Drehbuch für den Massenmord (II)

Weiterhin drohen Massaker der RSF-Miliz im sudanesischen El Obeid. Die RSF wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt, dem zentralen Kooperationspartner Berlins in Mittelost.

ABU DHABI/BERLIN/KHARTUM (Eigener Bericht) – Die Kritik an der Untätigkeit der Bundesrepublik sowie weiterer westlicher Staaten angesichts drohender Massaker der RSF-Miliz in der sudanesischen Großstadt El Obeid nimmt zu. Die RSF bereiten sich darauf vor, El Obeid zu erobern. Bei der Eroberung zweier Großstädte im westsudanesischen Darfur hatten sie 2023 und 2025 jeweils genozidale Massaker an schwarzafrikanischen Bewohnern begangen. Die RSF werden maßgeblich von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt – auch mit Waffen. Die Emirate wiederum sind ein strategisch wichtiger Kooperationspartner des Westens in Mittelost – auch Deutschlands. Sie sind wichtigster Investitionsstandort und größter Absatzmarkt der Bundesrepublik in der Region. Auch zählen sie zu den Hauptkäufern deutscher Waffen außerhalb der NATO. Sogar Waffen mit deutschen Komponenten wurden bereits im sudanesischen Kriegsgebiet gefunden. Für die Emirate ist die Unterstützung für die RSF Teil eines Einflusskampfs am Roten Meer, der bereits zu den Hauptmotiven des Kriegs im Jemen gehörte. Er zielt nicht zuletzt darauf ab, Kooperationspartner Irans wie etwa die Huthi-Miliz von dem strategisch bedeutenden Gewässer zu verdrängen.

Die Post-Erdöl-Ära

Die Vereinigten Arabischen Emirate besitzen für die Bundesrepublik erhebliche ökonomische und strategische Bedeutung. Zum einen sind sie der größte Standort deutscher Investitionen im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Zum anderen sind sie auch größter Absatzmarkt für deutsche Exporte an den Persischen Golf. Beides hat damit zu tun, dass sich die Emirate – wie die meisten Staaten der Region – längst auf die Zeit nach der Erdölära vorzubereiten begonnen haben und in diesem Kontext auf den Aufbau einer eigenen High-Tech-Industrie orientieren. Mit den Vereinigten Staaten haben sie in diesem Zusammenhang Vereinbarungen über den Bau milliardenschwerer KI-Rechenzentren getroffen. Deutsche Unternehmen sind besonders im Aufbau traditionellerer Industrien aktiv. Dort liefern sie unter anderem Anlagen und Maschinen sowie Technologie auf Feldern wie Automatisierung und Energieeffizienz.[1] Schon vor Beginn des Irankriegs ging allerdings die Zahl neuer Vorhaben in den Emiraten und damit auch das Volumen der Neuaufträge zurück. Der Irankrieg hat die wirtschaftlichen Aktivitäten in den Emiraten zusätzlich geschädigt. Zwar wird nach dem Ende des Kriegs mit einem Wiederaufschwung gerechnet; die konkreten Ausmaße und die spezifischen Formen sind allerdings ungewiss.

Deutsche Waffen

Darüber hinaus sind die Vereinigten Arabischen Emirate schon lange ein wichtiger Käufer deutscher Rüstungsgüter. Berlin und Abu Dhabi haben bereits im Jahr 2004 eine strategische Partnerschaft geschlossen – zu einer Zeit, als die Emirate in Reaktion auf den Irakkrieg ihre Streitkräfte hochzurüsten begannen. Deutschland gehört nicht zu den Hauptlieferanten der Emirate; dies sind die USA, die in den Jahren von 2020 bis 2024 rund 42 Prozent aller emiratischen Rüstungsimporte stellten, sowie Frankreich, das auf 17 Prozent kam. Beide unterhalten eigene Militärstützpunkte in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nummer drei ist mit 11 Prozent die Türkei.[3] Allerdings gehören die Emirate bereits seit Jahren zu den wichtigsten Abnehmern deutschen Kriegsgeräts außerhalb der NATO; sie erwerben jährlich Rüstungsgüter in oft sogar dreistelliger Millionen-Euro-Höhe – unter anderem Spürpanzer Fuchs sowie Minenjagdboote. Zuweilen werden Rüstungsgüter über Drittländer geliefert. So verkaufte Frankreich zwischen 1994 und 2002 mehr als 400 Panzer vom Typ Leclerc in die Emirate; Panzer dieses Modells, die deutsche Motoren haben, kamen etwa im Jemenkrieg zum Einsatz. 2016 und 2017, als der Jemenkrieg auf Hochtouren lief, verkaufte Deutschland laut dem Bonn International Centre for Conflict Studies (bicc) etwa vier Pionierpanzer und 20.000 Mörsergranaten an Abu Dhabi. Hinzu kamen Maschinenpistolen im Wert von 3,5 Millionen Euro.

