Gemeinsam für den VW-Sparkurs

Volkswagen treibt den größten Konzernumbau seiner Geschichte voran und will 100.000 Arbeitsplätze weltweit streichen. Niedersachsens SPD-geführte Landesregierung und die IG Metall tragen den Sparkurs mit.

WOLFSBURG (Eigener Bericht) – Volkswagen treibt den größten Konzernumbau seiner Geschichte voran und kann dabei auf die Unterstützung der niedersächsischen Landesregierung und der IG Metall zählen. Der Aufsichtsrat des Konzerns hat sich Anfang September einstimmig auf die Fortsetzung des Sparkurses verständigt. Zuvor war öffentlich über einen Machtkampf zwischen den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, dem Land Niedersachsen und der Beschäftigtenseite spekuliert worden. Konzernchef Oliver Blume will die Modellpalette halbieren, die Produktionskapazitäten um rund eine Million Fahrzeuge reduzieren und weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze streichen. Ziel ist eine operative Umsatzrendite von neun Prozent; im ersten Halbjahr 2026 waren es lediglich 3,8 Prozent. Nun sollen bis 2030 rund 30,9 Milliarden Euro eingespart werden. Konzernintern wird bereits ein Szenario durchgerechnet, das Einsparungen von mehr als 40 Milliarden Euro erforderlich machen könnte. Offen ist zudem die Zukunft mehrerer deutscher Werke. Als mögliche Alternative zur Autoproduktion gewinnt die Rüstungsindustrie an Bedeutung. In Osnabrück soll künftig gemeinsam mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael produziert werden; die IG Metall begrüßt die Pläne.

Weniger Autos, höhere Rendite

Mit dem „Zukunftsplan 2030“ will Volkswagen-Vorstandschef Oliver Blume die größte Umstrukturierung der Unternehmensgeschichte vornehmen: Die Modellpalette soll halbiert, die Produktionskapazitäten um rund eine Million Fahrzeuge abgesenkt und weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Volkswagen prüft erstmals, ausschließlich für den chinesischen Markt produzierte Modelle nach Europa zu importieren und sie perspektivisch auch in Europa produzieren zu lassen. Gleichzeitig setzen andere europäische Hersteller auf eine stärkere Kooperation mit chinesischen Unternehmen.[1] VW verfolgt mit dem Rotstift ein ambitioniertes Ziel: Bis 2030 will der Konzern weltweit etwa neun Millionen Fahrzeuge absetzen und eine operative Umsatzrendite von neun Prozent erwirtschaften – das heißt: für 100 Euro Umsatz neun Euro operativen Gewinn. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 lag die Umsatzrendite bei 3,8 Prozent.[2]

Eskalation nach Drehbuch

Ende August fanden im Volkswagen-Konzern an vielen großen Standorten Betriebsversammlungen statt. Oliver Blume begab sich auf eine Rundreise zu mehreren Standorten – passenderweise im konzerneigenen Privatjet. Am Rollfeld in Emden protestierten Gewerkschafter gegen die Sparpläne.[3] Anfang September beriet sich der Volkswagen-Aufsichtsrat. Im Vorhinein wurde medial heftiger Streit inszeniert. Drei verschiedene Beschlussvorlagen sollen auf dem Tisch gelegen haben – normalerweise trifft der Aufsichtsrat Entscheidungen im Konsens. Zu diesem Zeitpunkt wurde spekuliert, der Streit könne zu einer außerordentlichen Hauptversammlung führen. Insidern zufolge drohten die Aktionärsfamilien Porsche und Piëch, die schon lange auf harte Einsparungen drängen, mit einem solchen Szenario. Verhandelt wurde auch eine Neustrukturierung des Konzerns, um den Einfluss Niedersachsens, das 20 Prozent der Stimmanteile im Volkswagen-Konzern hält, zurückdrängen zu können – besonders den Einfluss auf die VW-Stammmarke. Diese sowie die Konzernmarken Audi oder Škoda könnten von der Wolfsburger Holding separiert und als eigenständige Tochtergesellschaften geführt werden, hieß es. Einen ähnlichen Schritt erwog der Konzern auch für seine Komponentensparte.[4] Die Androhung einer außerordentlichen Hauptversammlung wurde als Manöver gewertet, um die im VW-Gesetz festgelegte Vetoposition des Landes Niedersachsen mit seinen 20 Prozent in Teilen auszuhebeln.[5]

Schulterschluss für den Sparkurs

In Wolfsburg kam dann am 3. September zunächst das Präsidium des Volkswagen-Aufsichtsrats mit Kontrolleuren wie Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und Betriebsratschefin Daniela Cavallo zusammen. Am selben Tag wurde das komplette Kontrollgremium mit 20 Vertretern der Arbeits- und Kapitalseite kurzfristig zusammengerufen – Insider sprachen von einem vorgezogenen Treffen. Kurz darauf berichteten Medien, in Wolfsburg habe man sich „einstimmig“ geeinigt. Von den Vertretern der Beschäftigten hieß es, die IG Metall und das Land Niedersachsen hätten „eine gefährliche Eskalation des Konflikts verhindert und den Weg für tragfähige Lösungen geebnet“. Olaf Lies, Niedersachsens Ministerpräsident, bezeichnete den Beschluss als „zukunftsfähiges Konzept“.[6] Oliver Blume sprach von einem „starken Signal für die Zukunft“. Wie es mit den deutschen Standorten Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm weitergehen wird, bleibt offen. VW ließ mitteilen, aktuell könne „keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 gewährleistet werden“. Deshalb würden „parallel und ergänzend alternative Verwendungsmöglichkeiten“ geprüft.[7]

