„Versöhnung“ statt Reparationen
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft feiert ihren Sudetendeutschen Tag in Tschechien als vollen Erfolg. Sie fordert bis heute ein „Recht auf die Heimat“, das Entschädigung für die Umsiedlung beinhaltet. Proteste wurden ignoriert.
MÜNCHEN/BRNO (Eigener Bericht) – Die Sudetendeutsche Landsmannschaft feiert ihren ersten Sudetendeutschen Tag auf dem Territorium der Tschechischen Republik als einen vollen Erfolg. Das Jahrestreffen des Verbandes, das am Pfingstwochenende im tschechischen Brno abgehalten wurde, habe seine „sehr optimistischen Erwartungen übertroffen“, hält der Sprecher der Sudetendeutschen, Bernd Posselt, fest. Gegen die Großveranstaltung, an der der Ministerpräsident Bayerns, Markus Söder, und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt teilgenommen hatten, hatten sich in Tschechien Proteste erhoben: Demonstranten wiesen auf die Verbrechen der Sudetendeutschen während der NS-Okkupation hin; die kommunistische Europaabgeordnete Kateřina Konečná erinnerte daran, dass die Bundesrepublik für die Massenverbrechen ihres Rechtsvorgängers auf dem Territorium der Tschechoslowakei weder Reparationen noch individuelle Entschädigung gezahlt habe. Tatsächlich bereiteten die Sudetendeutschen 1938 den Boden für die Zerschlagung der Tschechoslowakei, terrorisierten die jüdische Bevölkerung im „Mustergau Sudetenland“ und forderten nach ihrer Umsiedlung nach Deutschland die „Rückgewinnung“ ihrer Herkunftsgebiete. Ein „Recht auf Heimat“ proklamieren sie bis heute.
Begeisterte Nazis
Die Sudetendeutschen – deutschsprachige Bürger vor allem in den grenznahen Regionen der damaligen Tschechoslowakei – waren schon sehr früh auf NS-Kurs eingeschwenkt. Bereits in den 1920er Jahren erstarkte in ihren Wohngebieten die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), die Anfang der 1930er Jahre eine Mitgliederzahl von rund 100.000 erreichte. Nach ihrer Auflösung trat zunächst die Sudetendeutsche Heimatfront an ihre Stelle, die sich 1935 in Sudetendeutsche Partei umbenannte und bei der tschechoslowakischen Parlamentswahl im Mai 1938 rund zwei Drittel aller Stimmen der Sudetendeutschen gewann. „Der Aufstieg der Nationalsozialisten“, konstatiert die Historikerin Eva Hahn, führte letzten Endes „zur politischen Destabilisierung des gesamten öffentlichen Lebens in den vorwiegend von deutschsprachiger Bevölkerung besiedelten Grenzgebieten der Tschechoslowakei.“[1] Nicht zuletzt mit Hilfe des Sudetendeutschen Freikorps schürten sudetendeutsche Faschisten im Jahr 1938 Unruhen, die das NS-Reich schließlich nutzte, um Großbritannien, Frankreich und Italien am 30. September 1938 zur Einigung auf das Münchner Diktat zu veranlassen. Schon am 1. Oktober marschierte die Wehrmacht unter dem Jubel zahlloser Sudetendeutscher in die Grenzgebiete der Tschechoslowakei ein; es war der Auftakt zur totalen Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates.
„Mustergau“ Sudetenland
Unter deutscher Besatzung galten die okkupierten Grenzgebiete der Tschechoslowakei, der „Sudetengau“ unter Gauleiter Konrad Henlein, als „Mustergau“. Bereits vor der Okkupation hatte eine Welle der Gewalt gegen nicht deutschsprachige Bürger der Tschechoslowakei und insbesondere gegen Jüdinnen und Juden begonnen. „Seit März 1938 kam es regelmäßig zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftslokale und gegen Juden“, heißt es etwa in einer Studie des Historikers Jörg Osterloh; schon im August und September 1938 hätten sich viele Juden „zur Flucht nach Innerböhmen gezwungen“ gesehen: „Die ersten Orte deklarierten sich bereits unverbrämt als ‚judenfrei‘.“[2] Nach dem Einmarsch der Wehrmacht eskalierte der antisemitische Terror. „Kaum ein anderes Gebiet des Reiches“, stellt Osterloh fest, „war Ende 1938 in einem ähnlichen Maße ‚judenrein‘ geworden wie der Sudetengau.“ Sudetendeutsche gingen immer wieder mit brutaler Gewalt auch gegen nichtjüdische Tschechoslowaken vor, die ihnen ebenfalls als „minderwertig“ galten. Noch im April 1944 diskutierten hochrangige SS- und NSDAP-Funktionäre über eine mögliche „totale Aussiedlung der Tschechen aus Böhmen und Mähren“ sowie über „die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und aller destruktiven Elemente der reichsfeindlichen Intelligenzschicht“.[3] Kriegsbedingt kam es nicht mehr dazu.
