US-Flüssiggas für Ost- und Südosteuropa
Mit milliardenschweren Energie- und KI-Projekten bauen die USA ihren Einfluss in Ost- und Südosteuropa aus und stützen sich dabei vor allem auf die Drei-Meere-Initiative – mit Folgen für Deutschlands Einfluss in der Region.
ZAGREB/WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – Im Einflusskampf mit den USA in Ost- und Südosteuropa bringen die EU und die Staaten Westeuropas erneuerbare Energien gegen US-Flüssiggaslieferungen in Stellung. Auf dem diesjährigen Gipfeltreffen der Drei-Meere-Initiative (Three Seas Initiative, 3SI), einem Zusammenschluss von 13 EU-Staaten Ost- und Südosteuropas, das Ende April im kroatischen Dubrovnik stattfand, vereinbarten mehrere Regierungen der Region und Vertreter der Trump-Administration neue Projekte in den Bereichen Energieversorgung, Pipelines, Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Infrastruktur. Im Mittelpunkt standen dabei neue Erdgasverbindungen für Südosteuropa und ein KI-Großprojekt in Kroatien mit einem Investitionsvolumen von rund 50 Milliarden Euro. Die Initiative, die ursprünglich mit dem Ziel gegründet wurde, die Infrastruktur zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer auszubauen, entwickelt sich zunehmend zu einem Instrument US-amerikanischer Machtprojektion in Ost- und Südosteuropa. Eine Schlüsselrolle spielt die Energiepolitik: Die Trump-Administration will US-Flüssiggas liefern, während die EU tendenziell auf erneuerbare Energien setzt. In Dubrovnik wurden auch Investitionen in diese beschlossen.
Die Drei-Meere-Initiative
Die Drei-Meere-Initiative (3SI) wurde im Jahr 2015 vom polnischen Präsidenten Andrzej Duda und der kroatischen Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović vorgestellt. Im August 2016 folgte im kroatischen Dubrovnik das erste Gipfeltreffen. Die 3SI ist eine Plattform aus 13 EU-Staaten vom Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) über die Visegrád-Länder (Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei) und Österreich bis Kroatien, Rumänien, Bulgarien und Griechenland; angebunden sind mittlerweile auch Albanien, Montenegro, die Ukraine und Moldawien. Namensgebend ist die Verbindung dreier Meere – der Ostsee, der Adria und des Schwarzen Meeres – durch die Mitgliedstaaten. Maßgeblich vorangetrieben wurde die Gründung der Initiative von den USA. US-Strategen griffen dabei ein altes außenpolitisches Konzept aus dem Polen der Zwischenkriegszeit auf: die Pläne des Staatsgründers Józef Piłsudski, die osteuropäischen Länder vom Baltikum bis Jugoslawien bzw. Rumänien zu einem antisowjetischen (heute: antirussischen) Staatengürtel zusammenzuschließen. Die US-Denkfabrik Atlantic Council veröffentlichte Ende 2014 gemeinsam mit Central Europe Energy Partners (CEEP) – einer Lobbyorganisation polnischer, litauischer und rumänischer Energieunternehmen – eine Analyse, die sich mit dem Aufbau eines „Nord-Süd-Korridors … von der Ostsee zur Adria und zum Schwarzen Meer“ beschäftigte. In ihren Gründungsdokumenten verweist die Drei-Meere-Initiative selbst auf das US-Strategiepapier. Die USA nutzen die 3SI seit Jahren, um ihren Einfluss auf die zwölf Mitgliedsländer auszubauen. Zentral ist dabei die Energiepolitik mit dem Ziel, russische Erdgaslieferungen durch die Einfuhr von US-LNG zu ersetzen.[1]