Neue Verwendung: Rüstung

Was der Konzern unter „alternativen Verwendungsmöglichkeiten“ versteht, kann die Belegschaft in Osnabrück bereits seit einiger Zeit verfolgen. Seit Monaten, berichten Beschäftigte, seien auf dem Werksgelände Männer in Militärkleidung unterwegs. Bei einem Werksbesuch sprach Olaf Lies (SPD) davon, die Fabrik könne mit Arbeit im „Defence-Bereich“ dazu beitragen, Deutschland und Europa „verteidigungsfähig“ zu machen.[8] Das Land Niedersachsen und der Investor Aurelius wollen den Standort übernehmen, um eine Basis dafür zu schaffen, künftig mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Komponenten für Flugabwehrsysteme zu bauen. Mit diesem Schritt zeigte sich auch die IG Metall zufrieden und sprach von einem „wichtigen Meilenstein“ für den Standort: „Darauf hat die Belegschaft vor Ort in den vergangenen zwei Jahren mit Hochdruck hingearbeitet.“[9]

Die nächste Sparrunde droht

Um Blumes Neun-Prozent-Ziel bis 2030 bei neun Millionen abgesetzten Fahrzeugen zu erreichen, will der VW-Konzern 30,9 Milliarden Euro einsparen. Ende August waren erst 15,4 Milliarden Euro, also knapp die Hälfte davon, mit Maßnahmen hinterlegt. Auch bei den geplanten Kürzungen von Investitionen und Entwicklungskosten waren erst 57 Prozent gedeckt.[10] Im Konzern wächst die Sorge, der neue Sparplan reiche nicht aus. Derzeit rechnen Konzernchef Blume und Finanzchef Arno Antlitz ein Worst-Case-Szenario durch, in dem der Sparbedarf noch einmal deutlich erhöht würde. Sollte VW bis 2030 nur noch rund acht Millionen Fahrzeuge jährlich verkaufen, müssten angeblich sogar mehr als 40 Milliarden Euro eingespart werden, um die Zielmarge von neun Prozent zu erreichen. Für den bisher geplanten Stellenabbau kalkuliert Volkswagen mit Kosten von bis zu zehn Milliarden Euro. Sollten zusätzlich die vier Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm die Autoproduktion einstellen, könnten weitere sechs Milliarden Euro hinzukommen. Insgesamt könnte der VW-Konzern also 16 Milliarden Euro für den harten Sparkurs investieren.[11]

Kämpferische Töne

Kurz vor Beginn der anstehenden Tarifverhandlungen im Oktober gibt sich die IG Metall kämpferisch. Für den heutigen Montag ruft die Gewerkschaft bundesweit Beschäftigte der Automobilindustrie zu Protestaktionen auf. Kurz vor den Tarifverhandlungen sprach sich Mercedes-Chef Ola Källenius für eine 40-Stunden-Woche aus, wobei die Beschäftigten weiterhin für 35 Stunden bezahlt werden sollen – was einer Lohnkürzung von 14 Prozent gleichkäme. Die ersten Verhandlungen beginnen am 7. Oktober. Die aktuellen Tarifverträge laufen am 31. Oktober aus.[12] Unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“ will die IG Metall einen Aktionstag an über 200 Orten organisieren und mehr als 100.000 Menschen auf die Straße bringen. Mehrere Spitzengewerkschafter schlagen vor, gut verdienende Betriebe sollten ab einer gewissen Gewinnschwelle automatisch einen Gehaltsaufschlag zahlen. Das kaschiert, dass die IG Metall-Spitze für die gesamte Industrie eher eine moderate Lohnerhöhung vereinbaren will [13] – ganz im Sinne der Sparappelle der Konzernführungen.

 

[1] S. dazu Zeitenwende in der deutschen Autoindustrie.

[2] Kilian Harmening: Diese Werke, Jobs und Beteiligungen stehen auf der Kippe. handelsblatt.com 11.09.2026.

[3] Christian Müßgens: Wie Blume mit dem VW-Flieger von Werk zu Werk eilt. faz.net 26.08.2026.

[4] Christian Müßgens: Volkswagen droht ein Machtkampf, wie es ihn noch nie im Konzern gab. faz.net 29.08.2026.

[5] Christian Müßgens: Eskaliert der Machtkampf um Volkswagen? faz.net 31.08.2026.

[6] Christian Müßgens: VW einigt sich auf Stellenabbau, Aktie setzt sich an Dax-Spitze. faz.net 04.09.2026.

[7] Simon Hüsgen: Auf dieses Sparpaket hat sich der VW-Aufsichtsrat geeinigt. faz.net 04.09.2026.

[8] Christian Müßgens: Volkswagen macht sich bereit für die Rüstung. faz.net 01.09.2026.

[9] Christian Müßgens: Volkswagen verkauft Werk in Osnabrück – und plant weiteren Rüstungsdeal. faz.net 07.09.2026.

[10] Lazar Backovic: VW-Sanierung könnte 16 Milliarden Euro kosten. handelsblatt.com 10.09.2026.

[11] Lazar Backovic, Roman Tyborski: Noch mehr Spardruck für VW – Worst-Case-Szenario des Konzerns. handelsblatt.com 11.09.2026.

[12] Veronika Kanzler: Diese Werke in Baden-Württemberg beteiligen sich am IG-Metall-Aktionstag. stuttgarter-nachrichten.de 15.09.2026.

[13] Alexander Hagelüken: Mehr Innovation, weniger Modelle. Süddeutsche Zeitung 15.09.2026.


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