Deutsche Industrie unter Druck
Die durch den Irankrieg bedingten Versorgungsengpässe bei Öl, Gas und weiteren Rohstoffen treiben Preise und Insolvenzen in Deutschland nach oben. Während die Industrie unter Druck gerät, profitieren Rohstoff- und Finanzkonzerne.
BERLIN/BRÜSSEL (Eigener Bericht) – Der Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran verschärft die bereits bestehende Strukturkrise der deutschen Industrie erheblich. Produktionsausfälle am Persischen Golf bei Erdöl, Flüssigerdgas und anderen strategisch wichtigen Rohstoffen wie Helium lassen weltweit die Preise in die Höhe schnellen und die Versorgungsrisiken wachsen. Dies trifft insbesondere die vom Import dieser Rohstoffe stark abhängige deutsche Industrie. Wirtschaftsverbände warnen bereits vor einer Stagnation der Industrieproduktion, während zugleich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland auf ihren höchsten Stand seit dem Finanzkrisenjahr 2009 steigt. Die Bundesregierung hatte zuletzt versucht, die deutschen Energieimporte breiter aufzustellen und die rasant zunehmende Abhängigkeit von Flüssiggas aus den USA zu reduzieren; auch dies wird jetzt durch die Folgen des US-Angriffskriegs konterkariert. Während energieintensive Industrien erheblich unter Druck geraten, profitieren Rohstoffkonzerne und Finanzakteure von den Preissprüngen. Hoffnung auf steigende Absätze können sich zudem Unternehmen machen, die von der steigenden Nutzung erneuerbarer Energien und der Atomkraft profitieren.
Industrie im Absturz
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet infolge des völkerrechtswidrigen Angriffkriegs gegen Iran nicht mehr mit einem Wachstum der Industrieproduktion in diesem Jahr. Bestenfalls sei noch mit einer Stagnation zu rechnen, sagte BDI-Präsident Peter Leibinger kürzlich zum Auftakt der Hannover Messe. Demnach liegt die Industrieproduktion weiterhin deutlich unter ihrem früheren Niveau; die Kapazitäten sind lediglich zu 78 Prozent ausgelastet.[1] Zugleich stiegen die Einkaufspreise so stark wie seit November 2022 nicht mehr, in der Industrie sogar noch schneller. Die höheren Kosten werden dabei von den Unternehmen direkt an die Konsumenten weitergereicht; die Preise wurden von Dienstleistern und Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes jetzt so stark angehoben wie zuletzt vor 35 beziehungsweise 39 Monaten.[2] Zusätzlich zur Stagnation und zum steigenden Inflationsdruck nehmen die Unternehmensinsolvenzen zu. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) meldete für die Monate Januar bis März 2026 insgesamt 4.573 Insolvenzen – ein Höchststand seit dem dritten Quartal 2005. Die Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften liegen aktuell über dem Niveau des Finanzkrisenjahrs 2009.[3]
Ausfälle in Qatar
Zu den Ursachen der Krise gehören insbesondere Ausfälle in den globalen Lieferketten. Bereits Mitte März wurden in Qatar zwei Raffinerien von iranischen Drohnen getroffen: eine von Shell mitbetriebene Gas-to-Liquid-Anlage sowie eine LNG-Produktionsstätte, an der ExxonMobil beteiligt ist. Die Ras-Laffan-Terminals stellen etwa 20 Prozent der weltweiten LNG-Exporte; zudem werden dort rund 40 Prozent des global exportierten Heliums produziert.[4] Nach dem Drohnenangriff mussten die Produktion von Flüssigerdgas (LNG) sowie die davon abhängige Heliumproduktion eingestellt werden. Qatars wichtigste Absatzmärkte beim Helium sind die EU (33 Prozent), China (29 Prozent) und Südostasien (31 Prozent). Umgekehrt bezieht die EU rund 40 Prozent ihres Heliumbedarfs aus Qatar.[5] Sie hat Helium als kritischen Rohstoff eingestuft. Es ist in der Elektroindustrie (Halbleiterfertigung), der Kryotechnik sowie in der Luft- und Raumfahrt unverzichtbar.[6]
Zentrale Anlagen außer Betrieb
Neben Qatar und Iran sind auch Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und der Irak von Ausfällen betroffen. In den Emiraten kam es zu schweren Schäden an der wichtigsten Verarbeitungsanlage im Habshan-Gasfeld; die Anlage musste zeitweise vollständig stillgelegt werden. Mitte April teilte das Unternehmen mit, die Schäden würden weiterhin evaluiert. In Saudi-Arabien wurde die weltweit größte Verarbeitungs- und Exportanlage für flüssige Erdgasbestandteile beschädigt. Saudi Aramco produziert dort unter anderem Ethan, Propan und Butan.[7] Auch dies fehlt nun auf den Weltmärkten – zum Schaden nicht zuletzt der deutschen Industrie.
Strukturkrise verschärft sich
Denn der sich abzeichnende Ressourcenmangel auf den Weltmärkten wird, wie unlängst der Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Markus Steilemann, warnte, eine seit Jahrzehnten absehbare Entwicklung beschleunigen: den weiteren Abstieg der deutschen Chemieindustrie, die stark von fossilen Rohstoffen abhängig ist. Steilemann rechnet damit, dass es aufgrund des Irankriegs in der Branche zu deutlichen Verknappungen kommen wird. Nach Einschätzung des VCI-Präsidenten sind die maximalen Auswirkungen noch nicht erreicht – selbst ohne eine weitere Eskalation der Kampfhandlungen im Mittleren Osten.[8] Dies gilt auch für Bereiche, die unmittelbare Auswirkungen auf die Konsumenten haben – etwa für die Verfügbarkeit von Flugzeugkerosin.
