Produktionsausfälle und Erdgasmangel

Die neuen US-Sanktionen gegen Iran verlängern die Sperrung der Straße von Hormuz und drohen damit in Deutschland zu weiterer Teuerung, Produktionsausfällen und Erdgasmangel im Winter zu führen.

TEHERAN/BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Die jüngste Verschärfung des US-Wirtschaftskriegs gegen Iran erhöht die Risiken einer weiteren Teuerung wie auch größerer Produktionsausfälle in der deutschen Industrie und die Gefahr von Erdgasmangel im Winter. US-Finanzminister Scott Bessent hat am Montag angekündigt, die Trump-Administration wolle Iran ökonomisch vollständig isolieren und in den wirtschaftlichen Zusammenbruch treiben. Teheran hat erklärt, es werde sich dagegen entschlossen zur Wehr setzen. Damit gerät eine erneute Öffnung der Straße von Hormuz für den Handel außer Sicht. Deutsche Unternehmen sind von zahlreichen Vorprodukten abhängig, die in anderen Ländern unter Nutzung kostengünstiger Rohstoffe aus den Golfstaaten hergestellt werden. Diese Vorprodukte müssen nun wegen der Sperrung der Straße von Hormuz unter Einsatz teurerer Ressourcen gefertigt werden, was die Preise für deutsche Unternehmen in die Höhe treibt. Zugleich sind deren Lagerbestände sehr oft gering; können Vorprodukte aufgrund der Sperrung der Straße von Hormuz gar nicht mehr geliefert werden, drohen vielen deutschen Firmen nach höchstens drei Wochen Produktionsstillstände. Aufgrund der hohen Erdgaspreise sind die Gasspeicher auf historisch niedrigem Füllniveau.

Teurere Vorprodukte (I)

Von gestiegenen Risiken und höheren Preisen bei der Beschaffung von Vorprodukten durch deutsche Unternehmen ist bereits seit Beginn des Irankriegs immer wieder zu hören. Ein Beispiel bieten Aluminiumprofile für Solaranlagen, die europäische Unternehmen laut einer Analyse der Einkaufsberatung Inverto aus der Türkei beziehen. Die dortigen Hersteller erwerben ihr Rohaluminium zum Teil in den Staaten am Persischen Golf. Als die Einfuhren von dort seit März wegen der faktischen Sperrung der Straße von Hormuz ausblieben, mussten sie auf andere Lieferanten mit höheren Preisen ausweichen. Die höheren Preise gaben sie dann an die Kunden in Europa weiter. Diese müssen seither laut Inverto zwischen zehn und 20 Prozent mehr als zuvor für das Rohaluminium bezahlen.[1] Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle. Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Civey zufolge, die im Auftrag des Handelsblatts unter 750 deutschen Unternehmern durchgeführt wurde, haben sich für 52 Prozent von ihnen die Preise für wichtige Rohstoffe bzw. Vorprodukte wie zum Beispiel Metalle oder Halbleiter spürbar erhöht.[2] Gut die Hälfte von ihnen sah sich daraufhin veranlasst, die höheren Preise ihrerseits an ihre Kunden weiterzugeben.

Teurere Vorprodukte (II)

Ein weiteres Beispiel, das für die deutsche Wirtschaft allerdings nicht durchweg nachteilig ist, bietet die Chemiebranche. Chinesische Unternehmen können allerlei Chemikalien sowie Kunststoffe bereits seit einigen Jahren in Deutschland billiger anbieten als deutsche Traditionskonzerne – unter anderem aufgrund von Skaleneffekten, die in China wegen des riesigen Inlandsmarktes möglich sind, aber auch aufgrund der in Deutschland wegen der politisch gewollten Abkopplung von Russland erheblich gestiegenen Erdgaspreise (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Im vergangenen Jahr nahmen die deutschen Importe von Chemikalien und Pharmawirkstoffen aus China weiter zu und lagen zeitweise um rund ein Drittel über dem Vorjahresmonat.[4] Seit März gehen sie nun wieder zurück – weil die chinesische Industrie viel stärker von Rohstoffen aus der Golfregion abhängig ist als die deutsche und entsprechend mit Problemen zu kämpfen hat. Das hat zur Folge, dass deutsche Unternehmen, die diese Vorprodukte benötigen, nun nicht mehr die kostengünstigen chinesischen Produkte erhalten, sondern auf die teurere Ware deutscher Chemiekonzerne zurückgreifen müssen.[5] Ihre Kosten steigen dadurch ganz erheblich.

Nur temporäre Erleichterungen

Konzerne wie BASF, Lanxess oder Evonik freilich, deren Absatz unter der chinesischen Konkurrenz gelitten hatte, können ihre Produkte nun wieder in Deutschland verkaufen, und das zu bis zu 30 Prozent höheren Preisen.[6] Während ihre Abnehmer Einbußen hinnehmen müssen, verzeichneten sie im zweiten Quartal 2026 einen satten Umsatzanstieg von 7 (Lanxess), 11 (Evonik) bzw. 16 (BASF) Prozent. Allerdings werden die Zugewinne weithin als „temporäre Effekte“ eingestuft, die nach der branchenspezifischen „Sonderkonjunktur“ aufgrund des Irankriegs wieder verschwinden werden. Evonik-Chef Christian Kullmann urteilt: „An den fundamentalen Problemen unserer Branche ändert das … nichts.“