Einflusskampf am Roten Meer

Die deutschen Waffenlieferungen an die Emirate – wie auch an Saudi-Arabien – sind im Jemen-Krieg scharf kritisiert worden; dies nicht zuletzt, weil beide Kriegsparteien schwerer Kriegsverletzungen beschuldigt wurden, darunter eine Hungerblockade gegen die von den Huthi beherrschten nördlichen Teile des Jemens (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Für die Emirate war der Krieg Teil des Versuchs, am geostrategisch wichtigen Roten Meer Einfluss zu gewinnen. Die Abhängigkeit des Landes vom Handel durch die Straße von Hormuz ist seit dem Beginn des Irankrieges allgemein bekannt. Die Exporte der Golfstaaten nach Europa müssen jedoch auch, sollen sie nicht den langen, teuren Umweg an Südafrika vorbei nehmen, das Rote Meer durchqueren. Die mit Iran eng kooperierenden jemenitischen Huthi-Milizen sind in der Lage, die Schifffahrt im Roten Meer ernstlich zu stören.[5] Mit dem Jemen-Krieg versuchten die Emirate nicht zuletzt, den über die Huthi vermittelten Einfluss Irans auf den Seeweg zurückzudrängen oder ihn sogar im Fall eines Sieges über die Huthi ganz zu unterbinden. Dies hätte im strategischen Interesse des Westens und auch der Bundesrepublik gelegen, woraus sich zumindest teilweise das beharrliche Schweigen des Westens zu den saudisch-emiratischen Kriegsverbrechen im Jemenkrieg erklärt.

Am Tor der Tränen

Starteten die Emirate im Jahr 2015 gemeinsam mit Saudi-Arabien den Jemenkrieg, so nahmen sie 2016 eine potenzielle Basis in Somalia in den Blick: den Tiefseehafen Berbera, der am Golf von Aden noch vor der Einfahrt zum Roten Meer, dem Bab al Mandab („Tor der Tränen“) liegt, aber dennoch starken Einfluss auf die Schifffahrt in dem Gewässer gewährt. Im Jahr 2016 schlossen die Emirate einen 30-Jahres-Vertrag zum Betrieb des Hafens in Berbera – allerdings nicht mit der Regierung Somalias, sondern mit Somaliland, der früheren britischen Kolonie im Nordwesten Somalias, die sich faktisch abgespalten hat und nach Anerkennung als eigener Staat strebt. Immer wieder wurde vermutet, Abu Dhabi strebe den Bau einer Militärbasis in Somaliland, womöglich auch eines Flottenstützpunkts in Berbera an. Daraus ist allerdings nichts geworden. Dafür haben sich die Emirate als Mittler zwischen Somaliland und Israel betätigt, mit dem sie seit 2020 auf der Grundlage eines der Abraham Accords eng kooperieren. Im Dezember 2025 erkannte Israel als erster Staat weltweit Somaliland als eigenen Staat an. Es folgte die Eröffnung einer somaliländischen Botschaft in Jerusalem sowie Mitte des Monats der erste Staatsbesuch des „Präsidenten“ Somalilands, Abdirahman Mohammed Abdullahi, in Israel.[6] Vereinbart wurde dabei eine enge Ausbildungskooperation der Polizei und der Streitkräfte beider Länder.

Kein Druck

Das Streben nach Einfluss am Roten Meer gilt nicht zuletzt als eines der Motive dafür, dass die Vereinigten Arabischen Emirate im Sudan die RSF-Miliz unterstützen: Sudans Küste am Roten Meer bietet grundsätzlich günstige Gelegenheiten, dort einen Militärstützpunkt zu errichten. Vor allem in der frühen Phase des Kriegs im Sudan schien es ungewiss zu sein, ob die regulären Streitkräfte sich gegen die RSF behaupten könnten. Dass die Emirate die RSF tatsächlich unterstützen, ist seit langem bekannt und inzwischen umfassend belegt (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Experten gehen davon aus, dass sie die genozidalen Massaker der RSF in Al Junaina im Juni 2023 wie auch in Al Fashir im Herbst 2025 hätten stoppen können – und dass die westlichen Länder wiederum in der Lage gewesen wären, die Emirate dazu zu zwingen. In der vergangenen Woche berichtete der Menschenrechtsexperte Nathaniel Raymond von der Yale School of Public Health, er habe mehr als zwei Jahre lang das britische Außenministerium vor dem drohenden Genozid in Al Fashir gewarnt. Dieses habe sich aber aufgrund heftigen Drucks aus den Emiraten geweigert, diese zur Beendigung ihrer Waffenlieferungen an die RSF zu nötigen; die Emirate gälten als ein allzu wichtiger Kooperationspartner.[8]

Worte statt Taten

Ähnliches lässt sich über die Bundesregierung sagen; auch von entschlossenem deutschem Druck auf Abu Dhabi, den beständigen Waffenlieferungen an die RSF ein Ende zu setzen, ist nichts bekannt: Berlin legt großen Wert auf eine gedeihliche Kooperation mit den Emiraten. Dabei drohen die RSF gegenwärtig die Stadt El Obeid einzunehmen; Beobachter warnen vor einem erneuten Genozid.[9] Die Bundesregierung hat inzwischen öffentlich ihre Sorge über die Lage in El Obeid mitgeteilt, lässt den Worten aber keine Taten folgen. Die Worte sind deshalb nichts anderes als der scheinheilige Versuch, sich von Massakern, die man wahrscheinlich hätte verhindern können, vorab verbal zu distanzieren.

 

[1] Peter Schmitz: VAE: Projektvergabe verliert an Tempo. gtai.de 28.01.2026.

[2], [3] bicc: Vereinigte Arabische Emirate. Common Position Brief. Bonn, Juni 2026.

[4] S. dazu Ignorierte Kriege (I) und Beihilfe zur Hungersnot (III).

[5] S. dazu Wächter des Wohlstands.

[6] Lazar Berman: Visiting Somaliland president opens embassy in Jerusalem. timesofisrael.com 15.06.2026.

[7] S. dazu Die Berliner Sudan-Konferenz.

[8] Sophia Sheera: David Lammy ‘Could Have Prevented Genocidal Massacre in Sudan’. novaramedia.com 25.06.2026.

[9] S. dazu Drehbuch für den Massenmord.


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