Die Achse Berlin-RN
Deutschland beginnt sich mit Jordan Bardella vom ultrarechten Rassemblement National (RN) auszutauschen, Frankreichs möglichem künftigen Präsidenten. Bardella will gegen die deutsche Dominanz in der EU vorgehen.
PARIS/BERLIN (Eigener Bericht) – Deutschland beginnt sich mit Jordan Bardella von der französischen Rechtsaußenpartei Rassemblement National (RN) abzustimmen – für den Fall seines Sieges bei der Präsidentenwahl in Frankreich im April nächsten Jahres. Wie kürzlich bekannt wurde, hat Bardella sich im Februar mit dem Botschafter der Bundesrepublik in Frankreich getroffen – als erster RN-Politiker überhaupt. Vergangene Woche hat er zudem in einem Interview mit einer führenden deutschen Zeitung angekündigt, nach einem Wahlsieg dort, wo es möglich sei, eng mit der Bundesregierung kooperieren zu wollen – so etwa in der Flüchtlingsabwehr; er lobt die deutschen Grenzkontrollen. Bardella, der in den Umfragen zur Präsidentenwahl führt, wird vom Medienimperium des ultrarechten Milliardärs Vincent Bolloré unterstützt; er lässt sich von einem engen Mitarbeiter des Milliardärs Pierre-Édouard Stérin zu Wirtschaftsthemen beraten. Die RN-Spitze tauscht sich mittlerweile mit führenden Unternehmern Frankreichs aus, darunter die Chefs von Airbus, TotalEnergies und Renault und der Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH, Bernard Arnault, der reichste Nicht-US-Amerikaner. Bardella will gegen die deutsche Dominanz in der EU vorgehen.
Von Milliardären unterstützt
Umfragen zur französischen Präsidentenwahl im April 2027 zeigen seit geraumer Zeit übereinstimmend, dass der mutmaßliche RN-Kandidat Bardella die erste Wahlrunde mit mehr als einem Drittel der Stimmen klar gewinnen und in der zweiten Wahlrunde wohl den Sieg davontragen wird. Zweifel bestehen allenfalls, sollte er in der Stichwahl gegen Édouard Philippe antreten müssen, den ersten Ministerpräsidenten von Präsident Emmanuel Macron in den Jahren von 2017 bis 2020. Bardella kann sich im bald bevorstehenden Wahlkampf auf das Medienimperium des Milliardärs Vincent Bolloré verlassen, der aus dem Ertrag seines Mischkonzerns, der Groupe Bolloré, allerlei Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sender zusammengekauft hat; Medien wie etwa den populären Fernsehsender CNews oder das traditionsreiche Journal du dimanche hat er auf einen ultrarechten Kurs gebracht. Bardella hat zudem die Unterstützung des Milliardärs Pierre-Édouard Stérin, der sein Vermögen unter anderem seinem Investmentfonds Otium Capital verdankt. Der bisherige Generaldirektor des Fonds, François Durvye, hat im April den Posten aufgegeben, um ab sofort Bardella – mit Blick auf die Präsidentenwahl – bei Wirtschaftsthemen zu beraten. Damit stehen dem mutmaßlichen RN-Kandidaten starke Einflussmittel und exklusive Kontakte zur Verfügung.[1]
„Die Interessen der Konzernchefs“
Bardella und die langjährige RN-Führungsfigur Marine Le Pen sind in den vergangenen Monaten immer wieder mit führenden Vertretern der französischen Wirtschaft zu Gesprächen zusammengekommen. Éric Trappier, Chef des Kampfjetherstellers Dassault Aviation, hatte Le Pen und Bardella bereits im Mai 2024 getroffen. Im Dezember 2025 folgte ein Treffen mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden des Technologie- und Rüstungskonzerns Safran, im Januar 2026 ein weiteres mit Guillaume Faury, dem Vorsitzenden des Airbus-Konzerns. Im April traf zunächst Le Pen eine exklusive Gruppe von Spitzenmanagern, darunter die Vorsitzenden von TotalEnergies, Renault, Engie, Accor und Bolloré sowie den Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH, Bernard Arnault. Arnault ist mit einem Vermögen von rund 150 Milliarden US-Dollar zur Zeit der elftreichste Mensch der Welt und der reichste Nicht-US-Amerikaner.[2] Am 20. April wurde Bardella vom Vorstand des Unternehmerverbandes MEDEF sowie von weiteren Repräsentanten französischer Wirtschaftsverbände empfangen.[3] Zum Hintergrund ließ sich ein Milliardär anonym mit der Äußerung zitieren, Macron habe wirtschaftspolitisch versagt; der RN hingegen sei „neoliberal geworden“: „Die Partei, die heute meine Interessen als Konzernchef am besten vertritt, ist der RN!“[4]
„Ein anderes Europa“
Nach den beiden Treffen mit der MEDEF-Spitze und einigen der mächtigsten Konzernchefs im Land hat Bardella zentrale Ziele seiner Wirtschaftspolitik im Gespräch mit dem Journal du dimanche dargelegt. Demnach wird eine RN-Regierung zum einen die Steuern und allerlei Auflagen für französische Unternehmen drastisch reduzieren. Zum anderen will Bardella als Präsident seine erste Auslandsreise nach Brüssel unternehmen. Die EU sei, beispielsweise mit dem Green Deal, die Quelle für ein überbordendes Regelwerk, das Frankreichs Unternehmen zu ersticken drohe; sie sei damit für die Krise der französischen Wirtschaft verantwortlich. Zudem habe sie „Frankreich zu ihrer handelspolitischen Variable“ degradiert – und zwar, „um den deutschen Interessen gerecht zu werden“.[5] Eine RN-Regierung werde in Brüssel „die Interessen unseres Landes vertreten“, um „komparative Vorteile wiederzuerlangen“, wie sie andere Staaten längst genössen. Bardella kündigt an, in diesem Rahmen „ein anderes Europa“ schaffen zu wollen – „ein Europa der zwischenstaatlichen Kooperation“ und „der nationalen Souveränität“. Dies steht dem traditionellen Interesse der in Europa bis heute hegemonialen deutschen Industrie an einer möglichst engen Integration im Rahmen der EU diametral entgegen.
