„Zweierlei Kriegsabsicherung“

Israelische Rüstungsunternehmen errichten eine schnell wachsende Zahl an Fabriken in Deutschland. Das beschleunigt die deutsche Hochrüstung und sichert die israelische Waffenproduktion für den Kriegsfall ab.

BERLIN/TEL AVIV (Eigener Bericht) – Israelische Rüstungskonzerne drängen verstärkt nach Deutschland und wollen dort eine schnell wachsende Zahl an Waffenfabriken errichten. Während etwa Rafael im bisherigen VW-Werk in Osnabrück zukünftig Komponenten für Flugabwehrsysteme herstellen will, kündigt Elbit den Aufbau von „bis zu acht“ neuen Standorten in der Bundesrepublik an, an denen dann „weit über 1.000“ Personen beschäftigt werden sollen. Einerseits tragen die neuen Waffenfabriken zur rasanten Hochrüstung der Bundeswehr bei; andererseits ermöglichen sie es den israelischen Unternehmen, die Waffen, die die israelischen Streitkräfte benötigen, für den Fall einer weiteren Kriegseskalation in Nah- und Mittelost in sicherer Entfernung herstellen zu können. Dies bietet Rückendeckung etwa bei einem erneuten Angriffskrieg gegen Iran. Die neue Form deutsch-israelischer Rüstungskooperation kann an eine seit Mitte der 1950er Jahre gewachsene Zusammenarbeit zwischen den Waffenschmieden beider Länder anknüpfen. Der Bundesrepublik bietet sie nicht zuletzt Zugriff auf teils herausragende High-Tech-Fähigkeiten der starken und darüber hinaus kriegserfahrenen israelischen Militärindustrie.

Israels Rüstungsindustrie

Experten schätzten in den frühen 2020er Jahren die Zahl der Unternehmen in Israel, die ganz oder zumindest teilweise mit der Produktion von Rüstungsgütern befasst waren, auf 600 bis 700. Insgesamt hatten sie damals fast 100.000 Arbeitskräfte und damit knapp ein Viertel aller Beschäftigten in der israelischen Industrie in Lohn und Brot.[1] Die drei größten von ihnen sind der private Konzern Elbit mit einem Jahresumsatz von rund 8 Milliarden US-Dollar sowie die Staatskonzerne Israel Aerospace Industries (IAI) mit einem Umsatz von 7,4 und Rafael mit einem Umsatz von 6,8 Milliarden US-Dollar, Angaben jeweils für 2025. Zum Vergleich: Rheinmetall, Deutschlands größter Rüstungskonzern, kam 2025 auf einen Umsatz von beinahe 10 Milliarden Euro. Die israelische Rüstungsindustrie insgesamt ist, um attraktive Profite zu erzielen, trotz des stetigen kriegsbedingten Verschleißes der israelischen Streitkräfte in erheblichem Maß auf Exporte angewiesen, die in den vergangenen Jahren regelmäßig 75 Prozent ihres Umsatzes ausmachten; alles in allem stammten dabei rund 7,5 Prozent aller israelischen Ausfuhren aus der Rüstungsindustrie. Damit lag die israelische Branche Experten zufolge beim Achtfachen des globalen Durchschnitts.[2]

In Gaza getestet

Den Erfolg der israelischen Rüstungsindustrie und ihre Attraktivität für Waffenkunden in aller Welt führen Insider auf mehrere Faktoren zurück. Genannt werden regelmäßig etwa die Absicht, stets stärker und moderner gerüstet zu sein als die arabischen Staaten der Region, Iran und die Türkei. Zudem heißt es gewöhnlich, die enge Verflechtung von Rüstungsfirmen und israelischen Streitkräften trage zur Optimierung der israelischen Waffensysteme bei. Oft wird auf eine hochausgeprägte Kultur der Tech-Innovation verwiesen. Ein herausragendes Beispiel bildet die Unit 8200, eine Einheit, die dem Militärgeheimdienst untersteht und sich speziell mit elektronischer Aufklärung und mit Cyberoperationen aller Art befasst. Soldaten, die sie nach drei bis fünf Jahren Dienst verlassen, gelten als bestens qualifiziert; aus ihnen speist sich eine israelische Tech-Startup-Szene, die manche sogar mit dem Silicon Valley vergleichen.[3] Es kommt hinzu, dass israelische Waffensysteme in der Regel kriegsgetestet sind. So wurden Regierungsmitarbeitern aus mehreren Ländern, darunter Deutschland, Ende 2025 auf einer von Israels Verteidigungsministerium gesponserten Konferenz Videos vom Einschlag von Drohnen in ein Gebäude im Gazastreifen gezeigt. Ziel war, zum Kauf der Drohnen zu animieren.[4]

