Rezension: Innere Zeitenwende

Ingar Solty analysiert die weitreichenden gesellschaftlichen Folgen der gewaltigen Welle der Militarisierung, die die Bundesregierung seit gut vier Jahren über Deutschland rollen lässt.

Die „Zeitenwende“, die der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022 ausrief, gab in Deutschland den Anstoß zu einer gewaltigen Welle der Militarisierung. Diese hatte zunächst vor allem materielle Dimensionen: Gewaltige Summen wurden für den Kauf von Rüstungsgütern freigesetzt; die ersten Sonderschulden („Sondervermögen“) stellten 100 Milliarden Euro für die Beschaffung von Kampfpanzern, Kampfjets und Kriegsschiffen bereit. Der Betrag, der damals vielen noch unvorstellbar erschien, verblasst längst hinter den regulären Rüstungsetats, die bis 2030 auf 180 Milliarden Euro steigen sollen – pro Jahr. Unter dem erdrückenden Eindruck der krassen Hochrüstung und der geplanten Vergrößerung der Bundeswehr auf – inklusive Reservisten – das Zweieinhalbfache ihrer heutigen Stärke rückt ein mindestens ebenso schwer wiegender Aspekt immer wieder in den Hintergrund: die simple Tatsache, dass die gewaltige Welle der Militarisierung überaus weit reichende Folgen gesellschaftlicher Art hat. Was sie mit der deutschen Gesellschaft, mit dem Lebensalltag, mit den Menschen macht, die ihr – scheinbar – machtlos ausgesetzt sind, das schildert der Publizist Ingar Solty in seinem Buch „Innere Zeitenwende“.

Die „innere Zeitenwende“ – das sind, so beschreibt es Solty, der als Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Zentrum für Gesellschaftsanalyse und politische Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin tätig ist, „grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft und in ihrem Selbstbild, in der Wirtschaft, im Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Es sind Veränderungen, die „in alle Kapillaren des gesellschaftlichen Lebens hineinreichen“ – vom Bildungssektor über das Gesundheitswesen bis in die weite Kultursphäre und in den öffentlichen Diskurs. Solty schildert sie ausführlich: von der Verschiebung der ökonomischen Gewichte hin zur Rüstungsindustrie bis zur damit verbundenen Herausbildung eines neuen militärisch-industriellen Komplexes; von Soldatenbesuchen in Schulen, um Kinder zu einem „unverkrampften Verhältnis zur Bundeswehr“ zu leiten, wie Ex-Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger es formulierte, bis zur Einbindung von Zivilisten in Kriegsübungen, wie sie der geheim gehaltene Operationsplan Deutschland vorsieht; und vieles mehr. Das droht, so warnt Solty, zu einem „radikalen Mentalitätswandel“ zu führen, mit recht dramatischen Folgen.

Mentalitätswechsel? Solty liefert Beispiele. Solle Deutschland „kriegsfähig“ werden, dann reichten Geld und Waffen nicht aus, schrieb in der als liberal geltenden Wochenzeitung Die Zeit im März 2025 Jens Jessen, einst Feuilletonchef des Blattes. Erforderlich sei auch „die Wertschätzung der Soldaten“, ja noch mehr: „Anerkennung und Sympathie – vielleicht sogar Bewunderung“. Für Soldaten, die sich für die „Gemeinschaft“, in der sie lebten, „opfert[en]“, habe es einst „den Begriff des Helden“ gegeben. Um Einwände seines liberalen Publikums auszuhebeln, räumte Jessen ein, der Begriff „Held“ sei „in den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts … gründlich ruiniert“ worden. Dennoch müsse man ihm jetzt vielleicht „die historische Propagandamaske doch einmal herunterziehen“: Könne „ein Held … nicht auch unser Leben und unsere Freiheit verteidigen? So übertrieben wäre die Forderung nach Bewunderung“ für Soldaten „nicht“. Solty hält trocken fest: „Das postheroische Zeitalter soll enden“, es soll „die Verpflichtung der Bevölkerung zur Heldenverehrung an Veteranentagen und dergleichen zurückkehren“. Da findet in der Tat eine Umwertung der Werte statt.

