„Ein iranischer Sieg“

Bundesregierung dringt nach Waffenstillstand zwischen den USA und Iran auf Marineeinsatz in der Straße von Hormuz. Über diese hat sich nun jedoch Teheran die Kontrolle gesichert; es sucht zudem einen Libanon-Waffenstillstand zu erzwingen.

TEHERAN/WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – Die Bundesregierung dringt nach der Einigung der Vereinigten Staaten und Irans auf einen Waffenstillstand auf einen baldigen Einsatz deutscher Kriegsschiffe in der Straße von Hormuz. Frankreich und Großbritannien wollen den Einsatz „binnen Tagen“ beginnen; Deutschland allerdings werde zumindest zwei bis drei Wochen benötigen, bis der erforderliche Beschluss des Bundestags vorliege, heißt es in Berlin. Allerdings ist bislang unklar, auf welcher Grundlage der Einsatz erfolgen soll. Teheran hat im Krieg seine Kontrolle über die Straße von Hormuz durchgesetzt, die es vor dem Krieg noch nicht hatte; es behält sich sogar das Kassieren von Gebühren – nicht jedoch von Maut – für die Durchfahrt durch die Meerenge vor und müsste in der Praxis jedem deutsch-europäischen Marineeinsatz dort zustimmen: ein wichtiger Erfolg Irans. Ein zweiter Erfolg zeichnet sich darin ab, dass Teheran einen Waffenstillstand auch für den Libanon durchzusetzen sucht. US-Experten urteilen trocken, der Deal zwischen den USA und Iran sei für Washington deutlich schlechter als eine Einigung mit Teheran, die man vor dem Krieg hätte erzielen können. Von einem „iranischen Sieg“ ist die Rede.

Die Straße von Hormuz

Den ersten großen Erfolg konnte Iran laut aktuellem Kenntnisstand mit Blick auf die Straße von Hormuz erzielen. Vor dem Überfall der Vereinigten Staaten und Israels auf das Land war die Meerenge für alle frei und ohne jegliche Beschränkung passierbar. Teheran hat im Krieg bewiesen, dass es die Durchfahrt von Handelsschiffen per Beschuss praktisch verhindern und schon durch die Drohung mit Beschuss faktisch unmöglich machen kann. Es hat erklärt, die Kontrolle, die es dadurch erlangt, auf seine Hoheitsgewässer anwenden zu wollen. Oman, der die Gegenküste kontrolliert, soll laut Irans Plan das Gleiche auf seiner Seite der Meerenge tun. Ob das Land dazu bereit ist – zumindest Gespräche darüber hat es laut Berichten gegeben –, ist noch nicht bekannt. Nach Angaben von US-Präsident Donald Trump wird Iran keine Maut (englisch: toll) von durchfahrenden Schiffen kassieren. Dies war der ursprüngliche Plan der Regierung in Teheran. Es steht aber im Widerspruch nicht nur zum UN-Seerechtsübereinkommen, das Iran nicht unterzeichnet hat, sondern auch zum Gewohnheitsrecht auf See. Erlaubt ist es aber, Gebühren (englisch: fees) für Dienstleistungen zu erheben, die bei der Passage der Straße von Hormuz erbracht werden. Genau dies behält Iran sich vor. Zur Abwicklung der Formalitäten hat Iran bereits eine Behörde gegründet – die Persian Gulf Strait Authority (PGSA, german-foreign-policy.com berichtete [1]).

Waffenstillstand im Libanon

Irans zweiter Erfolg betrifft Libanon; allerdings ist er unvollständig, und es ist unklar, ob das Land ihn auf Dauer verteidigen kann. Vor dem Krieg hatte Teheran dort nur die Möglichkeit, die Hizbollah etwa mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Jetzt scheint es ihm allerdings gelungen zu sein, den Waffenstillstand im Krieg mit den USA mit einem Waffenstillstand im Libanon zu verknüpfen. Dass an beiden Fronten die Waffen ruhen sollen, bestätigt jedenfalls Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif, der den aktuellen Deal zwischen den USA und Iran vermittelt hat.[2] Bleibt es dabei, dann hätte Teheran politisch signifikanten Einfluss auf den Libanonkrieg erhalten. Israel wäre dann dort erstmals in seinem Handeln und in seinen Aggressionen ein Stück weit eingeschränkt. Dagegen setzt es sich mit Händen und Füßen zur Wehr. Es hat bereits am Sonntag mit einem Angriff auf Beirut den Deal zwischen den USA und Iran in letzter Minute zu torpedieren versucht – vergeblich. Am Montag bestätigte Israels Verteidigungsminister Israel Katz, die israelischen Streitkräfte würden das Territorium, das sie okkupiert haben, besetzt halten, dort sämtliche Bewohner vertreiben und auch alle Häuser zerstören.[3] Die Absicht, den Krieg am Laufen zu halten – schon, um Irans neuen Einfluss abzuwehren – ist klar erkennbar. Ob Teheran zumindest Angriffe auf Beirut unterbinden kann, muss sich zeigen.

