Rüstung vor Innovation

Die Bundesregierung verspricht eine „Hightech-Agenda“, erhöht jedoch vor allem die Militärausgaben. Gleichzeitig verliert die deutsche Industrie bei Forschung und Entwicklung global an Gewicht und gerät zunehmend unter Druck.

BERLIN (Eigener Bericht) – Die deutsche Wirtschaft fällt bei ihren Aufwendungen für Forschung und Entwicklung und damit auch bei den daraus resultierenden Profiten vor allem gegenüber den USA und China zurück. Zugleich behauptet die Bundesregierung zwar, eine „Hightech-Agenda“ voranzutreiben, konzentriert ihre Aufwendungen jedoch immer stärker auf die Rüstungsindustrie. Wie eine aktuelle, vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte Studie zeigt, ist der deutsche Anteil an den weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 8,5 Prozent im Jahr 2008 auf 5,6 Prozent im Jahr 2021 gefallen. Auch der deutsche Anteil an den globalen Patentanmeldungen ging zurück – von 21,9 Prozent im Jahr 2000 auf nur noch 15 Prozent im Jahr 2022. Immer häufiger verlagern Unternehmen Forschungsabteilungen ins Ausland. Die deutsche Industrie gerät in zentralen Zukunftsbranchen zunehmend unter Druck und verliert insbesondere gegenüber China an Boden. Während der Forschungsetat bei 4,15 Prozent des Bundeshaushalts verharrt und Mittelständler über stagnierende Innovationsförderung klagen, liegt der offizielle Rüstungsetat bereits bei mehr als 15 Prozent und soll sich in Kürze verdoppeln.

Deutschland verliert an Gewicht

Die Studie zur Innovationskraft der deutschen Industrie, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt hat, misst unter anderem die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie die Zahl der Patentanmeldungen als zentrale Indikatoren industrieller Innovationsleistung. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Ausgaben der deutschen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung zwar leicht gestiegen sind, dass Deutschland im internationalen Vergleich jedoch deutlich an Gewicht verliert. Das liegt daran, dass sowohl die Vereinigten Staaten als auch China ihre einschlägigen Aufwendungen erheblich stärker gesteigert haben. Im Ergebnis ist der deutsche Anteil an den weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 8,5 Prozent im Jahr 2008 auf 5,6 Prozent im Jahr 2021 gefallen. Auch der deutsche Anteil an den weltweiten Patentanmeldungen ging zurück – von 21,9 Prozent im Jahr 2000 auf nur noch 15 Prozent im Jahr 2022. Besonders betroffen von diesem Rückgang sind die Pharma-, Chemie-, Elektro- und Automobilindustrie. Lediglich dem deutschen Maschinenbau gelang es, seine Position bei den Patentanmeldungen auszubauen.[1]

Kontrolle über Schlüsseltechnologien

Als besonders sensibel behandelt die Untersuchung die Frage der Kontrolle über Patente und Schlüsseltechnologien. Demnach wurden 29 Prozent aller zwischen 2000 und 2022 in Deutschland hervorgebrachten transnationalen Patente – rund 189.000 – von Unternehmen angemeldet, die sich in auswärtigem, meist US-amerikanischem, zunehmend aber auch chinesischem Besitz befinden. Die Kontrolle über sie liegt damit jenseits der Bundesrepublik. Dem stehen nur 102.000 im selben Zeitraum im Ausland angemeldete Patente gegenüber, die von deutschen Firmen kontrolliert werden. Der Saldo ist also negativ. Für die Folgen verweist die Studie beispielhaft auf die Rüstungsindustrie. In der Debatte um die Beschaffung von F-35-Kampfjets des US-Konzerns Lockheed Martin wurde deutlich, welche Folgen es haben kann, wenn moderne Waffensysteme von Technologien unter ausländischer Kontrolle abhängig sind: Ohne US-Zustimmung können die Jets nicht mit Ersatzteilen versorgt werden, ja womöglich nicht einmal starten. Der Anteil der Patentanmeldungen in Deutschland, die aus dem Ausland kontrolliert werden, ist mit 42 Prozent in Hessen am höchsten. Ausschlaggebend sind dabei vor allem die patentstarken Opel-Werke in Rüsselsheim, die zu Stellantis gehören, sowie die Pharmaindustrie im Raum Frankfurt am Main.[2]

