Kampf um die Fed
Mit Kevin Warsh übernimmt ein enger Verbündeter Donald Trumps die US-Notenbank. Niedrigzinsen und andere Maßnahmen könnten die Inflation anheizen und eine krisenhafte Entwicklung auslösen, die auch Deutschland träfe.
WASHINGTON (Eigener Bericht) – Die Trump-Administration treibt weitreichende Maßnahmen zum Umbau der internationalen Wirtschaftsordnung voran, die schwerwiegende Auswirkungen auch auf Deutschland und die EU haben können. Mit Kevin Warsh übernimmt ein Vertreter eines neuen geldpolitischen Kurses die Führung der US-Notenbank: Er steht für niedrigere Leitzinsen; zudem zielt Washington auf einen schwächeren US-Dollar – zwecks Ankurbelung der Exporte – und auf eine engere Verknüpfung von Wirtschaftspolitik und Sicherheitsinteressen. Hinter Konzepten wie dem Mar-a-Lago Accord verbirgt sich der Versuch, die globale Vorrangstellung der USA unter verschärften Konkurrenzbedingungen langfristig abzusichern. Dabei sollen unter anderem Zölle, militärische Schutzgarantien und finanzpolitische Maßnahmen eng miteinander verknüpft werden. Ökonomen aus dem Umfeld von Trump diskutieren bereits Modelle, mit denen Verbündete unter Druck gesetzt werden könnten, um die gigantische Schuldenlast der USA langfristig tragfähig zu halten und gleichzeitig die US-Industrieproduktion anzukurbeln. Berliner Regierungsberater warnen, die Pläne könnten zu einer krisenhaften Entwicklung führen, die auch die EU erfassen werde.
Stärker umstritten denn je zuvor
Kevin Warsh ist am Freitag vergangener Woche als 17. Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) vereidigt worden. Seine Bestätigung war mit einer Zustimmung von nur 54 Senatoren bei 45 Gegenstimmen die bislang umstrittenste in der Geschichte der Fed. Die zuvor höchste Zahl an Gegenstimmen war 2010 bei der Bestätigung von Ben Bernanke im Amt verzeichnet worden; gegen ihn stimmten damals 30 Senatoren. Warsh war bereits 2017 als potenzieller Kandidat für den Fed-Vorsitz gehandelt worden. US-Präsident Donald Trump entschied sich damals jedoch für Jerome Powell.[1] Jetzt suchte Trump, der sich von Powell abgewandt hat und ihn seit längerem scharf attackiert, das für Warsh miserable Abstimmungsergebnis mit dem für seine Administration üblichen hymnischen Selbstlob zu kaschieren; er behauptete, „niemand“ sei „besser vorbereitet“ für den Fed-Vorsitz als Warsh.[2]
Verbindungen zum Trump-Clan
Der 56-jährige ehemalige Investmentbanker Warsh ist schon seit längerem mit der Fed vertraut. 2006 wurde der damals 35-Jährige von Präsident George W. Bush in die Notenbank berufen. Während der Finanzkrise gehörte er zum inneren Kreis des damaligen Zentralbankchefs Bernanke. Dieser beschreibt Warsh in seinen Memoiren („The Courage to Act“) als einen seiner engsten Begleiter.[3] Warsh verfügt – wie so viele in der aktuellen US-Administration – über enge familiäre bzw. freundschaftliche Verbindungen zum Trump-Clan. Sein Schwiegervater ist der New Yorker Milliardär Ronald Lauder, ein langjähriger Freund Donald Trumps und Großspender der Republikanischen Partei. Trump und Lauder lernten sich in den 1960er Jahren auf der Wharton School of Business an der University of Pennsylvania kennen.[4] Lauder unterstützte Trumps Wahlkampf mit einer Spende von mehr als einer Million US-Dollar.[5] Er gilt zudem als Urheber der Idee, die USA müssten Grönland in Besitz nehmen; Ende 2018 schlug er vor, die Vereinigten Staaten sollten die zu Dänemark gehörende Insel kaufen. 2025 bekräftigte Lauder in einem Meinungsbeitrag für die New York Post: „Trumps Grönland-Konzept war niemals absurd – es war strategisch.“ Der Schwiegervater des neuen Fed-Chefs verwies explizit auf wirtschaftliche und strategische Interessen: „Unter dem Eis und den Felsen verbirgt sich ein Schatz an seltenen Erden, die für KI, fortschrittliche Waffen und moderne Technologien unverzichtbar sind. Mit dem Rückgang des Eises entstehen neue Seewege, die den globalen Handel und die Sicherheit neugestalten.“
Geldpolitik für den Wahlkampf
Neben den familiär-freundschaftlichen Beziehungen zwischen Trump und Warsh hat das politische Programm des neuen Fed-Vorsitzenden eine zentrale Rolle bei der Entscheidung des Präsidenten führ ihn gespielt. Im November stehen die Midterm Elections in den USA an; Trump ist erpicht auf niedrige Zinsen – in der Hoffnung, sie könnten das Wirtschaftswachstum antreiben.[7] Durch niedrigere Zinsen, wie Warsh sie verspricht, wird der Zugang zu Bankkrediten günstiger; infolgedessen kann mehr Kapital in die Produktion investiert werden, während zugleich der Konsum steigt – aufgrund günstigerer Möglichkeiten, sich privat zu verschulden.