„Amerika kapituliert“

Weitgehend ausgeklammert aus dem Deal wurde, soweit bekannt, Irans Nuklearprogramm. Teheran sagte lediglich zu, keine Atomwaffen herzustellen und sie auch nicht anderweitig zu beschaffen. Das ist nicht neu; die iranische Seite hatte sich dazu schon im Atomabkommen aus dem Jahr 2015 verpflichtet, das Trump 2018 einseitig aufkündigte. Noch völlig unklar ist die Zukunft der iranischen Urananreicherung; darüber wird jetzt 60 Tage lang – oder auch länger – verhandelt werden. Teheran kann sich in den Verhandlungen Zeit lassen. Es sei denkbar, „dass überhaupt kein Deal erreicht wird“, stellte der ehemalige US-Botschafter in Israel Daniel B. Shapiro fest; und wenn doch einer erreicht werde, dann sei es „sehr wahrscheinlich“, dass er „schlechter“ sei als einer, den man „durch Diplomatie vor dem Krieg“ hätte erzielen können.[4] Auch sonst dürften US-Interessen – so etwa im Hinblick auf Irans hoch angereichertes Uran oder auf die Frage der Iran-Sanktionen – deutlich „schwerer“ durchzusetzen sein als vor dem Krieg, wird Robert Malley, einer der US-Experten, die 2015 an der Aushandlung des damaligen Atomdeals beteiligt waren, zitiert.[5] In US-Medien ist vorsichtig von „Anzeichen einer Niederlage“ [6] oder deutlicher von einem „iranischen Sieg“ die Rede: „Amerika kapituliert“ [7].

„Ein diplomatischer Durchbruch“

Die Reaktionen in Deutschland sind gemischt. In einer Erklärung, die Bundeskanzler Friedrich Merz am Montag gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Großbritanniens Premierminister Keir Starmer abgab, hieß es, der Deal sei ein „diplomatischer Durchbruch“ [8]; mit ihm ergebe sich „eine Gelegenheit, die Region und die Weltwirtschaft wieder zu stabilisieren“ [9]. Außenminister Johann Wadephul erklärte, die Vereinbarung sei ein „guter Schritt“. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter wiederum äußerte, „das Abkommen“ sei „ein sicherheitspolitischer Offenbarungseid“, ja sogar „ein Desaster“; von einem „diplomatischen Durchbruch“ könne keine Rede sein.[10] Von einem solchen könne man nur dann sprechen, wenn Teheran noch „auf Nuklearwaffen verzichten, die Hamas, Hisbollah und Huthi nicht mehr unterstützen und das Existenzrecht Israels anerkennen würde“. „Das vorrangige Ziel“ müsse es jetzt sein, dass Iran „das Nuklearprogramm einstellt und sich dabei kontrollieren lässt“. Weshalb Iran, zwar militärisch angeschlagen, aber nicht besiegt, sich auf solche Forderungen einlassen sollte, erläuterte Kiesewetter nicht.

Europas Marineeinsatz

Davon unabhängig wollen Paris, London und Berlin in Kürze den Marineeinsatz in der Straße von Hormuz starten, den sie bereits seit Monaten planen (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Er soll Handelsschiffe, die die Meerenge passieren, gegen Angriffe schützen und so dazu beitragen, den Schiffsverkehr im Mittleren Osten wieder in Schwung zu bringen. Wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron berichtet, könne er „binnen Tagen“ gestartet werden.[12] Der französische Flugzeugträger Charles de Gaulle kreuzt schon längst, begleitet von einigen Fregatten und U-Booten, im Mittleren Osten. Bislang ist unklar, auf welcher Grundlage der Einsatz geschehen soll, der laut Angaben der beteiligten Staaten strikt defensiv konzipiert ist. Da Iran fest beabsichtigt, dauerhaft die Kontrolle über die Straße von Hormuz zu übernehmen, wäre ein europäischer Marineeinsatz lediglich mit iranischer Zustimmung denkbar. Zudem wäre er, sofern Teheran eine sichere Passage durch die Meerenge garantiert, sachlich überflüssig. Freilich würde er Deutschland sowie den weiteren beteiligten Staaten Europas trotz allem eine gewisse Kontrolle über die Straße von Hormuz sichern. Berlin wird, wie berichtet wird, so rasch wie möglich einen Bundestagsbeschluss herbeiführen, der den Einsatz deutscher Marineeinheiten in der Meerenge legitimiert. Allerdings könne dies, wie es heißt, „im günstigsten Fall zwei bis drei Wochen“ dauern.[13]

 

Mehr zum Thema: Die Zwischenbilanz des Irankriegs und Die Zwischenbilanz des Irankriegs (II).

 

[1] S. dazu Die Öffnung der Straße von Hormuz (II).

[2] Justin Salhani: Is Lebanon included? Country hopeful for US-Iran ceasefire, despite doubts. aljazeera.com 15.06.2026.

[3] Christina Goldbaum: The new agreement leaves Lebanon’s fate murky. nytimes.com 15.06.2026.

[4], [5] Steven Erlanger: On the nuclear issue, each side finds a way to claim victory. nytimes.com 15.06.2026.

[6] Marc Champion: Trump’s Iran Truce Has the Hallmarks of Defeat. bloomberg.com 15.06.2026.

[7] Tom Nichols: Trump Celebrates While America Capitulates. theatlantic.com 14.06.2026.

[8] Bereit zum Einsatz? Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.06.2026.

[9] Macron für rasche Hormus-Mission. Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.06.2026.

[10] Roderich Kiesewetter: „Das Abkommen ist ein Desaster“. web.de 15.06.2026.

[11] S. dazu Die Öffnung der Straße von Hormuz (II).

[12], [13] Bereit zum Einsatz? Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.06.2026.


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