Botschafterkontakte
Bardella hat mittlerweile erste Schritte unternommen, um die Politik einer möglichen RN-Regierung mit Deutschland abzustimmen. Wie erst kürzlich bekannt wurde, hat er bereits im Februar den Botschafter der Bundesrepublik in Frankreich, Stephan Steinlein, getroffen. Es handelte sich dabei, wie Experten bestätigen, um die erste Zusammenkunft eines deutschen Botschafters mit einem Repräsentanten des RN oder seiner Vorläuferpartei Front National (FN). Über den Inhalt des Gesprächs ist bislang noch nichts bekannt. Die deutsche Botschaft in Paris macht keinerlei nähere Angaben dazu.[6] Gegenüber der Pariser Abendzeitung Le Monde äußerte ein namentlich nicht genanntes Mitglied der Bundesregierung, was man aus Deutschland wahrnehme, sei „der Wandel des RN zu einer etablierten Partei“: „Der RN ist weniger radikal als die AfD und bezieht sich nicht ständig auf den Nationalsozialismus.“[7] Bereits im Dezember war Bardella vom US-Botschafter in Frankreich, Charles Kushner, empfangen worden; dessen Sohn Jared Kushner ist Schwiegersohn des US-Präsidenten und Sondergesandter der US-Regierung für angebliche Friedensmissionen. Im April empfing zudem Israels Botschafter in Frankreich, Joshua Zarka, Marine Le Pen.
„Rafale statt F-35“
In der vergangenen Woche hat Bardella zudem in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Grundzüge seiner Gedanken zu den künftigen deutsch-französischen Beziehungen dargelegt. Demnach hält er enge Bindungen zwischen beiden Ländern für „unerlässlich, um die Unabhängigkeit und strategische Autonomie der europäischen Nationen zu sichern“.[8] „Übereinstimmungen“ mit Bundeskanzler Friedrich Merz sieht Bardella „in der Frage des Bürokratierückbaus“, außerdem „in der Notwendigkeit, ein wettbewerbsfähiges Europa aufzubauen“, und „in der Migrationspolitik“; er lobt die deutschen Grenzkontrollen. Zumindest in der Migrationspolitik müsse „nationales Recht … Vorrang über das europäische Recht“ erhalten. Bardella fordert EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum Rücktritt auf; sie sei „völlig unfähig, die europäischen Interessen zu verteidigen“. Er kündigt an, Frankreich nach dem Ende des Ukrainekriegs „aus den integrierten Kommandostrukturen der NATO“ führen zu wollen wie einst Charles de Gaulle. Zugleich befürwortet er deutsch-französische Rüstungsprojekte, dringt aber im Gegenzug darauf, Deutschland müsse seinerseits französische Waffen kaufen, etwa „Rafale-Kampfflugzeuge statt amerikanische F-35“. Die Rafale wird von Dassault Aviation produziert. Dessen Chef Éric Trappier hält seit Jahren lockeren Kontakt zum RN.
[1] Clément Guillou : François Durvye, nouveau conseiller économique de Jordan Bardella au bilan contesté auprès de Pierre-Edouard Stérin. lemonde.fr 24.04.2026.
[2] Clément Lacombe, Camille Vigogne Le Coat : Marine Le Pen, Bernard Arnault et la crème des grands patrons réunis lors d’un dîner symbolique. novelobs.com 08.04.202.
[3] Agnès Soubiran : « Pour l’emporter en 2027, il faut réunir le peuple et les élites » : Jordan Bardella déjeune avec les patrons du Medef. radiofrance.fr 20.04.2026.
[4] Elodie Guéguen : « Jordan Bardella est le seul à défendre des positions pro-business » : au cœur du discret rapprochement entre le RN et les grands patrons. franceinfo.fr 30.04.2026.
[5] Jules Torres : Jordan Bardella, président du RN : « Je n’ai pas l’entreprise honteuse ». lejdd.fr 25.04.2026.
[6], [7] Elsa Conesa : Jordan Bardella a été reçu par l’ambassadeur d’Allemagne en France, une première pour le président du Rassemblement national. lemonde.fr 08.05.2026.
[8] „Wir werden nationales Recht über Europarecht stellen“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.05.2026.

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