Kampf um die Commerzbank

Die italienische UniCredit treibt ihre Übernahmepläne für die Commerzbank voran, die für den deutschen Mittelstand zentrale Bedeutung besitzt. Der Konflikt betrifft auch die Kontrolle strategischer Finanzstrukturen in Europa.

BERLIN/ROM (Eigener Bericht) – Der Übernahmekampf um die Commerzbank entwickelt sich zu einem politischen Konflikt um die Zukunft des europäischen Finanzsystems. Während die italienische Großbank UniCredit ihren Anteil an der Commerzbank immer weiter ausbaut und sich mittlerweile bereits Zugriff auf rund 35 Prozent der Aktien sichern könnte, wächst in Berlin der Widerstand gegen eine vollständige Übernahme des deutschen Traditionskonzerns. Bundesregierung und Bankführung warnen vor einem Verlust der strategischen Kontrolle über eines der wichtigsten Finanzinstitute des deutschen Mittelstands. In Italien hingegen wird die geplante Übernahme offensiv als Schritt hin zu europäischen Finanzgiganten verteidigt, die im globalen Konkurrenzkampf mit Banken aus den USA und China bestehen sollen. Hinter dem Konflikt steht damit nicht nur ein Machtkampf um die Commerzbank, sondern zugleich die Frage, wie weit die Integration der europäischen Finanzmärkte künftig vorangetrieben werden soll – und ob nationale Regierungen dabei überhaupt noch Kontrolle über zentrale Finanzstrukturen behalten.

Der Einstieg der UniCredit

Die Commerzbank wurde während der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 durch die Bundesregierung mit Milliarden an Steuergeldern vor der Insolvenz bewahrt. Seither war der deutsche Staat mit 25 Prozent an ihr beteiligt. 2024 kündigte der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) an, 4,49 Prozent der Commerzbank-Aktien zu verkaufen. Damals hieß es, die Staatsbeteiligung sei „auf Dauer nicht nötig“, da sich die Bank gut entwickelt habe. Sehr schnell stieg die italienische UniCredit ein. Nach aktuellen Angaben kontrolliert die Großbank inzwischen 29,99 Prozent der Commerzbank-Anteile. Der deutsche Staat ist mit immer noch 12 Prozent zweitgrößter Anteilseigner und kontrolliert mit zwei Vertretern im Aufsichtsrat die Geschicke des Finanzinstituts.[1]

Die italienische Großbank greift an

Die UniCredit will nun die 30-Prozent-Schwelle durch ein freiwilliges Übernahmeangebot in eigenen Aktien überschreiten. Sobald Unternehmen mehr als 30 Prozent an einer börsennotierten deutschen Firma halten, müssen sie nach dem Wertpapierhandelsgesetz ein solches freiwilliges Übernahmeangebot vorlegen. Danach können sie ohne weitere Auflagen zusätzliche Wertpapiere der Firma erwerben.[2] Unicredit-Chef Andrea Orcel wirbt seit anderthalb Jahren für eine Fusion der beiden Banken. Sein Argument: Durch den Zusammenschluss entstünde eine in Deutschland und Europa führende Bank.[3]

„Erst Bankenunion, dann Bankenfusion“

Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp positioniert sich gegen die Übernahme, plädiert für die Beibehaltung der Eigenständigkeit des Kreditinstituts und verweist auf dessen Bedeutung für den deutschen Mittelstand, dessen Finanzierung stark von der Commerzbank getragen wird.[4] Auch die Bundesregierung lehnt das Vorgehen der UniCredit ab; „eine feindliche Übernahme“ sei „nicht akzeptabel“, heißt es im Bundesfinanzministerium. Bereits im September vergangenen Jahres hatte UniCredit-Chef Orcel erklärt, die Haltung der Bundesregierung sei ein „kritischer Faktor – aber nicht der alleinige Faktor“. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) haben mittlerweile explizit bekräftigt, Berlin lehne eine Übernahme strikt ab.[5] Im April erklärte Merz auf dem Jahresempfang des Bundesverbandes deutscher Banken: „Wir brauchen große Banken in Europa, aber lassen Sie mich aus aktuellem Anlass eines auch sehr klar sagen: Dies bedeutet nicht, dass jede Form und jede Art der Übernahme in Deutschland willkommen ist.“[6] Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Michael Kotzbauer, fordert zudem, einer grenzüberschreitenden Fusion von Großbanken müsse die EU-Bankenunion vorausgehen: „Für eine echte grenzüberschreitende europäische Bankenfusion fordern wir seit Längerem eine europäische Kapitalmarktunion und eine Bankenunion“, erklärte Kotzbauer; eine Bankenübernahme aber werde „keine politischen Blockaden bei der Bankenunion“ lösen. Es müsse gelten: „Erst Bankenunion, dann Bankenfusion.“[7]