Dass sie auf fruchtbaren Boden fallen kann, das hat auch mit aktuellen Erschütterungen im Bewusstsein wachsender Teile der Bevölkerung zu tun. In Europa und in Nordamerika, hält Solty fest, habe man seit einem halben Jahrtausend in der Überzeugung gelebt, man sei den Kolonien – heute: den ehemaligen Kolonien – überlegen. Man besitze im transatlantischen Westen, so laute die überkommene Meinung, „von Computern über Maschinen bis zu Fahrzeugen“ klar die „beste Technologie“. „Unsere Infrastruktur, unser Gesundheitssystem, unser Bildungssystem“ seien „dem Rest der Welt überlegen“. In Wirklichkeit aber habe sich inzwischen, bedingt vor allem durch den Aufstieg Chinas, „das wirtschaftliche Zentrum der Welt verlagert“; der Westen gerate „ökonomisch ins Hintertreffen“. Im breiten Bewusstsein komme dies allerdings nur „langsam und schmerzhaft“ an. Solty analysiert: „Vielleicht ist unser Gefühl, dem Rest der Welt wenigstens moralisch überlegen zu sein, unsere letzte Zuflucht“. Allzu häufig aber gestaltet sich die Reaktion auf den globalen Einflussverlust der transatlantischen Staaten als Aggression: ein Versuch, den eigenen Abstieg mit sämtlichen Mitteln abzuwehren. Fruchtbaren Nährboden für die „innere Zeitenwende“ schafft das allemal.

„Am Ende“, schreibt Solty, verändert die Zeitenwende „die deutsche Gesellschaft bis tief in ihr Innerstes“; sie verändert „die Menschen selbst, ihr Denken und was sie fühlen“. Eins aber darf man nicht übersehen: Die „innere Zeitenwende“ bringt Widersprüche hervor, und die, konstatiert Solty, sind „riesig“. Die Hochrüstung spitzt, indem sie den Abriss des Sozialstaats mit sich bringt, die soziale Frage zu; sie verschärft auch die Klima- und mit dem wachsenden Autoritarismus des sich militarisierenden deutschen Staats die Demokratiefrage. Im Protest gegen die heraufdämmernde Wehrpflicht zeichnet sich, urteilt Solty, „ein neuer Elite-Masse-Bruch“ schon deutlich ab, und mit Blick auch auf die jüngsten Schulstreiks konstatiert Solty: „Der Widerstand wächst.“ Der Autor schließt mit einem Appell, dem man sich nach der Lektüre seines aufrüttelnden Buches anschließen sollte, und zwar am besten praktisch: „Eine Zeitenwende nach der Zeitenwende“ ist nicht nur „dringend nötig“; sie ist auch „möglich“.

 

Ingar Solty: Innere Zeitenwende. Die Militarisierung von Deutschlands Gesellschaft und Alltagskultur. VSA: Verlag Hamburg 2026. 120 Seiten. 12,00 Euro.


Anmelden

ex.klusiv

Den Volltext zu diesem Informationsangebot finden Sie auf unseren ex.klusiv-Seiten - für unsere Förderer kostenlos.

Auf den ex.klusiv-Seiten von german-foreign-policy.com befinden sich unser Archiv und sämtliche Texte, die älter als 14 Tage sind. Das Archiv enthält rund 5.000 Artikel sowie Hintergrundberichte, Dokumente, Rezensionen und Interviews. Wir würden uns freuen, Ihnen diese Informationen zur Verfügung stellen zu können - für 7 Euro pro Monat. Das Abonnement ist jederzeit kündbar.

Möchten Sie dieses Angebot nutzen? Dann klicken Sie hier:
Persönliches Förder-Abonnement (ex.klusiv)

Umgehend teilen wir Ihnen ein persönliches Passwort mit, das Ihnen die Nutzung unserer ex.klusiven Seiten garantiert. Vergessen Sie bitte nicht, uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.

Die Redaktion

P.S. Sollten Sie ihre Recherchen auf www.german-foreign-policy.com für eine Organisation oder eine Institution nutzen wollen, finden Sie die entsprechenden Abonnement-Angebote hier:
Förder-Abonnement Institutionen/Organisationen (ex.klusiv)