„Regime change“ in der Fed
Der Multimillionär Warsh hat angekündigt, er stehe in der Fed für einen „regime change“. Gemeint ist ein grundlegender Umbau der US-Geldpolitik. Im Zuge der Finanzkrise 2008 begann die Fed im großen Stil Anleihen aufzukaufen. Ihre Vermögenswerte stiegen von etwa 800 Milliarden US-Dollar vor der Finanzkrise auf fast neun Billionen US-Dollar im Jahr 2022. Nach drei Jahren des Vermögensabbaus stiegen die Werte zuletzt wieder auf heute 6,7 Billionen US-Dollar. Warsh sieht darin eine Einmischung der Fed in Aufgaben der Fiskalpolitik jenseits der klassischen Geldpolitik. Er hält die Vermögenswerte für immer noch viel zu hoch und vertritt die Position, Krisen ließen sich mit Zinssenkungen besser bekämpfen.[8] Für erneute Zinssenkungen nennt Warsh zwei Argumente. Erstens sei ein durch Künstliche Intelligenz (KI) ausgelöster Produktivitätsboom zu erwarten. Dieser werde die Effizienz der Wirtschaft so stark steigern, dass Unternehmen trotz steigender Löhne die Preise stabil halten könnten. Dadurch könne die Fed die Zinsen senken, ohne ein Inflationsrisiko einzugehen. Zweitens sieht Warsh die Verkleinerung der Notenbankbilanz als günstige Voraussetzung für niedrigere Leitzinsen. „Gewissermaßen kann man sich einen niedrigeren Zinssatz leisten, wenn die Bilanz kleiner ist“, sagte Warsh.[9]
Der Mar-a-Lago Accord
Der Plan, die Leitzinsen zu senken, steht im Zusammenhang mit einem Plan des Ökonomen Stephen Miran, der bis zu seiner Ernennung zum stimmberechtigten Fed-Gouverneur im September 2025 als oberster Wirtschaftsberater von Donald Trump tätig war. Miran hatte 2024 ein Papier mit dem Titel „A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System“ veröffentlicht, in dem er mehrere wirtschaftspolitische Taktiken vorschlug, um den globalen Einfluss der USA wieder zu stärken. Zahlreiche seiner Vorschläge sind von der Trump-Administration bereits umgesetzt worden: Die US-Regierung nutzt Zölle, um die US-Industrie zu stärken; sie investiert – wie so gut wie alle westlichen Regierungen – erheblich mehr in das Militär; sie sucht die Energiepreise durch ein Überangebot zu senken, wenngleich sie damit zur Zeit aufgrund des Irankriegs keinen Erfolg hat; und schließlich unternimmt sie Anstrengungen, den US-Dollar zu schwächen.[10] Der Gedanke, den US-Dollar zu schwächen, um Importe weniger attraktiv zu machen und den US-Export zu stärken, kursiert schon länger in Washington und an der Wall Street und ist von Miran adaptiert worden. Der Gesamtplan wird – in Anlehnung an den Plaza Accord von 1985, der die Abwertung des US-Dollars gegenüber der D-Mark und dem Yen vorsah – als Mar-a-Lago Accord bezeichnet.[11]
Zölle und Schutz als Peitsche
Dabei gilt der Mar-a-Lago Accord als Teil eines umfassenderen Politikkonzepts, bei dem der internationale Handel mit US-amerikanischen Sicherheitsgarantien verknüpft werden soll: Wer sich nicht fügt, wird mit Zöllen bestraft und von den USA nicht mehr militärisch geschützt; dies trifft insbesondere die Staaten Europas, Japan und Südkorea.[12] Insbesondere schlagen Trump nahestehende Ökonomen ein verschärftes Modell bezüglich der US-Staatsschulden vor. Weil diese stetig wachsen – nicht zuletzt aufgrund der gigantischen US-Aufrüstung – und weil wegen der zunehmenden Schuldenlast auch die Zinsen steigen, sollen ausländische Gläubiger ihre US-Staatsanleihen in neue Anleihen mit extrem langen Laufzeiten umwandeln; die Rede ist von sage und schreibe 100 Jahren. Darüber hinaus sollen sie eine nur niedrige oder sogar auf Null gesenkte Verzinsung akzeptieren. Da kein Gläubiger diesem Tausch freiwillig zustimmen würde, soll die Einwilligung ebenfalls durch Zölle oder den Entzug militärischen Schutzes erzwungen werden.[13] Letzten Endes soll mit alledem auch die Stellung des US-Dollars als Weltleitwährung gefestigt werden.
