Mit Nordafrikas Energie aus der US-Abhängigkeit

Deutschland will mit Strom und Erdgas aus Nordafrika seine Abhängigkeit von US-Flüssiggas reduzieren. Marokko gibt grünes Licht für das milliardenschwere Wüstenstromprojekt „Sila Atlantik“.

BERLIN/RABAT (Eigener Bericht) – Die Bundesregierung treibt den Import von Energie aus Nordafrika voran, um die Abhängigkeit von US-Flüssiggas zu reduzieren. Nachdem seinem Verzicht auf Pipelinegas aus Russland bezieht Deutschland den Großteil seiner LNG-Importe aus den Vereinigten Staaten. Pläne, die Abhängigkeit mit Flüssiggas aus Qatar zu verringern, sind durch die Blockade der Straße von Hormus vorerst gescheitert. Berlin richtet den Blick deshalb verstärkt auf Afrika. Algerien soll künftig Erdgas und grünen Wasserstoff liefern; Anfang Juli erreichte erstmals eine Flüssiggaslieferung des algerischen Staatskonzerns Sonatrach das LNG-Terminal Wilhelmshaven 1. Zugleich nimmt die Bundesregierung einen neuen Anlauf, in großem Stil erneuerbaren Strom aus Marokko zu importieren. Mit dem Projekt „Sila Atlantik“ sollen Deutschland und Marokko durch das weltweit längste Untersee-Stromkabel verbunden und bis zu fünf Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt werden. Ende August gab die marokkanische Regierung grünes Licht für das Vorhaben. Auch Frankreich verfolgt eigene Wüstenstromprojekte in Marokko. Diese berühren nicht zuletzt den Konflikt um die Westsahara, die – als Afrikas letzte Kolonie – bis heute von Marokko besetzt ist.

Weg vom US-Flüssiggas

Schon seit geraumer Zeit ist die Bundesregierung bemüht, die Abhängigkeit der EU von US-Flüssiggaslieferungen zu reduzieren. Um russische Gasimporte zu ersetzen, importiert die EU im Zuge ihrer Kriegsvorbereitungen immer mehr Flüssiggas – größtenteils aus den USA. Zuletzt stammten 55 Prozent der LNG-Importe der EU und sogar 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den Vereinigten Staaten. Nicht zuletzt mit Lieferungen aus Qatar wollte die Bundesregierung die Abhängigkeit von US-Importen schrittweise verringern.[1] Durch die Blockade der Straße von Hormus sind diese Pläne vorerst gescheitert. Nun sollen Erdgas und grüner Wasserstoff aus Afrika dazu beitragen, die kriegsbedingt ausgefallenen Erdgasimporte aus Russland und vom Persischen Golf zu ersetzen. Außenminister Johann Wadephul verhandelte im Sommer in Nigeria, Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem algerischen Präsidenten über den Import von Erdgas und Wasserstoff nach Deutschland. Geplant ist unter anderem der Bau einer Wasserstoffpipeline durch das Mittelmeer.[2] Mit dem Pipelineprojekt South H2 soll künftig Wasserstoff aus Algerien über Tunesien und Italien bis nach Österreich und schließlich Deutschland geliefert werden. Auch in Marokko bemüht sich die Bundesrepublik um eine Diversifizierung ihrer Energieversorgung. Aufgrund der hohen Sonneneinstrahlung und günstiger Windverhältnisse verfügt das Land über großes Potenzial, erneuerbaren Strom für den Export nach Europa zu erzeugen.[3]

Fünf Prozent aus Marokko

Die Idee, erneuerbare Energie in Nordafrika zu erzeugen und nach Europa zu exportieren, hat in der Bundesrepublik eine mehr als zwanzigjährige Geschichte. Erste entsprechende Initiativen reichen bis in das Jahr 2003 zurück. 2009 wurde schließlich die Desertec Industrial Initiative gegründet, an der sich vor allem deutsche Großkonzerne beteiligten.[4] Bereits drei Jahre später geriet das Vorhaben in die Krise, als Siemens aus dem Projekt ausstieg. 2014 scheiterte Desertec schließlich weitgehend; die Initiative schrumpfte zu einer kleinen Dienstleistungsfirma zusammen.[5] Mit dem Projekt Sila Atlantik unternimmt die Bundesrepublik nun einen neuen Anlauf, erneuerbaren Strom aus Nordafrika zu importieren. Deutschland und Marokko sollen dazu durch das weltweit längste Untersee-Stromkabel miteinander verbunden werden, das vor den Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs, Belgiens und der Niederlande entlang in die Bundesrepublik führen soll. Der in Marokko erzeugte Strom soll bis zu fünf Prozent des jährlichen deutschen Strombedarfs decken. Für das Kabelprojekt werden Investitionen von schätzungsweise 26,3 Milliarden Euro veranschlagt.[6]

Energie aus besetztem Gebiet

Auch Frankreich kooperiert enger mit Marokko, um über eine direkte Stromverbindung erneuerbare Energie zu importieren. Vorausgegangen war dem Projekt die Anerkennung der marokkanischen Besetzung des größten Teils der Westsahara durch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Die Vereinten Nationen klassifizieren die Westsahara als „Hoheitsgebiet ohne Selbstverwaltung“ und damit de facto als Kolonie, der das Recht auf Entkolonialisierung zusteht. Die sahrauische Befreiungsbewegung Polisario kämpft für die Unabhängigkeit des Gebiets. Frankreich profitiert beim geplanten Kabelbau von der Infrastruktur, die Marokko errichtet hat, um die Westsahara wirtschaftlich an sich zu binden.[7] Auch Großbritannien verfolgte in Marokko eigene Ambitionen. Das inzwischen gescheiterte Projekt Xlinks sollte bis zu acht Prozent des britischen Strombedarfs decken. Die dafür vorgesehenen Solar- und Windkraftanlagen sollten in der Region Guelmim-Oued Noun entstehen [8], die aufgrund ihrer Lage auch als „Tor zur Westsahara“ bezeichnet wird.