„Volksgruppe im Exil“
Die Sudetendeutschen, die aufgrund ihrer herausragenden Rolle bei der Vorbereitung der Zerschlagung der Tschechoslowakei, aufgrund ihrer Aktivitäten im Rahmen der Okkupation der tschechoslowakischen Grenzgebiete und aufgrund ihrer zahllosen weiteren Verbrechen dann nach dem Zweiten Weltkrieg meist in die heutige Bundesrepublik umgesiedelt wurden, begannen bald, sich neu zu organisieren – nicht gemeinsam mit weiteren Umgesiedelten unabhängig von der Herkunftsregion, sondern nur sich selbst als „Volksgruppe im Exil“, als Sudetendeutsche Landsmannschaft. Diese hatte von Beginn an zahlreiche schwer belastete NS-Funktionäre in ihren Reihen und immer wieder auch in leitenden Funktionen.[4] Zu den frühen Aktivitäten der umgesiedelten Sudetendeutschen gehörte es, tatsächlich oder auch angeblich durch die Umsiedlung erlittene Verluste zu berechnen, um sie, sobald sich eine Gelegenheit bot, als Entschädigung einfordern zu können.[5] 1954 übernahm der Freistaat Bayern offiziell die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen – ein Beleg dafür, wie klar der bundesdeutsche Staat sich hinter sie stellte. Die Forderung, „den Rechtsanspruch auf die Heimat“ und „deren Wiedergewinnung“ durchzusetzen, hat die staatlich intensiv protegierte Sudetendeutsche Landsmannschaft erst 2015 aus ihrer Satzung gestrichen – nach erbittert geführten internen Machtkämpfen.[6]
Das „Recht auf die Heimat“
In den vergangenen Tagen hieß es anlässlich der Durchführung des Sudetendeutschen Tages im tschechischen Brno mit Verweis auf die Satzungsänderung aus dem Jahr 2015, die Landsmannschaft habe sich von früheren Forderungen nach einer wie auch immer gearteten Rückgewinnung ihrer Herkunftsgebiete und nach Entschädigung für Umsiedlungsverluste getrennt. Dies trifft nur eingeschränkt zu. So taucht der Begriff „Wiedergewinnung“ in der aktuellen Satzung der Landsmannschaft zwar nicht mehr auf. Dafür heißt es, Rechtsverstöße wie etwa „Vertreibungen“ – dazu zählt für die Sudetendeutschen auch ihre Umsiedlung – seien „zu ächten“ und „auf der Grundlage eines gerechten Ausgleiches zu heilen“.[7] Zudem heißt es, „das Recht auf die Heimat“ müsse „gewahrt und garantiert“ werden. Beim „Recht auf die Heimat“ handelt es sich nicht um ein im internationalen Recht allgemein anerkanntes Prinzip, sondern um ein Konzept speziell deutscher Völkerrechtler. Was es bedeutet, hat im Jahr 2017 der damalige Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, erklärt: „Das Recht auf die Heimat … impliziert viele Fragen, darunter natürlich auch die nach einer materiellen Entschädigung.“[8] Wie es in der Satzung der Landsmannschaft heißt, dient „der Erfüllung des Satzungszweckes“ – dazu gehört das „Recht auf die Heimat“ – „der jährliche Sudetendeutsche Tag.“
Nicht ernst gemeint
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft hat seit Jahren systematisch darauf hingearbeitet, ihren Sudetendeutschen Tag in Gebieten in Tschechien abzuhalten, auf die sie ein „Recht auf die Heimat“ postuliert. Das ist ihr in diesem Jahr in Brno gelungen. Proteste in Tschechien wurden ignoriert. So hatte etwa das tschechische Parlament in einer Resolution vom 14. Mai seinen „Widerstand gegen die Abhaltung des 76. Sudetendeutschen Tages auf dem Territorium der Tschechischen Republik“ erklärt und ausdrücklich gewarnt, im Umfeld der Sudetendeutschen gebe es „seit langem Einstellungen …, die die Nachkriegsvereinbarung in Frage stellen“.[9] Am Wochenende erinnerten Demonstranten an die Massenverbrechen der Sudetendeutschen während der NS-Okkupation; die kommunistische Europaabgeordnete Kateřina Konečná erinnerte daran, dass die Bundesrepublik bis heute keinerlei Reparationen für die NS-Verbrechen gezahlt hat, und erklärte zur Forderung der Sudetendeutschen nach „Versöhnung“, sie werde erst glauben, dass dies „ernst gemeint“ sei, wenn die deutsche Seite Entschädigung leiste.[10] Davon kann bis heute nicht im Geringsten die Rede sein.[11]
[1] Hans Henning Hahn (Hg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen Band 1. Frankfurt am Main 2007. S. dazu unsere Rezension.
[2] Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938-1945. München 2006. S. dazu Die entfesselnde Wirkung der Ostexpansion.
[3] Erich Später: Der homogene Stamm. Die sudetendeutsche Volksgemeinschaft. kritischebildung.de.
[4] Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft. Hamburg 2005.
[5] Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945-1955. Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen Band 2. Frankfurt am Main 2008. S. dazu unsere Rezension.
[6] S. dazu Kein Verzicht.
[7] Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bundesverband e.V. sudeten.de.
[8] Dankesworte von Hartmut Koschyk MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, anlässlich der Entgegennahme des Menschenrechtspreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Augsburg am 3. Juni 2017. S. dazu Die Reparationsfrage.
[9] Widerstand von den Regierungsparteien. Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.05.2026.
[10] Sudetoněmecký sjezd. denikn.cz 24.05.2026.
[11] S. auch Die Berliner Reparationsverweigerung (II), Das Recht des Täters und Nur Deutschland entschädigt nicht.

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