SpaceX und Deutschlands Aufholjagd
Der Börsengang des US-Konzerns SpaceX rückt erneut die Schwächen der deutsch-europäischen Raumfahrtindustrie und ihre Abhängigkeit von den USA in den Blick. Versuche, den Rückstand aufzuholen, leiden unter deutsch-französischer Rivalität.
BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Der am heutigen Freitag bevorstehende Börsengang des US-Konzerns SpaceX wirft ein Schlaglicht auf den wachsenden Rückstand Deutschlands und Europas gegenüber der US-Raumfahrtindustrie. Bereits seit geraumer Zeit monieren Denkfabriken wie die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die Bundesrepublik sei auf dem Weltraumsektor „extrem von den USA abhängig“. Politiker und Experten warnen einhellig, die US-Regierung – insbesondere diejenige unter Präsident Donald Trump – könne die bestehenden Abhängigkeiten erbarmungslos zum eigenen Vorteil ausnutzen. Die EU hat mittlerweile erste Schritte unternommen, um ihre Abhängigkeit zu lindern. So kündigte sie im vergangenen Jahr ein neues Weltraumgesetz (Space Act) an, das durch die Harmonisierung fragmentierter nationaler Vorschriften einen EU-Binnenmarkt für den Weltraum schaffen soll. Die USA fürchten Nachteile für ihre Branchenkonzerne und gehen energisch gegen den Space Act vor. Die Bundesregierung will zudem bis 2030 stolze 35 Milliarden Euro investieren, um unter anderem ein „deutsches Starlink“ aufzubauen. Sie zielt dabei allerdings auf eine rein deutsche Führungsrolle in der Raumfahrt und grenzt französische Konzerne aus.
Milliardenaufträge vom Militär
Am 29. Mai, unmittelbar im Vorfeld des Börsengangs von SpaceX, des bislang größten der Geschichte, hat die U.S. Space Force, die für das Weltall zuständige Teilstreitkraft der U.S. Armed Forces, dem Unternehmen von Elon Musk einen Auftrag im Wert von 4,16 Milliarden US-Dollar für ein Satellitenprogramm erteilt, das Bedrohungen aus der Luft erfassen und bekämpfen soll.[1] Es handelt sich um ein Teilprogramm des geplanten Raketenabwehrsystems Golden Dome mit der Bezeichnung Space-Based Advanced Moving Target Indicator (SB-AMTI). Der SB-AMTI soll weltraumgestützte Sensoren, sichere Kommunikationsverbindungen und Bodenstationen kombinieren und damit das Golden Dome-System um eine Weltraumkomponente erweitern. Der Space Force zufolge betrifft „der erste Auftrag bis 2028 eine Satellitenkonstellation, die den Joint Forces frühzeitig die Möglichkeit gibt, operative blinde Flecken zu beseitigen“. Nur wenige Tage zuvor, am 26. Mai, vergab die Space Force an SpaceX zudem einen Auftrag im Wert von 2,29 Milliarden US-Dollar zum Aufbau eines sicheren, schnellen Satellitenkommunikationsnetzes, um militärische Sensoren und Waffenplattformen weltweit miteinander zu verbinden.[2] Damit hat SpaceX innerhalb von wenigen Tagen Regierungsaufträge im Wert von rund 6,45 Milliarden US-Dollar an Land gezogen und hält nun einen größeren Anteil an Golden Dome als alle elf anderen teilnehmenden Unternehmen zusammen.[3] Für den Börsengang ist dies sehr vorteilhaft.