Nord-Süd statt Ost-West
Um dies zu erreichen, aber auch in anderem Kontext zielt die Drei-Meere-Initiative darauf ab, die überwiegend in Ost-West-Richtung verlaufende Infrastruktur Ost- und Südosteuropas, die seit 1990 bevorzugt erneuert bzw. neu errichtet wurde und die auf das deutsche Zentrum der EU ausgerichtet ist, um Nord-Süd-Komponenten zu erweitern. Dies ermöglicht nicht nur den Bezug von US-Flüssiggas über Häfen am Mittelmeer und an der Ostsee, sondern erleichtert auch ganz allgemein eine eigenständigere Entwicklung der Region – unabhängiger von der Orientierung auch der Straßen- und Schienennetze auf Deutschland. Dies ist für Berlin mit einem erheblichen Einflussverlust verbunden. Durch den EU-Beschluss, bis 2027 aus dem Bezug russischen Gases auszusteigen, nimmt die Bedeutung der LNG-Terminals und der an sie anschließenden Nord-Süd-Pipelines weiter zu.[2] Dies gilt übrigens auch für die Bundesrepublik selbst: 2025 stammten nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums rund 96 Prozent des Flüssiggases, das über die deutschen LNG-Terminals an Nord- und Ostsee importiert wurde, aus den USA – 10,3 Prozent der gesamten deutschen Gasimporte.[3]
Streit um die Erdgaspolitik
Der deutsch-US-amerikanische Konkurrenzkampf um Einfluss in Osteuropa und die Rolle, die Energielieferungen darin spielen, zeigten sich zuletzt in Bosnien-Herzegowina und im Machtkampf um den – inzwischen zurückgetretenen – deutschen Hohen Repräsentanten in Sarajewo, Christian Schmidt. Hintergrund seines Rücktritts waren Machtkämpfe zwischen mehreren Staaten Westeuropas, insbesondere Deutschland, und der Trump-Administration, die auf Gas- und Rohstoffgeschäfte in Bosnien-Herzegowina aus ist. Nachdem es gelungen war, Schmidt zum Rücktritt zu zwingen, schlugen die USA im Wettstreit um die Führungsrolle in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik den italienischen Diplomaten Antonio Zanardi Landi als Kandidaten für Schmidts Nachfolge vor – ein Versuch, einen Keil zwischen die EU-Staaten zu treiben: Deutschland lehnt den von Washington vorgeschlagenen Kandidaten ab, Italien unterstützt ihn. Trump kündigte an, die Finanzmittel für Bosnien einzustellen, sollte Washington übergangen werden. Dies fügt sich in eine neue US-Strategie für Südosteuropa ein, die die Trump-Administration im Mai dem Kongress vorlegte. Im Fokus der Strategie stehen Sicherheit und Marktzugang für US-Konzerne, nicht mehr „Demokratie“.[4] Bislang wird Bosnien-Herzegowina über die TurkStream-Pipeline mit Erdgas aus Russland versorgt. Die USA wollen auch hier das russische Gas durch US-LNG ersetzen, das über ein Terminal auf der kroatischen Insel Krk importiert wird. Geplant ist eine neuen Pipeline nach Bosnien-Herzegowina, die von den US-Konzernen Bechtel und AAFS Infrastructure and Energy gebaut werden soll.[5] Schmidt stand den US-Plänen im Weg.
