Die Wahl der Chancenlosen

Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt folgt einem europaweiten Trend: Die Bevölkerung verarmter, perspektivloser Regionen wendet sich bei Abwesenheit einer glaubwürdigen linken Chance der extremen Rechten zu.

MAGDEBURG/BUKAREST/MANCHESTER/GRAZ (Eigener Bericht) – Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine Partei der extremen Rechten bei einer Landtagswahl über 40 Prozent aller Stimmen erzielt und die Mehrheit für eine Alleinregierung nur knapp verpasst. Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt am gestrigen Sonntag kam die Alternative für Deutschland (AfD) mit 43,8 Prozent der Stimmen mit großem Abstand auf Platz eins; mit 39 von insgesamt 83 Parlamentssitzen fehlen ihr lediglich drei Sitze zur absoluten Mehrheit. Das Resultat spiegelt einen Trend wider, der sich auch in anderen Staaten Europas erkennen lässt: Die Bevölkerung deindustrialisierter, verarmter und strukturell abgehängter Regionen ohne jegliche Zukunftsperspektive wendet sich gegen die herrschenden Eliten und orientiert sich dort, wo es keine starke, für benachteiligte Milieus glaubwürdige linke Alternative gibt, nach rechts. Beispiele bieten etwa Rumänien, wo die extreme Rechte in den Armutsregionen jenseits der Hauptstadt Bukarest dominiert, oder Großbritannien, wo sie diverse verelendete Arbeiterviertel übernommen hat. Sachsen-Anhalt folgt jetzt. Ein Gegenbeispiel findet sich etwa in Österreichs zweitgrößter Stadt Graz.

„Insel des Reichtums“ vs Armutsregionen

Ein Beispiel dafür, dass die extreme Rechte immer öfter Erfolge in Europas abgehängten Armutsregionen erzielen kann, bietet Rumänien. Dort scheiterte bei der Präsidentenwahl im Mai vergangenen Jahres der extrem rechte Kandidat George Simion mit 46,4 Prozent nur knapp gegen den heutigen Präsidenten Nicușor Dan, einen Liberalen. Dan konnte vor allem in der Hauptstadt Bukarest punkten, deren Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung um die Hälfte über derjenigen der EU liegt; damit ist sie, wie der Politikwissenschaftler Vladimir Borțun vor einem knappen Jahr im Gespräch mit german-foreign-policy.com formulierte, „eine Insel des Reichtums“ in Rumänien, dem drittärmsten Land der EU, in dessen ländlichen Regionen krasse Armut und Perspektivlosigkeit grassieren. Die dortige Wut auf die gutsituierten Eliten in der Hauptstadt trieb die Wähler in der Parlamentswahl in Scharen der extremen Rechten zu. Borțun führt das auch darauf zurück, dass in Rumänien gegenwärtig keine glaubwürdige linke Partei existiert, die die materiellen Interessen der breiten verarmten Bevölkerungsteile in überzeugender Weise vertreten würde.[1] Simions Partei AUR (Alianța pentru Unirea Românilor, Allianz für die Vereinigung der Rumänen) sichert sich deren Stimmen mit einer gegen die Eliten gerichten Agitation, vertritt aber in Wirklichkeit Borțun zufolge die Interessen der mittelständisch geprägten nationalen Bourgeoisie.

„Das Gold des Landes“

Die Stärke der extremen Rechten in Rumänien verfestigt sich inzwischen. Simions Partei AUR rangiert in Umfragen seit der Präsidentenwahl vom Mai 2025 kontinuierlich mit rund 35 bis 38 Prozent der Stimmen auf dem ersten Platz. Aufschlussreich ist darüber hinaus die Wahlpräferenz der in Deutschland lebenden rumänischen Diaspora. Unter den mehr als 900.000 Rumänen, die in der Bundesrepublik ihren Wohnsitz haben, übt bloß eine kleine Minderheit besserbezahlte Berufe aus, darunter rund 4.700 Ärzte.[2] Die große Mehrheit muss sich mit einem schmalen Einkommen aus oft miserablen Jobs – in Schlachthöfen, bei der Ernte, auf dem Bau – zufriedengeben und daraus auch noch Geld für ihre Familien in Rumänien abzweigen, um deren drückende Armut ein wenig zu lindern. Statistiken des Informationsdiensts des Instituts der deutschen Wirtschaft (idw) bestätigen dies (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Die gegen die Eliten gerichtete Agitation der AUR zielt auch auf sie; das rumänische Wort „aur“ – mit dem Parteikürzel AUR identisch – heißt auf Deutsch „Gold“. Das soll der rumänischen Diaspora laut Borțun nahelegen: „Ihr seid das Gold des Landes“ – ein Appell an die Unterprivilegierten, der aber keinerlei Folgen für die Verteilung des Wohlstands im Land hat.[4] Bei der Präsidentenwahl im Mai 2025 erreichte die AUR unter den weithin verarmten in Deutschland lebenden Rumänen 67 Prozent.

Verelendete Arbeiterviertel

Ein weiteres Beispiel bietet Großbritannien. Dort konnte die extrem rechte Partei Reform UK am 7. Mai bei den Kommunalwahlen in Teilen des Landes 28,7 Prozent der insgesamt 5.066 zur Wahl stehenden Sitze gewinnen und wurde mit großem Abstand zur stärksten Partei. Dies war möglich, weil Reform UK nicht nur in konservativen ländlichen Regionen beispiellose Erfolge erzielte, sondern auch in verarmten, wirtschaftlich abgehängten alten Arbeitervierteln Nordenglands, deren Bewohner überdurchschnittlich unter dem Abriss der Sozialsysteme leiden und ihre Interessen von den Herrschenden überhaupt nicht mehr vertreten sehen. Noch bei der Parlamentswahl im Jahr 2017 hatte Labour unter dem damaligen Parteichef Jeremy Corbyn die alten nordenglischen Arbeitergebiete auf der Grundlage eines linken Programms weithin gewinnen können. Mit Corbyns Schwächung und der anschließenden Übernahme der Kontrolle durch das rechte Parteiestablishment um Keir Starmer gingen die Arbeitergebiete Schritt um Schritt verloren. Bei der Kommunalwahl konnte Reform UK nun unter anderem im früher industriellen nordenglischen Sunderland 58 von 75 Sitzen im Kommunalparlament erlangen, während Labour von 54 auf fünf Sitze abstürzte. Gleichartige Ergebnisse waren in diversen weiteren ehemaligen Industriegebieten wie etwa South Tyneside oder Salford zu beobachten.

