen strategischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten gehen. Die transatlantischen Beziehungen sind insbesondere während der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump unter Druck geraten. Im Januar dieses Jahres hatte das Europäische Parlament in einer seltenen Konfrontation mit den USA sogar die Verabschiedung des Zollabkommens mit diesen ausgesetzt, nachdem Trump angekündigt hatte, Grönland annektieren zu wollen.[4] Die Vereinbarung trat erst verspätet am 1. Juli 2026 in Kraft.[5]

„Partner“ in aller Welt

Neben einer Neukalibrierung ihrer Beziehungen zu China und den USA soll die EU dem BDI zufolge ihre strategischen „Partnerschaften“ mit anderen Weltregionen ausbauen. Ziel sei es, „ein belastbares Netzwerk gleichgesinnter Partner“ zu schaffen, „das Marktzugang, Investitionsschutz und Diversifizierung kritischer Lieferketten“ biete – „insbesondere bei Rohstoffen und strategisch relevanten Schlüsseltechnologien“. Im Laufe dieses Jahres hat die EU bereits eine Reihe von Handelsabkommen mit Ländern und Wirtschaftsblöcken auf der ganzen Welt geschlossen. Im Januar unterzeichnete sie das Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur, der aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay besteht; Bolivien nimmt allerdings, da es erst nach Abschluss des Vertragstextes Vollmitglied im Mercosur wurde, an dem Abkommen nicht teil.[6] Die Vereinbarung, durch die mehr als 91 Prozent der Zölle auf EU-Exporte in Mercosur-Länder wegfallen, war das Ergebnis von mehr als einem Vierteljahrhundert Verhandlungen.[7] Ebenfalls im Januar unterzeichnete die EU ein Handelsabkommen mit Indien, das als das größte Freihandelsabkommen in der Geschichte Indiens gilt. In seinem Rahmen wollen beide Seiten die Zölle auf mehr als 95 Prozent der gegenseitigen Importe senken oder abschaffen.[8]

Kooperation mit Kanada

Auch in den Beziehungen der EU zu Kanada bahnt sich eine weitreichende Annäherung an. Kanada wünscht sie, da sich seine Beziehungen zu den USA aufgrund der Trump’schen Annexionsdrohungen massiv verschlechtert haben. Am 16. September lud die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, Kanada offiziell ein, das erste „assoziierte Mitglied“ der EU zu werden; sie unterbreitete dem kanadischen Premierminister Mark Carney das beispiellose Angebot im Europaparlament und erklärte dabei, die EU und Kanada betrachteten „die Welt mit denselben Augen“ – etwa mit Blick auf den Ukrainekrieg.[9] Von der Leyens Angebot folgte auf Carneys Aufruf an zehn EU-Staaten, das vor neun Jahren geschlossene Handelsabkommen der Union mit Kanada endlich offiziell zu ratifizieren; das werde alle Beteiligten „widerstandsfähiger, unabhängiger“ und wohlhabender machen.[10] Das Abkommen zwischen Kanada und der EU, das die Bezeichnung „Umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen“ (Comprehensive Economic and Trade Agreement, CETA) trägt und 2017 vorläufig in Kraft gesetzt wurde, wurde von zehn EU-Staaten – Belgien, Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Polen, Slowenien, Ungarn und Zypern – noch nicht ratifiziert.[11] Ursache sind vor allem Bedenken, kanadische Agrarexporte könnten den europäischen Landwirten schaden.

„Hohe Arbeitskosten“

Neben der Außenwirtschafts- und der Europapolitik behandelt das BDI-Grundsatzpapier auch zahlreiche andere Bereiche. Ein Abschnitt befasst sich etwa mit „Wirtschafts-, Wettbewerbs-, Ordnungs- und Industriepolitik“; darin heißt es, der Wirtschaftsstandort Deutschland benötige wachstumsfördernde Maßnahmen und Strukturreformen. „Hohe Kosten für Arbeit [!] und Energie sowie hohe steuerliche Belastungen von Arbeit und Kapital“ gehörten zu den wichtigsten Bereichen, in denen „Reformen“ erforderlich seien. Der BDI plädiert zudem für die Einführung von „Ausgabendisziplin“ – mit dem Ziel, die gewaltigen Staatsausgaben unter anderem für Hochrüstung und Infrastruktur nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Im Abschnitt zu „Digital- und Innovationspolitik“ heißt es, man müsse technologische Souveränität und Resilienz entwickeln; dazu gehörten „der Ausbau gemeinsamer europäischer Datenräume, die Weiterentwicklung eines integrierten digitalen Binnenmarktes, eine Vereinfachung des Digital-Acquis sowie robuste Cybersicherheitsarchitekturen“. Zudem müssten Deutschland und die EU ihre Kapazitäten entlang der gesamten Halbleiter-Lieferkette ausbauen – von Forschung und Design über die chemischen Grundprodukte bis hin zur Systemintegration.

 

[1] BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. zukunftskongress.de.

[2], [3] Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.: Grundsätze der Wirtschafts- und Handelspolitik. bdi.eu 25.09.2026.

[4] Jonathan Josephs, Adam Hancock, Archie Mitchell: EU suspends approval of US trade deal. bbc.com 21.01.2026.

[5] European Commission: The EU-US trade deal: restoring stability and predictability. commission.europa.eu.

[6] S. dazu Einflusskampf um Lateinamerika.

[7] Umsetzung des EU-Mercosur-Abkommens. bundestag.de 29.09.2026.

[8] S. dazu „Abhängigkeiten reduzieren“.

[9] Jennifer Rankin,Leyland Cecco: European Union invites Canada to become first ever ‘associate member'. theguardian.com 16.09.2026.

[10] Ilya Gridneff: Mark Carney urges EU to cement trade deal as Ottawa seeks pivot from US. ft.com 15.09.2026.

[11] Milena Wälde: Carney presses 10 EU countries to ratify Canada trade deal. politico.eu 15.09.2026.


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