Einflusskampf um Lateinamerika

Außenminister Wadephul bemüht sich in Südamerika um stärkeren Absatz für deutsche Exporte im Mercosur und um besseren Zugriff auf Rohstoffe in Argentinien. Die USA weiten ihre militärische Kontrolle über den Subkontinent aus.

BERLIN/BUENOS AIRES/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Mit der Stärkung der Beziehungen zum Mercosur und einem neuen Zugriff auf Argentiniens Rohstoffe bemüht sich Außenminister Johann Wadephul um Alternativen für die deutsche Wirtschaft zu den USA und China. Wadephul hatte am Dienstag zunächst an einem Mercosur-Gipfel in Paraguay teilgenommen, bevor er am Mittwoch in Argentinien über einen stärkeren Zugriff deutscher Unternehmen auf die dortigen Rohstoffe verhandelte, darunter Lithium. Am heutigen Freitag setzt Wadephul Gespräche in Brasilien fort, dem wirtschaftsstärksten Land des Mercosur. Berlin wünscht eine Steigerung der Exporte in den südamerikanischen Staatenbund, um von der Ausfuhr in die USA unabhängiger zu werden. Allerdings ist die Trump-Administration gerade dabei, Lateinamerika stärker unter ihre Kontrolle zu bringen. Dazu unterstützt sie ultrarechte Kandidaten bei Wahlen, in Brasilien etwa Flávio Bolsonaro. Darüber hinaus weitet sie unter dem Vorwand, Drogenkartelle und -gangs bekämpfen zu wollen, ihre militärische Kontrolle über den Subkontinent aus. Mittlerweile nimmt sie auch Brasilien ins Visier, das eine gewisse Rückendeckung in engerer Kooperation mit der EU sucht.

Ultrarechte im Aufwind

Die Lateinamerikareise von Außenminister Johann Wadephul erfolgt in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten sich Lateinamerika und die Karibik vollständig zu unterwerfen suchen – vor allem im Bestreben, Chinas Präsenz auf dem Subkontinent einzuhegen und nach Möglichkeit auch wieder zurückzudrängen. Dies sieht die Nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Administration ausdrücklich vor (german-foreign-policy.com berichtete [1]). Dazu sind die USA unter anderem bestrebt, in möglichst vielen Staaten der Region ultrarechte Kräfte an die Macht zu bringen. US-Präsident Trump hat sich insbesondere in die Wahlen in Honduras und unlängst in Kolumbien eingemischt [2] und zudem bei Zwischenwahlen in Argentinien mit großzügiger Finanzhilfe für Präsident Javier Milei interveniert – jeweils mit Erfolg: Mileis Partei schnitt überraschend stark ab; in Honduras wie in Kolumbien konnten Rechtsaußenkandidaten jeweils die Wahl für sich entscheiden, wobei in beiden Ländern begründete Vorwürfe der Fälschung zugunsten von Trumps Kandidaten bis heute erhebliche Zweifel an den Wahlergebnissen lassen. Washington mischt sich gegenwärtig auch in den Wahlkampf in Brasilien ein, um Flávio Bolsonaro zum Sieg zu verhelfen, dem Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, der aktuell eine Haftstrafe wegen eines Putschversuchs verbüßt.

Southern Spear

Zugleich sind die Vereinigten Staaten bemüht, Lateinamerika und die Karibik militärisch unter Kontrolle zu nehmen. Den großen Rahmen dafür bildet die zum 1. September 2025 in Gang gesetzte Operation Southern Spear, die offiziell das Ziel verfolgt, gegen Drogenkartelle und -händler vorzugehen. Dazu erklärt Washington eine wachsende Zahl an Kartellen und Drogengangs zu terroristischen Organisationen und behauptet, sich im Krieg mit ihnen zu befinden. Dies soll nicht nur militärische Operationen gegen sie erlauben, sondern zudem die Option eröffnen, auf dem Territorium anderer Staaten gegen sie zu intervenieren. Dies geschieht inzwischen. So greifen die US-Streitkräfte längst nicht mehr nur Boote angeblicher oder tatsächlicher Drogenschmuggler in den Gewässern der Karibik oder des Pazifiks an und ermorden die Personen auf ihnen; mittlerweile wurden laut einer Zählung der New York Times bei 66 Angriffen mindestens 221 Menschen umgebracht.[3] Die USA haben außerdem Abkommen mit Ecuador und Guatemala geschlossen, die es ihnen erlauben, in den beiden Ländern Militäroperationen gegen vermeintliche Drogenhändler zu führen, Luftangriffe inklusive. Weitere Vereinbarungen mit anderen Ländern sollen folgen.[4] Im nächsten Schritt ist ein Abkommen mit Honduras geplant.

„US-Militärpräsenz normalisieren“

Ziel des Vorgehens ist es laut einem Bericht der New York Times, die US-„Militärpräsenz in ganz Lateinamerika zu normalisieren“.[5] Dabei geht es, anders als Washington es öffentlich behauptet, keineswegs vorrangig um den Kampf gegen Drogen. In der Nationalen Sicherheitsstrategie heißt es ganz offen, man wolle Truppen in der „Westlichen Hemisphäre“ stationieren – in Lateinamerika und der Karibik –, um gegen etwaige „akute Bedrohungen“ jederzeit schnell vorgehen zu können. Insbesondere wolle man einen „Zugang zu strategisch wichtigen Orten“ herstellen bzw. verbessern. Mit dem Ausbau ihrer Militärpräsenz haben die Vereinigten Staaten bereits im vergangenen Jahr begonnen – im Rahmen der Vorbereitung ihres Überfalls auf Venezuela am 3. Januar 2026. So haben sie ihre Militärbasen auf Puerto Rico auszubauen begonnen, einer De-facto-US-Kolonie. Außerdem nutzt die U.S. Air Force Luftwaffenbasen in der gesamten Karibikregion – von Flugplätzen in den niederländischen Kolonien Aruba und Curaçao bis zu solchen in der Dominikanischen Republik und in Trinidad und Tobago. Darüber hinaus darf sie Flugplätze in Honduras sowie in El Salvador nutzen. Lediglich der Versuch, auch in Ecuador die Genehmigung für die Nutzung einer Luftwaffenbasis zu erhalten, ist im November gescheitert: Die Bevölkerung wies das Ansinnen in einem Referendum zurück.