Deutsche Kernbranchen unter Druck

Ein Blick auf einzelne Branchen verdeutlicht, wie stark die deutsche Wirtschaft im globalen Vergleich zurückgefallen ist. So lagen die Investitionen der deutschen Elektroindustrie in Forschung und Entwicklung 2021 im internationalen Vergleich nur auf Rang sechs. Japan belegte mit doppelt so hohen Ausgaben Rang fünf. China vereinte bereits 35 Prozent der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsausgaben auf diesem Sektor auf sich. Führend blieben allerdings noch die USA. Im Maschinenbau fiel der deutsche Anteil an den weltweiten Forschungs- und Entwicklungsausgaben von rund 13 Prozent im Jahr 2008 auf weniger als acht Prozent im Jahr 2021. China verantwortete inzwischen etwa die Hälfte der weltweiten Ausgaben in der Branche, während die USA auf 15 Prozent kamen. Bei den Patentanmeldungen nimmt der deutsche Maschinenbau allerdings weiterhin eine Spitzenposition ein. Auf dem Automobilsektor machten die deutschen Forschungs- und Entwicklungsausgaben rund 20 Prozent der weltweiten Ausgaben aus und lagen damit auf Rang drei. China erreichte 22 Prozent, während Japan mit 25 Prozent den Spitzenplatz belegte. Die USA folgten mit 17 Prozent auf Rang vier. In der Chemieindustrie entfielen neun Prozent der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsausgaben auf Deutschland. Die USA kamen auf 15 Prozent, während China mit 42 Prozent die globale Entwicklung dominierte. Auch in der Pharmaindustrie liegt Deutschland mit nur 4,4 Prozent – 2000 waren es 13,1 Prozent – nur noch auf Rang vier. Die Spitzenplätze belegen die USA, China und Japan.[3]

Vorrang für das Militär

Die Bundesregierung behauptet zwar, sich der Entwicklung entgegenzustemmen; Bundeskanzler Friedrich Merz etwa spricht gerne von der „Hightech-Agenda“, mit der er die deutsche Industrie unterstützen will. „Die Bundesregierung wird mit ihrer Politik alles tun, damit Deutschland ein erfolgreicher, innovativer Wirtschaftsstandort bleibt“, erklärte er Ende April auf der diesjährigen Hannover Messe. Schon die Mittelverteilung im Bundeshaushalt aber zeigt, dass Berlin die Prioritäten anders setzt – zu Ungunsten von Forschung und Entwicklung und damit zu Ungunsten der Zukunft der deutschen Industrie. So sieht der Bundeshaushalt 2026 – bei einem Gesamtvolumen von 525 Milliarden Euro – Ausgaben von 21,8 Milliarden Euro für das Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt vor. Zusätzlich erhält das Ministerium 1,1 Milliarden Euro aus dem sogenannten Sondervermögen für Infrastruktur; dabei handelt es sich dem Ministerium zufolge um Mittel für Startups „insbesondere der New Space Szene“, die erhebliche Bedeutung für die Rüstung besitzt.[4] Die Innovationsausgaben (ohne das „Sondervermögen“) machen lediglich 4,15 Prozent des Bundeshaushalts aus. Zum Vergleich: Im Haushalt 2026 sind 82,69 Milliarden Euro für die Bundeswehr eingeplant. Zusätzlich erhält sie 25,51 Milliarden Euro aus dem „Sondervermögen“, womit sich die Gesamtsumme auf rund 108 Milliarden Euro beläuft. Bis 2029 soll der reguläre Wehretat sogar auf 152 Milliarden Euro steigen.[5] Der Anteil des Bundeswehrbudgets am gesamten Bundeshaushalt (ohne „Sondervermögen“) liegt schon heute bei 15,75 Prozent; er wird rasant steigen.

Forschung wandert ab

Zu den Folgen gehört, dass laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) 13 Prozent der befragten deutschen Industrieunternehmen ihre Forschungsabteilungen bereits ins Ausland verlagert haben. Weitere 35 Prozent planen eine solche Verlagerung innerhalb der nächsten drei Jahre. Laut dem Innovationsreport der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) befindet sich die Innovationsbereitschaft der deutschen Wirtschaft auf dem niedrigsten Stand seit 2008.[6] Dazu trägt auch bei, dass die Bundesregierung – entgegen den Ankündigungen des Bundeskanzlers – den traditionell starken deutschen Mittelstand vernachlässigt. Schon seit Jahren stagnieren die zentralen Förderprogramme für kleine und mittlere Unternehmen. Sorgen gibt es insbesondere hinsichtlich des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) und des auf den Mittelstand orientierten Inno-Kom-Programms, die beide vom Wirtschaftsministerium verwaltet werden. Beim Verband innovativer Unternehmen (VIU) heißt es: „Derweil fließt mehr Geld an die Großen“. Verbandschef Uwe Möhring warnt: „Angesichts der laufenden Umverteilung der Mittel sorgen wir uns stark um die Zukunft der existenziell wichtigen Projektförderung“.[7]

 

[1], [2], [3] Bertelsmann Stiftung: Industrieposition in der Zukunft: Patent- und Forschungsanalyse der deutschen Industrie. Gütersloh, März 2026.

[4] Rekordhaushalt für Forschung und Innovation. bmftr.bund.de 26.11.2025.

[5] Deutschland investiert in Verteidigung und stärkt das Bündnis. bmvg.de 26.11.2025.

[6] Frank Dopheide: Die Innovationskraft wandert aus. handelsblatt.com 09.06.2026.

[7] Daniel Delhaes, Julian Olk: Forschende Mittelständler fürchten Kürzungen bei der Förderung. handelsblatt.com 21.04.2026.

 


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