Abhängig von den USA
In Deutschland werden mit Blick auf SpaceX zum wiederholten Male Mahnungen laut, die eigenen Raumfahrtaktivitäten entschlossen voranzutreiben. Der Börsengang des Konzerns müsse ein „Weckruf“ für Europa sein, erklärt Bayerns Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler). Mit dem Argument, technologische Überlegenheit führe direkt zu außenpolitischer Macht, erklärt Mehring: „Wer die Zukunft nicht selbst gestaltet, wird von denen abhängig, die es tun.“[4] Bedenken hinsichtlich des Rückstands der EU in der Raumfahrtindustrie werden seit geraumer Zeit immer wieder diskutiert. Im Oktober 2025 etwa stellte Juliana Süß, eine Expertin der Arbeitsgruppe Sicherheitspolitik des Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), fest, die EU sei im Raumfahrtsektor „extrem von den USA abhängig“. Sie wies konkret darauf hin, dass die Abhängigkeit unersetzliche Elemente wie das US-Navigationssystem GPS für die deutschen Taurus-Marschflugkörper umfasst und sich bis hin zu „Aufklärung, Kommunikation und Navigation“ sowie „Raketenfrüherkennung“ erstreckt.[5] Dass Europa unter anderem auch von Musks Starlink abhängig ist, zeigt sich am Beispiel Ukraine, wo das Unternehmen die kriegswichtige Internetverbindung des Landes durch den Einsatz von rund 50.000 Terminals aufrechterhält. In Berlin und Brüssel grassiert längst die Furcht, die US-Regierung könne diese Abhängigkeiten ausnutzen, insbesondere die aktuelle Regierung unter Präsident Donald Trump.[6]
Transatlantische Rivalität
Der Aufstieg von SpaceX und der SpaceX-Satellitentochter Starlink droht für die Wirtschaft Deutschlands und der EU gravierende Probleme zu schaffen. So ist es Musk mit Starlink gelungen, mittlerweile mehr als 10.000 Kommunikationssatelliten in erdnahe Umlaufbahnen zu bringen. Perspektivisch könnte das Unternehmen flächendeckend mit terrestrischen Netzbetreibern wie der Deutschen Telekom konkurrieren (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Schon jetzt hat Starlink auf dem Markt für Internetverbindungen europäischen Unternehmen Anteile abgenommen. In den vergangenen Jahren mussten Konzerne wie Airbus und Thales Alenia Space (TAS), ein Joint Venture, das zu 67 Prozent Thales und zu 33 Prozent Leonardo gehört, eine je vierstellige Zahl an Stellen streichen – aufgrund unrentabler Weltraumverträge. Mittlerweile ist die EU bemüht, die europäische Raumfahrtindustrie besser zu schützen und zu unterstützen. So schlug sie beispielsweise im Juni vergangenen Jahres ein neues EU-Weltraumgesetz vor, das darauf abzielt, durch die Harmonisierung fragmentierter nationaler Vorschriften einen EU-Binnenmarkt für den Weltraum zu schaffen. Der Gesetzesentwurf, der voraussichtlich nicht vor dem 1. Januar 2030 in Kraft treten wird, wurde von den USA unter dem Vorwand, er sei wettbewerbsfeindlich, attackiert. Der Hintergrund: Das Gesetz verursacht zusätzliche Kosten für US-Raumfahrtunternehmen, die in der EU tätig werden möchten, da sie die technischen, cybersicherheitsbezogenen und ökologischen Standards der EU einhalten müssten.[8]
Deutschlands ehrgeizige Pläne
Auch Deutschland hat seinerseits Maßnahmen ergriffen, um seine Weltraumkapazitäten zu stärken. So teilte die Bundesrepublik vergangenes Jahr nicht nur auf der Ministerratssitzung der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) ihre Entscheidung mit, den deutschen Beitrag zum ESA-Gesamtbudget auf fünf Milliarden Euro zu erhöhen.[9] Vor allem aber kündigte die Bundesregierung bei der Vorstellung ihrer ersten Weltraumsicherheitsstrategie im November 2025 an, bis 2030 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte zur Verfügung zu stellen.[10] Darüber hinaus verfolgt Berlin diverse ehrgeizige Weltraumprojekte. So plant die Bundeswehr ein Satellitensystem, das unmittelbar mit Starlink konkurrieren soll. Das als „deutsches Starlink“ bezeichnete Projekt sieht eine Konstellation aus einem dichten Netzwerk von Kommunikationssatelliten vor, die die Erde in niedrigen Umlaufbahnen von 200 bis 2.000 Kilometern umkreisen sollen. In einem ersten Schritt sollen 100 bis 200 Satelliten deutsche Truppen und militärische Ausrüstung miteinander verbinden.[11] Darüber hinaus vergab die Bundesregierung im vergangenen Dezember einen Auftrag im Wert von 1,7 Milliarden Euro an ein Joint Venture aus Rheinmetall und dem finnischen Startup ICEYE. Ziel ist es, bis zum Ende des Jahrzehnts 40 SAR-Satelliten (Synthetic Aperture Radar) im All zu stationieren.[12] SAR-Satelliten können unter allen Wetterbedingungen hochauflösende Bilder von Aktivitäten am Boden liefern. Mit diesen beiden Projekten soll die Bundeswehr in Sachen Kommunikations- und Aufklärungssatelliten von den USA unabhängig werden.