Alternativer Absatzmarkt

Außenminister Johann Wadephul hat in dieser Woche Paraguay, Argentinien und Brasilien bereist und sich in Paraguay auch mit Chiles Präsident José Antonio Kast und Außenminister Francisco Pérez Mackenna getroffen. Der erste Schwerpunkt seiner Reise war der Ausbau der Beziehungen zum südamerikanischen Staatenbund Mercosur, mit dem die EU nach mehr als ein Vierteljahrhundert währenden Verhandlungen ein Freihandelsabkommen geschlossen hat. Es wurde zwar vom Europaparlament am 21. Januar zur juristischen Überprüfung auf Eis gelegt; sein Handelsteil wird jedoch trotzdem auf Beschluss der EU-Kommission seit dem 1. Mai vorläufig angewandt.[6] Wadephul nahm am Dienstag in Paraguays Hauptstadt Asunción an einem Mercosur-Gipfel teil, auf dem allerlei Unstimmigkeiten zwischen den Mitgliedern zutage traten. So ist nach wie vor unklar, wie die Exportquoten aufgeteilt werden, die das Freihandelsabkommen mit der EU dem Mercosur für landwirtschaftliche Produkte zugeteilt hat. Außerdem sorgt für Unmut, dass Argentinien im Februar ein Freihandelsabkommen mit den USA geschlossen hat, im Alleingang; dies widerspricht den Prinzipien des Mercosur und droht den Staatenbund aus dem Gleichgewicht zu bringen.[7] Für Deutschland und die EU gilt der Mercosur als Teilalternative zu Ausfuhren in die USA; den Beziehungen zu ihm wird hohe Bedeutung beigemessen.

Alternativer Rohstofflieferant

Einen zweiten Schwerpunkt neben der Ausweitung des Handels mit dem Mercosur, um den sich Wadephul nun auch während seines Besuchs in Brasilien am Donnerstag und am Freitag bemüht, bildet die Ausweitung der deutschen Rohstoffversorgung. Argentinien ist eines der Länder mit den größten Lithiumvorkommen der Welt. Wadephul unterzeichnete dort am Mittwoch eine Absichtserklärung, die den Zugriff deutscher Unternehmen auf argentinische Rohstoffe verbessern soll.[8] Stärkster Investor auf dem Lithiumsektor ist Australien, das in Argentinien mit Unternehmen aus den USA und Großbritannien kooperiert.[9] China ist ebenfalls auf dem argentinischen Lithiumsektor hoch präsent. Die Bundesrepublik sucht sich nun von ihren Konkurrenten abzuheben, indem sie – dies tat Wadephul am Mittwoch – den Einstieg in den Aufbau von Kapazitäten zur Weiterverarbeitung in Argentinien verspricht. Unter dem ultrarechten Präsident Javier Milei, der die Sozialetats des Landes massiv gekürzt hat, hat sich die argentinische Wirtschaft massiv auf den Export von Rohstoffen fokussiert, während die Industrie leidet. Ein Ausbau der Weiterverarbeitung der Ressourcen könnte eine gewisse Erleichterung schaffen. Wadephul wird auf seiner Reise auch von Vertretern der deutschen Rohstoffbranche begleitet.

Alternativer Kooperationspartner

Während deutsche Unternehmen in Argentinien seit dem vergangenen Jahr damit konfrontiert sind, dass die Trump-Administration künftig einen möglichst umfassenden Zugriff auf die Rohstoffe des Landes fordert, gerät Deutschland auch in Brasilien in Opposition zu den USA. Die Trump-Administration hat Ende Mai zwei der mächtigsten Drogenkartelle Brasiliens, das Comando Vermelho und das Primeiro Comando da Capital, zu Terrororganisationen erklärt; damit wäre ein militärisches Vorgehen gegen beide Kartelle grundsätzlich möglich. Präsident Luis Inácio Lula da Silva verwahrt sich dagegen, gerät allerdings unter wachsenden Druck aus Washington. Auf der Suche nach alternativen Kooperationspartnern ist er auch um engere Kooperation mit den Staaten Europas bemüht. Berlin kann davon profitieren.

 

[1] S. dazu Die Unterwerfung Lateinamerikas.

[2] S. dazu „Linke ausrotten“.

[3] Tracking U.S. Military Killings in Boat Attacks. nytimes.com 01.07.2026.

[4], [5] Maria Abi-Habib, Eric Schmitt: Guatemala Agrees to Joint Strikes With U.S. Against Drug Gangs. nytimes.com 28.05.2026.

[6] S. dazu Ein Vertrag zu Lasten Dritter.

[7] Andrés Colman, Mar Centenera: Asunción alberga la cumbre de Mercosur sin Milei y con el reparto de cuotas de exportación a la UE en agenda. elpais.com 30.06.2026.

[8] Deutschland und Argentinien vereinbaren Rohstoffkooperation. handelsblatt.com 01.07.2026.

[9] Stefanie Schmitt: Lithium aus Argentinien gewinnt global an Gewicht. gtai.de 15.04.2024.


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