Zwei Energiekorridore

Parallel zu Marokko gewinnt auch Algerien für die europäische Energieversorgung an Bedeutung. In diesem Jahr stieg das Land zum größten Erdgaslieferanten Spaniens auf. Über bestehende Pipelines exportiert Algerien zudem Erdgas nach Italien. Mit der geplanten Transsahara-Pipeline soll künftig zusätzlich Erdgas aus Nigeria über Niger nach Algerien und von dort weiter nach Europa transportiert werden. Das algerische Vorhaben konkurriert mit einem marokkanischen Pipelineprojekt. Dieses soll Erdgas aus Nigeria entlang der westafrikanischen Küste über zahlreiche Transitstaaten bis nach Marokko und von dort perspektivisch weiter nach Europa transportieren.[9] Damit konkurrieren Algerien und Marokko um ihre künftige Rolle als zentrale Energie- und Transitstaaten für die Versorgung Europas. Auch für die Bundesrepublik gewinnt Algerien unmittelbar an Bedeutung. Anfang Juli erreichte erstmals eine Flüssiggaslieferung des algerischen Staatskonzerns Sonatrach das LNG-Terminal Wilhelmshaven 1. Algerische Lieferungen sollen damit ebenfalls dazu beitragen, die starke deutsche Abhängigkeit von Flüssiggasimporten aus den USA zu reduzieren.[10]

Marokko gibt grünes Licht

Im Sommer kam es zunächst zu Unstimmigkeiten bezüglich des Projekts Sila Atlantik zwischen der deutschen und der marokkanischen Regierung. Laut einem Reuters-Bericht forderte Marokko, das geplante Kabel müsse Strom in beide Richtungen transportieren können. Dies sei technisch möglich, würde jedoch die Kosten des Projekts deutlich erhöhen, hieß es von deutscher Seite. Zudem stand die Zuteilung einer benötigten Baufläche noch aus.[11] Ende August gab Marokko seine Einwände gegen die deutschen Pläne auf. In einem Schreiben der marokkanischen Energiewendeministerin Leila Benali an Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wenzel erklärte die marokkanische Regierung, das Wüstenstromprojekt Sila Atlantik stehe „in perfekter Übereinstimmung mit der strategischen Vision“ Marokkos. Benali erklärte zudem, ihre Regierung sei bereit, das Projekt in enger Abstimmung mit der Bundesregierung weiter zu erörtern. Das Schreiben war die Antwort auf einen Brief von Wenzel, mit dem dieser zu Jahresbeginn bei der marokkanischen Regierung um Unterstützung für das Projekt geworben hatte.[12]

 

[1] S. dazu Mit Qatar gegen die Abhängigkeit von den USA.

[2] S. dazu „Das extraktivistische Erbe“.

[3] Wüstenstrom per 5.000 Kilometer Mega-Kabel: Millardenprojekt für Deutschland stockt. euronews.com 23.07.2026.

[4] S. dazu Solarkolonien, Kampf um den Wüstenstrom und Ein gescheitertes Schlüsselprojekt.

[5] S. dazu Wasserstoff für Deutschland (I).

[6] Lars-Eric Nievelstein: Marokkos 30-Milliarden-Dollar-Stromkabel stößt auf Hindernis. focus.de 27.07.2026.

[7] Mohammed Bashammakh: Marokkos grüner Strom und die W-Frage. magazin.zenith.me 03.08.2026.

[8] What is the Morocco – UK Power Project? xlinks.co.

[9] Jörg Kronauer: Algerien in der Offensive. jungewelt.de 29.07.2026.

[10] S. dazu „Das extraktivistische Erbe“.

[11] Peter Steiniger: Streit um Garantien bremst Stromkabel-Bau von Marokko nach Deutschland. berliner-zeitung.de 22.07.2026.

[12] Klaus Stratmann, Kathrin Witsch: Marokko unterstützt Wüstenstrom-Projekt Sila Atlantik. handelsblatt.com 20.08.2026.


Anmelden

ex.klusiv

Den Volltext zu diesem Informationsangebot finden Sie auf unseren ex.klusiv-Seiten - für unsere Förderer kostenlos.

Auf den ex.klusiv-Seiten von german-foreign-policy.com befinden sich unser Archiv und sämtliche Texte, die älter als 14 Tage sind. Das Archiv enthält rund 5.000 Artikel sowie Hintergrundberichte, Dokumente, Rezensionen und Interviews. Wir würden uns freuen, Ihnen diese Informationen zur Verfügung stellen zu können - für 7 Euro pro Monat. Das Abonnement ist jederzeit kündbar.

Möchten Sie dieses Angebot nutzen? Dann klicken Sie hier:
Persönliches Förder-Abonnement (ex.klusiv)

Umgehend teilen wir Ihnen ein persönliches Passwort mit, das Ihnen die Nutzung unserer ex.klusiven Seiten garantiert. Vergessen Sie bitte nicht, uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.

Die Redaktion

P.S. Sollten Sie ihre Recherchen auf www.german-foreign-policy.com für eine Organisation oder eine Institution nutzen wollen, finden Sie die entsprechenden Abonnement-Angebote hier:
Förder-Abonnement Institutionen/Organisationen (ex.klusiv)