Die Bankenunion als Machtfrage

In Italien hingegen wird die Übernahme von Politik und Finanzwelt weithin befürwortet und nicht von einer vorherigen EU-Bankenunion abhängig gemacht. So erklärt Finanzminister Giancarlo Giorgetti, er sehe „bedeutende wirtschaftliche Argumente“ für das Vorhaben. „Der Deal ist im Interesse der gesamten EU, weil er das europäische Finanzsystem zum Wohle der einzelnen Länder stärken würde“, urteilt Stefano Caselli, Direktor der SDA Bocconi School of Management in Mailand. Caselli vertritt die Auffassung, die Fusion sei wichtiger als nationale Interessen, da die Mitgliedstaaten sonst in der internationalen Konkurrenz an Bedeutung verlören: „Sonst ist das Risiko groß, dass uns die USA und China erdrücken werden.“ Marcello Messori, Ökonom am Schuman Centre des European University Institute in Fiesole (Florenz), dringt darauf, die Integration der Finanzmärkte in der EU voranzutreiben: „Im Gegensatz zu den USA hängt die Finanzierung der Realwirtschaft in Europa nach wie vor weitgehend vom Bankensystem ab.“[8] UniCredit-Chef Orcel verweist ebenfalls auf die zentrale Rolle starker Kreditinstitute: „Wir [können] ohne große Banken die Transformation nicht finanzieren.“ Orcel ergänzt mit Blick auf die internationale Konkurrenz: „Ohne finanzielle Muskelkraft können wir nicht mit den USA oder China konkurrieren. Europa nimmt im Moment fälschlicherweise an, dass wir diese Transformation mit staatlicher Unterstützung alleine schaffen können.“[9]

Angriff auf den deutschen Mittelstand

Für Berlin wiegt die nationale Kontrolle über die Commerzbank auch insofern schwer, als das Kreditinstitut, wie sein Vizechef Kotzbauer konstatiert, auf eine starke internationale Präsenz setzt, um „die Brücke von unseren Heimatmärkten […] in die Welt und zurück zu bauen – gerade für den so wichtigen Mittelstand.“ Die Commerzbank betreibt mit Standorten in über 40 Ländern ein internationales Netzwerk aus Niederlassungen und Repräsentanzen, das für deutsche Mittelständler in der Tat äußerst nützlich ist.[10] UniCredit-Chef Orcel hingegen kündigte für den Fall einer Übernahme bereits ein Restrukturierungsprogramm für die Commerzbank an, durch das die Kosten bis 2028 um 1,3 Milliarden Euro gesenkt werden sollen. In Deutschland ist die Befürchtung verbreitet, unter harten Einschnitten im Auslandsnetz könne – so ließ sich kürzlich ein bedeutender Aktionär der Bank zitieren – letztlich das deutsche Mittelstandsgeschäft leiden.[11] In der Tat strebt die UniCredit danach, die Commerzbank solle ihren Fokus stärker auf Deutschland und Polen richten und gleichzeitig ihre internationalen Aktivitäten zurückfahren. Das internationale Netzwerk sei „überdimensioniert, fragmentiert, risikoreich, operativ komplex und ineffizient“.[12] Commerzbank-Chefin Orlopp verwahrte sich dagegen: „Wir verstehen nicht, dass Unicredit unser Geschäftsmodell nicht versteht. Es gab zehn Gespräche“.[13]