Gescheiterte Diversifizierung
Davon abgesehen droht der Irankrieg die von Berlin angestrebte Diversifizierung der deutschen Energieversorgung zu konterkarieren.Im Januar sagte das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) voraus, der Anteil der USA am gesamten LNG-Import der EU könne bis 2030 auf bis zu 80 Prozent steigen. Hintergrund war unter anderem die Zusage der EU-Kommission von Ende Juli 2025 im Rahmen ihres Zolldeals mit den USA, bis Ende 2028 Energieimporte aus den Vereinigten Staaten im Wert von 750 Milliarden US-Dollar abzunehmen – vor allem Flüssiggas. Neben den USA, die aktuell rund 55 Prozent der EU-Flüssiggasimporte stellen, gehört Qatar zu den wichtigsten Lieferanten. Die Bundesregierung versuchte zu Jahresbeginn, ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern: Im Februar führte Bundeskanzler Friedrich Merz in Begleitung einer Wirtschaftsdelegation Gespräche unter anderem in Qatar und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, um Möglichkeiten für neue Gaslieferverträge auszuloten.[9] Dem Versuch der Diversifizierung setzten die USA mit ihrem Angriff auf Iran, dem – wie von Teheran angekündigt – eine weitgehende Schließung der Straße von Hormuz folgte, nun zumindest vorläufig ein Ende.
Rohstoffkonzerne kassieren ab
Während die deutsche Wirtschaft zu den klaren Verlierern des Krieges zählt, konnten einige Rohstoffkonzerne bereits hohe Gewinne erzielen. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg verzeichnen etwa die britischen Ölunternehmen Shell und BP deutlich gestiegene Gewinne. Der Konzern BP etwa, der in Deutschland rund 2.400 Aral-Tankstellen betreibt, erzielte im ersten Quartal einen Rekordgewinn von mehr als drei Milliarden US-Dollar. Die Preishausse erweist sich für die seit April amtierende Vorstandschefin Meg O’Neill als Glücksfall: Seit Jahresbeginn ist der Börsenwert des Unternehmens um rund ein Drittel gestiegen.[10] Auch andere boomen. So erwirtschaftete das multinationale Ölhandelsunternehmen Gunvor Group im ersten Quartal 2026 größere Profite als im gesamten Vorjahr. Großbanken zählen ebenfalls zu den Gewinnern; so meldete die Bank of America im ersten Quartal einen Erlössprung von 60 Prozent.[11]
Industrie setzt auf Strom
Die dramatisch gestiegenen Öl- und Gaspreise und der drohende Rohstoffmangel führen unter anderem zu neuen Forderungen, sich schon mittelfristig so weit wie möglich von fossilen Ressourcen zu lösen. So erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich während der CDU/CSU-Fraktionsklausur: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass unsere große Abhängigkeit von importierter fossiler Energie uns verwundbar macht.“ Durch in der EU selbst produzierte Energie solle die Abhängigkeit rasch reduziert werden: „Jede Kilowattstunde hier erzeugter Energie ist ein Beitrag zu wirtschaftlicher Stabilität, zu bezahlbarer Energie und damit zur Unabhängigkeit Europas.“ Von der Leyen forderte entsprechend den Ausbau sowohl erneuerbarer Energien als auch der Atomenergie.[12] Ähnlich äußerte sich der Deutschlandchef des schwedischen Energieunternehmens Vattenfall, Robert Zurawski: „Der Gaspreis wird auch mittelfristig hoch bleiben.“ Die Konsequenz könne nur sein: „Ausstieg aus den fossilen Energien überall da, wo es geht!“[13] Für ein deutsches Unternehmen scheint sich diese Entwicklung bereits auszuzahlen: Siemens Energy verzeichnete zu Jahresbeginn eine unerwartet starke Auftragsflut.[14]
[1] BDI streicht Wachstumsprognose wegen Iran-Krieg. handelsblatt.com 20.04.2026.
[2] Deutsche Wirtschaft schrumpft. Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.04.2026.
[3] Mark Fehr: Was geschieht mit insolventen Unternehmen? faz.net 18.04.2026.
[4] Thomas Stölzel, Florian Güßgen: Die Schäden an der wichtigsten LNG-Anlage der Welt. wiwo.de 02.04.2026.
[5] Wenn Katar ausfällt: Risiken für die globale Heliumversorgung. deutsche-rohstoffagentur.de 09.03.2026.
[6] Die Straße von Hormus – Erdöl, LNG, Helium betroffen. deutsche-rohstoffagentur.de 09.03.2026.
[7] Thomas Stölzel: So kaputt sind die Öl- und Gasanlagen am Golf. handelsblatt.com 23.04.2026.
[8] Jonas Jansen: „Wir sind noch nicht im schlimmsten Szenario“. faz.net 01.05.2026.
[9] S. dazu Mit Qatar gegen die Abhängigkeit von den USA.
[10] Philip Plickert: Rückenwind für BP. Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.04.2026.
[11] Judith Henke: Der Hormus-Schock erwischte viele Rohstoffhändler kalt. handelsblatt.com 27.04.2026.
[12] Von der Leyen plädiert für Ausstieg aus den fossilen Energien. handelsblatt.com 27.04.2026.
[13] Nadine Bös, Hanna Decker: „Ausstieg aus den Fossilen – überall, wo es geht!“ faz.net 29.04.2026.
[14] Energiewende macht Siemens Energy noch optimistischer. wiwo.de 23.04.2026.

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