Maximal drei Wochen

Manchen Unternehmen droht aufgrund der Sperrung der Straße von Hormus laut Berichten des Handelsblatts sogar ein kompletter Lieferausfall. Hatte im Januar der Anteil der Firmen, die – aus welchen Gründen auch immer – über ernste Probleme bei der Beschaffung ihrer Vorprodukte klagten, bei recht durchschnittlichen 5,8 Prozent gelegen, so war der Anteil im April auf 13,8 Prozent in die Höhe geschnellt; im Mai erreichte er 15,9 Prozent.[7] Im Juli ging er – getrieben durch die Hoffnung, der Irankrieg und damit auch die faktische Sperrung der Straße von Hormuz könnten ihrem Ende entgegengehen – wieder auf 13,8 Prozent zurück. Nach der jüngsten Eskalation des US-Wirtschaftskriegs gegen Iran durch die Trump-Administration schwindet diese Hoffnung wieder. Es kommt hinzu, dass die Lagerbestände deutscher Unternehmen in vielen Fällen unzureichend sind, um eine längere ernste Krise zu überstehen. Laut der erwähnten Civey-Umfrage haben lediglich 22 Prozent der befragten Unternehmen seit Beginn des Irankriegs mehr Vorprodukte und Rohstoffe eingelagert, um Ausfälle länger überbrücken zu können.[8] Eine Umfrage der Lieferkettenberatung Proxima zeigt zudem, dass 56 Prozent der deutschen Großkonzerne Störungen ihrer Lieferkette maximal für drei Wochen überstehen können; dann wäre für sie Schluss mit der Produktion.

Erdgasmangel im Winter

Ausfälle drohen außerdem einmal mehr beim Erdgas. Die deutschen Gasspeicher waren schon im Februar mit einem Füllstand von lediglich 20,5 Prozent ungewöhnlich leer. Da seit dem US-amerikanisch-israelischen Überfall auf Iran am 28. Februar der Erdgaspreis in die Höhe geschnellt ist – aktuell pendelt der für Europa relevante Terminkontrakt TTF zwischen 65 und 69 Euro pro Megawattstunde; im Februar lag er bei 30 Euro –, füllten die Betreiber die Speicher viel langsamer auf als üblich: Sie spekulierten auf niedrigere Preise nach einem erhofften Kriegsende im Herbst. Das tritt nun offenbar nicht ein. Aktuell sind die Speicher gerade einmal zu 50 Prozent gefüllt; das ist der niedrigste Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2009. Der gesetzlich vorgeschriebene Füllstand von 80 Prozent am 1. November gilt in Branchenkreisen als „praktisch unerreichbar“.[9] Bei der aktuellen Einspeicherungsrate würden die Speicher an diesem Stichtag sogar unter 70 Prozent bleiben, warnt der deutsche Verband der Gasfernleitungsnetzbetreiber. Abgesehen von den offenkundigen Risiken für die privaten Verbraucher warnt mittlerweile der Maschinenbauverband VDMA, man befürchte „Versorgungsengpässe im kommenden Winter“: „Physischer Gasmangel oder explodierende Preise wären eine signifikante Gefahr für die Industrie“.[10]

Zwei Nadelöhre gleichzeitig

Dabei könnte sich die Gesamtlage sogar noch weiter zuspitzen. So weist eine Expertin der Einkaufsberatung Proxima darauf hin, dass neben der Straße von Hormuz auch die Meerenge Bab al Mandab („Tor der Tränen“) bei Djibouti wegen Angriffen der jemenitischen Huthi nicht mehr umstandslos durchfahren werden kann. In der Straße von Hormuz gebe es eine „Energiegefahr“, erklärt die Expertin unter Verweis auf blockierte Öl- und Gastransporte. Am Bab al Mandab wiederum müsse man eine „Containergefahr“ konstatieren; dort würden unter anderem Konsumgüter, Elektronik und Maschinenteile hindurchtransportiert.[11] „Das Neue ist“, erläutert die Expertin von Proxima, „dass beide Nadelöhre gleichzeitig von Störungen betroffen sind und sich diese Störungen erstmals gegenseitig verstärken.“

 

[1] Judith Henke: Industrie fürchtet Engpässe – aber hält an Billigstrategie fest. handelsblatt.com 06.08.2026.

[2] Florian Kolf, Bert Fröndhoff, Katrin Terpitz, Anna Westkämper: Eskalation im Iran? Deutsche Firmen wären schlecht vorbereitet. handelsblatt.com 23.08.2026.

[3] S. dazu Das Ende des deutschen Exportmodells.

[4] Bert Fröndhoff: Sinkende China-Importe stärken BASF, Lanxess und Evonik. handelsblatt.com 07.08.2026.

[5], [6] Florian Kolf, Bert Fröndhoff, Katrin Terpitz, Anna Westkämper: Eskalation im Iran? Deutsche Firmen wären schlecht vorbereitet. handelsblatt.com 23.08.2026.

[7] Jeder sechste Industriebetrieb beklagt Lieferengpässe. handelsblatt.com 02.06.2026.

[8] Florian Kolf, Bert Fröndhoff, Katrin Terpitz, Anna Westkämper: Eskalation im Iran? Deutsche Firmen wären schlecht vorbereitet. handelsblatt.com 23.08.2026.

[9] Speicherziel „praktisch unerreichbar“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.08.2026.

[10] Warnung vor Gasmangel. Frankfurter Allgemeine Zeitung 25.08.2026.

[11] Florian Kolf, Bert Fröndhoff, Katrin Terpitz, Anna Westkämper: Eskalation im Iran? Deutsche Firmen wären schlecht vorbereitet. handelsblatt.com 23.08.2026.


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