Machtkampf um den Aufsichtsrat

Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, hat sich die UniCredit bereits Zugriff auf mehr Commerzbank-Aktien gesichert als bislang angenommen. Die italienische Bank verfügt über eine bis Juli 2027 laufende Swap-Vereinbarung mit der japanischen Bank Nomura. Dadurch kann sich die UniCredit Zugriff auf weitere 5,56 Prozent der Commerzbank-Aktien verschaffen. Nach Angaben der Commerzbank hält die UniCredit aktuell bereits einen Aktienbestand von 26,77 Prozent und verfügt über Long-Derivate im Umfang von weiteren 5,87 Prozent. Durch den Nomura-Deal käme die UniCredit damit auf rund 35 Prozent der Commerzbank-Anteile. Damit dürfte sie bei der bevorstehenden Hauptversammlung am 20. Mai über eine Mehrheit verfügen, mit der sie eigene Aufsichtsräte zur Wahl stellen könnte. Bislang beteuert die italienische Bank, sie habe dies nicht vor. Mit der Swap-Vereinbarung strebe sie auch keine Kontrolle über die Commerzbank an. Die Äußerung ist allerdings nicht geeignet, Zweifel auf deutscher Seite zu beseitigen. SPD-Politiker ziehen bereits eine Aufstockung des verbliebenen Staatsanteils an der Commerzbank von zwölf Prozent in Betracht, um der UniCredit etwas entgegenzusetzen. Noch überwiegt Ablehnung gegenüber der Maßnahme; so erklärt der stellvertretende SPD-Fraktionschef im Bundestag, Armand Zorn: „Dieser Schritt wäre für ein stabiles, profitables Unternehmen sehr ungewöhnlich. Er sollte zwar geprüft werden, aber eher als ‚ultima ratio‘ betrachtet werden, wenn alle anderen Optionen scheitern.“[14] Dass Letzteres eintritt, lässt sich freilich nicht ausschließen.

 

[1] Showdown im Ringen um die Commerzbank. handelsblatt.com 04.05.2026.

[2] Andreas Kröner, Jan Hildebrand: Bank-Chefin Bettina Orlopp kritisiert neues Unicredit-Angebot. handelsblatt.com 16.03.2026.

[3] Andreas Kröner: Unicredit sieht erhebliche Risiken bei einer Übernahme. handelsblatt.com 04.05.2026.

[4] Virginia Kirst, Andreas Kröner: Italienische Ökonomen unterstützen Unicredit-Vorstoß. handelsblatt.com 23.04.2026.

[5] Jakob Blume, Andreas Kröner: Orcel hält sich für Commerzbank-Übernahme alle Optionen offen. handelsblatt.com 04.09.2025.

[6] Unicredit legt nach: scharfe Kritik an Commerzbank-Modell. handelsblatt.com 21.04.2026.

[7] Hanno Mußler, Inken Schönauer: „Unicredits Plan zerlegt die Commerzbank“. faz.net 04.05.2026.

[8] Virginia Kirst, Andreas Kröner: Italienische Ökonomen unterstützen Unicredit-Vorstoß. handelsblatt.com 23.04.2026.

[9] Inken Schönauer: „Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten“. faz.net 29.04.2026.

[10] Hanno Mußler, Inken Schönauer: „Unicredits Plan zerlegt die Commerzbank“. faz.net 04.05.2026.

[11] Andreas Kröner: Vorstandschefin Orlopp plant weiteren Stellenabbau. handelsblatt.com 24.04.2026.

[12] Unicredit legt nach: scharfe Kritik an Commerzbank-Modell. handelsblatt.com 21.04.2026.

[13] Hanno Mußler, Inken Schönauer, Christian Schubert, Manfred Schäfers: Endspiel um die Commerzbank. faz.net 05.05.2026.

[14] Unicredit rückt in Übernahmekampf vor. Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.05.2026.


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