Hohe Armut, niedrige Lebenserwartung

In dieses Muster reiht sich nun auch das Bundesland Sachsen-Anhalt ein, das bereits in den 1990er Jahren im Verlauf der Übernahme der DDR durch die BRD weithin deindustrialisiert wurde; konkurrenzfähige DDR-Betriebe wurden von westlichen Unternehmen übernommen oder aus dem Markt gedrängt, nicht konkurrenzfähige Betriebe gingen bankrott. Bis heute werden führende Posten in Politik, Wirtschaft und Kultur Ostdeutschlands oft von Personal aus Westdeutschland gehalten. Sachsen-Anhalt verzeichnet laut Statistik des Paritätischen Gesamtverbandes die zweithöchste Armutsquote aller Bundesländer nach Bremen. Laut Angaben des sachsen-anhaltinischen Sozialministeriums sind 21,3 Prozent der Einwohner von Armut und sozialer Ausgrenzung gefährdet – bundesweit der dritthöchste Wert.[5] Das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen lag dort 2025 bei 51.937 Euro – weniger als in allen anderen Bundesländern; der bundesweite Mittelwert lag bei 64.441 Euro. Mit gut 8,2 Prozent ist die Arbeitslosenquote im nationalen Vergleich hoch.[6] Weil jüngere, vor allem gut ausgebildete Menschen mit guten Berufschancen andernorts im großen Stil abwandern, hat Sachsen-Anhalt mit 48,3 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt in der Bundesrepublik. Zugleich verzeichnet es die niedrigste Lebenserwartung – mit 82,6 Jahren für Frauen und 76,4 Jahren für Männer.[7]

Ausgrenzung statt Umverteilung

Die AfD erhielt bei der Landtagswahl am Sonntag in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent und wurde damit zur mit Abstand stärksten Kraft vor der CDU mit 17,2 Prozent. Besonders erfolgreich war die Partei bei finanziell schlecht gestellten Personen, von denen 65 Prozent für sie votierten.[8] 57 Prozent erhielt die AfD bei Menschen mit niedrigem Bildungsgrad, die unter den gegebenen ökonomisch-sozialen Bedingungen besonders schlechte Zukunftschancen haben. Zudem gaben rund 59 Prozent aller Arbeiter ihre Stimme der AfD. Zugleich wählten 52 Prozent aller Selbständigen die AfD, die ihre Ursprünge insbesondere auch im Mittelstand hat (german-foreign-policy.com berichtete [9]) und bis heute vor allem die Interessen kleiner und kleinerer mittlerer Unternehmen vertritt. Nicht zuletzt erhielt die AfD die Stimmen von 50 Prozent aller Männer, aber lediglich 39 Prozent bei den Frauen – ein Hinweis darauf, dass Männer in männerdominierten Gesellschaften in der Krise stärker dazu neigen, die Lösung ihrer Probleme unter Rückgriff auf Ausgrenzung von Minderheiten und auf Gewalt zu suchen.

Umverteilung statt Ausgrenzung

Ein Gegenbeispiel gegen den sich immer stärker durchsetzenden Rechtstrend bietet Graz, Österreichs zweitgrößte Stadt. Dort konnte die extrem rechte FPÖ bei der Landtagswahl in der Steiermark am 24. November 2024 21,1 Prozent der Stimmen erzielen; sie wurde damit zweitstärkste Kraft. Auf kommunalpolitischer Ebene hingegen ist in den vergangenen Jahrzehnten die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) in Graz erstarkt; sie vertritt dort konsequent die Interessen Unterprivilegierter insbesondere in sozialen Belangen und ist zur glaubwürdigen Alternative zu den Parteien der herrschenden Eliten geworden. Bei der jüngsten Gemeinderatswahl am 28. Juni 2026 konnte sie bereits zum zweiten Mal in Folge die meisten Stimmen gewinnen; unter Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) steigerte sie ihren Stimmenanteil von 28,8 auf 35,7 Prozent.. Die FPÖ dagegen erzielte nur 12,0 Prozent und blieb damit erheblich unter ihrem Potenzial, das sie in der Landtagswahl 2024 noch hatte ausschöpfen können. Ihr Stimmanteil hatte sich fast halbiert.

 

[1] S. dazu Rumäniens extreme Rechte und Unter deutscher Dominanz.

[2], [3] S. dazu Rumäniens „Bekenntnis zu Europa“.

[4] S. dazu Rumäniens extreme Rechte und Unter deutscher Dominanz.

[5] Sachsen-Anhalter besonders stark von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. mdr.de 25.03.2026.

[6] Maximilian Kettenbach: Gehalt, Lebenserwartung, Schulabbrecher – die desaströsen Zahlen aus Sachsen-Anhalt. fr.de 06.09.2026.

[7] Altersstruktur der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt. demografie-portal.de.

[8] Wer wählte wen in Sachsen-Anhalt? tagesschau.de 06.09.2026.

[9] S. dazu Brüche im Establishment (II) und Brüche im Establishment (III).


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