Jubiläumsgipfel in Dubrovnik
Ende April fanden in der kroatischen Stadt Dubrovnik das diesjährige 3SI-Gipfeltreffen zum zehnjährigen Jubiläum sowie ein Business Forum statt. Das Forum war mit sieben Präsidenten und Premierministern der 3SI-Mitgliedstaaten sowie mit zahlreichen Ministern hochrangig besetzt. Auch namhafte Vertreter der Trump-Administration waren anwesend. Auf dem Forum konnten die USA ihren Einfluss in Südosteuropa mit milliardenschweren Energie- und Technologieprojekten ausbauen. US-Energieminister Chris Wright sprach in Dubrovnik davon, dass „die USA eine neue Ära der Zusammenarbeit für Mittel- und Osteuropa entfesseln. Diese Partnerschaft wurzelt in unserer gegenseitigen Unterstützung einer Energieerweiterungsagenda“.[6] Um dies zu untermauern, unterzeichneten Wright, der kroatische Regierungschef Andrej Plenković und die Vorsitzende des bosnischen Ministerrats Borjana Krišto ein Memorandum zum Start eines „Trump Peace Pipelines Framework“. In der Vereinbarung geht es um die sogenannte Southern Interconnection, die Bosnien und Herzegowina mit dem kroatischen Gasnetz und dem LNG-Terminal auf der Insel Krk verbindet.[7] Auf dem Gipfeltreffen unterstrich der polnische Energieminister Miłosz Motyka zudem das regionale Interesse, die Rolle der Kernenergie zu stärken. Diese sei nach Motyka der „Grundstein für neue Sicherheit“.[8]
Vom Erdgas zur KI
Neben der Energieoffensive planen US-Investoren den Bau eines riesigen KI- und Rechenzentrums in Kroatien. Die Investmentgruppe Pantheon Atlas und die kroatische Končar-Gruppe unterzeichneten eine Absichtserklärung für einen KI-Campus mit einem Volumen von rund 50 Milliarden Euro. Das Investitionsvolumen entspricht mehr als der Hälfte des kroatischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Gigawattleistung, die für das Rechenzentrum benötigt wird, ist vergleichbar mit dem Strombedarf einer Großstadt wie Zagreb.[9] Einen Großteil seines Strombedarfs deckt Kroatien dabei mit Hilfe von Erdgas, das es unter anderem über das LNG-Terminal auf Krk importiert.
Die Außenpolitik der Energiewende
Auf dem Gipfeltreffen in Dubrovnik wurde auch ein neuer Fonds für die regionale Infrastruktur gegründet. Mit dem Fonds sollen Gelder in gemeinsame Investitionen für Wasserstofferzeugung, grenzüberschreitende Infrastruktur, erneuerbare Energien sowie den Ausbau des Stromnetzes fließen. Mindestens zwei Milliarden Euro sollen in solche Projekte investiert werden. Zum Vergleich: Zwischen 2016 und 2025 wurden mehr als vier Milliarden Euro in Erdgasprojekte investiert.[10] Allerdings ist mit dem zumindest partiellen Schwenk hin zu erneuerbaren Energien auch ein neuer außenpolitischer Schwerpunkt verbunden: Während Flüssiggas vor allem aus den USA importiert wird, ist das bei der Infrastruktur, die zur Nutzung erneuerbarer Energien benötigt wird, nicht der Fall; sie kommt in vielen Fällen aus Europa.
[1] S. dazu Osteuropas geostrategischer Drift.
[2] S. dazu Das Flüssiggas und die US-Energiedominanz.
[3] S. dazu Mit Qatar gegen die Abhängigkeit der USA.
[4] Roland Zschächner: Spielball Bosnien und Herzegowina. jungewelt.de 03.07.2026.
[5] S. dazu Kampf um Bosnien-Herzegowina.
[6] Emma Nix, Ian Brzezinski: Looking to a decade of delivery: The Three Seas Initiative charts its course forward. atlanticcouncil.org 30.06.2027.
[7] Lea Gajić: USA starten Milliarden-Offensive auf dem Balkan – mit Gas-Deals und KI-Mega-Projekt. focus.de 03.05.2026.
[8] Emma Nix, Ian Brzezinski: Looking to a decade of delivery: The Three Seas Initiative charts its course forward. atlanticcouncil.org 30.06.2027.
[9] Jozo Knez: Pantheon in Topusko: Kann Kroatien ein Megaprojekt stemmen? lider.media 09.05.2026.
[10] Szymon Kardaś: Gas-lit: The Three Seas Initiative is out of step with a clean-energy future. ecfr.eu 18.06.2026.

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