High-Tech-Waffen für die Bundeswehr

Bundesdeutsche Rüstungsunternehmen kooperieren schon seit Jahrzehnten mit israelischen Waffenschmieden. Zum gewöhnlichen bilateralen Waffenhandel, der bereits Mitte der 1950er Jahre Fahrt aufnahm (german-foreign-policy.com berichtete [5]), kommt spätestens seit den 1970er Jahren eine spezielle Zusammenarbeit bei High-Tech-Waffensystemen hinzu. Damals beauftragte die Bundesrepublik Israel mit der Entwicklung eines Radarstörsenders für den Kampfjet Tornado, der von der israelischen Luftwaffe 1982 im Libanonkrieg getestet wurde und sich als höchst erfolgreich erwies. „Die elektronische Kriegführung“, heißt es in einer Untersuchung über die deutsch-israelische Rüstungskooperation, sei „ein Sektor mit besonders engen Kontakten zwischen Deutschland und Israel“ geblieben.[6] Auch später hat die Bundeswehr immer wieder High-Tech-Waffen bei israelischen Unternehmen beschafft. So stammten die ersten großen Drohnen der Bundeswehr – die Heron 1, die in Afghanistan eingesetzt wurde – von IAI; die israelische Firma kooperierte bei Lieferung und Betrieb eng mit Rheinmetall. Auch das moderne Flugabwehrsystem Arrow 3, das die Bundesrepublik gegenwärtig erwirbt, kommt aus Israel; dort wird es von IAI gemeinsam mit dem US-Konzern Boeing hergestellt.

Deutsch-israelische Joint Ventures

Vor allem seit den 1990er Jahren haben deutsche und israelische Unternehmen auch bei der Herstellung von Rüstungsgütern direkt kooperiert. So gründeten Rheinmetall und Israel Military Industries – der Konzern wurde inzwischen von Elbit übernommen – im Jahr 1996 ein Gemeinschaftsunternehmen zur Entwicklung von Munition.[7] Andere Joint Ventures dienten vor allem dazu, israelische Waffensysteme in Europa zu vermarkten. EuroSpike beispielsweise, 1998 von Rheinmetall (40 Prozent), Diehl Defence (40 Prozent) und Rafael (20 Prozent) in Deutschland gegründet, ermöglichte den Verkauf von Rafael hergestellter Panzerabwehrwaffen in Europa. Radaranlagen des Modells EL/M-2084, die IAI produziert, werden von dem israelischen Konzern gemeinsam mit Rheinmetall Canada verkauft, etwa 2015 an die kanadischen, 2020 an die ungarischen Streitkräfte. Kamikazedrohnen des Typs Hero wiederum stellt Rheinmetall Italia gemeinsam mit dem israelischen Unternehmen UVision her. Ende 2025 erhielten beide Unternehmen den Auftrag, für einen NATO-Staat eine erhebliche Zahl an Hero-Drohnen zu fertigen – für einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag.[8]