Steigende Krisengefahr
Berliner Regierungsberater warnen, der in Aussicht gestellte Kurs des neuen Fed-Chefs Walsh könne für Deutschland und die EU gravierende Folgen haben. Trumps Zölle trieben die Preise nach oben; wegen des Irankriegs stiegen insbesondere die Energiepreise; das lasse den weiteren Anstieg der Inflation befürchten. Steuere die Fed nicht mit höheren Zinsen dagegen, dann könne die Inflation in Verbindung mit den anderen beschriebenen Maßnahmen des Mar-a-Lago Accords dazu beitragen, den US-Finanzmarkt zu destabilisieren. Falls es „in den USA erneut zu einer krisenhaften Entwicklung“ komme, werde dies „unmittelbar Auswirkungen auch auf die Finanzstabilität in Europa“ haben, konstatiert etwa Laura von Daniels von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).[14] Zudem sei es – vorsichtig formuliert – „offen“, ob beim Ausgreifen einer neuen Finanzkrise über die USA hinaus Washington „Rettungshilfen oder Liquiditätshilfen für andere Länder bereitstellen“ würde. Dann müsse eventuell die EU einspringen und mit „Euro-Liquiditätshilfen“ für Nicht-EU-Länder aushelfen.
[1] Antonia Mannweiler: Senat bestätigt Trump-Kandidaten Warsh als neuen Fed-Chef. handelsblatt.com 13.05.2026.
[2] Lara Dehari: Neuer Fed-Chef Kevin Warsh in Washington vereidigt. handelsblatt.com 22.05.2026.
[3] Patrick Schlereth: Wird Warsh sein Versprechen halten? faz.net 15.05.2026.
[4] Winand von Petersdorff-Campen: Ein Notenbanker wie aus dem Bilderbuch. faz.net 15.05.2026.
[5] Juliane Kipper: Steckt dieser Kosmetik-Milliardär hinter Trumps Grönland-Ideen? capital.de 24.01.2026.
[6] Ronald Lauder: I’m a Greenland expert — these 3 paths can make it America’s next frontier. nypost.com 04.02.2025.
[7] Laura von Daniels: Zündeln an der Zentralbankunabhängigkeit. swp-berlin.org 29.01.2026.
[8] Michael Maisch: Kevin Warsh bedeutet für die Fed und die Märkte eine Zeitenwende. handelsblatt.com 21.05.2026.
[9] Antonia Mannweiler: Der große Machtwechsel – was sich unter Kevin Warsh ändert. handelsblatt.com 15.05.2026.
[10] Rebecca Patterson: The Mar-a-Lago Accord’s Economic Ripple Effect Widens. cfr.org 27.01.2026.
[11] Moritz Kraemer:Mar-a-Lago Accord. lbbw.de 21.03.2025.
[12] Pablo Duarte: Mar-a-Lago-Abkommen: viel Lärm um nichts? flossbachvonstroch-reserchinstitute.com 28.03.2025.
[13] Moritz Kraemer: Mar-a-Lago Accord. lbbw.de 21.03.2025.
[14] Politikwissenschaftlerin: „Für uns keine gute Nachricht“. web.de 17.05.2026.

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