Nach Möglichkeit ohne Frankreich
Dabei ist das deutsche Streben nach Eigenständigkeit von stetigen Differenzen mit Frankreich geprägt. So gehörte beispielsweise bei dem als „deutsches Starlink“ bezeichneten Projekt, das innerhalb der Bundeswehr offiziell den Namen SATCOMBw Stufe 4 trägt, Airbus Defence and Space zunächst zu den Top-Anwärtern. Das Unternehmen betreibt bereits die aktuellen SATCOMBw-Kommunikationssysteme, was es im Vergleich zu seinen Konkurrenten wie OHB aus Bremen in eine bessere Position versetzt. Allerdings baut Airbus Satelliten vor allem an seinen Standorten in Frankreich; Berlin hingegen ist um strikte nationale Kontrolle über das Satellitennetzwerk bemüht.[13] Man sei nicht gewillt, „solche Aufträge“ wie etwa den zur Schaffung eines Satellitensystems „ins Ausland auszulagern“, bestätigte Generalmajor Armin Fleischmann, bei der Bundeswehr zuständig für die Planung und Durchführung von Weltraumprojekten.[14] Fleischmann räumt ein, bestimmte Komponenten müsse man von „westlichen Partnern“, darunter „Frankreich“, kaufen. Die Bundesregierung ist jedoch bemüht, diesen Anteil möglichst gering zu halten. Mittlerweile gilt beim „deutschen Starlink“ ein Joint Venture aus Rheinmetall und OHB aus Bremen als gesetzt. Es ist, wie am gestrigen Donnerstag berichtet wurde, jetzt gegründet worden.[15] Die Einbeziehung von Airbus sei möglich, heißt es – allerdings nur in untergeordneter Funktion.
[1] SpaceX wins $4.16 billion Space Force contract for threat-detection satellites. cnbc.com 29.05.2026.
[2] Mike Stone: US Space Force awards SpaceX $2.29 billion contract for military space data network. reuters.com 20.05.2026.
[3] Andreas Sommer: SpaceX Aktie: 6,45 Milliarden Pentagon-Aufträge vor IPO. kapitalmarketexperten.de 31.05.2026.
[4] Richard Mayr: Digitalminister Mehring: „Mehr als ein Börsengang“. ausburger-allgemeine.de 10.06.2026.
[5] S. dazu Transatlantische Weltraumrivalen.
[6] S. dazu Kampf um die digitale Souveränität (II).
[7] Peggy Hollinger, Sylvia Pfeifer, Barbara Moens: European plans to create space champion face challenging timeline. ft.com 12.06.2025.
[8] S. dazu Transatlantische Weltraumrivalen.
[9] Deutschland stockt Beitrag für europäische Raumfahrtbehörde deutlich auf. deutschlandfunk.de 26.11.2025.
[10] Verantwortung im All: Erste Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung. bmvg.de 19.11.2025.
[11] S. dazu Das deutsche Starlink.
[12] Germany’s €35bn SAR Constellations: SPOCK, HANSA, and the Nordic ISR Axis. grosswald.org 28.03.2026.
[13] S. dazu Das deutsche Starlink.
[14] Thomas Jahn: „Nach den USA wären wir bei Aufklärung und Kommunikation führend". handelsblatt.com 22.01.2026.
[15] OHB und Rheinmetall schmieden Kooperation für Militärprojekt. handelsblatt.com 11.06.2026.

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