Acht neue Elbit-Standorte

Aktuell gehen israelische Rüstungsunternehmen den nächsten Schritt und weiten – über den Export von Waffensystemen nach Deutschland und die gemeinsame Fertigung mit deutschen Waffenschmieden hinaus – auch die eigene Produktion in Deutschland aus. Hintergrund ist der rasant gestiegene Bedarf an Kriegsgerät nicht nur in Israel, sondern insbesondere auch in den Staaten Europas. Um sich trotz begrenzter Produktionskapazitäten im eigenen Land an seiner Deckung zu beteiligen, errichten israelische Rüstungsunternehmen nun auch Fabriken vor allem in der Bundesrepublik. Im bisherigen VW-Werk in Osnabrück etwa wird Rafael Komponenten und Systeme für die Flugabwehr herstellen; Volkswagen wird die Fabrik dazu an den Investor Aurelius Capital sowie das Bundesland Niedersachsen verkaufen.[9] Rafael ist vor allem für die Entwicklung und Produktion – gemeinsam mit IAI – des israelischen Flugabwehrsystems Iron Dome bekannt. Elbit wiederum will, dies bekräftigt der Vorsitzende von Elbit Deutschland, Marian Rachow, ein Ex-Airbus-Manager, in den nächsten Jahren „bis zu acht neue Standorte“ mit „weit über 1.000“ Angestellten in der Bundesrepublik aufbauen. Gegen einen davon in Sangerhausen westlich von Halle regt sich schon jetzt Protest.[10]

„Langfristiger Partner“

Auf die Frage, wieso israelische Rüstungsunternehmen zur Zeit Investitionen bevorzugt in der Bundesrepublik planen, ließ sich vor kurzem ein ehemaliger Finanzchef der israelischen Streitkräfte zitieren: „Deutschland ist der wichtigste Industriestandort in Europa und unterhält enge Beziehungen mit Israel. Das macht es zu einem Partner, mit dem wir langfristig planen können.“[11] Außerdem stelle die Bundesregierung gewaltige Summen für die Aufrüstung bereit. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Bastian Ernst, Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestags, vor seinem Einzug ins Parlament im Jahr 2025 erst bei Rheinmetall, dann bei Dynamit Nobel Defence tätig – die Firma befindet sich aktuell im Besitz von Rafael –, nennt den Bau von Fabriken israelischer Rüstungskonzerne in Deutschland eine „Absicherung … in zwei Richtungen“: „Für Israel ist es eine Sicherheit, einen Produktionsstandort zu haben, von dem sie beziehen können, wenn sie in einen Konflikt geraten.“[12] Die Bundeswehr ihrerseits sichere es ab, „wenn wir diese Technologie in Deutschland haben und sie ebenfalls nutzen können“. Es handelt sich demnach um eine enge Zusammenarbeit zum Nutzen der Kriegsfähigkeit beider Seiten.

 

[1], [2] Yoram Evron: Israel’s defence industry: adaptation and growth in a changing arms market. In: Defence Studies vol. 25/2. 2025. p. 301-321.

[3] Raf Sanchez: Exclusive: Inside access to Israel’s secretive cyber spy agency – which headhunts recruits at 16. telegraph.co.uk 17.06.2019.

[4] Anat Peled: Israel’s Latest Military Tech: Tested in Gaza, Wanted by the West. wsj.com 04.12.2025.

[5] S. dazu Im nationalen Interesse Deutschlands (II).

[6] Marcel Serr: Zur Geschichte der deutsch-israelischen Rüstungskooperation. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 6/2015. 2. Februar 2015. S. 23-29.

[7] Otfried Nassauer, Christopher Steinmetz: Rüstungskooperation zwischen Deutschland und Israel. Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS) Research Report 2003.1. Berlin, September 2003.

[8] Rheinmetall supplies NATO customer a significant number of HERO Loitering Munitions – order worth in the three-digit-million Euro range. rheinmetall.com 26.11.2025.

[9] Lazar Backovic, Roman Tyborski: Rüstung statt T-Roc – So rettet VW sein Werk in Osnabrück. handelsblatt.com 07.09.2026.

[10] Hunderte demonstrieren gegen mögliche Rüstungsansiedlung. mdr.de 30.08.2026.

[11], [12] Steffi Hentschke: Iron Dome, made in Osnabrück. zeit.de 08.09.2026.


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